E-Book, Deutsch, 448 Seiten
Murray The Last Day
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-492-99773-7
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die eine Seite Hitze, die andere Eis - dazwischen der Kampf ums Überleben
E-Book, Deutsch, 448 Seiten
ISBN: 978-3-492-99773-7
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Andrew Hunter Murray ist Schriftsteller und Comedian. Er recherchiert und schreibt seit zehn Jahren für die BBC Show QI, ist Co-Moderator des dazugehörigen Podcasts. Zudem schreibt er Witze für Comedians, journalistische Texte für das Magazin »The Private Eye«, für welches er auch den zugehörigen Podcast macht. In seiner Freizeit tritt er mit der Stand-up-Comedy-Gruppe »Austentacious« auf. »The Last Day« ist sein erster Roman.
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Kapitel 3
Jetzt, dreißig Jahre, nachdem alles geendet hatte, kam ihr der Slow wie das Natürlichste auf der Welt vor. Die Vorstellung, dass Menschen mit Schock darauf reagiert hatten, erschien ihr seltsam.
Hopper wusste, dass sie eines der letzten Kinder von Vorher war, geboren vier Jahre, bevor die Erde aufgehört hatte, sich zu drehen. Sie war eine Seltenheit. Seither waren natürlich viele Kinder geboren worden, aber in jenen letzten Jahren war die Geburtenrate tief in den Keller gegangen. Die Welt hatte innegehalten und auf die Katastrophe gewartet, und die bereits geborenen kleinen Kinder hatte man behandelt wie kleine Könige. Sie wurden gut genährt und wann immer möglich verwöhnt, wie als vorgezogene Entschuldigung für einen zerstörten Planeten, den ihre Eltern nicht wieder in Ordnung zu bringen vermochten.
Aber während jener Jahre wurden neue Kinder bestenfalls als so etwas wie eine Ausschweifung, schlimmstenfalls als fleischgewordene Grausamkeit betrachtet. Warum ein Kind in eine Welt setzen, die ihrem Ende entgegenging? Das Chaos und die Entbehrungen am Ende des Slows hatten die Libido des Planeten auf ein Minimum reduziert. Viele Schwangerschaften waren irgendwann vor der Zeit abgebrochen worden.
Die zunehmende Ungenauigkeit der Zeitmessung vor dem letzten Sonnenaufgang hatte zur Folge gehabt, dass kein Kind offiziell als das letzte ausgegeben werden konnte, das die alte Welt noch erlebt hatte, jene Welt aus Morgengrauen, Sonnenuntergang und kühlen, klaren Abenden. Selbst wenn eine große Uhr genau in jenem Moment angehalten worden wäre, als der Planet endlich stillstand, und man die Krankenhäuser der ganzen Welt nach der letzten Geburt durchsucht hätte, wäre das Ganze ein sinnloses Unterfangen gewesen. Wer immer das Kind gewesen war, es lebte inzwischen höchstwahrscheinlich nicht mehr.
Hoppers Jahrgang war infolgedessen viel geburtenschwächer gewesen als jene einige Jahre davor oder danach. Inzwischen hatte sich die Situation auf den britischen Inseln verbessert. Es gab wieder mehr Säuglinge, mehr Familien, mehr Hochzeiten. In den alten Tagen hatte es mehrere Zeitschriften gegeben, deren Inhalt sich ausschließlich dem Thema Hochzeit gewidmet hatte. Hopper hatte so ein Heft im Haus ihres Vaters gesehen, mit Anmerkungen in der wunderschönen Handschrift ihrer Mutter – Sternchen hier, umringelte Blumengestecke dort. Die Vorstellung, über so viel Papier zu verfügen, das man einfach verschwenden konnte, fiel ihr schwer. Als sie an ihre Mutter dachte, durchfuhr sie der gewohnte Schmerz. Wenngleich von der verstrichenen Zeit gelindert, war er immer noch unerträglich.
Sanierung und Erneuerung. Jeden Monat eine neue Fabrik, las sie in den Kurznachrichten. Jede Woche weiteres Ackerland unter dem Pflug, jedes Jahr mehr Schulen, mehr Straßen, mehr Lebensmittel. Vor zwei Jahren eine neue Eisenbahnlinie. The Great British Resurgence, der große britische Wiederaufstieg, war bestens ins Rollen gekommen. Manchmal war das von einer rostzerfressenen Plattform im Meer aus, die in einem ewigen Herbstvormittag erstarrt war, nur schwer wahrnehmbar. Aber die Verlautbarungen blieben optimistisch.
Sie entsprachen natürlich nicht exakt der Wahrheit. Jeder wusste, dass es Landesteile gab, wo man der staatlichen Kontrolle mehr Respekt zollte, indem man sich ihr widersetzte, als dass man sich fügte. Oben im Norden, in dem riesigen neuen Getreidegürtel quer über Schottland hinweg, sowie in vielen Gegenden außerhalb der großen Städte. Es gab Aufstände, die kraftlos und halbherzig unterdrückt wurden. Ab und zu tauchte vielleicht der Leichnam irgendeines unbescholtenen Landwirtschaftskontrolleurs auf einem öffentlichen Platz auf. Der trug dann ein Schild um den Hals, das die Behörden aufforderte, ihn zurückzunehmen. Nichts von alledem wurde natürlich offiziell bekannt gegeben, aber es war bemerkenswert, wie viel man erfahren konnte, selbst wenn es niemals in einer der beiden Zeitungen stand.
Und jetzt war wie aus dem Nichts ein Hubschrauber aufgetaucht. Sein Rumpf wirkte dick und behäbig, die Glaskuppel an der Frontseite erinnerte an das Auge eines Insekts.
Zwar verfügte die Plattform über einen Hubschrauberlandeplatz, aber zum ersten Mal in Hoppers Zeit hier wurde er auch benutzt. Treibstoff war rar und wichtigen Regierungsaktivitäten vorbehalten. Die Soldaten hatten das Luftfahrzeug ebenfalls entdeckt, sie stießen sich an und gestikulierten. Hopper verspürte eine unerklärliche Feindseligkeit gegenüber dem Hubschrauber.
Einen Moment lang fragte sie sich, ob der Helikopter wegen Harv hier war, wegen der Sache mit den Sirenen. Doch dann konnte sie nur über sich selbst lachen. Im vergangenen Monat war es Harv irgendwie gelungen, das Datum von Schwimmers Geburtstag zu ermitteln. An besagtem Tag, als sich die Soldaten gerade zum Morgenappell auf Deck aufgereiht hatten, in dem Moment, als Schwimmer den Mund öffnen wollte, waren die Sirenen der Plattform ausgelöst worden. Zuvor hatte Harv sie so eingestellt, dass sie ein verzerrtes elektrisches Happy Birthday spielten, schief und heulend. Hopper hatte von der Kantine aus die Szene beobachtet und gelacht. Die Soldaten hatten gesungen, und Schwimmers Gesicht war puterrot angelaufen, während seine Gefühle zwischen Zorn und Belustigung hin- und herzuschwanken schienen.
Als Schwimmers Adjutant hätte Harv streng bestraft werden können, aber er hatte den Ersten Offizier beschwichtigt. So war Harv. Immer charmant und gewinnend.
Sollte die Regierung tatsächlich genug Hubschraubertreibstoff erübrigen können, um jemanden einfliegen zu lassen, damit er Harv wegen etwas Derartigem zur Rede stellte, musste England ein friedlicheres und besser regiertes Land sein, als sie annahm.
Die Rig Rocket hatte inzwischen schon beinahe die stählerne Zufahrt ins Dock hinein passiert, von wo aus sie zu Wasser gelassen worden war. Genau in diesem Moment erschien neben dem Hubschrauber eine Gestalt in dunkler Kleidung und mit dem Klecks eines weißen Bands am Arm.
Das Boot hielt tuckernd inne und trieb in die kleine Kammer hinein. Die Soldaten sprangen heraus und machten sich daran, die Rig Rocket die Helling hinaufzuziehen. Hopper kletterte auf die Plattform hinüber und sah ihnen zu.
Wie war es zu rechtfertigen, einen Hubschrauber hierherkommen zu lassen? Ein Wechsel des Kommandanten? Aber der neue würde bestimmt einfach mit dem Versorgungsschiff kommen. Ein medizinischer Notfall? Das musste schon etwas wirklich Schlimmes sein, und sie hatte bislang von nichts dergleichen gehört. Doch dann wurde ihr plötzlich bewusst, dass sie vielleicht wegen des Briefs gekommen waren, und ein flaues Gefühl breitete sich in ihr aus.
Harv erschreckte sie, indem er ihr etwas ins Ohr flüsterte. »Du wirst es bald genug herausfinden.«
»Was herausfinden?«
»Wer da zum Spielen gekommen ist.«
Sie holte tief Luft. »Ganz sicher ist es nichts von Belang.«
Er grinste. »Ganz wie du willst.«
Die Soldaten zogen ihre orangefarbenen Overalls aus und hängten sie in die Stahlspinde an den Wänden der Kammer mit dem Dock. Hoppers Overall musste ebenso wie der von Harv gereinigt werden. Sie warf ihn sowie die geretteten Konservendosen in die behelfsmäßige Dekontaminationsbox. Die war letztlich einfach eine Kiste für Ausrüstungsgegenstände, die mit Bleiplatten ausgelegt worden war. Auf den Deckel hatte jemand die aus fluoreszierendem Stoff selbst gefertigte Abbildung eines Totenschädels mit gekreuzten Knochen geklebt. Sollte sich herausstellen, dass die Dosen nicht verstrahlt waren, würden sie sie säubern und den Inhalt verzehren, andernfalls an einen Abfallbehälter festbinden und über Bord werfen, damit sie fortan den Meeresboden statt der Plattform verseuchten.
Die Soldaten beendeten ihre Arbeit und verließen abgezählt und einer nach dem anderen den Raum. Die Stahltür schlug hinter ihnen zu. Hopper und Harv blieben allein in der Kammer zurück, in deren Mitte schwarz und teerig das Wasser schwappte. Als sie das Klatschen des Meeres gegen die Außenwände hörte, erschauerte sie.
»Ich kann diese Dinger nicht ausstehen.« Ihr war immer noch schlecht bei der Erinnerung an das krank machende Schwanken des Fischerboots, und sie hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da war sie auch schon wütend auf sich selbst, weil sie ihre Schwäche eingestanden hatte.
»Die Boote? Die mag niemand, Ellie. Man müsste schon ziemlich pervers sein, um sie zu mögen.« In Harvs tiefer Stimme schwang noch immer der Hauch eines Akzents mit. Er hatte seine ersten Lebensjahre in Boston verbracht, ein Elternteil englischer, das andere amerikanischer Herkunft. Noch als Kind war er hierher übergesiedelt. Kurz bevor alles begann, war er einer der letzten Glücklichen gewesen, denen man die volle Staatsbürgerschaft gewährt hatte, ohne allzu viele Fragen zu stellen. Da sie ihn so gut kannte, fiel ihr manchmal auf, dass er seine amerikanische Seite möglichst verbarg. Bei den Vokalen gab er sich besondere Mühe, fest entschlossen, hinreichend Verbundenheit zu zeigen, damit niemand aufgrund seiner Stimme an seiner Nationalität zweifelte.
»Woher sind sie deiner Meinung nach gekommen?«
»Denk besser gar nicht erst darüber nach! Wahrscheinlich waren sie schon längst nicht mehr fähig, sich irgendwelche Sorgen zu machen.«
»Du kannst mir nicht erzählen, dass dir ihre Versenkung Spaß gemacht hat.«
»Ich würde lieber versenkt werden, als ewig auf dem Meer zu treiben. Jetzt komm schon!«
Hopper folgte Harv durch die Tür zur Treppe, die auf das Deck hinaufführte. Sie hatten schon seit geraumer Weile nicht mehr so viele Tote gehabt. Die beiden letzten Boote waren fast leer gewesen. Aber das Schiff vor drei...




