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Murray | Die Sache mit meiner Schwester | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Murray Die Sache mit meiner Schwester

Roman
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-641-23119-4
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

ISBN: 978-3-641-23119-4
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Du kannst dir deine Familie nicht aussuchen, aber du kannst probieren, sie auf deine Seite zu ziehen ...

Es ist Rillas Hochzeitstag – der schönste Tag in ihrem Leben. Doch warum ist die junge Londonerin dann fast erleichtert, als noch vor der Trauung ein Polizist auftaucht, um sie wegen Ladendiebstahls abzuführen? Irgendwie läuft in Rillas Leben alles schief, und wenn sie darüber nachgrübelt, warum, landen ihre Gedanken immer bei ihrer älteren Schwester: Rose, die verschwand, als Rilla noch ein Kind war. Rilla beschließt, endlich herauszufinden, was damals mit Rose geschah, doch sie hat ihre Rechnung ohne die GIF gemacht – ihre “Große Indische Familie”, deren Einmischungsversuche sie schon ihr Leben lang auf Schritt und Tritt begleiten. Wie gut, dass es Simon gibt, Rillas liebenswerten Verlobten, und ihre Cousine Jharna, die sie vor den Spontanbesuchen der GIF warnt. Doch auf der Suche nach ihrer Schwester und nach sich selbst erkennt Rilla schon bald, dass man manche Wege allein gehen muss, um am Ziel anzukommen.

Amita Murray lebte in London, Delhi und Kalifornien und hatte bereits Jobs als Tänzerin, Kunstjournalistin, Moderedakteurin, PR-Assistentin und Organisatorin von Junggesellinnenabschieden, bevor sie beschloss, Romanautorin zu werden. Sie beschäftigt sich gern mit den komischen und den tragischen Aspekten kultureller Begegnungen. Außerdem arbeitet sie als Bloggerin für die Huffington Post, gibt Kurse in Kreativem Schreiben und Yoga-Workshops.
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Hochzeitstag

Am Nachmittag ihres Hochzeitstages denkt eine Braut normalerweise an all die Dinge, die das Leben künftig für sie bereithält: Liebe, Freude, Romantik, alberne kleine Streitereien mit ihrem Seelenverwandten, die mit einer Versöhnung enden – vorzugsweise im Bett – , an die grenzenlose Harmonie, den endlosen Spaß und die unzähligen Stunden, die sie einfach nur untätig in den Armen der Liebe ihres Lebens verbringen wird. Sie stellt sich vor, dass von nun an alles vollkommen sein wird. Sie wird glücklich sein, Angst, Reizbarkeit, Gesichtsbehaarung und eine generelle Neigung zu leichter Erregbarkeit sind vergessen. Kurzum, sie wird zu einer besseren, erwachseneren Ausgabe ihrer selbst.

Sie weiß, dass dieser herrliche Zustand mit einem riesengroßen Stück Torte beginnen wird, gefolgt von einer heißen Liebesnacht, hoffentlich auf einer fernen tropischen Insel, auf der keiner ihrer zahlreichen Verwandten anrufen, ihr Textnachrichten schicken, twittern oder sie sonst wie erreichen kann. Am Nachmittag ihres Hochzeitstages befindet sich eine Braut normalerweise nicht auf einer Polizeiwache hinter Gittern und wartet darauf, dass ihre Anwältin sie herausholt, damit die umfangreiche Verwandtschaft ihr erklären kann, was in ihrem Leben alles schiefgelaufen ist. Ich sage nicht, dass dies in der Geschichte der Hochzeiten noch niemals vorgekommen ist, ich sage nur, es ist selten.

Bevor ich euch von meiner Hochzeit berichte, sollte ich eine kleine Anmerkung bezüglich meiner riesigen Verwandtschaft vorausschicken. Geht es in dieser Geschichte um sie, fragt ihr? Nein, eigentlich nicht. Ist sie immer da, hat sie zu allem eine Meinung, und kann man sie einfach nicht ignorieren?

Na ja. Ja und nein.

Es leben so viele meiner Cousins und Cousinen, Tanten und Onkel in London, dass ich bei jedem Inder und jeder Inderin, denen ich begegne, genau hinsehen muss, ob es kein Verwandter ist. Meine Verwandten sind nämlich ziemlich schnell beleidigt, das müsst ihr wissen, ehe ich mit meiner Geschichte fortfahre. Sie führen Buch darüber, wer ihnen regelmäßig aus ihrem Leben berichtet und sie um Ratschläge bittet. Wer sie zu welchem Ereignis einlädt und wer ihnen zu Diwali, dem hinduistischen Lichterfest, eine Schachtel Champagnertrüffel schickt oder nur eine mit normalen indischen Süßigkeiten. Und sie verschicken gern Textnachrichten.

Liebe Rilla, hoffentlich gefällt dir der 150-teilige NutriBullet, den ich dir geschickt habe. Die Marke ist deutlich besser als der dreiteilige Mixer von Tante Parul. Vielen Dank für die Champagnertrüffel. Da ich keinen Alkohol trinke (wie du weißt), habe ich sie meiner Putzfrau geschenkt. Du hast bestimmt zu viel zu tun, um uns zu besuchen (hast du schon einen Job gefunden?), aber ich dachte, ich erinnere dich daran, dass unser Haus auch dein Haus ist. Vergiss deine Familie nicht. Alles Gute, deine …

Alles in allem ist es somit besser, jedem Inder, dem man begegnet, ins Gesicht zu schauen, um sicherzugehen, dass man keinen der GIF (Großen Indischen Familie) versehentlich übersieht. Oder, wie in meinem Fall, damit man sich unter Umständen schnell aus dem Staub machen kann. Klar, da beinahe jeder Zweite in London mehr oder weniger wie ein Inder aussieht, kann das dazu führen, dass man an allen Ecken Gespenster sieht und zum Nervenbündel wird.

Meine GIF bildet den Hintergrund von einfach allem. Sie ist die Tapete und die Möbel, die Fahrstuhlmusik, die Themse, der Londoner Verkehr, die Umweltverschmutzung und die Klimaerwärmung in einem. Sie ist immer da, und im Allgemeinen stört sie. Und egal, wie sehr man sich einbildet, mit ihr zurechtkommen zu können – in Wahrheit ist das unmöglich.

Kommen wir nun zum eigentlichen Thema, der Geschichte von der Braut, die am Tag ihrer Hochzeit festgenommen wurde. Ich erzähle sie euch genau so, wie sie sich zugetragen hat. Oder zumindest fast. Was beinahe genauso gut ist.

Die Hochzeit findet in Bloomington House statt, einem Landgut in der Nähe von Cambridge, dessen weitläufige Backsteinmauern malerisch in einem Wald aus Holzapfel und Eschen liegen. Auf dem Rasen treiben an diesem Tag Wolkenschatten ein Versteckspiel, die Bäume, die im schwachen Frühlingslicht erwachen, zittern nackt im Wind, und ihre Spiegelungen spielen Bockspringen mit den Kois im Teich. Neben dem Teich befindet sich ein japanischer Meditationsgarten, dessen Architekt an die Invasion von Aliens gedacht haben muss, denn von einer Seite zur anderen verlaufen nach Größe geordnete Getreidekreise.

In dieser romantischen Szenerie parken seit einiger Zeit ziemlich viele Wagen und spucken meine zahlreichen Verwandten in ihrem farbenfrohen Glanz aus. Sie stecken sich die Schleppen der Saris fest, tragen sorgsam eleganten weinroten Lippenstift auf, klimpern mit ihren Armreifen und plappern ununterbrochen. Das beobachte ich von einem Fenster im Hinterzimmer aus, in dem ich warte. Wie lange dauert es, bis alle zur Trauung in der Scheune sind? Ich blicke über die Anlage. Es sind zu viele, das ist das Problem. Ständig bleiben sie stehen, bewundern lautstark und mit großen Gesten die Aussicht, das Landhaus, den Park, das Wetter, die Kleidung der anderen, Schmuck, Teint, Frisur, Maniküre, das Gesamtwerk. Selbst ihnen zuzusehen ist erschöpfend. Ich wende mich ab, laufe durchs Zimmer und stemme die Hände in die Hüften. Warum ist dieses Kleid bloß so eng? Ich verrenke mich nach den Knöpfen auf meinem Rücken, kann in dem Mieder, das mich kaum atmen lässt, die Arme jedoch nicht weit genug ausstrecken.

Bald ist es vorbei. Bald ist es vorbei. Was ist hier los? Warum ist es so heiß hier drin? Mit den Händen fächere ich mir Luft zu, doch das hilft nicht.

Ich blicke mich um. Anders als der mit Laternen beleuchtete Garten und der Saal für das Hochzeitsmahl, der auf meine Bitte hin mit den verschiedensten Rosenarten geschmückt ist – roten, pinkfarbenen, Kohlrosen, gelben, weißen, Hot Cocoa … – , ist das Hinterzimmer, in dem ich warte, nüchtern weiß gestrichen und wenig inspirierend. Auf der einen Seite stehen aufgerollte Yogamatten und übereinandergestapelte Stühle. Durch eine Klappe in der Wand sieht man in die frisch gestrichene Küche, auf deren Arbeitsplatte ein Spiderman ohne Kopf steht, den zweifellos ein Kind vergessen hat. An der Korkpinnwand hängt Werbung für Yogakurse, ein Flyer des örtlichen Blumenladens und der einer Hundesitterin, deren bester Freund seit ihrem dritten Lebensjahr stets ein Hund gewesen ist. Ein Aufruf der Heilsarmee, Kleider zu spenden, eine Telefonnummer, die man anrufen soll, wenn man eine vermisste Person sieht, und eine andere für Menschen mit Gonorrhö.

Während ich sie betrachte, bekomme ich nur schwer Luft. Wieder sehe ich aus dem Fenster. Die Verwandtenschar nimmt ab, doch einige lungern noch vor der Scheune herum. Na los, los, los, flüstere ich. Mit meinem durchdringenden Blick versuche ich sie dazu zu bringen, sich schneller zu bewegen und mir ein bisschen Raum zum Nachdenken zu lassen. Und vielleicht zum Atmen.

Mein Spiegelbild starrt mich an, die kleinen bronzefarbenen Reifen in den Ohren und der Kranz aus pink- und orangefarbenen Blüten um meinen Kopf wirken plötzlich unpassend, als gehörten sie zu jemand anderem. Mein silberfarbenes Kleid ist nur unscharf in der Fensterscheibe zu erkennen. Warum habe ich Silber gewählt? Es passt nicht zu meinem Teint, lässt mich blass aussehen. Mein schwarzes Haar ist hochgesteckt, doch einige Strähnen treten bereits die Flucht an. In meinen Augen liegt ein irrer Ausdruck.

Lege ich die Stirn immer so in Falten?

Ich versuche, die Haut zu entspannen, doch beinahe umgehend ziehen sich die Augenbrauen wieder zusammen.

Es ist so wenig Sauerstoff im Raum! Ich keuche. Schließlich verschwinden auch die letzten Verwandten durch das Scheunentor, über dem wie der geschmückte Schweif eines Dressurpferdes eine Glyzinie hängt. Jetzt oder nie. Ich kämpfe mit dem Fensterriegel. Er klemmt. Das Fenster ist erst kürzlich frisch gestrichen worden. Ich lehne mich dagegen und versuche, den Riegel zu bewegen, ziehe einen Schuh aus und benutze ihn als Hammer, klammere mich mit den Fingern daran, doch das Fenster rührt sich nicht vom Fleck. Nicht ein klitzekleines bisschen. Ich brauche einen Keil, etwas, das ich in den Spalt unter dem Fenster schieben kann, um die dicke Farbschicht aufzubrechen, die alles verklebt hat. Suchend sehe ich mich um. Nichts. Nichts!

Es klopft an der Tür. Verwandtschaft? Mein Verlobter? Eine gerichtliche Vorladung? Mit pochendem Herzen fixiere ich die Tür und gehe langsam auf sie zu, um zu öffnen. Davor steht ein Polizist.

»Sie müssen bitte mitkommen, Miss«, sagt er.

Aufgelöst sehe ich an ihm vorbei auf die Verbindungstür zur Scheune. Dort soll ich jeden Augenblick hindurchschreiten. Ich blicke den Polizisten an. Das rötliche Haar wurde hastig gekämmt, und in seinem riesengroßen Schnurrbart hängen zwei Croissantkrümel. Ganz offensichtlich hat der Mann beim Frühstück gesessen, als er zu diesem Auftrag beordert wurde.

Ich atme tief ein, strecke die Hände aus und habe ein wachsames Auge auf die Scheunentür.

»Schon in Ordnung, Miss«, sagt der Mann. »Wenn Sie kooperieren, brauchen wir keine Handschellen.«

Der Mann hat die Hände in die Hosentaschen geschoben und ist vollkommen entspannt. Was ist los mit dem Kerl? Er lächelt und wirkt zugleich gelangweilt. Allmählich fühle ich mich ein wenig schwach oder so, als würde ich explodieren. Ich werde dieses Kleid sprengen. Wie Geschosse werden die winzigen Knöpfe auf dem...


Murray, Amita
Amita Murray lebte in London, Delhi und Kalifornien und hatte bereits Jobs als Tänzerin, Kunstjournalistin, Moderedakteurin, PR-Assistentin und Organisatorin von Junggesellinnenabschieden, bevor sie beschloss, Romanautorin zu werden. Sie beschäftigt sich gern mit den komischen und den tragischen Aspekten kultureller Begegnungen. Außerdem arbeitet sie als Bloggerin für die Huffington Post, gibt Kurse in Kreativem Schreiben und Yoga-Workshops.

Schröder, Babette
Babette Schröder war dreizehn Jahre in der Filmbranche tätig, unter anderem als selbständige Produzentin für TV- und Kinospielfilme, bevor sie ein zweites Leben als Übersetzerin für amerikanische, englische und französische Literatur begann. Seither hat sie über siebzig Romane übersetzt, darunter Bestsellerautorinnen wie Katherine Webb, Beth O’Leary, Josie Silver und Vi Kleeland.



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