Müller-Funk | Theorien des Fremden | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 300 Seiten

Müller-Funk Theorien des Fremden

Eine Einführung
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-8463-4569-6
Verlag: UTB GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine Einführung

E-Book, Deutsch, 300 Seiten

ISBN: 978-3-8463-4569-6
Verlag: UTB GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Was heißt es, fremd zu sein, sich fremd zu fühlen, als Fremder gesehen zu werden? Dieser Band beschreibt, diskutiert und reflektiert die wichtigsten Ansätze von Fremdheit und Fremdsein. Über mehrere transdisziplinäre Zugänge wird sowohl die Figur des und der Fremden als auch die Erfahrung von Fremdheit betrachtet. Das Buch führt umfassend in ein hochaktuelles Thema ein.

Prof. Dr. Wolfgang Müller-Funk war Professor an der Universität Wien. Seit 2018 hält er eine internationale Lehr- und Forschungstätigkeit, zuletzt am Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM), Wien sowie an der Universität Sapienza in Rom.
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1.3. Alterität und Raum


Wie an mehreren Stellen deutlich wird, gibt es einen klaren Zusammenhang zwischen dem Thema der Alterität und einem anderen Themenkomplex, der mit dem „spatial turn“, der Hinwendung zu Phänomenen des Räumlichen, in Zusammenhang steht. Die Rede ist von der Liminalität, ohne die die Diskussion über räumliche oder auch raum-zeitliche Phänomene nur schwer denkbar ist. Alle Formen von Grenzen und Rahmungen implizieren eine Teilung des realen, symbolischen und imaginären Raumes, wobei das deutsche Wort ‚teilen‘ einen doppelten Sinn in sich trägt. Etwas zu teilen, bedeutet einerseits eine Grenze zu ziehen (in unserem Falle also zwischen zwei Individuen), es meint aber andererseits auch, mit jemand anderem etwas gemeinsam zu haben. Das deutsche Wort umfasst also die Bedeutung der beiden englischen Wörter und . Interessanterweise ist das Individuum etymologisch als eine existentielle Entität zu begreifen, die, wie das Präfix ‚in‘ anzeigt, kein Teilbares () ist. Im heutigen Verständnis ist aber dieses unteilbare Selbst indes fragmentiert und diese ‚Teilung‘ verbindet es wiederum mit einem Anderen. Das Gemeinsame in dieser reziproken Andersheit ist eben der Grenzverlauf oder der trennende Rahmen. Massimo Cacciari hat deshalb das Doppel-Phänomen der Grenze – Trennung und Verbindung – mit den Begriffen und beschrieben, wobei ersteres das Hindernis und die Trennung darstellt, zweiteres die Öffnung und den Übergang.

Das klassische Gemälde ist von seiner Umgebung durch einen Bilderrahmen getrennt und zugleich mit ihm als seinem Kontext verbunden. Bekanntlich ist der Rahmen, Simmel folgend, jenes Strukturelement, das dem, was es umrahmt, Bedeutung verleiht, indem es ihm einen Kontext zuweist, ohne den das so Gerahmte keine Bedeutung hat. Das gilt auch für jene vielschichtigen Dispositionen, die hier im Überbegriff des Alteritären, der Andersheit, versammelt sind.

Wir sprechen über Andersheit, weil wir in einer Welt leben, in der sich das Denken darüber nachhaltig verändert hat. Nimmt man die Globalisierung nämlich nicht als einen Effekt, der sich vornehmlich auf die Zeit nach 1989 bezieht, sondern im Sinne einer , eines sich über Jahrhunderte erstreckenden Prozesses, so wird sichtbar, dass diese Globalisierung, die in der Neuzeit mit den außereuropäischen Entdeckungsreisen beginnt, gegenläufige Tendenzen in sich birgt, die den Vereinheitlichungstendenzen zuwiderlaufen und neue Partikularitäten begründen. Globalisierung bedeutet eine Weitung und Expansion in den Raum. Sie nimmt insofern von europäischem Boden ihren Ausgang, indem sie den Raum um Dimensionen, die zuvor undenkbar waren, öffnet und die zu Beginn dieser Ausfahrt mit phantastischen Welten und Völkern assoziiert worden sind. Diese unbekannten Populationen sind es nun, die als ‚Andere‘ konstruiert werden und somit die neuen peripheren Ränder der Erde bevölkern. Mit der Ausweitung des Raumes beginnen indessen die kollektiven Anstrengungen, diesen Raum zu komprimieren, einerseits durch die Überführung europäischer Kultur in die neu entdeckten Räume, andererseits durch die Entwicklung von Medien, die eben diesen Transfer von Menschen, Gütern und Ideen forcieren. Beispiele dafür sind die Beschleunigung des Schiffsverkehrs und die Erfindung der ‚Luftschiffe‘, der Buchdruck (Zeitung, technisch produzierte Bücher) und die sich daran anschließenden medialen Revolutionen im Bereich von Information und Kommunikation (Radio, Telefon, Computer). Von entscheidender Bedeutung ist außerdem der kulturgeschichtliche Triumph der wohl wichtigsten Neuerung der Neuzeit, der Tauschwährung Geld, die sich in diesem Langzeitprozess als entscheidendes Movens erweist, um das asymmetrische Zusammenwachsen der Welt voranzutreiben. Der unübersehbare Effekt all dieser Weiterentwicklung ist nämlich, dass sich, zumindest oberflächlich, Entferntes näher kommt. Dass der Globus, auf dem wir leben, eine runde Gestalt besitzt und sich nicht unendlich linear erstreckt, trägt real wie symbolisch zu diesem Zusammengehörigkeitsgefühl bei. Letzteres manifestiert sich darin, dass wir eine globale Katastrophengemeinschaft geworden sind: Jeder Unfall, jedwede Umweltkatastrophe sowie die Kriege und Bürgerkriege dieser Welt werden in unterschiedlichen narrativen Versionen, von allen Menschen auf diesem Erdball wahrgenommen.

Die Öffnung der Räume mit der damit einhergehenden Erfahrung des kulturell Fremden und die Schließung der Räume, die eine Verbindung mit jenen neuen Alteritäten mit sich bringt, sind zwei einander bedingende Effekte. Sie sind Teil desselben kulturellen Prozesses, der keineswegs linear verläuft sondern Gegenreaktionen dadurch erfährt, dass neue Grenzen gesetzt werden, die Räume strukturieren und zugleich trennen. Ein Beispiel dafür ist der klassische Nationalstaat, der nach innen Homogenisierung forciert und sich – die europäische Flüchtlingskrise der Jahre 2015/2016 ist ein besonders illustratives Beispiel – gegen den Einfluss von außen abschotten möchte bzw. diesen zumindest streng reglementieren und kanalisieren möchte. Mittels einseitiger territorialer und symbolischer Abgrenzung wird Heterogenität produziert. Wie gegenläufig diese Prozesse verlaufen, lässt sich an den zentral-, ost- und südosteuropäischen Metropolen erkennen: Keine von ihnen, weder Wien noch Budapest, weder Prag noch Belgrad, weder Zagreb noch Triest, weder Thessaloniki noch Wilna waren sprachlich, ethnisch oder religiös homogen, sie sind es erst infolge des Ersten und Zweiten Weltkrieges bzw. durch die Ereignisse um und nach 1989 geworden. Umgekehrt strömen heute Menschen aus ärmeren Teilen der Welt in viele wohlhabende europäische und nicht-europäische Städte und generieren so neue Fremden und auch neue Heimaten.

Der marxistische Sozialismus hat sich zunächst als eine globale Alternative zur kapitalistischen Globalisierung verstanden und hat so dem kapitalistischen Weltmarkt und der medialen Globalisierung markante Grenzen gesetzt. Dazu gehören sichtbare Beschränkungen wie der Eiserne Vorhang sowie unsichtbare wie beispielsweise die Kontrolle von Medien und Binnenmärkten.

Wie ich in einem anderen Buch () dargelegt habe, wird das Fremde in einem exotischen Sinn infolge dieser Doppelbewegung von Öffnung und Schließung zum raren Gut. Wer in den vielen Städten dieser Welt mit dem Flugzeug landet, der ist nicht nur von der Fremdheit des anderen Landes überrascht, sondern auch davon, dass sich bestimmte Infrastrukturen ähneln und dass er dort neben Flughäfen und breiten Fahrstraßen all jene globalen...



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