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Ihr Team von Sack Fachmedien
E-Book, Deutsch, 204 Seiten
Müseler Oh, Johnny
2. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7412-0034-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Verrückt, wahnsinnig und total durchgeknallt!
E-Book, Deutsch, 204 Seiten
ISBN: 978-3-7412-0034-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Joel Müseler, geboren 1992 in Stuttgart, studierte Informationsdesign und arbeitete anschließend im Bereich Koordination und Produktion Video. Ist zufällig beim Schreiben gelandet und kann jetzt nicht mehr damit aufhören, Unsinn zu produzieren. Er lebt und arbeitet für immer in Stuttgart.
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TICKS
Es war einmal… vor langer Zeit… ein Auge… das juckte. Abwechselnd kratzte er am linken Tränensack und rechten Ei, bis seine geteilte Aufmerksamkeit wieder das Vorstellungsgespräch erreichte.
„Nein… nein, nein, nein, wir brauchen Sie wirklich nicht!“ Ihr Entschluss stand fest. Er fing an, sie zu nerven. Der Auftritt eines Wahnsinnigen, dicht gefolgt von großem Ekel, ließen eine Lüge auch über die entzückendsten Lippen gleiten.
„Die Stelle ist schon vergeben.“ John trug seinen dunkelgrünen Strickpullover. Ein weißer Kragen quetschte sich daraus hervor – vermutlich Second Hand. Bei jedem Vorstellungsgespräch trug er das Gleiche. Nur mit den Poloshirts wechselte er sich hin und wieder ab. Er besaß zwei. Seine Haare waren abstoßend. John schwitzte schnell. Schweiß und Fett bildeten sofort einen glänzenden Film auf seiner ungekämmten Frisur. Überall hielten die Leute Abstand von John. Dabei bemühte er sich lediglich, einen Job zu finden.
„Sie haben also schon jemanden eingestellt? Mir wurde mitgeteilt, dass ich der erste Bewerber war, und den ersten Termin bekommen habe.“ John sprach seinen Satz mit einem misstrauischen Tonfall aus. Und sie erwiderte nur: „Die Stelle ist schon vergeben.“ Vergeben, vergeben, Sie sind nicht gut genug, wir suchen jemand anderen, immer das Gleiche, dachte sich John. Seine trockenen Lippen hingen an den Seiten herunter und bildeten einen beleidigten Bogen. Er hatte ein juckendes Stechen in den Augen, welches in unangenehmen Situationen immer unerträglich wurde. Daher rieb er sich krampfhaft sein linkes Auge, auch in Situationen, in welchen er sehr klar bei Verstand war. Immer wieder rieb er sich das linke Auge mit der rechten Hand.
„Auf Wiedersehen Herr Stephom.“
>> Tschüss. <<
Tapp… Tapp… Tapp, tapp, tapp. Wieder rieb sich John sein linkes Auge. Die wunde Haut leuchtete sonst immer erst nach dem üblichen Anfall beim Mittagessen hell rot – zwei verkohlte Toasts mit Butter bestrichen und einem Glas scharfem Senf, welcher als Dipp herhalten musste. John hatte eine abartige Vorstellung von einem guten Speiseplan. Dieses Mal war es noch Vormittag.
„Stufen rauf, Stufen wieder runter.“ Er spuckte sich, wie so oft während seinen Selbstgesprächen in seinen feuchten Kragen. Das gläserne Büro musste schließlich im 19. Stock des 20 stöckigen Callcenters thronen.
Aufzüge außer Betrieb. Für jeden Stock, den John hinter sich brachte, wurde er von den gleichen, breiten Schildern an den Aufzugstüren verspottet. Die Schilder leuchteten alle in einem stärkeren Rotton als sein Auge, welches inzwischen stark gereizt war. Die fett gedruckten Buchstaben sollten für jeden Arbeiter in jedem Stock eines ganz deutlich machen.
Aufzüge außer Betrieb. Die Treppen waren John schon sympathischer, als er das Schild zum ersten Mal im Erdgeschoss wahrgenommen hatte. Fünfundzwanzig Stockwerke später könnte er gut darauf verzichten, die Beschriftung immer wieder auf ein Neues lesen zu können.
Aufzüge außer Betrieb. Eigentlich klebte das Schild aus dem selbigen Grund an den Aufzugstüren fest, aus dem er die Treppen erst erklimmen musste. Das in die Wolken ragende Gebäude, mit den sechs, stets auf Hochglanz polierten Glasfronten, benötigte einen neuen Hausmeister. John hätte die Aufzüge vom 20. Stock aus reparieren können, nun spielte er mit dem Gedanken, von dort herunter zu springen. Nein… Nein, nein. Die Treppen waren ihm sowieso sympathischer.
Neunter Stock. Die Hälfte des Rückwegs oder auch schon ein Drittel des gesamten Marsches lagen nun hinter John. Auch das Gehänge der ausländischen Fensterputzerin sowie das tragende Gerüst wippten nun wieder über seinem Kopf fröhlich hin und her. Beim hinunter trampeln stach die Sonne durch die riesigen Fenster, neben dem Treppengerüst aus Metall, in Johns linkes Auge, welches immer roter zu werden schien. Sie blendete ihn. Und obwohl sich die Sonnenstrahlen an diesem wunderschönen Tag auf der Haut wie mehrere Fetzen Schleifpapier rieben, linsten nur noch die Augen aus den Klamotten der stark bedeckten Frau. Sie freute sich, dass sie sehen durfte.
Achter Stock. John wunderte sich. Seine Füße brannten von den unzähligen Stufen, die er seit dem Betreten dieses Gebäudes gehen musste. Doch die Ausländerin wischte allem Anschein nach immer noch die gleiche Stelle der Glas-verkleidung, wie bei seiner Ankunft. Und das Glas glänzte. Das Glas musste glänzen.
>> Klirr. <<
Ein durch Scherben aufgespießtes Gesicht brach mit voller Wucht durch das Fenster unmittelbar in Johns Sichtfeld. Rasend zog sich das blutige Geschehen vor seinen Augen ab. Sein Körper verfiel in Millisekunden in einen lähmenden Zustand – zu einem kleineren Teil hervorgerufen durch sein Entsetzen und zu einem größeren Teil hervorgerufen durch seine Faszination von Horrorszenarien. Etwas langsamer wie die Fensterputzerin hereingestürmt kam, zog sie ihr gewichtiger Körper und der, noch am Gerüst befestigte Sicherheitsgurt, in den Abgrund. Dort erklang ein lautes, metallisches Hallen, welches nach ihr zu schreien schien. Nach Rettung ringend, hinterließen ihre Nägel auf dem harten Boden des Treppengeländers schrille Geräusche, die an quietschende Kreide auf einer Tafel erinnerten. Bei dem Versuch, sich dort fest zu krallen, würden ihre Hände diese Höllenfahrt nicht mehr aufhalten können. John war immer noch wie erstarrt. Wäre er nicht so erpicht darauf gewesen, ein Zuschauer zu sein, hätte er der Frau eine seiner zwei knochigen Hände reichen können, um ihr Dasein noch etwas zu verlängern. Oh, Johnny.
Er beobachtete, wie die Innereien der Ausländerin nichtsdestotrotz weiterhin Kampfgeist bewiesen. Die Frau rutschte bei ihrem Weg in die Tiefe über eine lange, standhaft gebliebene Glasscherbe am Fensterrahmen. Der stabil bleibende Glasdolch schlitzte sie vom Rumpf bis zur Brust auf. Ihr Kopf ertrank in Schmerzen, bei denen sich jeder Mensch nur noch einen blitzschnellen Tod herbeisehnte. Der Wunsch wurde ihr aber nicht gewährt. Ihr Dickdarm verfing sich an der stumpfen Seite der hoch ragenden Scherbe und blieb ohne seinen Besitzer zurück.
Nach diesem makabreren Schauspiel von spritzendem Blut und rutschenden Gedärmen hätte John einen kurzen Moment inne halten können. Stattdessen überwältigte ihn seine Faszination und er trat zwei Schritte in Richtung des zersplitterten Fensters, um einen weiteren Blick zu erhaschen. Mit seiner rot befleckten Kaki Hose watete er durch die schimmernde Blutpfütze und streckte dann seinen hässlichen Kopf aus dem Gebäude. Der Darm ragte blutverschmiert in die Tiefe. Das Tragegerüst schmetterte schon vor einigen Sekunden auf den Asphalt. Die Ausländerin wollte es dem Gerüst gleich tun, doch im Interesse von Johns neugierig gaffenden Augen befand sie sich noch im freien Fall. Es blieb John genug Zeit, weiter zu beobachten, bis der Darm entgegen aller Naturgesetze fünf Stockwerke abwärts kurz spannte und schließlich riss.
„Nein… nein, nein, nein, wir brauchen Profit“, brüllte Chulio den Vorsitzenden entgegen. Und obwohl er seine haarige Hand immer wieder auf den robusten Glastisch schmetterte, war kaum ein Zucken im Publikum zu sehen. Sie waren sein, zu gleichen Teilen italienisches sowie spanisches Temperament gewöhnt und ihre angedachten Schimpfwörter behielten sie lieber für sich. Chulio war kein Mensch, den man bei seiner ersten Begegnung ins Herz schließen mochte und auch nach einer längeren Bekanntschaft ließ sich kein weicher Kern vermuten. Er war ein schmieriger, aalglatter Geschäftsmann. Morgens verbrachte er allem Anschein nach über fünf Minuten seiner wertvollen Zeit damit, nach und nach mehr Gelschichten in seine Haare zu schmieren, bis sie hart wie Plastik waren und ohne Anstalten auf seiner Kopfhaut klebten. Die Benutzung seines goldenen Kammes musste ihm – bei diesem Vorgehen – jedes Mal höllische Schmerzen bereiten, was sein spiegelnder Gesichtsausdruck auf dem zwei Mal zwei Meter großen Badespiegel trotzdem nicht erahnen ließ.
Heute trug Chulio am fünften Tag in Folge seinen teuersten, maßgeschneiderten Nadelstreifenanzug. Zu diesem trug er nie ein paar seiner goldenen Manschettenknöpfe, sondern stets die Größeren aus Bernstein. Chulio war ein Macho und Angeber, daher hob er sich gerne aus der grauen Menge ab. Um sich dementsprechend zu präsentieren, war sein Lieblingsanzug nach der monatlichen Reinigung anfangs samt weiß, ging aber nach jedem verstrichenen Tag in einen dunkleren Grauton über.
Chulio hatte seinen Machtposten in dieser Firma alles andere als verdient. Er hat nie um seinen Aufstieg gekämpft oder sich bemüht einen ordentlichen Abschluss zu machen. Dank seiner Blutlinie mussten sich jedoch viele gebildete Leute seiner unreifen Meinung unterwerfen. Sein Vater „Enrico Tremante“ (alle nannten ihn Onkel Rick) wurde vor einiger Zeit bei einer Schießerei in einem der dunkleren Viertel nieder geschossen, hatte sich in die Luft gesprengt, wurde von hinten aufgeschlitzt, oder trieb...




