Muhl | Drei Sommer wie ein Winter | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 230 Seiten

Muhl Drei Sommer wie ein Winter


1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-7751-7165-6
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 230 Seiten

ISBN: 978-3-7751-7165-6
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine unmögliche Liebe verbindet James, den Halbwaisen aus Südafrika, und Monica, die Tochter aus gutem Hause. Im England des frühen 20. Jahrhunderts haben sie keine Chance auf eine gemeinsame Zukunft, die ihre Mutter um jeden Preis verhindern will. Als der Erste Weltkrieg sie auseinanderreißt, zieht James voller Verzweiflung an die Front. Drei Sommer lang ist für ihn Winter. Doch neue Hoffnung wächst in den Schützengräben: Die Zuversicht eines neugefundenen Glaubens und der feste Wille, für seine Liebe zu kämpfen.

Iris Muhl (Jg. 1970) arbeitet seit vielen Jahren für Schweizer Medien. Nach vier Jahren bei TV und Radio, wo sie eigene Sendungen verantwortete, begann sie für renommierte Zeitungen unter anderem für die Handelszeitung zu schreiben. Später folgte eine Ausbildung zur Drehbuchautorin in Berlin und eine Weiterbildung zur Bilderbuchautorin in Zürich. Nach einigen Sachbüchern und Biografien für zwei Schweizer Verlage schreibt Iris Muhl heute hauptsächlich Romane. Sie wurde für ihre journalistischen Texte sowie Kurzgeschichten bereits mehrfach gewürdigt. Ihr Wunsch und Ziel ist es, außergewöhnliche und spannende Geschichten zu erzählen und den Leser damit zu fesseln. Iris Muhl ist mit einem Architekten verheiratet und hat drei Söhne.
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TEIL 2

DER KRIEG


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20


London, vier Monate später
Frühling 1914

»Bitte berühre meine Lippen«, sagte Monica leise. Jimmy blickte Monica in die Augen, die blau-golden schimmerten. Ihr braunes, lockiges Haar fiel direkt auf sein Gesicht, und wenn sie ihren Kopf zurückzog, dann kitzelten ihn die Haare zwischen Oberlippe und Nase, da, wo bereits ein kleines Bärtchen zu wachsen begann. Sanft legte er seine Finger auf ihre Lippen und fuhr langsam über die dünne Haut, die heute im warmen, sonnigen Park sehr hell wirkte. Sie lagen im Gras. Amseln und Rotdrosseln zwitscherten eifrig. Kinder sprangen an ihnen vorbei mit einem Fußball, schrien und tobten wild herum. »Hierher, los, bring den Ball hier rüber!«, schrie ein Junge. Es war Benjamin, der mit den Kindern des Waisenhauses Fußball spielte. Jimmy und Monica hatten sie im Waisenhaus abgeholt und in den Park mitgenommen. Die Kinder schienen im Sonnenlicht zu leuchten, derart grell schien die Sonne. Benjamin lachte und schrie, jubelte, wenn ein Tor für seine Mannschaft fiel, und schimpfte, wenn ein anderer, übereifriger Junge ihn ins Gras stieß.

»W…weißt du, dass ich so richtig glücklich bin, Monica?«, sagte Jimmy zu ihr und blinzelte gegen das Sonnenlicht. Monica lächelte und gab Jimmy einen frischen Apfel, den sie aus dem Picknickkorb klaubte. Dass sie jemanden glücklich machen konnte, fühlte sich ungewohnt und schön an. Ihre Zuneigung hatte sich seit ihrem ersten Kuss nicht verändert, sondern war eher noch gewachsen. Auch wenn sie drei Jahre älter war, Jimmy störte das nicht. In den letzten Monaten hatten sich mit der Liebe auch die anderen Bereiche seines Lebens auf wundersame Weise zum Guten gewendet. Seine Leistungen in der Schule waren viel besser geworden, so gut, dass Rektor Kidney mit Jimmy über eine Versetzung aufs College gesprochen hatte. Manch begabter Schüler hatte schon zwei Klassen überspringen dürfen, um früher am College zu studieren.

»W…willst du wissen, welches Fach ich studieren werde?«, fragte Jimmy Monica.

Monica schüttelte den Kopf, schob sich ein Stück Apfel in den Mund und fragte dann doch. »Altgermanisch, Gotisch, Indisch – gibt es sonst noch eine verrückte Sprache, die Monsieur Jimmy gern studieren würde? Atlantisch vielleicht?« Jimmy lachte und begann, Monica zu kitzeln. Sie quietschte laut auf und lachte wie ein kleines Mädchen.

Die Unbeschwertheit mit Jimmy ließ Monica ihre alltäglichen Sorgen vergessen. In letzter Zeit war Sam immer zudringlicher geworden, sodass Monica schon über eine Flucht nachgedacht hatte. Zu Hause war sie jedenfalls nicht mehr sicher, denn Sam hatte sich einen Schlüssel für ihr Zimmer nachmachen lassen. Manchmal grübelte Monica stundenlang darüber nach, wie sie diesem schrecklichen Mann entkommen konnte. Immer, wenn er sich an ihr vergangen hatte, wünschte sie sich ein Messer zur Hand, um ihn zu töten. Sie spürte, dass mit jedem Mal etwas in ihr zerbrach und dass es auch der Liebe zu Jimmy nicht zuträglich war, ja, diese sogar zu gefährden schien. Denn Jimmy war ein leidenschaftlicher junger Mann. Obwohl er erst sechzehn Jahre alt war, wäre er ihr gerne nähergekommen, hätte sie gerne überall berührt und liebkost. Aber das verbot er sich selbst. Dass Monica sich ihm zuweilen entzog, war ihm nicht entgangen, und er schrieb es seiner törichten Ungehobeltheit zu, die sie manchmal veranlasste, ihn von sich wegzustoßen. Außerdem empfand er dieses Wegstoßen, gefolgt von einer intensiven, sinnlichen Nähe, auch als aufregend und deutete es als eine Art Liebesspiel.

»Ich werde die Schule beenden und dann weit weg gehen. Weg von dieser Insel«, sagte Monica abrupt, als wollte sie Jimmy kränken.

Jimmy blickte sie erstaunt an, setzte sich auf und legte versöhnlich seine Arme auf ihre Schultern. »Wie meinst du das? Du darfst hier nicht weg. Wir gehen zusammen aufs College. Sag doch, was willst du studieren? Die ganze Welt steht dir offen!«

»Was soll ich hier, Jimmy? Ich will in die Welt hinaus. Willst du ewig auf dieser Insel bleiben? Willst du nicht auch fort? Ich will Amerika sehen, nach Europa reisen – Italien vielleicht, Griechenland. Du weißt doch, wie ich die griechische Mythologie liebe.« Ein Schatten hatte sich über Monicas Gesicht gelegt, etwas musste sie bedrücken. Jetzt schwieg sie, legte ihre Hand an den Kopf und zog sie durchs Haar, gerade so, dass die Sonnenstrahlen es goldbraun aufleuchten ließen. Jimmy beobachtete sie. Enttäuschung überfiel ihn, was er zu überspielen versuchte. Doch das Stottern verriet ihn.

»I…i…ich kann dich nicht verstehen. Vergiss nicht, vielleicht wird es Krieg geben. Es ist besser, hierzubleiben und zu studieren und bis nach dem Krieg mit dem Reisen zu warten. Nach dem Studium heiraten wir, und dann zeige ich dir die ganze Welt. Und wenn wir in Südafrika sind, dann essen wir Litschis, lauschen den hohen Wellen, die gegen die Felsen krachen, und riechen die salzige Luft an der Küste.«

Überrascht sah Monica auf. »Du willst mich zur Frau?«

Jimmy räusperte sich und versuchte, ohne Stottern zu sprechen. »Ja, obwohl du ziemlich hässlich bist, drei Jahre älter als ich, eine krumme Nase hast und nicht einmal kochen kannst, liebe ich dich und will dich heiraten.« Monica schubste Jimmy auf die Decke und drehte sich lachend zur Seite.

Jimmy zog sie an sich heran und grinste schelmisch. »N…nein, es hat einen anderen Grund. Ich hoffe immer noch, dass du mein Gestottere heilen kannst. Rettest du mich, Monica?« Monica küsste ihn auf die geschlossenen Augen, berührte mit ihren Lippen seine Nase, legte ihren Mund auf seine Wangen und sog genüsslich den Duft seiner Haut ein. Ein herber, männlicher Duft, der ihr gefiel.

»Du verstehst etwas falsch, Jimmy. Gerade dein Stottern finde ich anziehend. Es ist diese Unvollkommenheit, dein schüchternes Zurückweichen und dein langsames Herantasten, das ich an dir liebe.« Monica legte ihren Kopf in seinen Arm und verbarg ihr Gesicht in seinem blauen, rauen Schulpullover. Jimmy sah auf ihren braunen Schopf herunter und fühlte eine tiefe Verbundenheit zu Monica. Unvermittelt begann ihr Kopf zu beben, und überrascht legte Jimmy seine Hand auf ihr lockiges, volles Haar.

»Was ist mit dir, Monica?«, fragte er. »Sag mir, was ist passiert?«

Monica erhob sich aus seinem Arm und stützte ihren Kopf in die schlanken Hände. »Ich kann nicht darüber sprechen, Jimmy. Bitte, frag nicht.« Jimmy fuhr ihr übers Haar, berührte mit seinem Mund ihren Scheitel. Er sah sich um. Die Kinder standen im Feld und kickten wie wild gegen den Ball. Sie schubsten einander und schrien, ganz in ihr Spiel vertieft. Jimmy spürte, wie sich ein großer Klumpen in seinem Bauch bildete. Nun setzte er zum Sprechen an, hielt aber wieder inne, weil er nicht die richtigen Worte fand. »I…i…ich halte das nicht aus Monica. I…i…immer wieder stößt du mich von dir. Ich muss wissen, was los ist. Hat es mit mir zu tun?«

Monica sah ihn an. Wenn er seine Augen schloss, lagen seine Wimpern wie schwarze Fächer auf seinem unteren Augenlid. Sie liebte diesen Anblick.

»Und wenn ich nicht sprechen kann, wie ich möchte? Wenn meine Gefühle in einer verschlossenen Kiste in meinem Herzen liegen und die Kiste sich nicht öffnen lässt, Jimmy, weil das nur Unheil bringen würde? Was soll ich dann tun? Kannst du mir das sagen?« Monicas Mund wies feine, nach unten gerichtete Falten auf, die sie plötzlich um Jahre älter erscheinen ließen. Ihre Brust bebte, und ihre rechte Hand fuhr nervös über ihre Beine, als ob sie Schmutz wegwischen wollte.

Was kann so schrecklich sein, dachte Jimmy, dass es uns derart trennen kann?

Ein Gaslicht brannte an Jimmys Bett. Es warf ein zartes Licht auf die spärlichen Zimmermöbel. Jimmy wälzte sich auf dem Bett hin und her, das unter ihm ächzte. Er spürte eine tiefe Zerrissenheit in seinem Herzen. Was konnte er tun, um seine Liebe zu Monica zu retten? Jimmy schob ein weiteres Mal seine Hand in die Hosentasche und zog das gotische Gebet heraus. Atta unsa, Vater unser …

War Gott tatsächlich der Vater? Und war er auch sein Vater? Jimmy spürte, wie er sich nach einem Vater sehnte. Aber war dies der Richtige? Sollte er sich einem Vater anvertrauen, von dem er eigentlich nichts wusste, dessen Stimme er nie gehört hatte und der ihn bisher schrecklich alleine gelassen hatte? Jimmy legte traurig sein Gesicht auf das Papier. Was sollte er nur tun? Vater, ich vermisse dich.

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21


»Green, wo sind Sie nur wieder mit Ihren Gedanken? Haben Sie mich überhaupt verstanden? Bitte die Übersetzung an den Rand schreiben«, hallte Mr Kidneys Stimme durch das Klassenzimmer. »Wenn Sie nicht so ein guter Schüler wären, Green, hätte ich Sie schon längst vor die Tür gestellt und Ihnen eine Sechs für diese Französischarbeit gegeben, Sie Ignorant.« Kidney setzte sich an seinen kleinen Arbeitstisch vor der Tafel und kritzelte Buchstaben aufs Papier, während seine Schüler über ein Papier gebeugt einen englischen Text ins Französische übersetzten. Französisch fiel Jimmy leicht, er liebte auch das Finnische und Gotische. Manchmal, wenn er einige Stunden alleine zu Hause in der Wohnung war, dachte er sich neue Wörter aus, die er aufschrieb und zu logischen Sätzen zusammensetzte.

»Capouchon, robinet, vélo, yeux, lèvres«, flüsterte Jimmy und schrieb die Worte dicht an den Rand des Papiers. Lèvres, ging es ihm durch den Kopf, Lippen, wie die von Monica. Was war nur mit ihr los? Weshalb wollte sie ihm nicht...


Muhl, Iris
Iris Muhl (Jg. 1970) arbeitet seit vielen Jahren für Schweizer Medien. Nach vier Jahren bei TV und Radio, wo sie eigene Sendungen verantwortete, begann sie für renommierte Zeitungen unter anderem für die Handelszeitung zu schreiben. Später folgte eine Ausbildung zur Drehbuchautorin in Berlin und eine Weiterbildung zur Bilderbuchautorin in Zürich. Nach einigen Sachbüchern und Biografien für zwei Schweizer Verlage schreibt Iris Muhl heute hauptsächlich Romane. Sie wurde für ihre journalistischen Texte sowie Kurzgeschichten bereits mehrfach gewürdigt. Ihr Wunsch und Ziel ist es, außergewöhnliche und spannende Geschichten zu erzählen und den Leser damit zu fesseln.
Iris Muhl ist mit einem Architekten verheiratet und hat drei Söhne.

Iris Muhl (Jg. 1970) arbeitet seit vielen Jahren für Schweizer Medien. Nach vier Jahren bei TV und Radio, wo sie eigene Sendungen verantwortete, begann sie für renommierte Zeitungen unter anderem für die Handelszeitung zu schreiben. Später folgte eine Ausbildung zur Drehbuchautorin in Berlin und eine Weiterbildung zur Bilderbuchautorin in Zürich. Nach einigen Sachbüchern und Biografien für zwei Schweizer Verlage schreibt Iris Muhl heute hauptsächlich Romane. Sie wurde für ihre journalistischen Texte sowie Kurzgeschichten bereits mehrfach gewürdigt. Ihr Wunsch und Ziel ist es, außergewöhnliche und spannende Geschichten zu erzählen und den Leser damit zu fesseln.
Iris Muhl ist mit einem Architekten verheiratet und hat drei Söhne.



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