Müller | Gejagte | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Müller Gejagte

Erotischer Roman
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-88769-893-5
Verlag: konkursbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

Erotischer Roman

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-88769-893-5
Verlag: konkursbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



Sie alle sind auf der Jagd, nach Erfolg, Anerkennung, Liebe, Abenteuer, dem ultimativen Kick, dabei sind sie längst schon Gejagte.
Der Roman erzählt die Geschichte einer Frau auf der Gratwanderung zwischen den Abgründen des Alltags und ihren erotischen Obsessionen. Sie zelebriert ihre Fluchten und verliert sich mit Genuss immer mehr.Wer Beute ist und wer Jäger, ist am Ende unwesentlich.
Der Roman beginnt mit einem Unbehagen, das die Protagonistin dahin bringt, ihre Sexualität in Frage zu stellen. Sie stürzt sich in neue Liebesgeschichten, zuerst mit einer Frau, dann in eine bizarre Affäre mit einem Mann, schließlich verliert sie sich im Abgründigen, in SM-Sequenzen, mit Frauen, mit Männern, im Dämonischen. Um zuletzt auch daraus wieder auszubrechen und schließlich ihr ganzes bisheriges bürgerliches Leben zu hinterfragen – und vielleicht aufzulösen?
Endlich ein neuer Roman der Autorin des erfolgreichen erotischen Erzählbandes 'Die Beute'!

Pressestimmen zur Autorin:

„Phoebe Müllers Texte schreiben gegen den Liebes-Alltag an. Die Sexualität, die in ihnen enthalten ist, will Grenzen aufbrechen, um Einsamkeit, Eintönigkeit, Einerlei aus dem Liebesland zu verweisen.“

(Lausitzer Rundschau)
„Die sprachlich hervorragenden, die spezifischen Stimmungen so genau treffenden (S/M-) Geschichten sind mit das Beste, was ich in letzter Zeit gelesen habe. Ein beredtes Beispiel, dass erotische Geschichten auch künstlerisch hervorragend geschrieben sein können.“ (Schlagzeilen)

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Das Unbehagen
Ich sehe sie von draußen und betrachte sie einen Moment. Wie ein Beobachter vor einem Aquarium. Ich bin etwas zu früh. Draußen ist es windig, die Brise spielt mit meinem Haar, es riecht nach Zitrone und Lavendel, wie das neue Shampoo, das ich benutze. Einzelne Strähnen streicheln sanft mein Gesicht. Es riecht nach Mauerwerk und Asphalt, die Fassaden der Altbauten werden malerisch beleuchtet von den Straßenlaternen und strahlen Würde aus. Von Weitem höre ich zarte Jazztöne. Das Leben könnte so einfach sein, wenn diese Leichtigkeit bliebe. Dieses Verharren im Schwerelosen. Ich schließe die Augen und stelle mir vor, Mauerwerk zu sein, eine Straßenlaterne, ein Baum im abendlichen Wind, ein unbeschriebenes Blatt. Der letzte Klang eines Jazzsongs, der durch die Nacht klingt. Doch das ist luxuriöse Träumerei. Hier wartet Arbeit auf mich. Als ich die Augen wieder öffne, sehe ich nach drinnen, ins warme, einladende Licht. Eine professionell gedeckte Tafel. Weißes Leinen, präzise aufgestellte Reihen weißer Designer-Stühle. Elegantes Kaminfeuer im Hintergrund und die Anwesenden in kleinen Gruppen, bereits plaudernd über zu erwartende Genüsse. Ganz in Kulturschwarz oder hier und da in weißem Hemd und Bluse. Ich sehe an mir hinab. Auch hier, dezente Jeans und weiße Bluse. Dann kommt er auf mich zu, im offenen Jackett, das Haar verwegen zurechtgezupft, wie immer etwas atemlos, da das Leben so voller Termine, so anstrengend, so zeitaufwendig, so interessant ist. Unsere Lippen berühren sich kurz, als wäre es ein festgeschriebenes Ritual. »Tut mir leid, konnte nicht früher los.« Dann treten wir ein. Auch hier leise Musik, aber eher klassisch, Klavier. Der Veranstalter steht auf und räuspert sich. »Wir werden heute eine Degustation hochwertiger Spitzenrotweine erleben, begleitet von edlen Schokoladen aus Equador und …« Mein Hirn sortiert beflissen alles, was es über Shiraz, Cabernet Sauvignon, Merlot, Tannine, Abgänge und was der Fachausdrücke mehr sind, zusammengetragen hat und ergibt sich dann. Wir setzen uns auf die edlen Stühle, die ich seit je unerträglich hässlich fand. Die billig wirkenden Plastikschalen, die bemühte Metallkonstruktion des Fußes, weiß aber, dass sie unverschämt teuer sind und dadurch ihre Daseinsberechtigung erhalten. Rotes Nass schwappt in riesenhaft bauchige Gläser, benetzt unsere Gaumen, dazwischen schmilzt süßes Braun auf unseren Zungen. Scharfe, süße, herbe Töne. Es ist von kurzen und langen Abgängen die Rede, von dezenter Restsüße, angenehm adstringierenden Tanninen, bei einem Wein sei die Säure recht knackig, ein anderer kommt körperreich daher. Erinnert in der Nase an schwarzen Pfeffer und grüne Bohnen. Vom Aroma nach Vanille, Trüffel, Feige, Praline wird geschwärmt, ein Wein soll sogar das Aroma gerösteter Tannenzapfen haben. Ich kann geschmacklich nicht folgen. Für mich schmeckt alles ähnlich, mal mehr oder weniger beerig, mal schlichtweg sauer. Ich schäme mich beinahe, dass ich das Praline-, das Cassis-, das Trüffelaroma nicht schmecken kann. Merke nur, wie der Alkohol langsam meinen Magen wärmt und meine angespannten Gliedmaßen lockert. Mein Hirn wird angenehm wattig. Hier spuckt niemand mehr das kostbare Nass aus. Zu kostspielig sind die angebotenen Weine. Die Schokolade klebt süß an den Zähnen und nimmt manchen Weinen die Schärfe, auch wenn mir nicht klar ist, warum die mit neunzig Prozent Kakao so ganz besonders gut zu Barrique-Weinen passt. Ich beobachte meine Mitverkostenden. Sie schwelgen im Genuss. Die Lippen saugend und schmeckend nach vorne gestülpt. Die Nase tief in die Gläser versunken. Die Schokolade zwischen den Zähnen mahlend. Hier und da ein brauner Krümel in einem Mundwinkel oder ein Rotweinrändchen am Lippenrand. Schmatzende Geräusche sind hörbar. Eine ungewisse Gier liegt auf den Gesichtern, eine Gier nach Genuss, nach etwas Unbestimmtem. Die schmeckenden und tastenden Lippen verleihen ihnen den Ausdruck von Säuglingen, die halb blind noch nach der Mutterbrust suchen. Eine imposante Frau, deren Haar so perfekt in Wellen fällt, dass es übernatürlich wirkt, sieht aus, als hätte sie die Liebe ihres Lebens in ihrem Rotweinglas gefunden. Mit geschlossenen Augen legt sie den Kopf in den Nacken, schluckt, ihre Kehle bewegt sich ekstatisch. Sie seufzt und lächelt. Ein anderer greift mit mühselig unterdrückter Gier nach den letzten Krümeln der Cranberry-Chili-Schokolade und leckt sich die Finger danach. Mein Begleiter redet mit seinem Sitznachbarn. Ein Plausch zwischen Kennern. Ich werde langsam immer betrunkener, da ich zu wenig gegessen habe und die Schokolade keine passende Unterlage ist, ich habe sie sogar im Verdacht, die Wirkung des Alkohols zu intensivieren, aber vielleicht ist das ja das Geheimnis dieser Zusammenstellung. Auf jeden Fall wird mir flau. Ich entschuldige mich mit dem Vorwand, telefonieren zu müssen, und gehe nach draußen. Am Dönerstand um die Ecke gönne ich mir eine echte Mahlzeit. Sehe zu, wie der junge Mann scheibenweise Fleischfetzen von dem riesigen, sich drehenden Fleischspieß abschält, was ich stets als leicht pervers empfunden habe, und gebe ordentlich Salat, Soße und Zwiebeln darauf. Das Ganze spüle ich mit einer Cola hinunter. Es ist irgendetwas an dieser Mischung von Cola und Döner, das mich glücklich macht. Das Koffein, die Zwiebeln, der Zucker, das Fleisch? Das wäre eine chemische Untersuchung wert. Auch wenn das dezente Rülpsen danach unabwendbar ist. Eine Weile verharre ich im beißenden und wärmenden Imbissgeruch, höre dem Smalltalk von einigen Jugendlichen und einigen Türken zu, dann gehe ich zurück, besprühe mich noch ein wenig mit Eau de Toilette und hoffe, dass es ausreicht. Von draußen sehe ich die Münder, die sich tonlos öffnen und schließen, Lippen, die genießerisch aufgeworfen werden und mahlen und lecken und fast etwas Verzweifeltes haben. Es fällt mir schwer, wieder einzutreten, ich spüre, wie sich meine Schulterblätter verspannen. Dann bin ich wieder mittendrin, sofort wird mir ein Glas hingestellt, dieses Mal ein besonderer Cabernet irgendwas, der allerdings nicht so eine markant dominante Note haben soll wie sein Vorgänger. Mein Begleiter sieht mich leicht von der Seite an und schnüffelt kurz an meinem Haar. Als alle Weine besprochen sind, kommt der gemütliche Teil. Die Teilnehmer sitzen noch kurz zusammen, wir tauschen uns über die Sensationen des Alltags aus. L. hat mit Yoga begonnen und kann sich gar nicht mehr vorstellen, den Morgen ohne den Sonnengruß zu beginnen, sie spüre ihren Körper jetzt viel mehr, T. und N. haben bald genug Geld für das Häuschen in der Provence zusammen, schwärmen von Lavendelfeldern und dem windigen Charme des Atlantik. Von Provenceweinen ist kurz die Rede, von französischem Essen, da ist der Weg nicht weit zu den unvermeidlichen Gesprächen über Rezepte, über Kulinarisches. Ich frage mich, wann diese Seuche begonnen hat. Schleichend wahrscheinlich, wie alles. Irgendwann konnte ich den Fernseher nicht mehr einschalten, ohne über eine Kochsendung zu stolpern. Meist waren es Männer, die da schnippelten, brutzelten und rührten, was das Zeug hielt, und das mit einem Ehrgeiz, der bemerkenswert war. Da gab es Kochduelle, Menüwettbewerbe, Profi- und Amateurköche, Restaurantretter. Ein Engländer, dessen Kochbücher Bestsellerstatus hatten, war bekannt wie ein Popstar und sah auch so aus. Das befremdete mich. Hatten mich kochende Männer doch noch nie besonders erotisiert. Ich erinnerte mich jedoch, in meinem Umfeld schon mehrfach gehört zu haben, dass bei den ersten Dates gerne mal »was Leckeres gemeinsam geschnippelt« wurde. Gerade L. hatte kürzlich erzählt, dass sie und R. sich nähergekommen seien, als er sie beim zweiten Treffen mit einem selbstgekochten Menü überrascht hatte. Beginnend mit Garnelen an Balsamicojus, gefolgt vom besten Risotto der westlichen Hemisphäre und abgerundet von einem hausgemachten Panna Cotta. Man stelle sich das vor, ein Mann, der Panna cotta selbst macht! Nach ein paar Gläsern Wein sei dann, wie es oft so ist, eines zum anderen gekommen und heute seien sie bereits seit fünf Jahren zusammen. Noch immer teilten sie das Interesse an edlem Essen, schlenderten an Samstagen gern über den Markt, kauften ihre »kleinen Schweinereien«, wie sie gefüllte Oliven, Reisblätter und Trüffelsalami nannten, ein und dann wurde gemeinsam Essen zelebriert. Im Moment versuchten sie sich gerade an selbstgemachtem Sushi. Die Tangblätter auszurollen sei allerdings eine knifflige Angelegenheit. Gespräche dieser Art nahmen überhand in letzter Zeit, was mich beunruhigte. Ich selbst hatte kein großes Interesse am Kochen, aß dafür aber gerne und dann am liebsten etwas, was schnell und einfach zubereitet war. Wenn ich auf einen Menschen so richtig Lust hatte, war mir ohnehin nicht nach Essen, sondern nach Haut, Händen und Arsch. Die Vorstellung, als Vorspiel ein paar Kilo Gemüse zu schnippeln, schien mir wenig erotisch. Doch mit dieser Ansicht bleibe ich recht allein, sogar mein Gefährte Rich nickt beflissen in Richtung von T. und N., die gerade berichten, dass sie in letzter Zeit ein großes Interesse an Salzen und besonderen Ölen entwickelt hatten. Etwas Öl auf ein frisches Brot geträufelt und mit einem Hauch Himalayasalz bestreut, ein Kick erster Güte. Ich frage mich wieder, ob diese Art Kick mich auch berühren würde, und beschließe, es in naher Zukunft zu probieren. Als ich darüber nachdenke, wo ich das spezielle Salz bekommen kann, sehe ich auf und begegne T.s Blick. Er lächelt, aber in seinen Augen ist ein fahler Schlier und seine Lider hängen ein wenig mehr als sonst, er sieht gealtert aus und schwermütig. Niemand um uns herum scheint es zu bemerken. Auch als er aufsteht und in Richtung Toilette geht, sieht keiner auf. Vor dem leeren Stuhl...


In Karlsruhe geboren, lebt und schreibt dort. Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg.



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