E-Book, Deutsch, Band 3, 345 Seiten
Reihe: Hope & Despair
Mueller Hope & Despair 3: Hoffnungsstunde
16001. Auflage 2016
ISBN: 978-3-646-60222-7
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 3, 345 Seiten
Reihe: Hope & Despair
ISBN: 978-3-646-60222-7
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Carina Mueller wurde 1984 im schönen Westerwald geboren, wo sie heute immer noch lebt und arbeitet. Neben ihrem Hund und ihren Pferden zählte das Lesen schon immer zu ihren größten Hobbies, woraus sich dann die Idee entwickelte, eigene Romane zu schreiben. Sie selbst liebt Jugendbücher und auch Fantasy-Romane, vor allem die ganz spannenden, weshalb sie auch in diesen Genres schreibt.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1. Kapitel
Despair
»Los, Leute! Jede Sekunde, die Hope bei diesem Irren sein muss, ist eine zu viel!« Ich sprang, mehrere Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinunter, dicht gefolgt von Hate.
»Ich check noch den Keller und komme dann nach!«, rief Cruel hinter uns her, doch ich machte mir nicht mehr die Mühe, ihm zu antworten. Ich musste zusehen, dass ich auf dem schnellsten Weg zu Hope kam. Wusste der Geier, was diesem kranken Hirn von Treason so alles einfiel und was er gerade mit ihr anstellte.
Ob Cruel dann nachher zu Fuß gehen musste oder wie auch immer zu uns gelang, juckte mich in diesem Moment herzlich wenig. Ich konnte nicht warten. Aber natürlich: Er hatte schon Recht. Für gewöhnlich sicherte man ein Gebäude zuerst komplett, bevor man es wieder verließ. Daher war ich froh, dass er diese Aufgabe übernahm und ich mich um Hope kümmern konnte.
»Ich fahr!«, bestimmte Hate, als wir draußen waren, und steuerte zielstrebig auf meinen Wagen zu.
Zuerst wollte ich protestieren, doch das wäre nur unnötige Zeitverschwendung gewesen. Eine Zeitverschwendung, die ich mir beim besten Willen nicht leisten konnte und schon gar nicht wollte. Also warf ich Hate nur wortlos den Autoschlüssel zu.
Er öffnete den Wagen und wir sprangen hinein. Dann startete er den Motor, wendete das Fahrzeug in zwei kurzen Zügen und fuhr dann mit durchgetretenem Gaspedal davon.
Sehr gut! Anders hätte ich es auch nicht gemacht!
Während der Fahrt versuchte ich Vic und Treason auf dem Handy zu erreichen, doch keiner nahm ab. Schöne Scheiße!
Hoffentlich war Hope noch nichts geschehen!
Hoffentlich?
Es war also wahr: Ich hatte mich verändert. Ich hoffte …
»Du erreichst keinen«, sagte Hate.
Es war keine Frage, eher eine Feststellung. Dennoch schüttelte ich den Kopf.
Hate sah zu mir herüber. Sein Gesichtsausdruck überraschte mich. Er wirkte nicht mehr so verbittert, nicht mehr so böse. Eher … besorgt? Es versetzte mir einen Stich ins Herz, als ich an unsere gemeinsame Vergangenheit dachte. So hatte Hate früher immer ausgesehen. Früher, als er noch ein herzensguter, kleiner Junge war, der einfach nur wollte, dass wir uns alle vertrugen und unseren »Daddy« lieb hatten. Und natürlich auch, dass unser »Daddy« uns lieb hatte. Wie wörtlich unser Oberst diesen letzten Wunsch speziell in seinem Fall nehmen würde, war ihm damals nicht klar gewesen. Uns allen nicht.
Ich schluckte schwer. So kindisch sich das jetzt vielleicht anhören mochte, doch das waren exakt Hates Worte gewesen. Damals. Nachdem er jedoch allein für das Wort »Daddy« mehrfach schwerste Prügel kassiert hatte, wurde er stiller und stiller. Verbitterter. Wütender. Bösartiger.
Ich hatte mich stets gefragt, wann genau der Zeitpunkt gewesen war, als Hate von Gut auf Böse wechselte. Ich glaubte immer, es begann, als unser Oberst anfing, ihn mit auf sein Zimmer zu nehmen. Doch jetzt wurde mir bewusst, dass das Ganze schon viel früher angefangen haben musste. Wie hatte ich das nur übersehen können?
Ich seufzte leise.
»Mach dir nicht so ins Hemd!«, brummte Hate mich ungehobelt an.
Ich warf ihm einen pikierten Blick zu.
Hate schien daraufhin kurz nachzudenken.
»Ihr ist bestimmt nichts passiert«, fügte er dann in seinem tiefen Bariton hinzu und klopfte mir unbeholfen auf die Schulter.
Einigermaßen verblüfft sah ich ihn an. Verblüfft und erfreut. Mein Eindruck seit unserem unverhofften Aufeinandertreffen im Hotel schien sich zu bestätigen: Der Hate von heute war doch noch nicht so ganz zerstört, wie ich angenommen hatte, und sogar zu so etwas wie Empathie fähig. Wenn er denn wollte …
Etwas lag mir auf der Zunge und ich überlegte kurz, ob ich es wirklich aussprechen sollte, oder ob ich Hate damit womöglich verärgerte … Andererseits: Ich war Despair. Ich hatte noch nie Angst vor ihm gehabt und ich würde ganz sicher jetzt nicht damit anfangen.
»Wegen deines Mitgefühls warst du früher mein bester Freund«, entgegnete ich also.
Hate zog verdutzt die Brauen nach oben, erwiderte aber nichts.
»Ehrlich, Mann! Das warst du. Und ich hoffe, dass wir irgendwann wieder dorthin kommen.«
Hate brummte nur unwillig. Doch ich kannte ihn zu gut. Wären ihm meine Worte gegen den Strich gegangen, hätte er mir das ganz anders »gezeigt«. Offenbar saß sein Herz nach wie vor am rechten Fleck. Man musste es nur unter dieser ganzen Verbitterung wieder freilegen. Und ich konnte gar nicht ausdrücken, wie sehr mich das gerade beruhigte.
Vielleicht war nicht nur er, vielleicht waren wir alle nicht so verloren, wie wir immer gedacht hatten?
»Das sehen wir dann«, nuschelte Hate für seine Verhältnisse nun leise.
Ich grinste. Das war wohl ein Ja.
»Was machen wir mit Treason?«, wechselte ich das Thema.
»Platt?«, erwiderte Hate ungerührt.
Jap, da war er wieder! Klassischer Rückfall in alte Verhaltensweisen.
»Das halte ich für keine gute Idee.«
»Nein?!« Hate klang, als hätte ich etwas vollkommen Abwegiges gesagt.
»Nein.« Ich machte eine Pause und sah aus dem Fenster.
»Und warum nicht?«, fragte Hate verständnislos. Für ihn schien die Sache bereits klar zu sein.
»Ich für meinen Teil würde gern wissen, wer dahintersteckt«, entgegnete ich. Einem Toten konnte man schließlich keine Informationen mehr entlocken …
»Treason!?« Hate zog die Augenbrauen genervt zusammen.
»Ich zweifele nicht daran, dass Treason diese Taten begangen hat, nicht im Geringsten! Ich frage mich nur, wer der Kopf der Sache ist, wo unser Oberst doch aufgeschlitzt auf seinem Küchentisch liegt. Denn allein hat sich Treason das Ganze sicher nicht ausgedacht.«
»Hm«, brummte Hate, nun offenbar am Überlegen.
Es war nicht so, dass Hate dumm war. Weiß Gott nicht! Nur wenn er in Rage war, handelte er für gewöhnlich, bevor er nachdachte. Er war einfach zu impulsiv.
Zudem wusste Hate selbst, dass Treason zwar ein elender Verräter ohne Anstand und Moral war, doch in den seltensten Fällen aus eigenem Antrieb heraus agierte, wenn es nicht gerade um seine Geschäfte ging. Treason hatte sich immer lenken lassen. Sein ganzes Leben lang. Er hatte immer jemanden gebraucht, der ihm sagte, was er zu tun und zu lassen hatte. Das war auch der Grund, warum er sich so gut mit unserem Oberst arrangieren konnte. Er war einfach … gehorsam. Und wem dieser Gehorsam jetzt galt, mussten wir schnellstmöglich herausfinden.
***
Diesmal brauchten wir keine Dreiviertelstunde, um den Hotelparkplatz zu erreichen. Hate machte sich gar nicht erst die Mühe, in die Tiefgarage zu fahren und zu warten, bis die Schranken endlich aufgingen.
Er parkte mehr oder weniger direkt vor dem Eingang und nachdem der Wagen endlich zum Stehen kam, sprangen wir beide hinaus, hasteten ins Hotel und rannten das Treppenhaus hinauf. Das hieß, ich rannte. Hate versuchte so schnell er konnte hinter mir herzukommen, doch seine Muskelberge machten einen Treppensprint nicht gerade leichter.
Natürlich hätten wir auch den Fahrstuhl nehmen können, doch das dauerte mir einfach zu lange. Das war vermutlich ein ähnliches Phänomen wie beim Autofahren: Man raste und überholte, dachte, man sei so viel schneller als die anderen, bis diese an der nächsten Ampel wieder hinter einem standen.
Hate war vermutlich einfach nur aus solidarischen Gründen mitgelaufen. Trotzdem konnte ich nicht auf ihn warten.
»Wir sehen uns oben!«, rief ich ihm zu und beschleunigte noch einmal. Wusste der Teufel, was Treason gerade mit Hope anstellte oder bereits mit ihr angestellt hatte.
Ein dicker Kloß bildete sich in meinem Hals, doch ich durfte nicht zu viel darüber nachdenken. Ich sollte bloß zusehen, dass ich Hope so schnell wie möglich da rausholte.
Nach wenigen Minuten war ich im obersten Stockwerk angekommen. Ich hechtete weiter zu unserer Zimmertür und hämmerte mit ganzer Kraft dagegen.
»Treason! Mach sofort auf!«, brüllte ich.
Ich hörte, wie sich im Zimmer jemand bewegte und auf die Tür zuschritt. Sofort ballte ich eine Faust, positionierte mich so, dass ich direkt zuschlagen konnte, sobald die Tür geöffnet wurde. Meine Muskeln waren so angespannt, dass sie bereits zu zittern begannen.
Ein leises Klicken verriet, dass die Tür gerade entriegelt worden war, doch ich wollte nicht so lange warten, bis sie mir geöffnet wurde. Ich stieß sie auf und trat mit zwei schnellen Schritten und gehobener Faust ein.
»Despair! Was für ein Glück, dass dir nichts passiert ist!«, rief Hope und fiel mir freudestrahlend um den Hals.
Völlig perplex stand ich vor ihr, nicht in der Lage, sie in den Arm zu nehmen. Hektisch suchte mein Blick stattdessen das Zimmer ab und fand Treason mit Vic auf dem Bett sitzend, bei einem Kartenspiel.
Ungläubig starrte ich die beiden an.
»Hey! Ich bin hier«, beschwerte sich Hope und lächelte mich aufmunternd an.
»Ich …«, begann ich, doch brach den Satz ab.
»Ist irgendetwas?«, fragte Hope, nun leicht unsicher.
Ich gab ihr einen flüchtigen Kuss, machte mich dann von ihr los und ging hinüber zu Treason.
»Hey Mann«, begrüßte er mich. »Was gibt's Neues?«
In dem Moment polterte Hate ins Zimmer herein, rannte auf Treason zu, packte diesen am Hals und knallte ihn gegen die nächstbeste Wand.
Vic stieß einen spitzen Schrei aus und auch Hope schaute schockiert zu ihnen hinüber.
»Sag mir sofort, was du hier für ein Spiel spielst!«, blaffte Hate Treason an.
»Mau-Mau«, japste dieser.
Hate stieß...




