E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Müller Enkel ohne Gott?
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-451-84554-3
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wenn der Glaube in Familien verloren geht
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-451-84554-3
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
geb. 1950, studierte Theologie und Psychologie. Langjähriger Leiter des Recollectiohauses der Abtei Münsterschwarzach. Bekannt wurde er als Autor zahlreicher Bücher und Beiträge zu Themen der Spiritualität und Psychotherapie. Wunibald Müller ist verheiratet und hat zwei Kinder.
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I. Der zunehmende Bedeutungsverlust von Religion und Kirche
Diese Frage kann nicht ohne Bezug zur augenblicklichen religiösen und kirchlichen Großwetterlage und Situation angemessen beantwortet werden. Es ist unübersehbar: Religion befindet sich in unseren Breiten auf dem Rückzug, die Kirche in einem rasanten Absturz (vgl. Zoch 2025, 4). Die Mehrheit der Menschen in Deutschland – 56 Prozent – bezeichnet sich inzwischen als nicht mehr religiös. Weitere 15 Prozent nennen sich wenig religiös. Nur noch etwa ein Drittel betet gelegentlich oder glaubt an einen Gott, der in Jesus Christus sichtbar ist.
Schneller als erwartet ist in Deutschland der säkulare Kipppunkt erreicht worden. Das heißt, die Anzahl der Konfessionslosen ist größer als die der Menschen, die einer Konfession angehören. Das aber beschleunigt den Prozess der Entkirchlichung. Alte Schätzungen gingen noch davon aus, dass im Jahr 2060 nur mehr 20 Prozent der Bevölkerung einer Kirche angehören. Inzwischen wird damit gerechnet, dass das bereits im Jahr 2040 der Fall sein wird. Dazu kommt: Es ist wie beim Haarausfall. Was weg ist, ist weg und kommt nicht wieder – mit wenigen Ausnahmen.
In diesem Zusammenhang verdienen die sogenannten besondere Aufmerksamkeit, für die nicht nur Kirche, Religion und Spiritualität, sondern alles, was damit an Weltbildern und Wertvorstellungen verbunden ist, ein Niemandsland ist (vgl. Loffeld 2024, 43ff.). Religion und Kirche sind ihnen gleichgültig. Es fehlt ihnen nichts, wo Gott fehlt. Da sie nichts vermissen, empfinden sie auch keinen Verlustschmerz darüber. Sie benötigen keine Institutionen wie die Kirche als Organisation, die gesellschaftlich für diese Wirklichkeiten, für Religion und Glauben stehen. Sie brauchen sie auch nicht in der Form von Gotteshäusern als Orten geteilter spiritueller Praxis oder gemeinsamer Gottesbegegnung, da dies für sie keine Rolle spielt.
Unter diesen befinden sich immer häufiger auch die Kinder und Enkel von Großeltern, denen ihr Glaube und ihre Zugehörigkeit zu einer Kirche wichtig war oder auch weiterhin wichtig ist.
Großeltern sollten ihre Augen vor diesem Trend nicht verschließen und ihn ernst nehmen. Auch müssen sie wissen: So sehr sie sich bemühen, diesen Trend in ihrem Wirkungsbereich zu stoppen, es handelt sich dabei um eine Entwicklung, die sie, auch die Kirche insgesamt, nicht wesentlich beeinflussen können.
Darüber können auch solche Ereignisse nicht hinwegtäuschen, die für den Moment den Eindruck erwecken, dass sich religiös etwas im Aufbruch befindet. Denken wir an eine Papstwahl, bei der die halbe Welt interessiert nach Rom schaut und Hundertausende Menschen sich bei der Inthronisierung des Papstes auf dem Petersplatz versammeln. Oder daran, wie junge Leute sich in einer französischen Kathedrale verabreden, um das Aschenkreuz zu empfangen. Sie haben mitbekommen, wie Muslime den Ramadan miteinander beginnen, und wollen wie sie mit einem Ritual den Beginn der Fastenzeit begehen (vgl. Zulehner 2025, 6). Oder wie sich total aufgewühlte Menschen nach einem Amoklauf, dem viele Menschen zum Opfer gefallen sind, in einer Kirche versammeln. Da zeigt sich, dass es weiterhin von Bedeutung ist, dass es die Kirche, dass es Gotteshäuser gibt, wo Menschen zusammenkommen können, um ihre Solidarität zu bekunden und ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen. In einer Zeit, in der die Welt aus den Fugen gerät, alte Sicherheiten wegbrechen, halten die Menschen Ausschau nach etwas, das trägt und das Halt gibt. Sie sehnen sich nach einer Stimme, die auf etwas Größeres hinweist. Die Trost und Hoffnung vermittelt, dass Tod und Gewalt nicht das letzte Wort haben (vgl. Zoch 2022, 122).
Letzteres ist ein Beispiel für ein wertvolles Angebot der Kirche, das jeder und jedem offensteht. Doch Treffen in Gotteshäusern anlässlich trauriger Ereignisse bleiben eine vorübergehende Erscheinung und können nicht als ein Anzeichen dafür verstanden werden, dass der generelle Trend hin zur religiösen Indifferenz nachlässt. Auch wird die Kirche verständlicherweise immer weniger als die Institution gesehen, die eine solche Stimme der Zuversicht sein kann, weil sie als Institution vielfach versagt hat.
Auf der anderen Seite ist das partielle Interesse an Kirche und Religion ein Zeichen dafür, dass die Säkularisierung zwar voranschreitet, manche Essentials, die über die religiösen und kirchlichen Strukturen vermittelt wurden, jedoch überleben. Sie haben unabhängig von institutionalisierter Religion einen Wert. Diese sollen und müssen mit dem Aussterben religiösweltanschaulicher Monokulturen, wie wir sie in einer bisher volkskirchlich geprägten Kirche vorgefunden haben, nicht ebenso verschwinden. Zu ihnen zählen sinnstiftende Rituale und das Befreiende und Tröstende religiöser Sprache (vgl. Prantl 2023, 5).
Einiges davon wird ganz verschwinden, anderes wird übernommen oder ergänzt werden. Es kommt, so Paul Michael Zulehner (ebd.), zu einer „Verbuntung“, die einer partiellen De-Säkularisierung gleichkommt. Es entsteht etwas Neues. Vielfalt und Buntheit nehmen im religiösen Bereich zu – zur Freude der einen, zum Verdruss der anderen.
Auch wenn es teilweise zu einer „Verbuntung“ kommt, wird das jedoch aufs Ganze gesehen nicht viel an der Tatsache ändern, dass die Säkularisierung voranschreitet. Daran wird sich auch nichts ändern, wenn die Kirche „moderner“ wird, zum Beispiel der Pflichtzölibat fällt oder Frauen in der Kirche nicht länger wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden. Kommt es zu solchen Veränderungen, mag es der einen oder anderen leichter fallen, in der Kirche zu bleiben, aber der große Run auf die Kirche wird ausbleiben.
Die Pastorin, die sich bemüht, einen ansprechenden Gottesdienst zu gestalten, wird damit mehr Menschen, als das sonst der Fall sein mag, anziehen. Es werden aber vorwiegend Menschen sein, die grundsätzlich noch etwas übrig haben für derlei Veranstaltungen. Aufs Ganz gesehen wird ihr Erfolg begrenzt bleiben, insofern sie kaum neue Kirchgänger gewinnen wird. Dass es sich so verhält, liegt indes nicht an ihr. Das zu wissen und zu beherzigen, kann sie erleichtern, sosehr sie das bedauert, frustriert und traurig macht.
Das Gleiche lässt sich auch von den Großeltern sagen, die darum bemüht sind, dass der Glaube in der Familie nicht verloren geht. Sie erzählen ihren Enkeln von Gott und lassen sie an ihrem religiösen Leben und ihrer spirituellen Praxis teilhaben. Sie versuchen ihnen ihren Glauben schmackhaft zu machen. Sie tun, was sie in ihrer kleinen Welt tun können und ihnen erlaubt ist. Aber die Welt um sie herum hat sich verändert. Das wirkt sich auch auf ihre kleine Welt, auf ihre Familie aus.
Großeltern dürfen nicht vergessen, dass ihre Enkel vielen anderen, manchmal auch stärkeren Einflüssen ausgesetzt sind, die sie und die Kirche nicht abwehren und nur begrenzt beeinflussen können. Die „Sache“ mit Gott beziehungsweise das Geschäft mit der Spiritualität wird zunehmend auf dem freien Markt angeboten. Kirche und das, was sie anzubieten hat, ist nur ein Angebot unter vielen. Das Copyright auf das, was Spiritualität meint, hat sie längst verloren (vgl. Loffeld 2024, 41).
Unter den anderen spirituellen Anbietern außerhalb des kirchlichen und christlichen Spektrums gibt es viele, die sich nicht hinter der Kirche verstecken müssen, ja die manchmal sogar ein Vorbild für sie sein können. Ich denke an viele caritative Organisationen oder Gruppen, die sich für die Menschenrechte und die Gleichberechtigung aller Menschen, Rassen und Geschlechter einsetzen. Sie sind ein Beispiel dafür, dass die Kirche nicht der einzige Player im Dienst der Leidenschaft Gottes für die Welt ist, sondern Gott auch andere in seinen Dienst nimmt (vgl. Zulehner 2025, 6).
Was den anderen außerkirchlichen spirituellen Anbietern – oft – fehlt, ist, so Heribert Prantl (2023, 5), das durchdringende, transzendente Prinzip, das die Kirchen das Göttliche nennen. Spiritualität kann man beim Yoga, Gemeinschaft kann man in der Amnesty-Gruppe erleben, doch den Raum, der Zeit und Ewigkeit verbindet und in dem man seine Seele spürt, können sie seiner Ansicht nach nicht ersetzen. Ob es sich tatsächlich so verhält, wage ich zu bezweifeln. Aber die Kirche, besser ein Gottesdienst, könnte ein Ort sein, wo die Sehnsucht nach einem solchen Raum, der Himmel und Erde verbindet, gestillt wird.
Die Kirche ist nur ein Anbieter unter vielen. Hinzu kommt: Das spirituelle Angebot wird nicht, wie das früher der Fall war, wie selbstverständlich mit in die Wiege gelegt. Den Großeltern wurden...




