Murari | Die Gärten von Madras | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 639 Seiten

Murari Die Gärten von Madras

Roman
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-174-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 639 Seiten

ISBN: 978-3-98952-174-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wind der Veränderung: Der Fall einer aristokratischen Familie im Indien der 50er Jahre Indien, 1950: Trotz des frühen Todes seiner Mutter wächst der junge Krishna glücklich mit seinen vier Geschwistern im Haus seiner wohlhabenden Großeltern in Madras auf. Doch als Nayana, Krishnas verwitweter Vater, eine Engländerin mit nach Hause bringt, droht die Idylle seiner glücklichen Kindheit zu zerbrechen - denn Victoria Greene will, dass Krishna und seine Geschwister nach westlichen Idealen aufwachsen. Während Nayana, der selbst in Oxford studierte, die neuen Erziehungsmaßnahmen seiner Frau befürwortet, beginnt sich der Lebensweg der fünf Geschwister auf tragische Weise zu entzweien ... Zur gleichen Zeit sind die Folgen der vor kurzem erlangten Unabhängigkeit von den Briten im ganzen Land deutlich spürbar - auch für Krishnas Familie, deren Schicksal untrennbar mit den turbulenten historischen Entwicklungen verwoben ist ... »Exotisch und berauschend!« The Independent Ein mitreißender Historienroman über das Schicksal einer Familie, eingebettet in das mit Veränderung pulsierende Indien jener Zeit - für Fans von Noah Gordon und des Weltbestsellers »Palast der Winde«.

Timeri N. Murari, geboren in Madras, Indien, zog für ein Ingenieurstudium ins Ausland, doch seine Liebe zu Geschichten und Büchern führte ihn schließlich zu einer Karriere als Journalist und Schriftsteller. Er schrieb für renommierte Zeitschriften wie den Guardian und die New York Times und veröffentlichte 18 Bücher, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Heute lebt er mit seiner Frau in Indien. Bei dotbooks veröffentlichte der Autor seine große Indien-Saga, bestehend aus »Sahib - Der Palast der Stürme« und »Ramayana - Das Mosaik des Schicksals« sowie die historischen Romane »Die Sterne über dem Taj Mahal« und »Die Gärten von Madras«.
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Kapitel 4: Die Frauen des Haushalts


»Was ist eine Gouvernante?« fragte ich meine Ava. Da sich ihr Kinn verkrampfte, erwartete ich, sie würde die Beherrschung verlieren.

Die Frauen und die Kinder hatten sich im Kleinen Haus versammelt, um über Miss Victoria Greene zu diskutieren. Wort für Wort hatten Anjali und Kaveri unser Gespräch mit Nayana wiederholt.

»Ist das so was Ähnliches wie ein Gouverneur oder ein Generalgouverneur oder ein Vizegouverneur?«

Die Titel hatte ich aus meinen Geschichtsbüchern. So nannte man die Männer, die Königreiche regierten, Madras, Bengalen, Punjab und die anderen indischen Provinzen, jede von ihnen fünfundzwanzigmal so groß wie ihr eigenes winziges Großbritannien. Sie trugen komische Kleider und fließende Roben und posierten auf ihren Gemälden und Fotos so steif wie Statuen. In den alten Geschichtsbüchern stand, sie hätten uns mit ihren Reformen und Moralgesetzen vor unserer unzivilisierten Lebensart gerettet.

Unser erster indischer Generalgouverneur war C. Rajagopalachari gewesen, und er trug unsere übliche Kleidung, weiß und schlicht. Auch in anderer Hinsicht war er uns vertraut, unser Nachbar, ein Freund der Familie. Manchmal saß er mit Thatha auf der Veranda, und sie diskutierten über Politik oder anderes, und wenn sie in der Stimmung waren, analysierten sie die Veden oder rezitierten Sanskrit-Verse, die sie sich zuwarfen, als wären es Pingpong-Bälle. Aber am 26. Januar 1950 war unser Land eine Republik geworden, und Präsident Rajendra Prasad hatte ihn abgelöst.

»Nur eine Dienerin«, zischte Ava.

»Nein«, widersprach Kaveri, »eine Gouvernante hilft den Kindern bei den Hausaufgaben und gibt ihnen Unterricht.« Wir alle starrten sie an, und sie fügte stolz hinzu: »Das habe ich in einem Wörterbuch gelesen.«

»Jedenfalls brauche ich keine Gouvernante, und das habe ich Nayana auch gesagt«, erklärte Anjali entschieden.

»Eine Dienerin«, behauptete Ava hartnäckig. »Was will sie euch denn beibringen? Bei mir lernt ihr alles, was ihr wissen müßt. Notfalls können wir einen Privatlehrer einstellen.«

Sie zeigte auf mich. »Sag doch mal das englische Alphabet auf!«

»A, b, c, d, e, f, g«, begann ich in monotonem Singsang.

»Seht ihr? Er braucht keine Gouvernante.« Dann fügte Ava auf englisch hinzu: »Unsinn. Verdammter Unsinn.«

Nachdem wir gebadet hatten, glänzte unsere Haut wie polierter Bernstein. Jagans Haar war glatt gekämmt, aber meins begann sich schon wieder zu kräuseln. Wir vier und unsere Ava Uma saßen mit gekreuzten Beinen auf der Schaukel, einem großen Teakholzbrett, das an schweren Ketten von den Deckenbalken herabhing. Hinter uns kauerte ein Diener, stieß die Schaukel behutsam an, und so schwangen wir in den Hof hinaus und wieder zurück.

Links und rechts von Ava hockten Anjali und Kaveri mit dem Rücken zu ihr. Abwechselnd flocht sie die Haare der beiden und schlang einen Stiel Malipublüten hinein. Die anderen Frauen waren damit beschäftigt, die zierlichen weißen Blumen um Bambusstengel herumzuwinden, um sie dann in ihr Haar zu stecken. In der Luft schwebten köstliche Düfte nach Seife, Blüten, Kokosnuß-Haaröl und Sandelholz.

Meine Ava war klein und rundlich und hatte eine Hakennase, in der zwei goldene Stecker glitzerten. Manchmal waren sie mit Rubinen oder Smaragden besetzt, aber sie zog die reine Schlichtheit von Diamanten vor. Wir verglichen sie mit einem freundlichen Vogel, einer Taube oder vielleicht einem Papagei, je nach den verwirrenden Farben ihrer Saris. Wenn wir uns schlecht benahmen, attackierte sie uns mit ihrem scharfen Schnabel. Trotz ihres Alters konnte sie genauso schnell laufen wie wir, wann immer sie uns einfangen mußte. Ihr Lachen klang heiser und musikalisch. Und es machte ihr großen Spaß, Witze zu erzählen.

Nach ihrem abendlichen Puja in unserem Tempel hielt sie hof, entweder auf der Veranda des Großen Hauses oder im Innenhof des Kleinen. Während sie die Blumen zu Girlanden flocht, lauschte sie den neuesten Klatschgeschichten, die ihr Nachbarn oder Besucher erzählten.

Rings um die Schaukel saßen unsere Kusinen und Großtanten am Boden, ein Regenbogen aus Seide und Juwelen. Jetzt grollte der Donner unentwegt, wie die Meeresbrandung, und die Frauen mußten einander anschreien, um sich Gehör zu verschaffen. Aber der Wind wehte die Stimmen zum schwarzen Himmel hinauf. Immer wieder zuckten Blitze und beleuchteten die Farbenpracht. Die elektrischen Lichter begannen zu flackern. Da die Dienerschaft wußte, daß sie bald erlöschen würden, hielten sie Kerosin- und Öllampen bereit.

»Wäre ich ihr doch begegnet!« klagte Ava. »Wie sieht sie aus?«

Anjali rümpfte die Nase, und Kaveris Mundwinkel zogen sich nach unten.

»Ganz gut«, antwortete Anjali. »Aber weil es dunkel war, konnten wir ihr Gesicht nicht richtig sehen.«

»Welche Farbe hat ihr Haar?« fragte Chandu, die etwas abseits vor einer Säule saß. Sie war Avas Schwägerin, mit ihrem Bruder Devarajulu verheiratet, eine hübsche gertenschlanke Frau. Wenn man ihren Körper betrachtete, konnte man kaum glauben, daß sie drei Söhne und die vollbusige, vitale Ava nur eine Tochter geboren hatte.

Auch Chandu funkelte vor Juwelen. Sie trug dicke goldene Arm- und Fußreifen. An ihrer Nase und den Ohren glitzerten Diamanten. Nach Avas Ansicht zeigte die Schwägerin den Reichtum ihres Ehemanns viel zu deutlich. Devarajulu war der Dubash für Dickenson & Co, der Tabakfirma. Mit Thathas Hilfe hatte er die angesehene Position eines offiziellen Dolmetschers und Vermittlers zwischen der Firma und den Einheimischen bekommen. Jedes britische Unternehmen brauchte einen Dubash. Auf einen solchen Mann hörten die Herrscher, und er konnte uns mit seiner Macht schaden oder nützen.

»Wahrscheinlich rosa«, meinte Kusine Indira, Avas Kusine zweiten Grades. »Einmal sah ich eine Europäerin mit rosa Haaren und einer roten Schleife.«

»Rosa Haare! Wie albern!« fauchte Ava, und ihr Zorn verblüffte uns alle. Neuerdings schien sie die arme Kusine Indira zu verabscheuen, und wir wußten nicht, was diese feindselige Haltung bewirkt hatte.

»Als wärst du dabeigewesen!« Auch Chandu besaß eine scharfe Zunge. »Aber ich schaute aus dem Fenster und sah ihr rotes Haar. Alle Europäerinnen haben rote Haare. Wie Möhren!« Die ganze Versammlung kicherte.

Von diesen beiden Attacken eingeschüchtert, senkte Kusine Indira errötend den Kopf. Ich mochte sie. Da sie nur wenige Jahre älter als Anjali war, hätte sie gern mit uns gespielt. Doch dazu fehlte ihr die Zeit. Sie stammte aus Eyruli, dem Dorf unserer Ahnen, das hundertfünfzig Meilen entfernt im Norden lag. Wie ihr Sari aus billiger Baumwolle und der fadendünne Thali verrieten, war sie eine arme Verwandte. Ihr Mann Kumar arbeitete als Schreiber im Büro eines einheimischen Anwalts. Ich hatte gehört, er sei vor der Hochzeit Witwer gewesen, und man hatte Kusine Indira gezwungen, ihn zu heiraten.

»Also, welche Farbe hat ihr Haar?« fragte Ava.

»In der Dunkelheit sah es weiß aus«, erwiderte Kaveri.

»Nein, eher gelb, wie Gold«, widersprach ich. »Sie ist so groß wie Nayana. Und sie roch fremdartig. Das gefiel mir nicht. Und ihre Hand war feucht.«

»Warum hast du ihre Hand berührt?« fragte Ava und runzelte die Stirn.

Hätte sie es früher gewußt, wäre ich in den Tempel geschleppt und gereinigt worden. Sie schaute zum bedrohlichen Himmel auf. Es war zu spät. Außerdem war Gopalan, unser Prohit, nach Hause gegangen, und der Tempel war geschlossen. Morgen früh würde sie das Versäumnis nachholen.

»Weil sie meine Hand schütteln wollte«, erklärte ich.

»Was für ein verdammter Unsinn!« schimpfte Ava auf englisch und mahnte: »Tu das nie wieder!«

»Und sie trug überhaupt keinen Schmuck«, bemerkte Anjali.

»Doch«, verbesserte Kaveri ihre Schwester. Das tat sie oft und gern. »Über der linken Brust trug sie eine Brosche, einen runden schwarzen Stein mit Diamanten.«

»Das ist kein Schmuck«, verteidigte sich Anjali. »Jedenfalls trug sie weder Gold noch Diamanten oder Smaragde, und dieses schwarze Ding sah ziemlich billig aus.«

»Europäerinnen tragen niemals richtigen Schmuck«, verkündete Ava, stopfte ein Paan in ihren Mund und neigte sich zu Kaveri, deren scharfen Augen sie vertraute. »Aber was am wichtigsten ist, tragen sie an den Händen. Hatte sie irgendwelche Ringe?«

Beide Mädchen versuchten sich an die Hände der Frau zu erinnern. Schließlich schüttelten sie die Köpfe. »Das wissen wir nicht. Warum?«

»Weil gewisse Ringe verraten, ob sie verheiratet sind, wie unsere Thalis und Zehenringe.«

»An welcher Hand?« fragte Anjali.

Ava zögerte. Da sie nicht unwissend erscheinen wollte, riet sie: »An der rechten.«

»Aber die Mutter meiner Freundin Patricia trägt ihren Ehering an der linken Hand«, wandte Kaveri ein.

»Diese Miss Greene ist eine halbe Anna?« fragte Ava.

»Nein, sie ist keine Anglo-Inderin«, entgegnete Anjali, »sondern eine Europäerin.«

Patricia und ihre Mutter waren blond und hatten blaue Augen, aber Anglo-Inderinnen, und Patricias Vater arbeitete bei der Eisenbahn.

»Warum an der linken Hand?« fragte Chandu. »Die ist unrein. An dieser Hand würde keine Frau ein so heiliges Schmuckstück tragen.«

Während die Frauen über die rechte oder die linke Hand stritten, wurden sie kurzfristig vom Thema abgelenkt. Ich überlegte, wie wenig wir über die Menschen wußten, die Indien zwei Jahrhunderte lang regiert hatten.

Schließlich beendete Ava die Diskussion. »Und wie alt ist sie?«

»Sehr alt«, antwortete...



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