Müller Die Beute
1. Auflage 2009
ISBN: 978-3-88769-859-1
Verlag: konkursbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Erotische Geschichten
E-Book, Deutsch, 100 Seiten
ISBN: 978-3-88769-859-1
Verlag: konkursbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Geschichten vom Wunsch nach Selbstauflösung in der Lust, von liebe- und schmerzvollen Abhängigkeiten, von bedrohlichen und befreienden Aspekten einer Sexualität jenseits geordneter Beziehungs- und Partywelten. Phoebe Müller wendet sich in ihren neuen Erzählungen existenziellen Gefühlen in der Sexualität zu. Die Protagonistin entfernt sich von Geschichte zu Geschichte, die man auch inFolge wie einen Roman lesen könnte, weiter von der Welt routinierter Sexualität in liebevoll eintönigem Beziehungsalltag. Die „Spielwiese" härterer Sexualität, S/M genannt, wird in poetischer Dichte hinterfragt. Phoebe Müller erzählt von liebe- und kraftvollen Inszenierungen, von dem Wunsch nach Selbstauflösung in der Lust, von lust- und schmerzvollen Abhängigkeiten, auch vom Älterwerden, von der Erinnerung. Von Gefühlen an der Grenze. Sie spürt diesen sexuellen Gefühlen in ihren bedrohlichen und befreienden Aspekten nach. Hat man sich einmal auf den Weg in diese „andere" Welt begeben, wohin gelangt man? Ein atemberaubender Einblick in widersprüchliche erotische Welten.
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Unter Wasser atmen
Es war kalt im Raum. Als hinge Frost in der Luft. Die Stille zwischen den Körpern war eisig. Die Scheinwerfer vorbeifahrender Autos zeichneten Lichtschlieren an die Wände. Sein Körper lag unbeweglich auf ihrem. Die Rippenbögen hart an ihrer Brust, angespannt und kalt, sein Geschlecht steif an ihren Bauch gepresst. Ein Eiszapfen, dachte sie und erinnerte sich an die Zeiten, als sie noch unter den Decken gespielt hatten wie Kinder. „Nimm diese Eisblöcke weg von mir“, hatte er kichernd gesagt, wenn sie ihre kalten Füße an seinem Körper wärmen wollte. Jetzt war die Kälte sein Metier geworden. Sie atmete tief ein und aus, um sich zu entspannen. „Lieg ruhig“, sagte er, „beweg dich nicht.“ Sie schluckte und hielt den Atem an. „Es ist so kalt“, flüsterte sie. „Es ist gut, dass es kalt ist“, murmelte er und schob sich in sie. Ihr Körper zuckte kurz und die Ketten um ihre Handgelenke klirrten leise gegen das Bettgestänge. „Lieg ruhig“, befahl er. Sie biss sich auf die Lippen. Ihr Körper war von Gänsehaut überzogen. Sie kam sich vor wie ein Hähnchen in der Fleischertheke, geschlechtslos, kalt und nackt. In den Ecken des Raumes schienen sich die Schatten zusammenzuballen wie Schaulustige. Er bewegte sich fast unmerklich in ihr. Sie spürte, wie sie trotz aller Widerstände zerfloss und hasste es. Gegen ihren Willen seufzte sie, als er ihr das Kissen fest auf das Gesicht drückte. Es war ein festes Ritual geworden. Sie tauchte ab und ließ sich tief in die Matratze sinken, ließ ihren Körper unter ihm zurück. Die anfängliche Angst war verflogen. Sie würde wieder auftauchen, das wusste sie jetzt, hatte gelernt, den Sauerstoff in ihren Lungen zu rationieren wie ein professioneller Taucher. Sie tauchte tief. Das Kissen löschte jegliches Licht und Geräusch aus, umfloss ihren Kopf wie Morast. Er stieß jetzt fester zu und sie spürte, wie das Innere ihres Geschlechts ihn gierig umschloss, ohne dass sie es wollte. Jeder ihrer Muskeln war angespannt, so still, so bewegungslos lag sie. Sein weit entfernter Schrei löste die Erstarrung, das Kissen löste sich von ihrem Gesicht, aber sie hielt weiter den Atem an. Die um das Bett versammelten Schatten kamen näher und näher. Es war, als würde sie Wasser atmen, während er sie grob, aber geschickt mit den Fingern bearbeitete. Als sie kam, atmete sie seufzend ein, ihre Lungen jaulten. Ein Orgasmus, als würde sie von Eiszapfen durchbohrt. Sein Körper kalt an ihren geklebt. Dann Stille. „Wach auf, Prinzessin“, flüsterte er, löste die Ketten und sie konnte den Sinn seiner Worte nicht in Verbindung bringen mit dem Kissen, dem Eis zwischen ihren Beinen. Er strich ihr übers Haar wie einer Kranken, stand auf und ging ins Badezimmer. Er liebte heiße Duschen. Nach kurzer Zeit dampfte es unter der Tür hervor und sie hörte Wasserrauschen und Gesangsfetzen. Sie wusste, sie würde ungefähr zwanzig Minuten Zeit haben, bevor er ins Bett kroch, wo er warm nun und zufrieden einschlafen würde. Verbissen machte sie es sich noch zweimal selbst, bis es wehtat. Die grelle Normalität des Frühstücks war stets ein Schock. Fasziniert beobachtete sie seine Hände, die ein Brötchen mit Butter bestrichen und die Tasse geschickt und beflissen zum Mund führten. Sah den zarten Haarflaum, der sich über seine Handgelenke zog und im Inneren des weißen Hemdes verschwand. Sah, wie sich seine vollen Lippen beim Kauen bewegten. Seine braunen, jungenhaften Augen, in denen Lichtreflexe spielten. „So still heute, Prinzessin?“, fragte er und leckte ihr ein wenig Marmelade aus dem Mundwinkel. „Müde“, sagte sie nur und sah ihn unter halb geschlossenen Augen an. „Das möchte ich doch hoffen“, schmunzelte er und zog in gespielter Strenge die Augenbrauen zusammen. „Der Herr und Gebieter verlässt jetzt das Schloss.“ Ein letzter Kuss mit Zunge und allem. Zunge, die jetzt warm war im Gegensatz zur letzten Nacht. Ihr Hirn war wie mit Spinnweben durchzogen, als sie seine seltsam lebendige Gestalt durch die Tür gehen sah. Es hatte bereits in der Kälte begonnen. Sie hatten sich im letzten Winter kennengelernt. Schon damals hatten Schnee und Eis die Wetterlage ihrer Beziehung vorweg genommen. An einer verlassenen Bushaltestelle hatte sie gestanden, im Gewirbel von Schneeflocken. Einen blutroten Schal hatte sie getragen und dazu passende Fäustlinge zu schwarzem Mantel. Sie war auf der Stelle getreten, um sich warm zu halten. Der Bus hatte bereits über zehn Minuten Verspätung. Darum war sie so zugänglich und dankbar gewesen, als sein Wagen hielt und er sie höflich fragte, ob er sie denn ein Stück mitnehmen könne und wo denn ihr Ziel sei. Aus dem Mitnehmen war eine heiße Schokolade geworden. Am Ende des Abends hatte er sie bereits Schneewittchen genannt und ein paar Flocken von ihren Lippen geleckt. Den roten Schal hatte er als Pfand für ein versprochenes Wiedersehen behalten. Sie sah noch immer das Bild vor sich, wie er das blutrote Stück Wolle zum Abschied durch die Luft wirbeln ließ. Den ganzen Rest des Winters brachten sie damit zu, sich zu erkunden. Seine rückhaltlose Offenheit machte es ihr leicht, ihre Zurückhaltung, die sich nicht nur auf körperliche Dinge beschränkte, abzulegen. Er hörte ebenso gerne zu, wie er redete, was sie selten erlebt hatte. Er war von einer körperlichen Ungezwungenheit, die ansteckend war. Und er konnte über sich selbst lachen. Sie musste nicht fürchten, das schwache männliche Ego könnte unter einer missverständlichen Bemerkung bröckeln oder er könnte eine ironische Randbemerkung als Beleidigung auffassen. Auch wenn einige überkritische Freundinnen die Bemerkung fallen ließen, er habe etwas von einem Welpen an sich und spiele diese Nummer gekonnt aus, fand sie seine jungenhafte Art, die nicht ganz zu seinem realen Alter zu passen schien, und seine sorglose Lebensplanung erfrischend. Sie war viel zu lange von grüblerischen, kopflastigen Menschen umgeben gewesen, die selbst einfachste Dinge wie Küsse, eine Gesprächspause am Telefon, das Für und Wider von Fellatio zu Tode analysieren konnten. Schwer hatte sie sich gefühlt das ganze letzte Jahr über, gedankengestopft, von dunklen Kleidern zu Boden gezerrt, immer eine nachdenkliche Falte zwischen den Augenbrauen. Mit ihm redete sie ganze Nächte lang über Unsinniges, das nur in seiner Gegenwart Sinn machte, kochte Spaghetti um drei Uhr morgens, verbrachte zwei Tage mit ihm im Bett, ohne zu duschen geschweige denn, die Wäsche zu wechseln, und mehr als das, sie entdeckte ihren Körper neu. Fantasien hatte sie stets gehabt, solche, die sie ihren gnadenlos analytischen Freundinnen nie anvertraut hätte. Fantasien, die sie in schweißtreibenden Onanieorgien zu Tode geritten hatte und die dennoch wie auf Knopfdruck funktionierten. Wenn sie über, unter oder mit einem Liebhaber nicht so recht zum Ende kommen konnte, war die Fantasie da wie eine alte Freundin und streckte die Hand aus. Es waren die gewöhnlichen Schmuddelbilder aus der Mottenkiste, die jeder hatte und für die fast jeder sich schämte. Sie stellte sich oft vor, wie es wäre, wenn bei einem Abendessen unter Freunden jeder einfach davon erzählen würde, was ihn wirklich erregte, was er begehrte, anstatt über das neueste Theaterstück, emotionale Intelligenz, die Krise im nahen Osten zu reden oder die ewig gleichen Tiraden vom Mobbing am Arbeitsplatz von sich zu geben. Sie stellte sich eine Runde von Menschen vor, in der das möglich wäre und in der man hinterher trotz allem noch zwanglos miteinander essen könnte, und verwarf den Gedanken. Ihre Fantasien gehörten mit Sicherheit zu den harmloseren, wobei sie sich dennoch fragte, ob sie aus ihr selbst entstanden oder von außen in sie eingedrungen waren, aus Erzählungen, Literatur, Porno, Zeitgeist und einem gehörigen Schuss Kindheitserinnerung. Ein bisschen von allem, so schien es, aber es wirkte. Bilder von Unterwerfung, von Machtaustausch, von Rollenspielen. Im Grunde ging es stets darum, sich selbst für einige Zeit zu vergessen. Ein anderer, eine andere oder nichts zu sein. In der Maske des Nichts, des Opfers all das zulassen zu können, was ansonsten nicht erlaubt war. Als er ihr das erste Mal die Hände an die Bettpfosten band, mit eben jenem roten Schal, hatte sie schmunzeln müssen. War sich anfangs lächerlich vorgekommen. Doch er tat alles so selbstverständlich und entspannt, ohne künstlich strenge Stimme oder Gehabe, dass es annehmbar wurde für sie. Unverkrampft. Es hatte etwas von einem kindlichen verbotenen Spiel, sie kicherten und neckten sich, bis die Erregung sich irgendwann von selbst einstellte. Sie spielten alles, was sie sich bislang nur vorgestellt hatte und seltsamerweise übertraf die Realität hin und wieder ihre Fantasie, obwohl sie gedacht hatte, dass es umgekehrt wäre. Da es keine Peinlichkeiten gab oder den Zwang, etwas vorzuspielen, konnte sie all ihre körperlichen Reaktionen in Ruhe wahrnehmen. Seine Kreativität schien grenzenlos und in der Geschicklichkeit seiner Hände, seiner Lippen, seines Schwanzes manifestierte sich der Schatz all seiner Erfahrungen. Oft hatte sie sich unnötig gequält mit Liebhabern, die aus Schüchternheit, Komplexen und Unsicherheit heraus unsinnige Szenen angezettelt und sie für das eigene Versagen verantwortlich gemacht hatten. Sie entwickelte eine Obsession für Utensilien, für Toys, für Kostüme. Gerne gingen sie am späten Samstagvormittag einkaufen. Während andere Paare mit Körben voll Obst, Gemüse und einer guten Flasche Wein an ihnen vorbei schlenderten, hatten sie Nippelklemmen, Analplugs und Lederriemen in der Einkaufstasche. Es war, als holte sie ihre Kindheit nach, in der sie viel zu viel Zeit eigenbrötlerisch über Büchern oder grübelnd in...




