Müller »Oha, können Sie denn auch operieren?«
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-446-26696-4
Verlag: hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine junge Unfallchirurgin erzählt aus ihrem Klinikalltag
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Reihe: hanserblau
ISBN: 978-3-446-26696-4
Verlag: hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lieschen Müller, Mitte dreißig, ist promovierte angehende Fachärztin für Unfallchirurgie und Orthopädie. Nach dem sechsjährigen Studium verbrachte sie mehr als acht Jahre in Kliniken in Deutschland. Sie lebt mit Mann und Kind in Süddeutschland. Wenn sie unter Klarnamen schreiben, twittern und bloggen würde, hätte sie vermutlich bald keinen Job mehr.
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3 Ohne Schweiß kein Preis
Vier Monate nach Arbeitsanfang lief ich zum ersten Mal vor Erschöpfung weinend durch die Krankenhausflure. Die Klinikkleidung klebte mir am Körper, und ich stank nach Schweiß. Längst war ich fester Bestandteil der Abteilung.
Es war 20 Uhr 45. Ich wusste nicht mehr, wo mir der Kopf stand. Ich hatte die ganze Woche über vierzig Patienten auf der Normalstation (sprich eine Station ohne erhöhten Versorgungsbedarf wie beispielsweise eine Intensivstation) zu versorgen und war den ganzen Tag nur gerannt.
Die meisten unserer Patienten waren steinalt und schon schwer krank, bevor sie bei uns in der Unfallchirurgie gelandet waren. Bei alten kranken Patienten ist die Nierenfunktion meist eingeschränkt. Diabetes, Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen, Leberinsuffizienz, eine nicht bekannte, nicht diagnostizierte Demenz. All diese Krankheitsbilder schwächen den Körper. Kommt eine dringende operative Versorgung hinzu, eine Narkose und die notwendige vorübergehende Nahrungs- und Flüssigkeitskarenz, wird die Nierenleistung noch schlechter. Durch die zusätzliche Belastung einer akuten Verletzung, wie zum Beispiel eines Oberschenkelhalsbruchs, verschlechtern sich viele dieser Erkrankungen oder treten gar erst in Erscheinung. Die Reserven fehlen, und der ohnehin schon geschwächte Körper kommt mit den zusätzlichen Belastungen schwer klar. Daher fühlen sich die meisten älteren, kranken Patienten an wie Bomben, deren Lunte gerade eben gezündet wurde. Die Lunge ächzt, das Wasser sammelt sich in den Beinen und nicht in den Gefäßen, und nässende Wunden heilen nicht.
Keiner dieser Fälle duldet auch nur einen Tag Aufschub.
Dementsprechend waren an diesem Tag zwei meiner Patienten auf der Intensivstation gelandet, eine Patientin war nach erfolgloser Reanimation verstorben. Sechs Entlassungen, sechs Neuaufnahmen. Aufklärungen, Angehörigengespräche, Vorbereitungen für die OPs am Folgetag. Dazwischen musste ich für zwei Operationen in den Saal und Haken halten (die erste Assistenz in einer Operation hält die notwendigen Haken, mit denen man die Haut und Weichteilgewebe auf der Seite hält, damit der Operateur besser die eigentlich zu operierende Struktur erkennen kann. Man saugt Blut ab, damit die Sicht besser wird, stillt Blutungen, knüpft Knoten und näht Wunden für den operierenden Arzt), weil ein Oberarzt erkrankt war, der sich darum hätte eigentlich kümmern sollen. Außerdem waren zwei Ärzte in Weiterbildung krank zu Hause.
Einziger Ansprechpartner für Schwestern, Patienten und Angehörige an diesem Tag: ich. Eine unerfahrene junge Assistenzärztin, die gerade einmal vier Monate auf der Station arbeitete — überhaupt erst vier Monate richtig im Krankenhaus arbeitete. Alles, was ich zu erledigen hatte, hatte Priorität, nichts konnte warten. Keine Zeit für nichts. Den lieben langen Tag rannte ich schweißgebadet über die Station.
Zusätzlich sollte ich ab dem darauffolgenden Tag ebenfalls für die Privatstation zuständig sein. Also musste ich abends nach dem Ende meiner normalen Schicht mit dem Chef auch dort noch zur Visite, um alle Privatpatienten für die nächste Woche kennenzulernen. Die eine Hälfte der Privaten kannte ich leider nur zu gut. Ihnen gefiel es anscheinend bei uns auf Station. Die andere Hälfte der Patienten waren ebenfalls kranke Alte — noch mehr tickende Zeitbomben also.
Außerdem musste ich am nächsten Tag einen Vortrag zur Fortbildung für meine Kollegen halten. Fünfundvierzig Minuten lang. Dafür hatte ich aber erst zwei Powerpoint-Folien fertig gemacht.
Auf einmal stand eine Schwester im Arztzimmer und gab mir Bescheid, dass ich dringend in die Notaufnahme kommen sollte. Mein Diensttelefon war aus, weil ich ja eigentlich keinen Dienst mehr hatte und nur noch unerledigte Aufgaben abarbeitete. Jemand musste sich wirklich bemüht haben, mich zu finden. Ich fragte, um was es ging. Schulterzucken. »Die Schwester sagte, du sollst dich beeilen.«
Also marschierte ich in Richtung Notaufnahme, vier lange Flure, drei Treppen, zehn Minuten im Dauerlauf. Ich konnte einfach nicht mehr. Als meine Wangen nass wurden, verlangsamte ich meine Schritte. Tränen. Ich hasste es. Aber es tat so gut.
Ich wischte mir da Gesicht ab, putze die Nase und öffnete die Türe zur Notaufnahme. Eine unbekannte Frau kam auf mich zu.
»Ich bin Frau E., Sie haben mich letzten Monat in einer Mittwochnacht zusammengeflickt. Wissen Sie noch? Ich war gestürzt und mein ganzes Gesicht, Arme, Hände, Beine, Knie — alles offen. Es war schon sehr spät, Sie hatten so viele Patienten hier. Aber Sie haben sich trotzdem toll um mich gekümmert. Alle Wunden so sauber genäht. Sehen Sie? Man erkennt nicht einmal mehr die Narben im Gesicht. Und Sie haben mich beruhigt, waren so herzlich und haben alles organisiert. Ich bin Ihnen wirklich dankbar dafür. Vielen Dank!«
Sie hielt mir einen Korb entgegen: selbst gebackene Brötchen, Kekse, Getränke, eine Karte, Schokolade und Obst.
Ich musste schlucken. Sonst wären aus Tränen der Erschöpfung und Wut Tränen der Rührung geworden. »Vielen Dank, Frau E., Sie sind heute meine Rettung.« Sie winkte ab und verabschiedete sich.
Als ich mich umdrehte, stand hinter mir mein Chef. Ich sagte müde, aber mit fester Stimme: »Die Fortbildung muss morgen leider ausfallen. Aufgrund der dünnen Personaldecke ist es aktuell wohl nicht besonders sinnvoll. Ich werde das dann nächste Woche nachholen.«
Er nickte. »Einverstanden.«
Ich nahm den Korb und ging nach Hause.
Ich war erleichtert. Mir einzugestehen, dass ich nicht alles schaffen konnte, war nicht einfach, aber notwendig. Den Chefarzt um eine Woche Aufschub zu bitten, war in diesem Moment die einzige Möglichkeit. Dass er einverstanden war, bedeutete, dass auch er die Überlastung sah und keinen zusätzlichen Druck aufbauen wollte. Dafür war ich dankbar.
Durchschnittlich war ich achtmal im Monat für einen Vierundzwanzig-Stunden-Dienst eingeteilt. Meine Wochenarbeitszeit drehte sich in einer Spirale nach oben. An normalen Arbeitstagen begann mein Dienst auf Station um sieben Uhr. An guten Tagen endete er elf bis zwölf Stunden später. Meine durchschnittliche Wochenarbeitszeit lag bei sechzig bis siebzig Wochenstunden. Je nach Dienstbelastung pendelte sie zwischen fünfzig und hundert Wochenstunden. Wie das arbeitsrechtlich möglich ist? Mit der sogenannten Opt-out-Regelung können die Vorgaben des Arbeitszeitgesetzes umgangen werden. Wer diese Regelung unterschreibt, »darf« mehr als die gesetzlich festgelegte Höchstgrenze von acht Stunden pro Werktag und maximal achtundvierzig Stunden pro Woche arbeiten. Als ich anfing zu arbeiten, gehörte die Bereitschaftszeit noch nicht zur Arbeitszeit, das ist erst seit 2017 so. Damals war der Dienst sogenannte Ruhezeit. Von 21 Uhr an bis zum Dienstbeginn der Frühschicht am nächsten Morgen um sieben Uhr, war mein Vierundzwanzig-Stunden-Dienst eine Dienstbereitschaft. Sollte ein Notfall eintreten, musste ich arbeiten, ansonsten ruhte ich (räusper). In meiner ersten Klinik waren wir zwei Ärzte in der sogenannten Dienstbereitschaft. In guten Diensten war es uns sogar möglich, jeweils für zwei Stunden zu schlafen. Zumeist arbeiteten wir die vierundzwanzig Stunden einfach durch. Es war eine zwingende Voraussetzung für die Aufrechterhaltung des Krankenhausbetriebs.
Grundsätzlich ist es jedem Arbeitnehmer freigestellt, diese Regelung zu unterschreiben. In meinem Fall hing sie dem normalen Arbeitsvertrag einfach an. Ohne Unterschrift der Opt-out-Regelung wurde ich nicht angestellt. Innerhalb der ersten Monate im Job machte ich mir darüber überhaupt keine Gedanken, es war eben so. Ein einziger Arzt in der Abteilung für Allgemeinchirurgie kündigte seinen Opt-out-Vertrag. Sein Arbeitsvertrag (viele unserer Arbeitsverträge sind befristet auf ein oder zwei Jahre) wurde nicht verlängert.
Sechs Monate nach meinem Arbeitsbeginn ließen sich die Zweifel nicht mehr ignorieren. Würde es nach den ersten Monaten besser werden? Reichte das »Danke« einer Patientin als Anerkennung? An mir klebte alles, ich stellte mich unter die Dusche und versuchte, meine Bedenken wegzuwaschen.
Die erfahrenen Kollegen schafften es, bereits ein oder zwei Stunden früher zu gehen. Es ist ganz normal, dass man als Arbeitsanfängerin für alles mehr Zeit braucht. Du musst dich einlesen, nachfragen, Zuständigkeiten überprüfen. Für viele Notfälle braucht es ein Handling. Du überdenkst alles und möchtest auf Nummer sicher gehen, keinen Fehler machen. Aber selbst mit Erfahrung bleibt die Arbeitsbelastung groß. Fortbildung, Weiterbildung, Lesen in Zeitschriften und...




