Murphy | Ehrlich währt am längsten | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

Murphy Ehrlich währt am längsten


1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-99120-053-6
Verlag: Septime Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

ISBN: 978-3-99120-053-6
Verlag: Septime Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Als eine mysteriöse Frau namens Anna Reddick mit zehntausend Dollar in bar an die Tür eines aufstrebenden jungen Anwalts klopft und ihn bittet, den Beweis dafür zu liefern, dass ihr Ehemann Newton, ein Antiquar, ihre Sammlung seltener Prozessschriften gestohlen hat und verkaufen will, geht er davon aus, dass der Fall einfach und rasch erledigt sein wird. Und so ist es auch, Newton Reddick wird überführt. Doch als die echte Anna Reddick auftaucht und ihm klarmacht, dass er aufgrund seiner mangelnden Recherche Opfer einer Intrige geworden ist und den Ruf ihres Mannes zerstört hat, beginnt er auf eigene Faust zu ermitteln, um zu retten, was möglicherweise noch zu retten ist. Doch Newton Reddick ist spurlos verschwunden. Als Anna Reddick erneut bei ihm erscheint und ihm mitteilt, dass man ihren Mann tot aufgefunden hat und ihm den Auftrag erteilt, die Wahrheit über sein Ableben herauszufinden, überschlagen sich die Ereignisse und verwickeln ihn in eine fesselnde Geschichte, in der sich Wahrheit und Täuschung in einer stilvollen Hommage an das Noir-Genre zu einem dunklen Ritt durch Brooklyn und New York vereinen.

Dwyer Murphy ist der Autor von bisher zwei Romanen. Sein Debüt Ehrlich währt am längsten wurde von der New York Times als »Editors' Choice« ausgewählt. Er ist Chefredakteur von CrimeReads, dem Krimi-Portal von Literary Hub und der weltweit beliebtesten Anlaufstelle für Thriller-Leser. Bevor er in den Beruf des Schriftstellers wechselte, praktizierte er als Anwalt in New York City und war Redakteur der Columbia Law Review. Er lebt in Miami, Florida.
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10

Am Dienstag kam ein Bote mit einer Archivbox aus Newton Reddicks Besitz, die nach dessen Tod der Witwe übergeben worden war. Ich hatte Annas Scheck noch nicht eingelöst. Er lag auf dem Schreibtisch in meinem Wohnzimmer und schleuderte mir eine Menge Beleidigungen entgegen, während ich herumlief und versuchte, ihn zu vergessen. Es wäre ehrenhaft gewesen, ihr unentgeltlich zu helfen. Sie war mit den Nerven am Ende und ich trug meinen Anteil daran, dass es so weit gekommen war. Das einzig Richtige wäre gewesen, den Scheck zu zerreißen und mich aus der Sache rauszuhalten. Aber dafür war es wahrscheinlich zu spät. Meine Neugierde war geweckt. Meine Neugierde verselbstständigte sich immer wieder und ließ sich gerne wecken. Das brachte mich regelmäßig in die Bredouille, professioneller und anderer Natur. Ich öffnete die Archivbox und begutachtete, was sich darin befand: zwei Notizblöcke, ein paar Bücher, ein paar Flugblätter, ein stornierter Scheck und einige Jetons, die entweder für die Trockenreinigung oder Männerwohnheime bestimmt waren, in denen er gegen Ende übernachtet hatte. Ein bis auf die Grundmauern entkerntes Leben. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob es eine beeindruckende Demonstration von Askese war oder so ziemlich das Traurigste, was ich je gesehen hatte.

Ich hatte es noch nie mit einem Selbstmord zu tun gehabt, jedenfalls nicht beruflich. Damals, als ich noch bei der Firma war, hatte sich einer der Partner, den ich gekannt hatte, an seinem Schreibtisch erschossen. Sein Büro befand sich im vierundvierzigsten Stockwerk und man konnte den Schuss bis ins sechsunddreißigste hören. Das war in einem der Türme an der Third Avenue, die Schatten auf die East Side werfen und nachmittags wie Grabsteine aussehen. Der Mann hieß Palmer. Er hatte ein mit unzähligen Erzeugnissen der Unternehmen, die er vertrat, dekoriertes Eck-Büro. Während sich der Gerichtsmediziner um seine Leiche kümmerte, wurde ich gebeten, seine Unterlagen zu ordnen. Ich tat es, ohne mich darüber zu beklagen, ging so ziemlich jeden Akt durch, auf dem weder Blut noch Hirnmasse klebte, aber auch ein paar, die etwas abbekommen hatten. Was mir im Gedächtnis geblieben ist, ist, wie ordentlich er seinen Schreibtisch aufgeräumt hatte, bevor er zur Waffe griff. Er hatte eine Nachricht hinterlassen, in der er erklärte, wo das Testament zu finden war und weshalb er es im Büro tat – wegen der Versicherung, seine Kinder sollten etwas Geld bekommen.

Ich nahm an, ein Selbstmord wäre wie jeder andere Fall. Man musste ihn nur lange genug betrachten, dann würden einem die Erklärungen schon einfallen, woraufhin sich die Papiere praktisch von selbst schrieben. Man musste in jenen Jahren noch alles in übergroße blaue Papierkuverts stecken, bevor man sich damit auf den Weg ins Büro des Beamten machte. Vielleicht hatten die Kuverts in anderen Bundesstaaten eine andere Farbe, aber in New York waren sie blau und man bekam sie nur bei einer bestimmten Papiermanufaktur. Ich hatte in der untersten Lade meines Schreibtisches noch genug davon. Es hatte nichts zu bedeuten, es handelte sich nur um Papiervorrat, aber vermittelte einem immer das Gefühl, dass man schon fast am Ziel war.

Zum Mittagessen hatte ich kaltes Huhn. Es war ein Aberglaube, eine offen gesagt lächerliche Prozedur, die ich zu Beginn eines jeden Falles vollzog, weil ich während des Jurastudiums ein Seminar bei einem Professor besucht hatte, der als junger Mann bei den Nürnberger Prozessen als Ankläger beteiligt gewesen war. Er hatte erwähnt, dass Richter Jackson während der Prozesse die Angewohnheit hatte, am Tag vor der Vernehmung eines neuen Zeugen Hähnchen zu braten und die übrig gebliebenen, kalten Stücke für seine Rechtsbeistände mitzubringen. Diese Aussage, die so seltsam und sonderbar und wahrscheinlich auch zweifelhaft war, hatte einen starken Eindruck bei mir hinterlassen, einen Eindruck, der zu einer Art Tradition meinerseits geführt hatte. Ich hatte kein Hähnchen zu Hause, also ging ich in ein Lokal, in dem peruanisch mariniertes Huhn angeboten wurde, das sie heiß oder kalt, mit Reis oder auf Weißbrot und mit Kochbananen als Beilage um vier Dollar verkauften. Ich kannte es bereits, als ich nach New York kam, und das Angebot veränderte sich nie, ebenso wie der Preis, wobei man manchmal nur eine Kochbanane, dann aber auch mal fünf, sechs oder mehr bekam.

Nach dem Mittagessen rief ich im Büro des Gerichtsmediziners an und erhielt eine Kopie von Newton Reddicks Untersuchungsergebnissen. In New York zu sterben, ist eine mühsame Angelegenheit. Es gibt viele kleine Behörden und der Fachjargon ist kompliziert, für Außenstehende nahezu unverständlich. Zu dieser Gruppe zählte ich auch mich: ein Anfänger mit ein paar Telefonnummern und einer Stimme, die immerhin vertrauenswürdig genug klang, um als zugelassener Anwalt durchzugehen, was allerdings nicht viel bedeutet. Die Gerichtsmedizin war darauf aus, zu beruhigen, da sie Reddicks Leiche bereits kremiert hatten. Wenn eine Leiche innerhalb von zwei Wochen nicht beansprucht und abgeholt wird, sind sie dazu befugt, sich ihrer zu entledigen. In Zusammenarbeit mit einem Bestattungsunternehmen hätte man ihn im Massengrab auf der Insel Hart beerdigen können, eine Einäscherung war hingegen nicht erlaubt. Dafür gab es Gesetze. So viel wusste ich, und das ließ ich den Gerichtsmediziner auch wissen. Er versprach, mir alles zu mailen, was er dazu hatte. Es war nicht viel, nur der Totenschein und ein paar Aufzeichnungen zu persönlichen Gegenständen. Als Todesursache war zerebrale Hypoxie angegeben, ganz typisch bei Erhängen. Zum Todeszeitpunkt hatte er genug Promille, um daran zu sterben, nur war er nicht daran gestorben, nicht direkt jedenfalls. Ich fragte den Gerichtsmediziner, wo ich den Polizeibericht finden könne. Er erklärte, dass es keinen gebe, weil niemand die Polizei gerufen habe.

»Wieso nicht?«, fragte ich.

»Hotelregeln«, erwiderte er. »Charmant, nicht wahr

Ich überlegte, wie Newton Reddick an einem Ort landen konnte, der sich selbst als Hotel bezeichnete und Hausregeln für gewaltfreies Hängen hatte. Es lag verdammt weit draußen in der Atlantic Avenue, nach den Friedhöfen, nach der Abzweigung zum Flughafen. Fünfzig Zimmer, jeweils mit zwei Einzelbetten, Duschen am Gang. Ein weiter Weg von der Upper West Side, aber er hätte es schlimmer treffen können. Er hätte auch im Freien sterben können, und die Gerichtsmedizin hatte immerhin einen Namen an die Leiche geheftet, wobei mir niemand erklären konnte, wie er identifiziert werden konnte.

»Vielleicht aufgrund eines Zahnvergleiches«, sagte der Gerichtsmediziner. Man konnte hören, dass er sich nicht sicher war und es auch nie sein würde – er wollte nur das Telefonat beenden und den restlichen Tag mit den Leichen verbringen, die sie noch nicht voreilig kremiert hatten, diejenigen, die praktischerweise zu Hause ausgecheckt hatten oder einen Führerschein in der Tasche stecken hatten und keinen falschen Namen im Hotelregister angegeben hatten.

Er hatte sich unter Richard Carstone im Hotel einquartiert. Seine Unterschrift wirkte achtlos hingekritzelt, als wäre sie seine echte. Große, geschwungene Buchstaben und dann eine Sauklaue. Carstone kam mir bekannt vor, also recherchierte ich in diese Richtung. Es war der Name einer der Mündel bei Hofe in Bleak House. Dickens. Wieder ein Buch. Ein Streich, oder vielleicht auch nur etwas, das ihm einfach beim Einchecken eingefallen war.

Ich kramte noch einmal in der von ihm hinterlassenen Box, um zu sehen, ob ich darin irgendeinen Hinweis auf Bleak House fand. Ich fand ein Exemplar von Henry James’ Die Gesandten und den zweiten von sechs Bänden der Serie Illustrierte Poeten Amerikas, erschienen 1885, aber keinen Dickens. Beim restlichen Inhalt handelte es sich, genau genommen, nicht um Bücher. Es waren Prozessschriften, die jenen ähnelten, die ich ihm an dem Abend in der Poquelin-Gesellschaft abkaufen wollte. Das Papier war brüchig und ich blätterte darin mit größter Sorgfalt, weil ich befürchtete, dass mir die Seiten zwischen den Fingern zerfallen würden. Sie waren unterschiedlich alt, wobei die jüngste weit über ein Jahrhundert zählte und in Ohio gedruckt worden war. Dieses Exemplar hatte den Titel Der Arrest, der Prozess, die Verurteilung und das furchtbare Ende des Josiah Ewing, berüchtigter Pferdedieb und Mörder. Wenn der Verleger damals nicht vor dem furchtbaren Ende in Druck gegangen war, fehlten Teile davon. Ewings Verurteilung war vorhanden, aber nichts von seinem Strafmaß oder einer Exekution. Die anderen Prozessschriften waren ähnlich. Alt und makaber. Ich las sie von vorne bis hinten, auf der Suche nach irgendeinem Hinweis oder einer Nachricht oder vielleicht einem Symbol oder einer Anmerkung, die Anna Reddick übersehen hatte. Ich wusste nicht, wonach ich eigentlich suchte.

Ein Abschiedsbrief wäre hilfreich gewesen. Ich schüttelte ein paar Seiten aus, doch es fiel nichts heraus.

Insgesamt sieben Prozessschriften. Keine davon in gutem Zustand, aber sie boten eine anregende Lektüre. Ich konnte verstehen, wie sie einen ein wenig in den Wahnsinn treiben konnten. Auch wenn Selbstmord natürlich eine ganz andere Sache war, konnte doch jeder ein wenig wahnsinnig werden. Beim Lesen dieser Prozessberichte, das frühe Amerika in seiner ganzen Pracht, bekam man den Eindruck, dass das Töten Alltag war, etwas, das Freunde und Nachbarn taten, um sich die Zeit zu vertreiben. Das ganze Land war auf beiläufiger Gewalt und wunderlichen Strafmilderungen aufgebaut, auf Beanspruchungen von Unzurechnungsfähigkeit,...


Dwyer Murphy ist der Autor von bisher zwei Romanen. Sein Debüt Ehrlich währt am längsten wurde von der New York Times als »Editors' Choice« ausgewählt. Er ist Chefredakteur von CrimeReads, dem Krimi-Portal von Literary Hub und der weltweit beliebtesten Anlaufstelle für Thriller-Leser. Bevor er in den Beruf des Schriftstellers wechselte, praktizierte er als Anwalt in New York City und war Redakteur der Columbia Law Review.
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