E-Book, Deutsch, 176 Seiten
Reihe: Der kleine Raubdrache
Mueller Der kleine Raubdrache (Bd. 1)
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-649-64413-2
Verlag: Coppenrath
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das vorschriftsmäßige Rauben von Prinzessinnen
E-Book, Deutsch, 176 Seiten
Reihe: Der kleine Raubdrache
ISBN: 978-3-649-64413-2
Verlag: Coppenrath
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dagmar H. Mueller studierte in Hamburg Germanistik und Sportwissenschaften. Während des Studiums und danach arbeitete sie als Fitnesstrainerin, Skilehrerin, als Werbetexterin und als Musik-, Bewegungs- und Wahrnehmungstherapeutin für Vorschul- und Grundschulkinder. Im Jahr 2002 veröffentlichte sie ihr erstes Kinderbuch, das sie für ihren Sohn geschrieben hatte. Danach gab sie ihren Lehrberuf auf und widmete sich ganz dem Schreiben. Dagmar H. Mueller lebt in Hamburg und England.
Weitere Infos & Material
Der große Tag
Die Sache mit den Prinzen und Prinzessinnen
Die Rauberei hat einen Haken
Tränen in der Nacht
Wo bleibt Prinz Harik?
Die allererste Rauberei des kleinen Drachen
Die Ankunft von Prinzessin Nummer zwei
Caramella macht es sich gemütlich
Wie wird man eine Prinzessin wieder los?
Tief unten in der Schlucht ...
Dreihundert wuselige Rattinchen und zwei Prinzessinnen
Wellness im Rattendorf
Ein Brief von König Carlotto dem Allerersten und Königin Carl-Otta der Ewig-Neununddreißigsten
Caramellas Prinzentrick
Holterdipolter den Berg hinunter
Einsatz für den kleinen Drachen
Wütende Prinzen sind starke Prinzen
Glück ist, wenn alle gewonnen haben
Die Sache mit den Prinzen und Prinzessinnen
Es war nicht allzu weit gewesen zum Drachendorf. Jedenfalls nicht für einen Drachen, der schneller fliegen kann als jeder Vogel auf dieser Welt. Und da die Prinzessin ja in den Klauen des großen Drachenlehrers hing, war es für sie auch nicht sehr weit. Trotzdem hatte sie tapfer gestrampelt. Natürlich nicht allzu doll. Nur gerade so viel, wie man eben zappeln muss, wenn man geraubt wird. Und natürlich so viel, dass sie riskiert hätte, runterzufallen. Prinzessinnen sind ja nicht dumm. Wer möchte schon aus der Höhe, in der Drachen normalerweise fliegen, auf die harte Erde abstürzen?
Also strampelte die Prinzessin ein kleines bisschen und legte danach eine erholsame Pause ein, um die Reise zu genießen. Sicher hatte sie von den anderen ehemals geraubten Prinzessinnen schon viel über die Schönheit der Drachenberge gehört, aber es war etwas ganz anderes, diesen unvergleichlichen Anblick von so hoch oben selber zu erleben. Jeder Berggipfel war mit puderzuckerweißem Schnee dekoriert und in jedem Tal leuchteten der Prinzessin aus dem dunkelgrünen Gras zehn Millionen Blumen in allen Farben des Regenbogens entgegen. Sie musste sich sehr zusammenreißen, um vor lauter Staunen das Strampeln nicht ganz zu vergessen. Nach einer Weile konnte sie in der Ferne das Drachendorf erkennen. Die bunt verstreuten Hütten waren mit Stroh gedeckt und überall wimmelte es nur so von Drachen. Von großen und von kleinen. Da gab es Mamadrachen und Papadrachen, Omi- und Opidrachen, viele, viele Kinderdrachen und auch ein paar schrecklich gefährlich und schrecklich ernsthaft aussehende, uralte Riesendrachen.
Im Dorf hatte der große Drachenlehrer die geraubte Prinzessin dann ordnungsgemäß in eine dafür vorgesehene Prinzessinnenhöhle mit einem dicken Eisengittertor gebracht. Dort saß sie jetzt und weinte bittere Tränen. Denn das tut man so, wenn man von Drachen geraubt wurde und nun darauf warten muss, dass ein Prinz kommt und einen wieder befreit.
Doch so übel hatte es die Prinzessin in ihrer Höhle natürlich nicht. Drachen sind überaus freundliche Wesen. Deshalb ist der Raum liebevoll mit einem flauschig weichen Prinzessinnensofa eingerichtet, auf dem die Prinzessinnen warten und gemütlich weinen können.
Außerdem steht eine Kommode mit vielen bunten Haarspangen und Bürsten bereit, dazu ein großer Spiegel und natürlich genügend Taschentücher, damit sie sich die Zeit prinzessinnengemäß mit Schönmachen und Jammern vertreiben können.
Also, so schlecht lief die Sache für die Prinzessin wirklich nicht.
„Ja, für die Prinzessin mag dieses Geraubtwerden ja gar nicht dumm sein“, klagte der kleine Drache, als er in der großen Pause mit seinen Freunden auf dem Drachenspielplatz vor der Prinzessinnenhöhle saß. „Sie wartet einfach auf ihren blöden Menschenprinzen, und wenn der sie dann gerettet hat, kann sie ihn in aller Ruhe heiraten. Aber Feuer, Qualm und Schuppendreck, was springt denn für mich dabei raus? Ich bin doch nicht doof! Am Ende kriegen die Prinzessinnen ihre Prinzen und ich krieg die Prügel. Nee! Nee und nee, das mach ich nicht mit!“
Genau in dem Moment kam der große Drachenlehrer um die Ecke gehumpelt. Ja, denn so schnell heilen auch Drachenwunden nicht. Doch ein großer Drachenlehrer versucht, wie gesagt, sich nie etwas anmerken zu lassen.
„Feuerglut und Drachenbrut! Wer macht hier was nicht mit?“, fragte er streng in die Runde.
„Der kleine Drache will keine Prinzessinnen rauben!“, platzte ein vorlautes Drachenmädchen mit feuerroten Sommerschuppen raus. „Aber wir Drachen müssen doch Prinzessinnen rauben, oder?“
„Natürlich müsst ihr das!“, bestätigte der große Drachenlehrer. „Das Prinzessinnenrauben ist nicht nur die jahrhundertealte Arbeit der Drachen, es ist auch eine sehr ehrenvolle Aufgabe! Wer soll denn sonst die Prinzessinnen rauben, wenn wir es nicht tun?“ Der Drachenlehrer sah sich prüfend um. „Und ihr wisst doch noch, warum es so wichtig ist, dass die Prinzessinnen ordnungsgemäß geraubt werden, oder?“
Ein anderes Drachenmädchen mit wunderschönen langen dunkelgrünen Schuppen meldete sich und sagte stolz auf, was im großen Drachenhandbuch stand:
„Damit der Prinz und die Prinzessin endlich zueinanderfinden können. Denn wenn die Prinzessin nicht geraubt würde, würde der Prinz ja gar nicht merken, wie sehr sie ihm fehlt und wie gern er sie hat.“
Ein Drachenjunge mit einer knallgelben, wilden Zackenleiste auf dem Rücken rief: „Genau! Wenn der Prinz nicht kommen würde, um die Prinzessin zu befreien, dann würde sie ja nie merken, wie mutig er ist, und ihn vielleicht gar nicht heiraten wollen.“
„Ich sehe, ihr habt aufgepasst!“, lobte der große Drachenlehrer. „Ein Drache hat die Aufgabe, Prinzessinnen zu rauben, damit die Prinzen sie retten können und Prinz und Prinzessin ordnungsgemäß heiraten. So war es schon immer und so wird es immer bleiben.“
„Das wissen wir doch alles!“, unterbrachen die Drachenkinder ihren Lehrer und lachten. „Das wissen wir doch alles schon hunderttausendmal! Das hat ja jedes Drachenbaby schon in der ersten Klasse auswendig gelernt!“
Dem kleinen Drachen war kein bisschen zum Lachen zumute. „Feuer, Qualm und Schuppendreck!“, schimpfte er. Bockig schnaubte er kleine graue Rauchwolken aus seiner Nase. „Was soll das für ein Leben sein, wo man die beste Aussicht hat, jeden Tag von blöden Rittern verprügelt zu werden, und froh sein kann, wenn man mit halbwegs heilen Schuppen aus der Sache rauskommt? Nee, da bleib ich lieber zu Hause.“
„WIE? WAS sagst du? Rote Feuerglut und schwarzes Drachenblut!“ Fast böse klang der große Drachenlehrer, als er seine Brille etwas höher auf seine lange Drachennase schob und den kleinen Drachen missmutig musterte. Wie konnte es einer seiner Schüler wagen, sich gegen die heilige Drachenarbeit aufzulehnen? Der Drachenlehrer kniff seine Augen zusammen, bis sie wie polierter Marmor funkelten. „Still und faul zu Hause bleiben? Was willst du sein, wenn du groß bist, kleiner Drache? Ein gefährlicher Raubdrache oder ein grünes Riesenkaninchen?“
Sofort kicherten die anderen Drachenkinder wieder los. „Kaninchen! Kaninchen! Du bist bloß ein grünes Kaninchen!“, rief der Drache mit den gelben Zacken spöttisch.
„Pah“, schnaubte der kleine Drache. „Pah, mir doch egal!“
Aber er schnaubte es sehr leise. Vielleicht besser, wenn der große Drachenlehrer das nicht hörte. Dann trottete der kleine Drache ein paar Meter weiter zu den großen Akazienbäumen am Rande des Pausenhofs und war nicht mehr mucksch, sondern traurig. So traurig, dass ihm eine dicke Drachenträne die schuppige Wange hinunterlief.
Warum wollte die ganze Welt, dass sich die armen Drachen eine Schramme und eine Narbe nach der anderen holten? Bloß, damit andere glücklich werden konnten? Wo war der Dank dafür? Hatte jemals auch nur ein einziges Königspaar den Weg zurück in die Drachenberge gefunden, nachdem es endlich zusammengefunden und geheiratet hatte? War in all den Jahrhunderten auch nur das klitzekleinste Dankeschön-Päckchen im Drachendorf angekommen? Gefüllt zum Beispiel mit Himbeerlakritzstangen oder Pfefferschoten mit Zuckergussglasur oder ähnlichen Leckereien, die Drachen besonders gern mögen, wie jeder Mensch wohl weiß?
Nein, nein, und noch mal nein! Niemand hatte je auch nur einen einzigen Gedanken an die selbstlosen, hart arbeitenden Drachen verschwendet, nachdem die ihre so ehrenvolle Aufgabe erfüllt hatten. Keiner hatte sich um ihre blutenden Wunden gekümmert oder sie wiederaufgerichtet, nachdem einer von den Prinzen sie beim Befreien einer Prinzessin wüst beschimpft hatte.
Ach, ihr macht euch ja keine Vorstellung, was für grässliche Sachen aus den hübschen Mündern mancher Prinzen kommen können, sobald auch nur das kleinste bisschen schiefgeht! Da brauchen bloß mal ein paar Feuerfunken des heißen Drachenatems versehentlich zu nah an die prinzliche Hose, Jacke oder meinetwegen auch die prinzliche Nasenspitze zu kommen – huh, schon ist das Geschrei groß!
„Pah! Ehrenvolle Aufgabe!“, schnaubte der kleine Drache verächtlich. Und nun wurde er doch wieder ein bisschen böse. „Was soll wohl so ehrenvoll daran sein, undankbaren Menschen zu...




