Muhl | Ein Lied für den Feind | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Muhl Ein Lied für den Feind


1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7751-7647-7
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

ISBN: 978-3-7751-7647-7
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Roman über Glaube und Zweifel, Hoffnung und Feindschaft, Liebe und Verlust - und über die Frage, wie viel Mut es braucht, um für ein wenig Frieden zu kämpfen. Nach einer unglaublichen, aber wahren Geschichte, die sich im Jahr 1914 an der Westfront abspielt. Manfred hat einen Traum. Er will Tiermedizin studieren und vom Hof seines alkoholkranken Vaters flüchten. Schweren Herzens lässt er seinen jüngeren Bruder Samuel und seine große Liebe Fanny zurück. Doch der Erste Weltkrieg macht seine Studienpläne zunichte. In den Schützengräben an der Westfront zweifelt Manfred am Krieg und verabscheut die vielen Opfer, die er mit sich bringt. Als alles verloren scheint, strahlt plötzlich ein Licht des Friedens auf und Feinde begegnen sich an Heiligabend. Es beweist: Der Blick auf das Kind in der Krippe ändert alles.

Iris Muhl (Jg. 1970) arbeitet seit vielen Jahren für Schweizer Medien. Nach vier Jahren bei TV und Radio, wo sie eigene Sendungen verantwortete, begann sie für renommierte Zeitungen unter anderem für die Handelszeitung zu schreiben. Später folgte eine Ausbildung zur Drehbuchautorin in Berlin und eine Weiterbildung zur Bilderbuchautorin in Zürich. Nach einigen Sachbüchern und Biografien für zwei Schweizer Verlage schreibt Iris Muhl heute hauptsächlich Romane. Sie wurde für ihre journalistischen Texte sowie Kurzgeschichten bereits mehrfach gewürdigt. Ihr Wunsch und Ziel ist es, außergewöhnliche und spannende Geschichten zu erzählen und den Leser damit zu fesseln. Iris Muhl ist mit einem Architekten verheiratet und hat drei Söhne.
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Kapitel 2


Fruchtbares Land


Bad Berleburg, Sauerland
1908

Im September 1906 war Freds Großvater an einer Lungenentzündung gestorben. Er hatte nach seinem Tod Freds Vater einen prächtigen Hof hinterlassen. Das fruchtbare Stück Erde, ein Gebiet von rund 120 Hektar bewirtschaftetes Land, an das auch noch ein großer Wald angrenzte, hielt sich nicht lange fruchtbar. Kurz nach der Bestattung des alten Hofpatriarchen führte der stolze Erbe, Gottfried Scheller, ein selbstsicherer Mann, der aber keinerlei Geschäftssinn besaß, einige Änderungen ein.

Mägde und Knechte durften von einem Tag auf den anderen nicht mehr am Familientisch essen, sondern mussten sich in der Küche verpflegen, ein Dutzend Zuchtpferde wurde übereilt einem Rennstallbetreiber verkauft, der sie mit Gewinn weiterverkaufte. Die Ställe sollten an andere Pferdebesitzer vermietet werden, was jedoch aufgrund der Lage – die Ställe lagen viel zu weit weg von der Stadt – nicht klappte. Ein Teil des gesunden Viehs wurde verscherbelt, ebenso die Mitgift seiner Ehefrau Ilse, damit Gottfried die Schulden bezahlen konnte, die er in der Stadt mit Geschäften gemacht hatte. Der alte Glanz des Scheller-Hofes wich schnell. Innerhalb von eineinhalb Jahren folgte die Insolvenz, denn alles Geld war weg.

So standen mit Ausnahme von zwei Boxen die Pferdeställe leer. Die zwei Pferde wurden von Fred und Samuel gepflegt. Vater hielt nichts von Pferden. Er behielt sie nur, um mit ihnen auf den Feldern zu arbeiten. Ein paar wenige Kühe waren ihnen geblieben. Sie gaben Milch und hin und wieder wurde eine geschlachtet. Doch das Fleisch war zäh und niemand wollte es kaufen.

Die Lüge einer wütenden Magd, Vater habe ein uneheliches Kind mit ihr, wurde für ihn zum Schafott. Händler und Geschäftsleute zogen sich zurück, kauften weder Milch noch Weizen und stürzten die Familie so in eine große Krise. Mutter, die einen tiefen Glauben an Gott besaß und darauf vertraute, dass er sie jederzeit auf ihrem Weg begleitete, besonders, wenn sich dieser als schwierig erwies, blieb weiterhin an der Seite ihres Angetrauten. Hin und wieder beobachtete Fred sie dabei, wie sie abends allein am Küchentisch saß, eine Kerze anzündete und leise ein Gebet sprach. Ihre empfindsamen, warmen Worte galten den Kindern, ihrem Mann, den Tieren auf dem Hof und den kranken Menschen im Dorf und ließen in Fred ein feines Geräusch anklingen, das sein Innerstes berührte und eine einzige Frage aufwarf: Sieht Gott auch mich?

Nachdem alle den Hof verlassen hatten, verlor sich das fleißige Werkeln in den frühen Morgenstunden, das Backen, Hantieren und Schreinern der Mägde und Knechte zu einem einzigen Schweigen, und nur noch Wind und Regen besuchten die Wiesen und Felder, die einst von Fruchtbarkeit strotzten. Und wenn noch etwas wuchs, dann wurde es kaum geerntet. Kaum jemand pflückte die Äpfel von Obstbäumen, lediglich ein paar verirrte Wanderer oder kleine Igel machten sich am frischen Obst zu schaffen, das am Boden lag.

* * *

An diesem Abend angelten Fred und Samuel Forellen. Sie hatten sich beruhigt, doch die Enttäuschung über den jüngsten Ausbruch ihres Vaters stand ihnen noch im Gesicht. Die kleine Kerbe über Freds Nase war nicht zu übersehen. Samuel nannte es die »Sorgenkerbe«, die immer auftauchte, wenn Vater wieder einmal zu viel getrunken hatte und um sich schlug.

»Hier«, zischte Fred und machte kaum eine Bewegung. Er stand im Flusslauf, das Wasser bis zu den Knöcheln. Die Schuhe hatten sie ausgezogen und auf einem hohen Stein gelagert, die Angeln aus ihrem Versteck geholt. Sie standen in lauwarmem Wasser, die Sonne hatte sich bereits hinter einem bewaldeten Hügel verzogen, und ein kühler Wind wirbelte über die beiden hinweg. Die Abkühlung tat gut, nicht nur auf der Haut, sondern auch im Kopf, in der Brust, im Bauch. Die Wut verflog allmählich und die beiden begannen zu lachen und zu schwatzen. Es war, als würde ihre Erstarrung ins Wasser fallen gelassen, würde den Bach hinunterfließen, immer weiter bis zur tiefen Eder, um von dort weiter bis in die Fulda zu gelangen, sich dort in einem großen Delta aufzuteilen und im Schlamm zu versinken.

Die beiden suchten nach Fischen fürs Abendessen. Ihre Füße versanken im Moos oder im Sand des Flusses. Fred hatte hinter einem mit grauem Geflecht bewachsenen Stein zwei kleine Forellen entdeckt. Er vermied es, seinem Bruder zuzuwinken, sondern hob nur ein klein wenig den Zeigefinger und deutete in die Richtung, wo die Fische standen. Nun warfen sie die Wurmköder ins Wasser, ließen sie ein wenig treiben, hoben den Kopf und blickten zwischen Ästen hindurch zum Himmel. Dichtes Blattwerk beugte sich an zarten Zweigen über sie und streifte sie an den Schultern. Manchmal verhedderte sich die Schnur in den Ästen, aber das war nicht weiter schlimm.

Hier am Fluss war es still, sicher und deshalb tröstlich. Der erdige Modergeruch, der Duft von Flusswasser, kurz zuvor seiner Quelle entsprungen, und Kiefernharz lag in der Luft. Und weil sie immer noch Kinder waren, lachten sie erleichtert auf, als müsste nun in diesem Augenblick alles von ihnen abfallen. Sie fingen eine Forelle und noch eine, während ein Hauch von Bodennebel aufstieg.

Schließlich nahmen sie die Fische aus und brieten sie über dem Feuer. Als Samuel am Feuer neben seinem Bruder einschlief, deckte ihn dieser mit seiner Jacke zu. Fred blickte an den Himmel und sah vereinzelte Sterne. Sie glitzerten wunderschön. Die Bäume am Fluss beugten sich wie alte, schwarze Riesen über sie und schienen zu summen. Aber es waren die Zikaden, die in der Sommerhitze keinen Schlaf fanden. Wenn ich nur ihre Namen wüsste, dachte Fred und schlief erschöpft ein.

Ein Rotkehlchen, das sich an einem Wurm zu schaffen machte, weckte Fred. Wie verrückt versuchte der Vogel den Wurm aus dem Boden zu zupfen, pickte und hüpfte hin und her, doch der Wurm verschwand eilig in der Erde. Nur kurz sah das Rotkehlchen Fred an, der seinen Kopf verwundert hob und sich das dichte Haar aus dem Gesicht strich.

»Du bist wohl hungrig«, sagte er freundlich zu dem Vogel, der aufgeregt sein Gefieder aufschüttelte. Dann flog das Kehlchen fort zur nächstgelegenen Kiefer, um dort weiterzupicken. »Ich bin auch hungrig«, sagte Fred zu sich selbst. Die Forellen hatten lecker geschmeckt. Fisch hielt jedoch nicht lange hin und Brot hatte er gestern in der Eile keins von zu Hause mitgenommen.

Mit der Hand schubste Fred seinen Bruder an. Samuel lag noch in Fötusstellung, die Jacke eng um sich geschlungen. Er atmete tief. Jetzt öffnete er die Augen. »Schon?«

»Ja, komm, wir müssen zur Schule«, sagte Fred leise. Er blickte auf. Zwischen das Blattwerk drängten sich ein paar Sonnenstrahlen. Ein sanfter Nebelflaum stand über dem ruhigen Fluss. Die beiden standen auf und klopften sich an ihrer Kleidung. Dann stellte sich Samuel an einen Baum und pinkelte.

»Komm endlich«, rief Fred ungeduldig.

»Aber ich will nicht nach Hause«, gab Samuel zurück.

»Wir müssen die Kleidung wechseln, so können wir nicht in die Schule.«

Stocksteif stellte sich Samuel hin. »Ich geh nicht nach Hause«, sagte er zu seinem Bruder.

Fred zog ihn am Arm mit sich. »Er ist bestimmt nüchtern. Außerdem gehen wir zusammen.«

Widerwillig rannte Samuel mit.

Manche Tage erscheinen wie frisch gestärkt, dachte Fred, als sie auf dem stillen Hof ankamen. Ein bisschen Trost tat gut nach alldem, was in den letzten Monaten geschehen war. Die Luft roch nach feuchtem Kies, nach faulen Äpfeln und Wiesentau. Fred sah glänzende Wasserperlen auf den Halmen, als er mit seinem Bruder die Eingangstreppe erklomm. Die Kirchenglocke der Stadt schlug sieben Uhr.

Sie traten ins Haus und hörten die Stimme ihrer Mutter in der Küche. Beide eilten in den ersten Stock, um zu sehen, wo Vater war. Die Tür zum Elternschlafzimmer stand offen. Mutter hatte sie bereits früh aufgeschlossen, damit Vater sie nicht auch noch zertrümmerte.

»Er ist nüchtern«, sagte Fred zu Samuel, obwohl er seinen eigenen Worten nicht traute. Sie huschten zum Kleiderschrank. Ein frisch gestärktes, kariertes Hemd, eine kurze Kakihose und frische Socken. Samuel tat es ihm gleich. Von einem Brett aus rötlichem Buchenholz, das über beiden Betten angebracht worden war, nahmen sie ihre Schulsachen. Ein Mathebuch, ein Schreibheft, ein Lineal, ein Buch von einem Schriftsteller namens Arthur Schnitzler mit dem Titel »Der Weg ins Freie«.

Gemeinsam gingen sie unten in die Küche. Sie war groß und hell. Mutter versuchte Ordnung zu halten, doch in den letzten Jahren war ihr all die Arbeit zu viel geworden. Nun standen überall Flaschen und Einmachgläser, Gewürze und ungewaschenes Obst. Ein paar Fliegen machten sich darauf zu schaffen. In der Ecke lag ihr Hund Piet und schlief. Der Tisch war schon seit einigen Tagen nicht mehr geputzt worden, denn Krümel von Mutters Weißbrot, das sie vor drei Tagen verzehrt hatten, lagen noch auf der hölzernen Tischplatte.

Vater saß da mit einem kühlen Lappen auf der Stirn, der schräg über einem Auge lag. Er hielt auch das zweite Augen geschlossen, als müsste die Welt, in der er lebte, außen vor bleiben. Tiefe Augenringe zeugten von einer schlechten Nacht. Fred fand, dass er lächerlich wirkte, und hätte am liebsten laut losgelacht. Tat es aber nicht. Im Laufe der letzten Jahre hatten sie alle gelernt, sich den Launen des Patriarchen anzupassen. Sie versteckten sich am Fluss, sperrten den Alten ein, wenn er übermäßig getrunken hatte und sie verprügeln wollte, oder suchten Auswege aus einer unerträglichen Lebenslage, indem sie sich unsichtbar machten, kaum ein Wort sagten, um keinerlei Fehler zu...


Muhl, Iris
Iris Muhl (Jg. 1970) arbeitet seit vielen Jahren für Schweizer Medien. Nach vier Jahren bei TV und Radio, wo sie eigene Sendungen verantwortete, begann sie für renommierte Zeitungen unter anderem für die Handelszeitung zu schreiben. Später folgte eine Ausbildung zur Drehbuchautorin in Berlin und eine Weiterbildung zur Bilderbuchautorin in Zürich. Nach einigen Sachbüchern und Biografien für zwei Schweizer Verlage schreibt Iris Muhl heute hauptsächlich Romane. Sie wurde für ihre journalistischen Texte sowie Kurzgeschichten bereits mehrfach gewürdigt. Ihr Wunsch und Ziel ist es, außergewöhnliche und spannende Geschichten zu erzählen und den Leser damit zu fesseln.
Iris Muhl ist mit einem Architekten verheiratet und hat drei Söhne.

Iris Muhl (Jg. 1970) arbeitet seit vielen Jahren für Schweizer Medien. Nach vier Jahren bei TV und Radio, wo sie eigene Sendungen verantwortete, begann sie für renommierte Zeitungen unter anderem für die Handelszeitung zu schreiben. Später folgte eine Ausbildung zur Drehbuchautorin in Berlin und eine Weiterbildung zur Bilderbuchautorin in Zürich. Nach einigen Sachbüchern und Biografien für zwei Schweizer Verlage schreibt Iris Muhl heute hauptsächlich Romane. Sie wurde für ihre journalistischen Texte sowie Kurzgeschichten bereits mehrfach gewürdigt. Ihr Wunsch und Ziel ist es, außergewöhnliche und spannende Geschichten zu erzählen und den Leser damit zu fesseln.
Iris Muhl ist mit einem Architekten verheiratet und hat drei Söhne.



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