E-Book, Deutsch, 368 Seiten
Müller Die amerikanische Rechte und der Umweltschutz
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-86854-447-3
Verlag: Hamburger Edition HIS
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Geschichte einer Radikalisierung
E-Book, Deutsch, 368 Seiten
ISBN: 978-3-86854-447-3
Verlag: Hamburger Edition HIS
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ella Müller ist Historikerin und wurde an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg promoviert. Sie leitet das Programm »Transatlantic Democracy« der Heinrich-Böll-Stiftung in Washington, D. C.
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1Die Geburt des Environmentalism
Die Anfänge des Environmental Management State: Von der Progressive Era bis in die 1960er Jahre
Das größte Problem waren die Schafe. Unersättlich trampelten sie durch die Wiesen und Heine des Yosemite-Tals. Wo man vorher atemberaubende Landschaften hatte bestaunen können, hinterließen sie kahles Ödland. John Muir, frisch eingewanderter Schotte und Naturforscher, beobachtete Ende des 19. Jahrhunderts entsetzt, wie die Regierung in seiner Wahlheimat Kalifornien tatenlos bei dieser Zerstörung einzigartiger Natur zusah, und beschloss, etwas zu unternehmen.1 Er lud einflussreiche Journalisten und Politiker ein, ihn auf seinen Wanderungen entlang des Merced River und durch die Tuolumne-Auen zu begleiten. So wollte er sie davon überzeugen, dass man diese Landschaften schützen musste. Er schrieb eindringliche Briefe an den Kongress und gründete 1892 die erste Naturschutzorganisation der Vereinigten Staaten, den Sierra Club. Das war der Anfang einer Bewegung, die den Umgang mit Natur, den die ersten Siedlerinnen und Siedler auf dem nordamerikanischen Kontinent etabliert hatten, grundsätzlich infrage stellte: Eroberung, Besiedlung und schließlich ökonomische Nutzung sollten nicht länger der einzige Sinn und Zweck der Wälder, Täler und Wiesen Nordamerikas sein.
Der junge amerikanische Staat hatte zu dieser Zeit ein Luxusproblem: Er hatte sehr große Flächen Boden an sich gerafft und musste nun einen Weg finden, diese zu verwalten. Die Verfassung definierte dieses Land zunächst als Eigentum der amerikanischen Staatsbürgerinnen und Staatsbürger. Der Bundesregierung kam die Rolle einer Treuhänderin zu, deren primärer Auftrag, da waren sich die Zeitgenossen unausgesprochen einig, die ökonomische Nutzung war, die durch Privatisierung oder die Vergabe staatlicher Lizenzen zu fördern sei.2 Der Verkauf dieses Landes blieb über lange Zeit eine der wenigen Einkommensquellen, die der Bundesregierung zur Verfügung standen. Allerdings schritt die Privatisierung regional sehr unterschiedlich voran. Diese Dynamik spiegelt sich bis heute in der extrem ungleichen Verteilung staatlicher Flächen wider. Im Mittleren Westen etwa vollzog sich dieser Prozess im Laufe des 19. Jahrhunderts zügig. Gebiete östlich des Mississippi wurden über Jahrzehnte sukzessive an die Staaten übertragen oder direkt an Einzelpersonen oder Unternehmen verkauft. Heute besitzt die Bundesregierung nur noch vier Prozent der Fläche in diesem Teil der USA. Ganz anders sieht es im nördlichen Westen aus, dessen Landschaften aufgrund der dichten Wälder und Gebirge lange Zeit als äußerst unattraktiv galten. Als landwirtschaftliche Nutzflächen schieden sie aus. Auch die Besiedlung und selbst der Aufbau einer rudimentären Infrastruktur waren mühsam. Die Privatisierung und Umverteilung an die Einzelstaaten kamen nur schwer in Gang, das Interesse an diesen Grundstücken hielt sich in Grenzen und so blieben die Wälder des Westens länger als andere Flächen im Besitz der Bundesregierung.3
Mit John Muir und anderen engagierten Naturschützerinnen und Naturschützern änderte sich um 1900 der politische Umgang der Bundesregierung mit öffentlichen Flächen. Es entstand die conservation movement, die sich für eine schonende Nutzung von natürlichen Ressourcen einsetzte.4 John Muir, »the prophet of the nature-lovers«, forderte in seinen Büchern zu einem Umdenken auf.5 Detailliert beschrieb er die Vielfalt und atemberaubende Schönheit der amerikanischen Landschaften und beklagte ihre Zerstörung durch die Industrie: »Any fool can destroy trees. They cannot defend themselves or run away. […] God has cared for these trees […]; but he cannot save them from sawmills and fools; this is left to the American people.«6 Neben Muir war vor allem der wohlhabende Forstwissenschaftler und spätere Direktor des Forest Service Gifford Pinchot einflussreich. Ähnlich wie Muir war er fest davon überzeugt, dass dem bestehenden Laisser-faire-Regime im Umgang mit staatlichen Ländereien und natürlichen Ressourcen dringend Grenzen gesetzt werden müssten – auch wenn auf diese Weise die Marktwirtschaft und der Zugang zu staatlichem Land eingeschränkt würden. Anders als Muir ging es Pinchot allerdings nicht in erster Linie darum, die Natur in ihrer ursprünglichen Schönheit zu bewahren, sondern um die schonende, geplante und effiziente Nutzung natürlicher Ressourcen.7
Pinchots Einfluss lässt sich kaum überschätzen. Als Kind von New Yorker Großgrundbesitzern war der Umgang mit Land für ihn ein vertrautes Thema; später wurde er zur Ausbildung nach Europa geschickt. Hier traf er die beiden deutschen Förster Dietrich Brandis und William Schlich, die im Namen der britischen Krone die Abholzungen in Indien und anderen Kolonien organisierten. Von ihnen lernte Pinchot die Grundsätze einer modernen Forstwirtschaft kennen, bei der mithilfe akribischer Datenerhebungen, langfristiger Planung und scharfer Kontrollen Abholzungen reguliert werden sollten und Raubbau verhindert werden sollte – immer in der Hoffnung, Gewinne langfristig zu maximieren. Pinchot brachte diese neuen Ansätze nach Nordamerika.8
Während der Präsidentschaft von Theodore Roosevelt in den 1910er Jahren entwickelten auch die Bundesregierung, Teile der amerikanischen Zivilgesellschaft sowie zahlreiche Unternehmer eine Ahnung von der Endlichkeit der bis dahin schier unerschöpflich erscheinenden natürlichen Ressourcen auf dem Kontinent.9 Die Besiedlung dieser »neuen Welt« war noch kaum abgeschlossen, da zeigten sich bereits die negativen Folgen des ungebremsten Naturverbrauchs: Im Nordwesten erholten sich die Wälder immer langsamer von den ungesteuerten Abholzungen durch die private Holzwirtschaft, die den unersättlichen Bedarf an Bau- und Brennholz bediente. Auch aus dem Mittleren Westen jenseits des Mississippis kamen besorgniserregende Berichte: In Colorado, Wyoming und Montana waren weite Flächen der Prärie von umherziehenden Viehherden überweidet worden, sodass sie für Jahre als Lebensgrundlage für die Landwirtschaft der Menschen vor Ort ausfielen. Auch die Flüsse und Seen schienen in keinem guten Zustand zu sein: Zahlreiche Gewässer wurden als Jauchegruben genutzt und dort, wo es noch keine massiven Verunreinigungen gab, zeigten sich erste Anzeichen von Überfischung. Gleichzeitig nahm die Luftverschmutzung durch die wachsende Zahl an Industrieanlagen zu, verunreinigtes Trinkwasser beeinträchtigte die Lebensqualität in den Städten zusätzlich.10 Als die Sorge um Verschmutzung und Übernutzung wuchs und die Kritik an einflussreichen Monopolen und Privatisierungen lauter wurde, erkannten reformorientierte Staatsangestellte und Wissenschaftler die Vorzüge einer neuen Idee: Das Land sollte zum Gemeingut werden.11
Die Bundesregierung wurde von der unbesorgten Treuhänderin zur verantwortungsbewussten Großgrundbesitzerin. Um die Nutzung der staatlichen Flächen zu organisieren, wurden mehrere Behörden geschaffen. Der 1905 gegründete Forest Service (FS) übernahm die Verantwortung für einen Großteil der Waldgebiete im Nordwesten der USA. Seine Kernaufgabe bestand darin, die Abholzung dieser Wälder durch kommerzielle Holzunternehmen zu steuern. Der erste Chef der Behörde wurde Gifford Pinchot, der so Gelegenheit bekam, seine Vorstellung von einem modernen Waldmanagement zu institutionalisieren. Pinchots Behörde markierte von nun an Nutzungsgebiete, versteigerte Lizenzen und formulierte Regeln für die Bewirtschaftung.
Innerhalb von wenigen Jahren verwandelte Pinchot die Unterabteilung des Agrarministeriums mit knapp zehn Mitarbeitern und wenigen Handlungsbefugnissen in eine eigenständige Behörde mit über 2500 Beamten, die große Flächen in fast allen Einzelstaaten kontrollierten.12 Dieser Ausbau spiegelte auch den relativen Bedeutungszuwachs der Behörde im amerikanischen Staatswesen wider. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges beschäftigte der amerikanische Staat 256 000 Beamte, allerdings über 210 000 von ihnen allein im US Postal Service und noch einmal 25 000 in der Armee: Fast zwölf Prozent der übrigen Beamten arbeiteten im Forest Service, der so innerhalb weniger Jahre zu einer der größten staatlichen Institutionen Amerikas geworden war.13
Um den Kongress und Roosevelt von dieser Zentralisierung administrativer Kontrolle in einer Behörde zu überzeugen, entwickelte Pinchot verschiedene Argumentationen. Er forderte eine systematische akademische Ausbildung seiner Mitarbeiter, die diese darauf vorbereiten sollte, Pläne für eine effiziente Nutzung der Flächen zu entwerfen. Im Gegenzug versprach Pinchot dem Kongress, dass seine Behörde mittelfristig Gewinne aus der Bewirtschaftung der staatlichen Flächen generieren werde und ihr Ausbau deshalb in erster Linie als Investition zu sehen sei. Zudem verstand es Pinchot, Allianzen mit...




