Mumot | Muttertag | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 493 Seiten

Reihe: Eichborn

Mumot Muttertag


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7325-2978-0
Verlag: Eichborn
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 493 Seiten

Reihe: Eichborn

ISBN: 978-3-7325-2978-0
Verlag: Eichborn
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine verfallene Villa, ein traumatisiertes Dorf und vertuschte Experimente. Menschen, die sich vor dem Tag verstecken, und eine einsame Kapelle, in der Gläubige ein Mädchen ohne Gedächtnis anbeten. Lange hat sie sich verborgen, doch nun kehrt eine skrupellose Sekte zurück, um ihre blutigen Pläne in die Tat umzusetzen. Ausgerechnet der vermeintlich harmlose Pensionär Richard Korff gerät dabei ins Fadenkreuz, und bald verfängt sich auch der Rest seiner Familie im tödlichen Spiel einer Mutter, die keine Gnade kennt.

André Mumots raffiniertes Romandebüt über Abgründe in der deutschen Provinz. Ein so unerschrockenes wie elegantes Spiel mit den Genres.



André Mumot, geboren 1979, hat nach seiner Promotion in Kulturwissenschaften und Ästhetischer Praxis in Hildesheim für verschiedene Medien, Tageszeitungen und Magazine geschrieben und 2008 das Buch Irrwege zum Ich. Eine kleine Literaturgeschichte des Gehens veröffentlicht. Er ist Theaterkritiker und moderiert "Rang 1", das Theatermagazin im Deutschlandradio Kultur. Zum von Publikum und Kritik gefeierten Bestseller wurde seine Übersetzung des Romans Wunder von Raquel Palacio.
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Und wenn sie sich wehrt? Sie bleiben stehen, werfen einander unschlüssige Blicke zu, flüstern kurz miteinander. Sie schauen sich um im Raum und dann zögerlich zu ihr hinüber. Wird sie diesmal tun, was man ihr sagt? Sie muss. Einer stellt sicher, dass die Tür verschlossen ist, nickt einem anderen zu, der das Futteral öffnet und die Schärfe einer Klinge prüft. Dann geht er auf sie zu. Erst mal rauf mit ihr. Die Treppe hoch, auf die leere, dunkle Bühne. Notfalls werden sie sie zerren, notfalls wird sie eben geschleift. An den Haaren gezogen, wenn es nicht anders geht. Aber, nein, das Mädchen wehrt sich nicht – diesmal nicht. Fast könnte man meinen, es hätte sich schon an all das gewöhnt. Noch ist es stumm, noch sagt es kein Wort. Es krümmt sich kurz, es schaut mit großen starren Augen zur Decke hinauf. Es konzentriert sich, lauscht, nickt.

* * *

Wenn ich es einmal gekonnt habe, denkt das Mädchen, kann ich es wieder tun. Schneiden und trinken. »Da.« Jetzt hält er mir einen dieser Gegenstände vors Gesicht. Noch einmal sagt er: »Da!« Ich nicke. »Du musst das Messer nehmen.« Es ist kalt. Ich schließe die Augen und spüre, dass mein Herz schneller und schneller schlägt. Aber das heißt doch, dass ich am Leben bin, oder nicht? Dass ich immer noch am Leben bin. Ich versuche, mich auf die Stimme zu konzentrieren, aber es gelingt mir einfach nicht. Zu viel Bewegung. Etwas flattert dicht an mir vorbei, und ich zucke zusammen, schreie auf. Es ist ein Vogel, einer von diesen Vögeln, die nicht wissen, wohin, die mit den Flügeln schlagen und zur Decke aufsteigen. Weil dort Rettung sein müsste. Eine Hand umfasst meine Schulter. »Hör zu«, sagt er leise, und ich spüre kalt die Klinge. Ich weiß nicht, ob ich es richtig mache, aber jetzt tue ich, was sie wollen. Jetzt spreche ich. Mein Herz klopft, und kurz öffne ich die Augen. Stewart sitzt in einer Ecke. Ich kann ihn kaum erkennen, aber er hat beide Hände vor dem Mund gefaltet und die Ellenbogen auf die Knie gestützt. Ich kann seine Spannung spüren, weiß, dass er jetzt sehr viel von mir erwartet. Es ist kalt, seit sie das Feuer gelöscht haben. Die abgezogene Haut ist verbrannt, nur noch bittere, stinkende Asche. Aber ich bin am Leben, vielleicht bin ich immer noch ich, und als der Schrei ertönt, schreie ich mit, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Der Raum ist hoch, das Echo fällt auf uns herab. Das Blut ist so dünn. Dünn ist es, und es sieht nicht rot aus, nicht so rot, wie ich es mir vorgestellt habe. »Es genügt noch nicht«, sagt er. Stewart nickt in seiner Ecke. Also weiter.

* * *

Jetzt wartet er schon eine ganze Weile. Noch immer keine Bewegung auf der Straße. Ein bisschen Regen, Tropfen wie hauchfeiner Staub im Laternenlicht. Schon wieder schaut er auf die Uhr. Pünktlich sind sie nicht.

Der unordentliche Haufen auf dem Beifahrersitz zieht seinen Blick immer wieder an – die Notizblöcke, die Karten, die Kopie eines medizinischen Gutachtens, die Kamera. Bilder von Luisenburg: das Gelände, aufsteigende Rasenflächen, Bänke, die Umgebung. Die Zufahrtsstraßen. Das frisch eingesetzte Fenster.

Jetzt steigt er aus, hält sich an der Fahrertür fest. In so einem Moment, denkt er, würde es sich lohnen, Raucher zu sein. 23 Uhr 19. Es ist kalt, niemand hier. Die fensterlosen Gebäuderückseiten der leerstehenden Farbenfabrik versperren ihm die Sicht auf die Straße. Aber sie ist da, schlängelt sich durch das vereinsamte Gewerbegebiet mit den weit auseinanderstehenden, kalten Lichtquellen und den ausgeschalteten Ampeln. Ein viel zu breiter Fluss aus aufgesprungenem Asphalt, der sie zu ihm bringen wird. Er dreht sich um. Irgendwo dort ist die Raststätte, dahinter die Autobahnauffahrt, dahinter mitteldeutscher Wald.

Die Müdigkeit macht ihm zu schaffen. Gewiss wird er angespannt und überfordert wirken, wenn sie hier eintreffen. Dabei kann er so jung, so frisch, so hoffnungsvoll aussehen. Auf seiner Website zum Beispiel gibt es mehrere Fotos von ihm, die ein Freund aufgenommen hat. Auf einem davon hält er den Kopf leicht abgewandt und schaut wissend und halbwegs amüsiert in eine erfolgversprechende Zukunft. Den Text hat er selbst verfasst, sich aber dazu entschieden, sich in der dritten Person vorzustellen: Morten Rheinberger hat Medienwissenschaften, Philosophie und Politologie studiert, schreibt für verschiedene Musikzeitschriften, Tageszeitungen und Magazine.

Er muss daran denken, dass bei ihm zu Hause noch Konzertkarten an der Pinnwand im Flur hängen. Seine Gedanken suchen Halt in der kommenden Woche, haken Verabredungen ab. Im Kalender stehen Termine, die er ganz lässig abwickeln kann – wenig Geld, aber leicht verdient. Das hier ist was anderes. Sogar Veltheim sitzt ihm mit der Geschichte im Nacken, spornt ihn an. Und das, obwohl er zu den Redakteuren gehört, die grundsätzlich nicht zur Begeisterung neigen. Weil er eigentlich nichts anderes ist als ein undankbarer Besserwisser, der einem die Artikel zerpflückt und am Telefon schon aus Prinzip so kurz angebunden ist, dass man besser gar nicht erst anruft.

Aber auch einer wie Veltheim, denkt Morten Rheinberger, hat seine hellen Momente. Neulich jedenfalls hat er ihm beim Vier-Augen-Gespräch in einem schlecht gelüfteten Konferenzraum die Hand auf die Schulter gelegt und »Gerne mehr« gesagt. Aber gleichzeitig hat er ihm klargemacht, dass er die Artikel erst veröffentlichen und entsprechend bezahlen wird, wenn die Recherche abgeschlossen ist und er gesicherte Fakten auf dem Tisch hat.

Jetzt! Das Geräusch eines näher kommenden Wagens? Nein, immer noch nicht, bloß ein fernes Rauschen, das sich in den verwaschenen Lauten der Nacht verliert. Wieder sieht er sich um. Gut gewählt ist dieser Treffpunkt in jedem Fall. Abgeschieden und auf fast schon lächerliche Weise bedrückend. Respekt! Er hört sich auflachen, versucht es mit Sarkasmus. Zugleich bemüht er sich, nicht daran zu denken, was er heute Nacht womöglich zu Gesicht bekommen wird. Er muss Beobachter bleiben, einen kühlen, wertfreien Blick bewahren. Er glaubt noch immer, dass er eine Geschichte schreiben und nicht Teil einer Geschichte sein wird. Gute Artikel sollen das werden, Artikel, die ihm Respekt verschaffen, die den hoffnungsvollen Zukunftsblick auf seiner Website rechtfertigen und es ihm ermöglichen, bessere Aufträge zu bekommen, bessere Honorare und die Option einer Festanstellung.

Er könnte jetzt im Backstagebereich eines Konzertes stehen, mit einer Bierflasche in der Hand, aber stattdessen steht er hier, bärtig und besorgt, trommelt mit den Fingern auf dem Autodach herum und hebt den Blick. Na also. Diesmal gibt es keinen Zweifel. Das Motorengeräusch, gleichmäßiges, lauter werdendes Rauschen. Die Sache kommt jetzt in Gang und ein Zurück nicht mehr in Frage. Deep Throat, denkt der Freelancer. Er denkt immer noch nicht: Das hier ist nicht meine Liga. Das hier sollten andere tun.

Ein alter Corolla. Auf dem Beifahrersitz eine Frau. Am Steuer ein Mann. Als dieser aussteigt, kann er erkennen, dass hinten noch jemand sitzt. Zu dritt?

Nun also professionell sein. Nicht nervös, sondern genervt aussehen. Gutes journalistisches Handwerk. Seine Stimme lässt ihn nicht im Stich, als er den Mann anspricht, der bei laufendem Motor auf ihn zukommt, ihm fahrig die Hand drückt und den Blick nicht von ihm abwendet. »Da sind Sie ja. Ich weiß nicht, ob Ihnen das klar ist, aber ich habe nicht die ganze Nacht Zeit.«

»Verständlich«, sagt der Mann und nickt etwas zu nachdrücklich. Auch er scheint nervös. Glatte dunkle Haare, durchtrainiert, Mitte dreißig? – nicht das, was Morten Rheinberger erwartet hat. »Es wird nicht lange dauern. Nehmen Sie mit, was Sie brauchen, wir setzen Sie nachher wieder hier ab.«

Er greift nach dem Notizblock und hält mit fragendem Gesicht die Kamera hoch.

Der Mann schüttelt den Kopf. Die Frau auf dem Beifahrersitz hat sich umgedreht, scheint sich mit der Person hinter ihr zu besprechen.

»Es wird sich für uns lohnen und auch für Sie«, sagt der Mann. »Aber wir müssen uns beeilen.«

Morten Rheinberger steigt ein, und schon hat sich der Corolla in Bewegung gesetzt, gleitet geschmeidig unter den kalten Laternen dahin. Mit vier Insassen verlässt er den Parkplatz und das menschenleere, in Nieselregen gehüllte Gewerbegebiet mit seinem verwaisten Baumarkt, dem vierstöckigen Möbelhaus und der schlauchartigen Waschanlage. Auf seinem unbeirrten Weg rauscht der Wagen an der Raststätte vorbei, wo weitgereiste LKW schwer nebeneinander ruhen. Die Auffahrt aber lässt er aus, biegt stattdessen ab und verschwindet auf einem Schotterweg, der direkt in den mitteldeutschen Wald hineinführt.

Scheinwerfer zwischen dünnen Ästen, hier und da zuckt etwas. Motorengeräusche in angespannter Stille, aufgescheuchte Bewegungen im Unterholz, erstarrtes Verharren. Von alledem bekommt der gerade Zugestiegene aber sowieso schon nichts mehr mit.

* * *

Sie geben keine Ruhe. Eins folgt aufs andere. Ich hab es einmal gekonnt, ich kann es wieder, auch wenn ich würgen muss. »Es genügt noch nicht«, sagt er. Stewart nickt mir zu. »Weiter«, sagt er. »Weiter.« Es ist so kalt. Ich höre über mir das Flügelschlagen, immer im Kreis, manchmal tiefer, aber eigentlich nach oben, weiter in die Höhe, dorthin, wo der Himmel sein müsste und wo kein Himmel ist. Und noch etwas. Die Tür. Jemand ist hereingekommen. Sie schauen einander an, nicht mich. Mich schauen sie nicht an. Das Mädchen wird nicht angeschaut. Da draußen ist jemand. Ich verstehe sie nicht, aber ich weiß es, so wie ich weiß,...


André Mumot, geboren 1979, hat nach seiner Promotion in Kulturwissenschaften und Ästhetischer Praxis in Hildesheim für verschiedene Medien, Tageszeitungen und Magazine geschrieben und 2008 das Buch Irrwege zum Ich. Eine kleine Literaturgeschichte des Gehens veröffentlicht. Er ist Theaterkritiker und moderiert "Rang 1", das Theatermagazin im Deutschlandradio Kultur. Zum von Publikum und Kritik gefeierten Bestseller wurde seine Übersetzung des Romans Wunder von Raquel Palacio.



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