Mundt | Madonna - Unterhaltung mit einer Heiligen | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 212 Seiten

Mundt Madonna - Unterhaltung mit einer Heiligen


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3239-7
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 212 Seiten

ISBN: 978-3-8496-3239-7
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die 'Madonna' ist eine Mischung von Reisebildern, Novellen und Doktrinen in einem glänzenden, aber oft forcierten Stil. Der Grundgedanke dieser Arbeit ist eine Apotheose des Fleisches und der Sinnlichkeit, die hier mit grosser Ungeniertheit, an vielen Stellen sogar mit leidenschaftlicher Glut zu Tage tritt.

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An meine Heilige.



I. Mein Philister in Teplitz.

– Noch einen Tag in Teplitz will ich Dir beschreiben, meine Madonna, ehe ich den Eilwagen nach Prag besteige. Es ist ein Sonntag, und das ist gerade die rechte Beleuchtung für einen Badeort, um alles Schöne und Häßliche in seiner besten Toilette zu erblicken. Komm nur Schlag 11 Uhr mit mir in den anmuthigen Schloßpark, wo vor dem Gartensaale des jungen Fürsten Clari allsonntäglich ein Concert im Freien gegeben wird, welches zum Versammlungspunct des ganzen badenden und nicht badenden Teplitz dient. Nur falle Dir nicht ein, wie mir, früher auszugehn, um auf der Promenade, oder etwa gar in der Kirche, schon interessante Figuren Dir aufzufangen. Die Promenade ist leer, und nur hier und da kommt Dir ein schwererer Kranker, der gebadet hat, verhüllt und auf seinem Rollstuhl entgegengefahren. Und wenn Du die Frommen zu schauen liebst, o Madonna, so suche sie nicht, wie ich, in der schönen Schloßkirche. Ich hatte gern einmal sehen wollen, wie ein Badegast oder eine Badegastin betet, aber es war fast gar nichts zu hören und zu sehen von eleganter Welt vor Petri Pforte. Gott weiß, was die Eleganten noch für Götter haben neben ihm! Aber warte nur bis 11 Uhr, warte nur bis 11 Uhr! Dann werde ich die Brille aufsetzen, und Dir die ganze Flora zeigen. Bis dahin frühstücken wir noch im Gasthof, und lesen die Zeitung, oder blättern in der Badeliste. Oder sprechen wir von Politik, mein Kind!

Ja, höre, liebe Heilige, mir ist eingefallen, daß ich ein schlechter Preusse sein müßte, wenn es mir gar nicht in Teplitz gefiele! Es muß mir also durchaus hier gefallen, denn Alles ist hier Preussisch und Berlinisch, man mag hinsehen, wohin man will. Ganz Teplitz ist eine preussische Provinz, und meine Vaterlandsliebe braucht hier ordentlich stärkende Bäder, wenn ich über die Straßen gehe. Unser König, welcher bekanntlich alle Sommer hier zubringt, wird von der sämmtlichen hiesigen Bevölkerung, die mit einem wahren Herzensenthusiasmus an seiner ehrfurchtgebietenden Erscheinung hängt, nur immer geradezu der König genannt, und so sind wir Berliner alle natürlich wie zu Hause. Auch preussisches Militair jeder Art sieht man hier viel, denn der unermüdlich wohlthuende Sinn des Königs hat selbst für gemeine Soldaten, die erkrankt sind, einen Fonds angewiesen, aus dem sie in die Bäder von Teplitz geschickt werden. Und so müssen mich mehrere Soldaten vom Alexander-Regiment sogar an die Straße erinnern, wo ich in Berlin wohne, weil in deren Nähe die Alexander- ist. Kurz, nichts fehlt, um mir den Berliner einzutränken, und ich darf es mir nicht einmal merken lassen, daß ich verzweifele. Ich muß ordentlich wie ein dankbar vergnügter Berliner thun. Und der reiche jüdische Banquier aus der neuen Friedrichstraße, der mit seiner hübschen Frau hier ist, hat mich seinen jungen geistreichen Landsmann genannt, und wir sind Dreie zusammen gegangen auf den Schlackenberg, und haben bewundert die süperbe Aussicht. Itzig & Comp. ist auch dagewesen, und hat gesagt, der Tempelhofer Berg bei Berlin sei doch besser. Hat Itzig Sohn geschrieen aus Leibeskräften, wie ein gebildeter Berliner so wenig Natursinn haben könne. Hat Itzig Vater es bekräftigt, daß doch der Tempelhofer Berg bei Berlin besser sei, weil er sich leichter steigen lasse zu Fuß. Haben sie alle gelacht über den Witz. Bin ich fortgeschlichen wie ein frierendes Windspiel.

Straßen und Häuser erinnern mich hier auch an Preussen. Alles ist so freundlich, so abgeputzt, so neu, so reinlich, wie ein jungfräulicher Staat. Ein jungfräulicher Staat, der eine gewisse Schamhaftigkeit hat, sich ganz zu entfalten. Und seltsam, da kommen mir gleich noch andere Beziehungen, die für Preußen auf diesem Teplitz ruhen, ins Gedächtniß, zum Theil als Erklärung jener Schamhaftigkeit! In Teplitz, in einem Badeort, wurden gewissermaßen die ersten Grundsteine zu der für jeden Patrioten so ernsthaften Wahlverwandtschaft zwischen Rußland, Preussen und Oesterreich aufgerichtet. Denn diese Mächte hatten schon nach der Schlacht bei Culm am 30. August 1813 ihre Hauptquartiere nach Teplitz verlegt, um es für die vielen Bedrängnisse, welche diese Stadt erlitten, zu entschädigen, und unterzeichneten daselbst im September desselben Jahres jene Allianz-Tractate, die damals für die Befreiung Deutschlands von so großen Folgen wurden. Und ich bin wahrhaftig unschuldig daran, wenn es hier Jemand einfallen sollte, den Ton auf Damals zu legen. Was in aller Welt geht mich die Betonung meiner Sätze an? In diesem accentlosen deutschen Leben habe ich längst den Muth verloren, auf die rechte Stelle den Ton zu setzen, wo ich wohl möchte! Die Lehre, mit Accent und Nachdruck zu sprechen, ist eine gefährliche Wissenschaft, und sie wird Einem abgewöhnt in der Spießbürgerprosa unserer Redefreiheit. Ein mattes Leben, seine Aussprache ohne Accente! Da kann kein Schulmeister helfen!

So komm denn, Heilige, lieber in den Schloßgarten! Zeit ist es jetzt. Mädchen, Mädchen, es ist doch eine schöne Welt, – nämlich die, welche sich dort in den bunten Hüten und flatternden Schleiern, im weißen Kleid und durchsichtigen Busenflor, mit den Phantasielocken und Backenbärten, mit dem englischen Frack und den französischen Pantalons, über den Platz am Brunnen hinbewegt. Sie biegen alle in das hohe Portal des Schlosses ein, und wir müssen ihnen nach. Ich höre schon aus der Ferne einige tüchtige Grundstriche der Baßgeige, die Musik im Park hat begonnen. Wir mischen uns in das Gedränge, wir theilen muthig, wie geschickte Schwimmer, den glänzenden Strom, im Vorübereilen manchen schönen Arm streifend. Nun sind wir in der großen Allee, in der sich Alles in wogenden Gruppen auf und niederbewegt, die vornehmsten und reizendsten Gestalten, höchste Welt und anmuthigstes Volk aller Art, Elegantes im Großen, Elegantes im Kleinen. Außerordentlich gut und zahlreich ist besonders die Damen-Vegetation gerathen. Ein unübersehbares Beet strahlender Blumen, frischer und gemachter Rosen. Sie nehmen mehr als Dreiviertel des ganzen Gesichtskreises ein, und würden die Sonne verdunkeln, wenn sie nicht hinter Wolken untergegangen wäre. Man hat eine auserlesene Flora und Fauna fast aller Nationalitäten in einem bunten Festbouquet beisammen.

Dem Concert kehrt man bald den Rücken, bald sucht man es wieder auf. Man läßt sich bald auf den Seitenbänken unter hübscher, selbstgewählter Gesellschaft nieder, bald schiebt man sich in der Mitte der Allee unter auf und nieder wandelnden Reihen fort, und folgt diesem oder jenem Augenstern, der in unser Sonnensystem zu passen scheint. Wahrlich, so viel schöne Mädchengesichter sieht man nur in einem Badeort, der gewissermaßen ein Bazar so mancher Frühlingserstlinge ist, auf einen Punct versammelt, obwohl sonst Teplitz an Eleganz und Reichthum der Toilette zurückstehen muß gegen die übrigen böhmischen Bäder. Dies ist jedoch nur Ergebniß der preussischen Einfachheit, zu welcher der hier verweilende Hof den Ton angiebt.

Wir sehen uns noch ein wenig die Damen an. Jene Engländerin mit ihrer ätherischen Taille erkennst Du gleich heraus. Ein hochgewachsenes, fast durchsichtiges Bild schwebt sie mit ihren schlanken Schritten an dem Arm eines menschenfeindlichen, in einen langen, gelben, vorn ganz zugeknöpften Ueberrock gekleideten Lords vorüber. Sie blickt wenig umher, das blasse feine Gesicht ist meist in etwas gleichgültiger Ruhe auf die Spitze ihrer kleinen Füße gerichtet. Ihre ganze Gestalt ist heller, klarer Krystall, aber ohne farbige Sonnenreflexe. An ihren Bewegungen verräth sich dort die Französin, mit der kleinen zierlichen Figur, dunkelm Teint, starker Gesichtszeichnung und den bedeutend blickenden Augen. Sie geht frei und lächelt sieggewohnt; ihre Blicke beherrschen den ganzen Umkreis der ihr begegnenden Gesichter. Sie weiß unaufhörlich etwas zu sprechen zu ihren Begleiterinnen, sie scheint Esprit zu haben, und macht Bemerkungen. Und das dort ist eine schöne Jüdin aus Berlin, reizend in dem gewissermaßen geklärten Orientalismus, der ihre eigenthümlich geschnittenen Gesichtszüge färbt, mit üppigen, lebensvollen Formen. Ein interessanter Schlag, sehr häufig in Berlin, und in dieser anmuthigen Klärung der Formen Abrahams gewissermaßen die dortige halbe Emancipation des Judenthums ausdrückend. Denn die ganze Emancipation müßte nothwendig entweder rein christliche, oder wieder durchaus stockjüdische Formen geschaffen haben. Jetzt aber erhebe den Blick zu jener polnischen Gräfin, die dort im vollen Glanz und Zauber ihrer Nationalität aus der sie umgebenden Damengruppe hervorragt. Sie ist ganz Polin, die originelle sarmatische Natur kann sich in den feurig sprühenden Bewegungen dieser Gestalt keinen Augenblick verläugnen. Die großen blauen Augen rollen umher und suchen ein Ziel; das Zucken und scharfe Ziehen um den schönen, stolzen Mund scheint jeder Annäherung zu spotten, und doch verräth ein wunderbar blitzender Gesichtszug, daß die Polin genial und hingegeben in der Liebe ist, wie keine andere Frau. Und wer ist die kleine Unschuld, die auf jener Bank so tief verschleiert dasitzt? Ein hübsches, gutes, deutsches Mädchen. Sie sieht aus, als hätte sie sich an frommen Erbauungsschriften, an den Glockentönen von Strauß, und den Stunden der Andacht, etwas schwindsüchtig gelesen. Den Schleier aber hat sie heut nicht aus ascetischer Frömmigkeit heruntergelassen. Die...



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