Müller | Hunger und Seide | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Müller Hunger und Seide

Essays
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-446-24966-0
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Essays

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

ISBN: 978-3-446-24966-0
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Hunger und Seide' enthält Herta Müllers Essays aus den Jahren von 1990 bis 1995, also den Zusammenbruch des Sozialismus und das Entstehen neuer kurzlebiger Utopien: 'Wenn Utopien, während sie ausgedacht und aufgeschrieben werden, von einem Satz zum anderen auch nur einen Augenblick in einem einzigen Menschen lachen, essen, gehen oder schlafen müssten, gäbe es keine.' Wahrheit und Lüge, Aufrichtigkeit und Betrug, Macht und Widerstand in der Diktatur, das sind die großen Themen der mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichneten Autorin. 'Ein Satz von Herta Müller kann einen Roman ersetzen' - die Worte von Verena Auffermann (Süddeutsche Zeitung) charakterisieren auch die Kraft dieser Essays.

Herta Müller wurde 1953 im deutschsprachigen Nitzkydorf im Banat in Rumänien geboren. Sie studierte in Temeswar rumänische und deutsche Literatur. Sie arbeitete nach dem Studium in einer Maschinenbaufabrik als Übersetzerin. Weil sie sich weigerte, ihre Kollegen für den rumänischen Geheimdienst Securitate zu bespitzeln, verlor sie ihre Stelle, fand danach nur noch Aushilfstätigkeiten und geriet selbst ins Visier der Securitate. Es folgten Verhöre und Hausdurchsuchungen und die Verleumdung. 1987 konnte sie nach Berlin ausreisen, wo sie heute noch lebt. Ihre Bücher wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Zuletzt wurden ihr der Preis für Verständigung und Toleranz des Jüdischen Museum Berlin sowie der Internationale Brückepreis der Europastadt Görlitz/Zgorzelec verliehen und sie wurde in den Orden Pour le mérite aufgenommen. 2009 erhielt sie den Literaturnobelpreis. Ihr Werk wurde in über 50 Sprachen übersetzt und erscheint auf Deutsch bei Hanser, zuletzt die Collagenbände Im Heimweh ist ein blauer Saal (2019) und Der Beamte sagte (2021) sowie Eine Fliege kommt durch einen halben Wald (2023).
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


VON DER GEBRECHLICHEN

EINRICHTUNG DER WELT

Rede zur Verleihung des
Kleist-Preises 1994


Man liest bei Kleist, wie die Welt weder im Wissen noch im Fühlen zu erfahren ist. Wie alles aufeinander hilflos angewiesen und einander ausgeliefert ist. Wie es sich selber aussucht, was vom Äußeren im Kopf innen stehenbleibt. Wie es im Stehen schläft und schlafend immer nach sich selber horcht. Und es horcht so, dass man ihm erliegt. Ob man, was das Leben ausmacht, durch sich selber oder durch andere erfährt, ob man es als Schweigen für sich behält oder als Satz aus dem Schädel hinausschickt, es kann seinen Ausgangspunkt nicht behalten, seine eigene Absicht nicht einlösen. Es gibt für das, was das Leben ausmacht, keinen Durchblick. Nur gebrechliche Einrichtungen des Augenblicks. Und Zurechtlegungen, die nicht bis zum nächsten Schritt halten.

Als ein sieben Jahre altes Kind damals am Dorfrand mit dem Pferd in den Fluss ritt, badeten im gleichen Wasser viele Kinder. Sie hatten die Sonne auf dem Kopf und nichts als ihre Haut an. Sie sahen eine Weile neidisch auf das Kind, das auf dem Pferd ins Wasser kam. Der Bauch des Pferdes glänzte, schon bevor er nass war.

Als das Pferd mitten in den Schlingen des Flusses dieses Kind von seinem Rücken abwarf und unter seinen Hufen zu Tode trat, sah niemand hin. Der Neid der Kinder war längst vorbei, jedes von ihnen schon längst mit seiner eigenen nassen Haut beschäftigt. Und dennoch waren alle dabei, als das Pferd dieses Kind unterm Wasser zu Tode trat. Auch der Vater des Kindes war dabei. Er stand am Ufer und schaufelte Sand. Er nützte den späten Sommer und baute ein Haus, das man im Winter, der bald kam, bewohnen konnte.

Erst als der Sand auf den Wagen geschaufelt war, sah der Vater im Fluss sein Pferd ohne Kind. Er schwamm in all seinen Kleidern und tauchte. Wenig später trug er das tote Kind ans Ufer und legte es hin.

Ein paar Kinder sahen damals, dass ein Mensch in einem Augenblick altern kann: Das Haar dieses Mannes wurde in der Schnelle eines Augenaufschlags grau. Ein Dutzend Augenpaare sahen alles, was geschah. Dennoch hatten die Kinder nichts gesehen, von dem sie hätten sagen können, wie es vor sich ging. Es war der offenste Vorgang und die glatteste Täuschung in einem gewesen, wie sich das Leben dieses Mannes so ähnlich und ganz anders als der Tod seines Kindes bis zum Ende streckte.

Der Vorgang zeigte alles und nicht mehr, als wenn sich jemand vor den Augen mit einem einzigen Handgriff eine graue Decke überwirft, die es vor dem Handgriff noch nicht gab.

Dann führte der grau gewordene Mann das Pferd aus dem Wasser und band es mit dem Strick an einen knotigen Holzapfelbaum. Dann nahm er die Axt vom Wagen und schlug dem Pferd auf die Stirn. Die kleinen, schiefen Äpfel fielen vom Baum. Das Pferd sah zwischen den Schlägen der Axt, bis es umfiel, Auge in Auge den Mann an. Und er schlug auf die liegende Stirn, bis sie brach. Der Mann konnte nicht aufhören, bis sein Entsetzen sich in Hieben verausgabt hatte. Erst dann kam der Schmerz, der ihn lähmte.

Alle blieben stumm. Nur das Wasser hörte man rauschen. Die Axt hörte man schlagen, aber viel zu leise für das, was sie tat. Die Äpfel hörte man fallen. Das Pferd hörte man Schreie zerbeißen, aber diese hörten sich zu klein an im Vergleich zu einem so großen Tier, das getötet hatte. Niemand störte den Mann mit der Axt.

Es war selbstverständlich und gerecht, dass jetzt auch das Pferd starb. Denn wer konnte und wollte begreifen, dass hier ein Tier nach Menschenmaß bestraft wurde. Dass dies Pferd weder gut noch böse, sondern jenseits der Tat und ein Pferd war. Weil das Pferd lebte und das Kind tot war, wusste man, dass ab nun das Pferd alle Tage an genau der Stelle auf der Welt stehen würde, wo das tote Kind fehlte. Und das durfte nicht sein. Jeder Hieb der Axt zeigte mehr, woraus ein Pferdekopf bestand.

Als draußen im Sand unterm Holzapfelbaum Knochen und Hirn durcheinanderlagen, war die Einrichtung des Pferdekopfes zerstört. Eine Einrichtung zum Lastenziehen und Grasfressen war es, was da lag. Eine andere gab es in diesem Kopf nicht. Also war diese zum Lastenziehen und Grasfressen auch die Einrichtung zum Töten.

So kam es, dass ich schon sehr früh ein Bild von einem Pferd in meinem Kopf trug, das sich von Kleists fechtendem Bären unterscheidet. Der Bär bleibt Kreatur. Er kann Auge in Auge mit dem Mann so schauen, als ob er die Seele des Menschen darin lesen könnte. Am Holzapfelbaum sind Mann und Pferd auf die Seele des anderen nicht mehr neugierig. Für die Schläue des Bären und Menschen, die einander gleichermaßen hereinlegt und schont, ist es zu spät. »… dass in dem Maße, als in der organischen Welt die Reflexion dunkler und schwächer wird, die Grazie darin immer strahlender und herrschender hervortritt«, ist nicht mehr zu erwarten. Diese Vorstellung hat sich in den folgenden Zeiten – und leider nicht nur eines Pferdes wegen, das ein Kind getötet hat – ihre Gültigkeit selber abgesprochen. Wo sich bei Kleist, »wenn die Erkenntnis gleichsam durch ein Unendliches gegangen ist, die Grazie wieder einfindet«, da gelangte die Welt nach dem Nationalsozialismus und nach dem Stalinismus nie mehr hin. Ich hätte auf die Suche nach dieser Unschuld gehen können, aber sie hätte nichts genützt. Denn gezeugt worden war ich nach dem Zweiten Weltkrieg von einem heimgekehrten SS-Soldaten. Und hineingeboren worden war ich in den Stalinismus. Der Vater und die Zeit – beides Tatsachen, die das Sich-wieder-Einfinden der Grazie unwiederbringlich machen.

Was nützte es ab diesem Tag, als das Pferd ein Kind getötet hatte, dass man in diesem Dorf immer noch sagte: Jedes Geschöpf dieser Welt ist gut, so wie es ist. Über dieses Pferd konnte das, gerade als es darauf ankam, niemand sagen. Und was nützte der Aberglaube, der ab diesem Tag immer noch sagte: Aus einem neuen Haus muss jemand hinaus. Er gab auf die Frage, warum das Kind starb, eine Antwort, die das Pferd aus dem Spiel ließ und das neue Haus erwähnte. So war dieser Tod eine Notwendigkeit.

Das Recht des Pferdes, ein Geschöpf zu sein, und die Antwort des Aberglaubens mussten damals zurückgewiesen werden. Beides darf nur innerhalb des Lebens gültig bleiben, da wo es schwer ist, aber immer noch um etliches leichter als der Tod.

In dem Satz: »Jedes Geschöpf dieser Welt ist gut, so wie es ist«, in diesem Satz ist das Wort »Geschöpf« aus Rücksicht gemacht. Aber es gab die Wörter »Geschöpf« und »Kreatur« noch ganz anders: »dieses Geschöpf« oder »diese Kreatur«, über einen Menschen gesagt, galt sowohl in der deutschen Dorfsprache als auch in der rumänischen Landessprache als harte Beschimpfung.

Selbst Pflanzen waren nicht mehr für sich da. Die lebenden Zäune aus Thuja oder Tannen wuchsen um die Häuser der Macht. Sie blieben auch da immer grün. Sie behüteten etwas, was für die meisten Menschen im Land nicht zu ertragen war. Sie waren aus der Reihe der Pflanzen übergelaufen zum Staat. Und nicht nur sie, auch die roten Nelken, auch die roten Rosen. Sie hielten Farben, Formen, Düfte hin und schmückten die Auftritte der Macht. Die Mächtigen hatten zwar Pflanzen missbraucht, aber nur, weil diese Eigenschaften hatten, die sich missbrauchen ließen. Herrschende haben dafür einen Sinn. Was sie für sich nahmen, konnte für mich nicht mehr in Frage kommen. Und was sie bekämpften, wurde mir lieb. Mir blieb keine eigentliche Wahl, mir Menschen oder Dinge, die ich mag, wirklich selber auszusuchen. Ich konnte immer nur auf das zurückgreifen, was die Herrschenden sich noch nicht genommen hatten. Das war ein Ausgangspunkt, sogar der einzige.

Wenn Ceau?escu zu seinen unzähligen Arbeitsbesuchen ins Land geflogen oder gefahren wurde, mussten Bauern in mühseliger Arbeit die Blüten des Klatschmohns aus den Weizenfeldern entfernen. Der Herrscher, der in seiner Person mehr als ein Volk darstellte, sagte man, der Herrscher werde, wenn er Klatschmohn sehe, nervös. Wenn er eine LPG besuchte, wurden die Kühe mit Waschmittel gewaschen. Wenn man jedoch durch das saubere Fell, weil die Körper so mager waren, alle Knochen sah, wurden die Kühe versteckt. Es gab für alle Besuche des Herrschers eine gutgenährte Herde, die, kurz bevor er kam, auf die Weide gestellt wurde. Die Leute nannten diese Kühe Präsidentenkühe. Sie waren die vielen Transporte gewohnt, kamen mit den zahllosen Umsiedlungen zurecht. Wo immer man sie hingestellt hatte: sie blieben gemütlich unterm Himmel stehen und fraßen sofort von dem Gras, das sie vorher nie gesehen hatten. In den Städten wurden, wenn Ceau?escu kam, im Spätsommer die ersten gelben Blätter der Linden mit grüner Farbe gespritzt.

Was bleibt da noch Natur, wo das geschieht. Selbst die Landschaften werden zu Ländereien, die der Macht Schönheit bieten oder vortäuschen. Auch wenn hie und da vor den Füßen ein Stückchen liegt, das vom Staat noch nicht besetzt ist, traut man ihm nicht.

Maos Leibarzt hat seine Memoiren geschrieben. Darin steht, dass sein Herrscher und Patient Mao, wenn er im Land unterwegs war, in den großen Flüssen badete. Es war jedesmal lebensgefährlich. Vor den Reisen fragte er seine Leibwächter, ob das Baden angebracht sei. Wenn einer der Wächter Bedenken hatte, entließ Mao ihn. Die Leibwächter, die Maos Baden bedenkenlos zugestimmt hatten, begleiteten ihn bei jedem Bad in die Strudel des Wassers. Sie hatten eine Todesangst für Maos Leben und eine für ihr eigenes Leben im Falle, dass Mao ertrinkt. Denn in der Vorstellung des Regimes badete Mao nicht im Wasser, sondern in ihren Händen.

Nachdem sich Mao die Menschen zu bedingungslos Untertänigen dressiert hatte, sagte ihm sein Größenwahn, dass auch die größten Flüsse Chinas es...


Müller, Herta
Herta Müller, 1953 in Nitzkydorf/Rumänien geboren, lebt seit 1987 als Schriftstellerin in Berlin. Ihr Werk erscheint bei Hanser. Sie wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und ist die Literaturnobelpreisträgerin 2009.

Herta Müller, 1953 in Nitzkydorf/Rumänien geboren, lebt seit 1987 in Berlin. Ihr Werk erscheint bei Hanser. Sie wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und erhielt 2009 den Nobelpreis für Literatur.



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