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E-Book, Deutsch, 324 Seiten
Mundt Steinreise
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7412-1595-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein historischer Episodenroman
E-Book, Deutsch, 324 Seiten
ISBN: 978-3-7412-1595-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Während andere Kinder davon träumten Polizisten, Lokomotivführer oder Superhelden zu werden, wollte der 1967 geborene Andreas Mundt schon als Grundschüler Dichter, Schriftsteller oder wenigstens Philosoph werden. Im Teenageralter wurde die Schreiberei mit viel Herzblut betrieben. Der werdende Autor schrieb Gedichte und Kurzgeschichten, die allerdings niemals veröffentlicht worden sind. Stattdessen hat er, von postpubertären Selbstzweifeln geplagt, seine Werke beinahe vollständig in einer dramatischen Zeremonie verbrannt. Nur um wieder erneut mit dem Schreiben zu beginnen. Mit der Familiengründung ist das literarische Schaffen zunächst in den Hintergrund getreten, um dann, als die Kinder groß geworden sind, mit neuer, frischer Energie aufzublühen. Hauptberuflich arbeitet Andreas Mundt in der Betreuung von Menschen mit geistigen Behinderungen.
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Die Gunst der Götter
Der Knabe tastete mit den Fingern im kalten Wasser herum. Immer wenn das Meer zurückfloss, schnappte er, was zu schnappen war. In seinem Beutel hat Vraan schon eine Menge Krebstiere und Muscheln gesammelt. Doch nun war ihm die Lust vergangen, nach Essbarem zu suchen. Lieber griff er einen glatten Stein nach dem anderen und ließ ihn springen. Er musste nicht nur so werfen, dass der Hüpfer im flachen Winkel auf die Oberfläche traf, er musste auch die Welle an der höchsten Stelle erwischen. Und das, bevor sie brach. Oder exakt im Tal zwischen zwei Wogen. Dabei brauchte er so viel Schwung, dass der Stein über die nächste Welle hinweghüpfen konnte. Und das war schwierig. Meistens gelang dem Jungen eine der beiden Möglichkeiten.
Das Sammeln am Strand brachte bloß eine Ergänzung für die tägliche Kost, aber Vraan wurde zu Hause freudig begrüßt, wenn sein Beutel nach den Streifzügen gut gefüllt war.
Nachdenklich lauschte er dem Aufeinanderklackern der Steine, wenn das salzige Wasser sich zurückzog. Das Meer rauschte ununterbrochen, das tat es schon immer und Vraan konnte sich nicht vorstellen, dass es jemals damit aufhören würde. Ebenso wenig konnte er sich vorstellen, dass es noch andere Meere gab und dass an einem von ihnen, im späteren Ägypten und Mesopotamien, fremde Völker lebten, sonderbare Menschen, die riesige Bauwerke, fantastische Städte erschufen. Dunkelhäutige Menschen, die dabei waren, Schriften zu entwickeln. Sie huldigten mächtigen Göttern in prächtigen Tempeln, während Vraan, mit dem Clan in kümmerlichen Holzhütten hauste und nichts von den technischen und kulturellen Errungenschaften der Welt ahnte.
Nachdenklich sah er Seevögeln nach. Er folgte ihnen mit dem Blick, bis sie nicht mehr zu erkennen waren. Er wollte noch einen Stein springen lassen, beugte leicht die Knie, um den richtigen Wurfwinkel zu finden, da wurde er von menschlichem Geschrei abgelenkt.
Vraan drehte sich um und sah große Rauchwolken von dort aufsteigen, wo seine Leute lebten. Erschreckt ließ er den Hüpfer in seinen Beutel gleiten und rannte zur Siedlung zurück. Mohlla kam ihm entgegen. Sie blutete aus einer Wunde am Kopf und rief: „Wir werden überfallen. Komm, wir müssen fort von hier!“
Gemeinsam eilten sie davon.
***
Vraan kannte Mohlla schon so lange wie das Meer. Sie war es gewesen, die ihm einst ihm seinen Namen gegeben hatte. Natürlich erst, als er laufen und ein paar Worte sprechen konnte. Solange nicht klar war, ob Kinder lange genug leben würden, bekamen sie keinen Namen. Das hätte sich nicht gelohnt.
Mohlla war alt und weise. Sie war immer gut zu ihm gewesen. Und nun blutete sie aus dem Kopf. Jede Verletzung war eine Gefahr. Sie konnte eitrig werden und sich entzünden, eine Wunde konnte so tödlich sein, wie Durchfall oder ein kranker Zahn. Im Gegensatz zu den unbekannten Völkern in weiter Ferne kannte Vraans Sippschaft kaum medizinische Behandlungsmethoden.
Er war allein mit Mohlla, die vielleicht bald sterben würde.
Nachdem sie tagsüber gewandert waren, lagerten sie abends an einem Waldrand.
Mohlla starb noch nicht. Sie erzählte ihm vom Überfall und davon, dass sie keine Chance gehabt hatten, sich gegen die Übermacht zu wehren. Einige Mitglieder des Clans waren entführt, andere waren erschlagen worden. So etwas kam gelegentlich vor, so wie es auch vorkam, dass sich verschiedene Sippen friedlich trafen.
Schweigend sortierte Mohlla die Krebse und Muscheln aus Vraans Beutel. Was nicht zu gebrauchen war, ließ sie in eine flache Kuhle zu ihren Füßen fallen. Nach der Mahlzeit würde sie die Abfälle mit Erde bedecken, damit keine Tiere vom Geruch angelockt würden.
Mohlla hielt den Stein, den sie im Beutel gefunden hatte, in das Licht der Flammen. Sie kniff das linke Auge fast zu, so konnte sie ihn genauer betrachten. Überrascht schnalzte sie mit der Zunge.
„Wo hast du den her?“
Vraan hat gar nicht mehr an den kleinen Stein gedacht. Er hatte ihn ja kaum bemerkt, als er ihn einsteckte. Als sie ihn so direkt fragte, erinnerte er sich wieder.
„Den habe ich mit den Muscheln eingesammelt.“
„Einfach so?“
„Einfach so.“
Mohlla sah sich den Stein lange an. Sie neigte ihn im Schein des Feuers hin und her und betrachtete ihn aus allen Blickwinkeln. Vraan wartete gespannt.
Die Alte musste etwas Besonderes entdeckt haben.
„Komm her“, sagte Mohlla. „Seh ihn dir an.“
Vraan nahm den Stein und sah ihn genau an. Er war flach und glatt. Beinahe kreisrund schmiegte er sich angenehm in die Hand. Eine feine weiße Zeichnung hob sich von der ansonsten tiefen Schwärze ab. Und plötzlich sah er, was sie so beeindruckt haben musste. In den wenigen weißen Linien und Punkten war deutlich ein menschliches Gesicht zu erkennen.
„Was hat das zu bedeuten?“, fragte er verwundert.
„Du hast ihn gefunden, als die Siedlung überfallen wurde?“
Vraan nickte. Mohlla nahm ihm den Stein wieder ab.
„Du hast ihn nicht gefunden. Er ist zu dir gekommen. Er wurde dir gegeben. Ein Zeichen der Götter. Eine Gottesgabe.“
Vraan wurde schwindelig vor Aufregung.
„Was hat das zu bedeuten?“, fragte er erneut.
„Die Götter bieten dir Beistand an. Sie haben dir in deiner Not ein Zeichen ihrer Gunst geschickt.“
Mohlla steckte den Stein in ein Säckchen, das sie an einer Kaninchensehne um den Hals trug. In diesem kleinen Beutel verwahrte sie noch weitere magische und geheimnisvolle Dinge.
„Die Gunst der Götter werden wir gut gebrauchen können.“
***
Am nächsten Morgen brachen Vraan und Mohlla sehr früh auf. Die Ältere wollte ins Landesinnere ziehen, in der Hoffnung, dort Anschluss an einen neuen Clan zu finden. Noch war es Sommer und sie könnten sich durchschlagen. Schon bald würden die Nächte länger, dunkler und kälter werden. Erst seit wenigen Generationen war es üblich, sich an festen Orten niederzulassen. Mohlla wollte eine Siedlung suchen, die der ähnlich war, aus der sie geflohen waren. Ganz auf sich allein gestellt, überständen die beiden kaum einen Winter.
Die Flüchtlinge entfernten sich aus der vertrauten Umgebung und kamen in Gegenden, die sie noch nie zuvor gesehen hatten. Mohlla hielt gründlich Ausschau nach Anzeichen einer menschlichen Besiedlung.
Jeden Abend, wenn sie ihr Lager aufschlugen, zog sie die Gunst der Götter aus dem Beutel. Dieses Wunder zu betrachten und sich bewusst zu machen, dass sie mächtigen magischen Beistand genossen, gab ihnen Kraft, Mut und Hoffnung.
Und eines Tages stießen sie auf eine Siedlung.
Vorsichtig schlichen sie sich an und beobachteten zunächst die Menschen aus einem Gebüsch in sicherer Entfernung. Es wäre zu gefährlich gewesen, einfach auf sie zuzugehen. Viele Sippschaften begegneten Fremden misstrauisch oder mit offener Feinseligkeit.
Fremde konnten neue Krankheiten bringen oder einen Überfall planen.
Mohlla flüsterte: „Wir müssen es wagen, folge mir.“
Sie verließ die Deckung und ging auf die Hütten zu. Mit sanfter, fast beschwörender Stimme sang sie monoton: „Wir kommen in Frieden. Wir tun niemandem Böses. Tut auch uns nichts Böses. Wir kommen in Frieden. Wir tun niemandem Böses …“
Sie hob beide Hände und drehte die Handinnenflächen so, dass deutlich zu sehen war, dass sie keine Waffen bei sich trug. Vraan tat es ihr gleich. Alle Anwesenden starrten sie mit offenen Mündern an. Diejenigen, die eben noch mit flachen Steinen Körner zermahlten, verharrten in den Bewegungen. Auf dem Platz zwischen den Hütten blieben die beiden stehen und ließen langsam die Hände sinken. Sie standen da und niemand sagte etwas. Nach einem kurzen Moment trat ein Mann hervor, sprach fremdartige Worte, die sie nicht verstehen konnten. In seiner Stimme lag kein feindseliger Klang. Mohlla und der Fremde, der offenbar der Anführer war, redeten miteinander, ohne den Sinn des Gesagten zu verstehen.
Vraan sah sich um. Ein Gestell an, auf dem Flussfische getrocknet wurden, fiel ihm auf. Das leiterartige Gerüst war senkrecht aufgestellt. Bei ihm zu Hause sind Vorrichtungen dieser Art immer leicht angewinkelt worden, so bekamen die Fische die Sonne besser und intensiver ab und trockneten schneller.
Ohne nachzudenken, kippte er den Rahmen in den optimalen Neigungswinkel und stützte ihn mit einem Stock, der dort herumlag, ab. Der Anführer verstummte und sah ihn finster an.
Mohlla erstarrte, beschwörend sprach sie: „Wir kommen in Frieden. Wir tun niemandem …“
Der Häuptling bellte sie an. Es lag keine Freundlichkeit mehr in seiner Stimme, sondern eher herrischer Zorn. Mohlla neigte demütig schweigend den Kopf. Der Anführer sah Vraan an. Ging um das Gestell herum und betrachtete es, als habe er noch nie im Leben eine Vorrichtung zum Trocknen von Fischen gesehen. Er murmelte vor sich hin, sah zur Sonne, redete kurz mit verschiedenen Leuten und wandte sich erneut an Mohlla.
Er...




