E-Book, Deutsch, 414 Seiten
Reihe: Eichborn
Mumot Geisternächte
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7325-6047-9
Verlag: Eichborn
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 414 Seiten
Reihe: Eichborn
ISBN: 978-3-7325-6047-9
Verlag: Eichborn
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein doppelbödiger literarischer Spannungsroman, fiebrig, poetisch und verblüffend
Die Berliner Schauspielerin Kathi Bechstein verdient mit spiritistischen Sitzungen gutes Geld - auch wenn sie noch nie einen Geist gesehen hat.
Ihr Leben nimmt eine jähe Wendung, als die zehnjährige Sophie bei ihr auftaucht und ihr einen ganz besonderen Auftrag erteilt: Kathi soll mit Sophies ermordetem Bruder in Kontakt treten. Es eilt.
Was wie ein Spiel beginnt, wird bald schon bitterer Ernst. Unversehens geraten das falsche Medium und das Mädchen mit dem Glasauge in einen Strudel bedrohlicher Ereignisse - und holen Geheimnisse ans Tageslicht, die besser verborgen geblieben wären.
'Dieser Erzähler hat Vergnügen daran, Horror- und Thrillermotive mit dem Familienroman zusammenzuführen'Jens Bisky,SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, überMUTTERTAG
André Mumot ist promovierter Kulturwissenschaftler, Autor, Literaturübersetzer, Journalist und lebt in Berlin. Seit 2008 übersetzt André Mumot Romane, Jugend- und Sachbücher aus dem Englischen ins Deutsche. Für seine Übersetzung des bei Hanser erschienenen Romans Wunder wurde André Mumot mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2014 ausgezeichnet. 2016 erschien sein Debütroman Muttertag bei Eichborn.
Autoren/Hrsg.
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Der Abend, an dem Jakob Bechstein ins Koma geprügelt wird, ist einer der schönsten des Sommers. Ein Abend, auf den viele gewartet haben. Weil die Luft mild ist und warm und keine Wolken über den Häusern hängen. Kein bisschen schwül ist es, und endlich kann man aufatmen. Die meisten Fenster stehen offen, und die Leute zieht es hinaus in die vollen, freundlichen Farben dieses Abends, in sein sanftes Licht. Jakob Bechstein ist einer von ihnen.
Vorläufig noch ohne Ziel, erst einmal Richtung Strausberger Platz. Da steht der Brunnen, mitten im Kreisverkehr, und vermischt den Feinstaub in der Luft mit winzigen Wassertröpfchen. Um ihn herum Wagen und Fahrräder und Menschen und die zwei hohen Wohntürme aus einer anderen Zeit. Ganz in der Nähe laufen Kinder über den Spielplatz, brüllen, lachen.
Irgendwo am Rand, ein Stück abseits der Rutsche, sitzen zwei und fühlen sich ausgeschlossen. Das ist immer so. Irgendwer gehört eben nicht dazu. Aber auch sie werden heute länger draußen bleiben. Die Gutenachtgeschichten müssen noch warten.
Jakob Bechstein nickt und redet und strahlt wie alles um ihn herum. Er ist nicht allein, hat den Arm lässig um die Schultern von Kenan Akyüz gelegt, und beide lachen. Jemand wie Jakob muss nicht allein sein, wenn er nicht will. Ausgeschlossen fühlt er sich nie. Er sieht gut aus, ist munter und sorglos. Bei diesen milden dreiundzwanzig Grad und dem hohen blauen Abendhimmel gibt es aber auch wirklich keinen Grund, sich zu beschweren. Genießen muss man das, denn spätestens morgen geht es wieder los. Spätestens morgen beschwert sich wieder irgendwer.
Übers Wetter klagen die Leute in jedem Sommer, da gibt es keine Ausnahmen. In Umkleidekabinen, in Mittagspausen, vor Kantinenfenstern und in Schlafzimmern, bei ersten Dates und leise unter den schwarzen Regenschirmen, die bei Beerdigungen aufgespannt werden. Der Himmel weint, sagen sie. Sie reden, wenn sie schon mal dabei sind, auch über die Politiker, die immer bloß Lügen von sich geben, und über die Mieten, die immer bloß steigen. Manche reden übers Theater und über Bücher oder über die Ausländer und die Terroristen, aber irgendwann reden dann doch alle bloß wieder übers Wetter.
Man kann es verstehen. Dieser Sommer hat den meisten Regen seit Beginn der Wetteraufzeichnungen gebracht. An einigen Tagen hat er die Straßen so tief unter Wasser gesetzt, dass die Bewohner der Stadt an den Haltestellen die Füße heben mussten, weil bei jedem Öffnen der Bustüren ein großer Wasserschwall ins Fahrzeuginnere hereingerauscht kam. Und während sie in den vergangenen Jahren oft wochenlang darauf warten mussten, dass ein erlösendes Gewitter die aufgestaute Hitze aus den Hinterhöfen wusch, hat in diesem August jede Unwetterfront sofort die nächste nach sich gezogen und jeden halbwegs sonnigen Tag gnadenlos mit donnerndem Zorn bestraft.
Dazwischen die drückende Wärme, von der niemand etwas hat. Wenn man schon morgens verschwitzt aus der Bahn steigt und den ganzen Tag mit Flecken unterm Arm herumläuft, möchte man wenigstens in einen sonnigen Himmel schauen dabei, möchte an den See am Nachmittag, abends draußen sitzen und sich so lange Bier bestellen oder Wein, bis man angenehm betrunken ist. Aber dann rücken doch wieder die Wolken zusammen, und schon springen alle in die nächste Tram. Denn wenn es erst einmal anfängt zu regnen in diesem Sommer, hört es so schnell nicht wieder auf.
Und da soll man nicht verrückt werden?
Nein, soll man nicht.
Immer schieben sie’s aufs Wetter, die Leute. Ihre Wut und ihre schlechte Laune, ihre Schmerzen im Kopf und in den Gelenken, und am Ende auch die Schläge, die sie anderen verpassen. Normalerweise muss die quälende Schwüle des langen Sommers als Entschuldigung herhalten. Weil es unmöglich ist, sich zusammenzureißen, wenn’s zu heiß ist, vor allem nachts. Die Polizei fährt öfter raus im Juli und im August, steht in Fluren, in Treppenhäusern, vor Kneipen und in Bars, beruhigt, greift ein, führt ab. Aber auch ein Regensommer, der die Leute unter die Markisen treibt, der sie hinter Fenstern stehen und voller Unruhe ihre Wetter-Apps mustern lässt, kann sehr wütend machen.
So ein Sommer entwurzelt Bäume, die auf Autos krachen. Es schert ihn nicht, ob zufällig jemand in solch einem Wagen sitzt, auf sein Handy starrt und feststellt, dass die Niederschlagswahrscheinlichkeit für die nächsten sechs Stunden bei 80 Prozent liegt. Es dauert noch ein Weilchen, bis die wirklich verheerenden Herbststürme aufziehen, aber der durchweichte Boden bringt die Bäume schon jetzt zu Fall, nimmt den Wurzeln ihren sicheren Halt. Verlässliche, freundliche Kastanien geraten ins Wanken, und stramme deutsche Eichen kippen einfach um.
Eine fantastische Sache ist dieser Sommer eigentlich nur für die Mücken. Überall breiten sich auf den unebenen Bürgersteigen und den sandigen Parkwegen der Stadt kleine und größere Pfützen aus. Bald kreisen darüber Flügel, Beine, Stechrüssel, verbinden sich zu dünnen, kaum sichtbaren Körpern und steigen suchend auf. Auch die Mücken würden wohl übers Wetter reden, wenn sie’s könnten, und zwar voller Begeisterung. Das ist ihr Sommer. Aber sie wissen: Viel Zeit bleibt ihnen nicht, um ihren Hunger zu stillen und Eier abzulegen. Der Herbst ist fast schon da. Also lassen sie sich von den Blut- und Schweißgerüchen treiben. Beides ist hier im Überfluss vorhanden, da müssen sie nicht lange suchen.
Überall sprechen offene Fenster ihre Einladung aus. Auf der Danziger Straße, im vierten Stock, hinter einem dieser Fenster, steht Jakob Bechsteins Schwester und schaut hinaus. Zwei Mücken sind bereits fest entschlossen, bei ihr einzuziehen, und huschen an ihr vorbei.
Auch Kathi Bechstein atmet auf. Auch ihr tut es gut, dass der Abend zur Abwechslung mild ist und heiter. Das einzige Problem: Wenn es zu schön ist, sagt ihr womöglich die Kundschaft ab. Das wäre ärgerlich. Für ihr Geschäft bieten dunkle Wolken und ferner Donner bessere Arbeitsbedingungen. Aber nur nicht den Teufel an die Wand malen. Sie werden schon kommen. Man muss ja von irgendwas leben.
Jakobs Schwester schließt das Fenster und zieht die schweren Vorhänge zu. Das Deckenlicht brennt zu hell und bringt die beiden Mücken durcheinander. Aber Kathi Bechstein wird umgehend für indirektere Beleuchtung sorgen. Sie zündet Kerzen an, verteilt sie auf der Kommode und auf den zwei Beistelltischen. Sie weiß genau, wie der richtige Effekt zustande kommt. Eine einzelne Lampe wird später von unten ihr Gesicht anstrahlen und starke Schatten werfen.
Sie stellt eine flache gusseiserne Schale mit Wasser in die Mitte des runden Tisches und frische, aber dezente Duftstäbchen ins Regal. Ihre Klienten wissen den stilistischen Minimalismus zu schätzen, übertriebenen Hokuspokus können sie an jeder Ecke bekommen. Außerdem geht es nicht um das, was schon im Raum ist, sondern um das, was sie in den Raum hineinholen wird.
Ein prüfender Blick. Ihre Hand fährt über die Rückenlehne eines Stuhls, schiebt ihn ein Stück zur Seite. Sie räuspert sich mehrmals. Eine altmodische Pendeluhr macht Geräusche an der Wand. Wie ein Metronom. Das erträgt sie nur, wenn sie Sitzungen veranstaltet. Wenn nicht, hält sie die Uhr an.
20 Uhr 53.
Wie schön: Es sind keine Nachrichten auf ihrem Handy. Bisher hat niemand abgesagt. Also geht sie noch einmal ins Bad, begutachtet sich im Spiegel. Mit spitzen Fingern zupft sie zwei lange blonde Haare von ihrem hochgeschlossenen schwarzen Wollkleid. Sie legt die Kette mit den großen Amethysten um und zieht den braunroten Lippenstift nach. Dazu dunkler Lidschatten. Das Wichtigste sind dramatische Augen.
Kathi Bechstein ist zufrieden. Sie schaltet das Licht im Bad aus und lockert die Schultern. Beim Gang über den Flur macht sie Stimmübungen, sagt zweimal mit angespannter Gesichtsmuskulatur: »Zwischen zweiundzwanzig schwankenden Zwetschgenzweigen.« Gelernt ist gelernt.
Dann klingelt es endlich, und ihre Finger legen sich mit sanftem Druck auf den Türöffner. Sie strafft sich und lächelt. Mit einem freundlichen Guten Abend bittet sie den ersten Gast in die künstliche Nacht ihrer Wohnung, während ihr Bruder mit seinem Begleiter schon beinahe den Alexanderplatz erreicht hat und die letzte Sonnenwärme auf den Wangen spürt.
Jetzt bleibt er stehen, schaut auf sein Telefon. Schüttelt den Kopf. Dann grinst er wieder und erklärt, was los ist.
Fahrräder fahren an ihm und Kenan Akyüz vorbei. In einigem Abstand bleiben drei Männer stehen. Sie sind schon eine ganze Weile hinter den beiden hergegangen und haben auf dem Weg abwechselnd aus einer kleinen Wodkaflasche getrunken. Jetzt zünden sie sich Zigaretten an. Einer fotografiert. Den schönen Abend. Und Jakob Bechstein, der sich verabschiedet, weil er noch wegmuss. Es hat sich sehr spontan etwas ergeben.
Nein. Moment. Echt jetzt?
Es könnte so schön sein, aus dem Abend könnte eine Nacht werden, eine gemeinsame. Aber mit so was muss man bei Jakob immer rechnen. Er hat so viele Freunde. So viele Menschen, die um ihn buhlen, die ihn treffen, mit ihm Zeit verbringen, ihn küssen oder sonst was mit ihm machen wollen. Zugegeben: Vielleicht gibt es auch den ein oder anderen, der ihn zusammenschlagen möchte.
»Wir sehen uns dann morgen wieder, ist doch kein Problem. Mach du auch noch was Schönes.«
»Was Schönes?«
Jetzt, da Jakob wegmuss, scheint auch die Luft nicht mehr ganz so sauber und frisch zu sein. Wenn er nicht strahlt, sondern Ausflüchte macht, strahlt auch die Umgebung nicht mehr. Der Wind hebt einige Blätter auf und pustet Körnchen in die Gesichter der...




