Muschg | Die Japanische Tasche | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 484 Seiten

Muschg Die Japanische Tasche

Roman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-406-68202-5
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 484 Seiten

ISBN: 978-3-406-68202-5
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Beat Schneider hat etwas Unverzeihliches getan, was ihn seine Ehe mit LouAnne kostet. Sie ist eine außergewöhnliche Zeichnerin, die nicht nur auf seine Liebe, sondern auch auf seine Fürsorge angewiesen ist. Umso kostbarer ist ihm die japanische Tasche, die ihm LouAnne geschenkt hat und die er nicht aus den Augen lässt. Bis er auch sie verliert. Das Leben Schneiders, eines eigensinnigen Historikers, der an Karriere nicht interessiert ist, steht unter dem besonderen Schutz seiner einstigen Kinderfrau, die er Alcina nennt und die ihm nach ihrem Verschwinden ein beträchtliches Erbe hinterlassen hat. Sie hat ihm Märchen erzählt und die Traumlogik der Märchen scheint auch in Schneiders Leben zu walten. Nicht nur dieses Motiv verbindet Adolf Muschgs neuen Roman «Die Japanische Tasche» mit «Sutters Glück». Denn auch dessen Hauptfigur, der ehemalige Gerichtsreporter Emil Gygax, den seine Frau Ruth Sutter nannte, taucht hier wieder auf, aus gutem Grund. Freundschaft und Liebe, Abschied und Verluste, die rätselhaften Verbindungen im Leben der Menschen, familiäre Bande und solche jenseits der Familie, die vielleicht noch stärker sind, spielen eine zentrale Rolle in diesem schönen, schwebend-geheimnisvollen Roman, der von einer großen Liebe und ihrem tragischen Verlauf erzählt.

Adolf Muschg, geboren 1934 in Zürich, war u.a. von 1970-1999 Professor für deutsche Sprache und Literatur an der ETH in Zürich und von 2003-2006 Präsident der Akademie der Künste Berlin. Sein umfangreiches Werk, darunter die Romane «Im Sommer des Hasen» (1965), «Albissers Grund» (1977), «Das Licht und der Schlüssel» (1984), «Der Rote Ritter»(1993), «Sutters Glück» (2004), «Eikan, du bist spät» (2005) und «Kinderhochzeit» (2008) wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Hermann-Hesse-Preis, der Georg-Büchner-Preis, der Grimmelshausen-Preis und zuletzt der zum ersten Mal vergebene «Grand Prix de Littérature» der Schweiz. Unter dem Titel «Wenn es ein Glück ist» erschienen 2008 gesammelte Erzählungen Muschgs. Seine essayistischen Werke beschäftigen sich u.a. mit «Literatur als Therapie?», Gottfried Keller, Goethe und Japan. Im Verlag C.H.Beck erschienen Muschgs Reden «Was ist europäisch?» (2005), die Romane «Sax» (2010) und «Löwenstern» (2012) sowie die Essays und Reden «Im Erlebensfall» (2014).
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1 Personenunfall


Schneider hatte seine Papiersachen im leeren Viererabteil ausgebreitet, als wäre er zuhause.

Die erste Klasse im Triebwagen des «Sprinter» zwischen Ulm und Friedrichshafen war nur von fünf Personen belegt. Im Abteil gleich bei der Führerkabine hatte sich ein älteres Paar niedergelassen; auf der andern Gangseite saß eine Lesende zwischen dreißig und vierzig im meergrünen Kleid mit toupierter Frisur, die in Ulm in letzter Minute zugestiegen war und ihre Gegenwart mit einem starken Parfüm betonte. Der Mann Schneider gegenüber war ein athletischer Vierziger mit Stirnglatze, im dunklen Anzug mit Krawatte, der halblaut redend sein Notebook befingerte. Dazu wippte er ständig mit dem linken Bein.

Plötzlich der beinharte Schlag gegen den Unterbau des Triebwagens. Achsenbruch? Hätte der Wagen dann nicht einknicken, sich schief legen, müssen? Aber die Räder blieben in der Spur, bis der Zug vielleicht hundert Meter weiter zum Stehen kam, auf einem Damm im freien Feld.

Schneider hob die Tasche vom Sitz gegenüber und stellte sie zwischen den Beinen ab wie ein Pinguin sein Ei.

Er sah aus dem Zugfenster einen bunt kostümierten Pulk Radfahrer in die Richtung starren, aus welcher der Zug gekommen war. Sie hielten auf dem Weg am Fuß des Damms, dessen Höhe fast diejenige der Bäume gegenüber erreichte. Dahinter öffnete sich der Blick auf eine Ebene mit frisch bestellten Feldern, und in der Ferne, am Fuß bewaldeter Hügel, zeichnete sich eine Siedlung ab mit einem auffälligen, aber undefinierbaren Monumentalbau.

Jetzt knirschte der Lautsprecher. Die Durchsage war kaum zu verstehen und doch unmißverständlich.

Personenunfall. Aufenthalt unbestimmt.

Nach kurzer Stille erhob sich die Dame in Meergrün und wiederholte irritiert: Aufenthalt unbestimmt! Sie nahm die Brille ab, behielt aber das Buch in einer Hand, während sie an die Führerkabine klopfte und sogleich die Klinke drückte. In der Öffnung zeigte sich undeutlich die Gestalt des Lokführers; die Rolläden der Frontscheibe waren heruntergelassen.

Wie lang soll das dauern? Ich habe einen Termin!

Man weiß es nicht, sagte der Mann bewegungslos. – Eine Stunde, zwei.

Kommt ein Bus?

Keine Antwort.

Die Dame schloß die Tür und kehrte zögernd an ihren Platz zurück.

Unmöglich! zischte der Rentner. – Da stirbt ein Mensch –

Die Dame musterte ihn, dann kam sie in Schneiders Abteil.

Mein Handy geht nicht, die Batterie ist leer. – Dürfte ich Ihres leihen?

Ich habe kein Handy, sagte Schneider.

Nehmen Sie meins, sagte der Geschäftsmann und streckte es ihr schon entgegen. Sein Knie wippte weiter.

Vielen Dank, sagte sie, und zu Schneider: Würden Sie bitte ein Auge auf meine Sachen haben? und verließ den Wagen.

Da stirbt ein Mensch! schalt ihr der alte Herr hinterher. Seine Frau nickte. Er klopfte an die Führerkabine und mußte sie selbst öffnen. Der Lokführer telefonierte.

Ich wollte mich für die Dame entschuldigen, sagte der Rentner, auch im Namen meiner Frau. Da stirbt ein Mensch, nicht wahr.

Schon der dritte in einem Monat, sagte der Lokführer.

Wissen diese Menschen eigentlich, was sie den andern antun? War er noch jung?

Aber der Lokführer sprach nur noch mit seinem Gerät, und der ältere Mann kehrte bebend vor Genugtuung zu seiner Frau zurück.

Die Radfahrergruppe unter dem Damm hatte zu disputieren begonnen. Es waren Senioren beiderlei Geschlechts in kurzen Hosen und mit Helm. Einer schickte sich an, dem Zug entlang nach hinten zu fahren, aber seine Kollegen hielten ihn zurück. Dann sah man in der Ferne ein Blaulicht zucken.

Er wird natürlich abgelöst, sagte der ältere Herr. – Und man kann nicht einmal die Fenster öffnen!

Ist wohl besser so, sagte die Frau.

Aber stell dir vor, wie das bei einer Panik wäre!

Aus der zweiten Klasse kamen Leute nach vorn und spähten durch die Fenster. – Er liegt weiter hinten, erklärte der Rentner. – Der Polizeiwagen war bis zum Bahndamm vorgerückt, wo ein Beamter ausstieg, und fuhr langsam auf dem Gehweg außer Sicht. Inzwischen hatte sich das Feld draußen mit Menschen belebt; Fußgänger strebten der Stelle zu, wo offensichtlich etwas zu sehen war. Eine Gruppe Spaziergänger sammelte sich vor dem Beamten, der den Fußweg sperrte, während sich weitere Fahrzeuge näherten. Ein Dienstwagen der Bahn ließ Personal in schockfarbenen Westen aussteigen; eine Ambulanz fuhr am Zug entlang nach hinten.

Spurensicherung, wenn da noch etwas übrig ist, sagte der Rentner. – Die Feuerwehr kommt auch noch, mit Garantie.

Nach einer Weile kehrte die stark duftende Dame wieder und gab dem Geschäftsmann das Handy zurück. Ihr Angebot, zu bezahlen, winkte er ab. Sie blieb bei Schneider stehen.

Hätten Sie noch einen Platz frei?

Er hatte kaum Bitte! gesagt, da suchte sie schon ihre Siebensachen zusammen; dabei erhaschte er den Titel ihres Buches: «Moby Dick».

Sitzen Sie lieber vorwärts?

Solang wir stehen, kommt es nicht darauf an.

Schneider.

Wie meinen Sie?

Schneider, mein Name.

Iris, Iris Duß. Wie dußlig.

Das Wort kenne ich nicht, ich bin Schweizer.

Das hört man, wenn Sie erlauben.

Und wenn nicht?

Sie lachte. – Ich habe Sie schon früher bemerkt, . Darf ich fragen, was Sie lesen?

Ein Gedicht.

Keine Scham! erklang es in ihrem Rücken.

Darauf begann es im Lautsprecher zu pfeifen, nicht laut, doch durchdringend. Männer in grellen Westen kämpften sich durch das Gestrüpp den Bahndamm hinauf. Einige gingen am Schienenstrang entlang weiter, andere erstiegen die Treppe zum Führerstand. Solange der Einstieg offenstand, pfiff der Alarm und widerstand jedem Versuch, ihn abzustellen. Jetzt wurde der Lokführer, ein blasser, eher kleiner Mann mit Bart, von zwei Schutzleuten aus der Kabine geleitet, durch den ganzen Zug nach hinten und nach einer Weile wieder zurück. Er sah aus wie ein armer Sünder, aber die Gesten seiner Begleiter waren fürsorglich.

Als er wieder in seiner Kabine verschwunden war, stellte sich ein Funktionär in Zivil davor, um mitzuteilen, daß leider kein Schienenersatzfahrzeug zur Verfügung stehe, «aus technischen Gründen». Man müsse mit einem längeren Aufenthalt rechnen. Die Fahrgäste wurden um Verständnis gebeten, wenn die Türen verschlossen blieben. Die Bahn werde aber die Fahrtkosten vergüten, wenn man sich beim Service-Point des nächsten Bahnhofs melde, unter Vorweisung eines gestempelten Scheins, der gleich verteilt werde, ebenso Erfrischungen, kostenfrei.

Unterdessen hatte sich unter dem Bahndamm ein ganzer Fuhrpark gesammelt. An einer etwas entfernten Kreuzung wies ein Verkehrsposten weiteren Zulauf ab. Dazu ging die Prozession von Personal im Innern des Zugs in beiden Richtungen weiter, und der Pfeifton meldete sich unregelmäßig.

Der Ausnahmezustand hatte die Atmosphäre gelockert. Wer nicht ins Handy sprach, unterhielt sich mit Nachbarn und teilte Entrüstung oder Bedauern, wobei letzteres einhellig dem Lokführer galt. Der Rentner widmete sich jetzt seinem Imbiß, einem «Strammen Max».

Darf ich? fragte Iris Duß, setzte die Brille auf und begann halblaut zu lesen:

Sie blickte über den Rand der Brille. – Eigentlich kann ich Englisch, aber ich verstehe kein Wort.

Wie geht es Ihnen? fragte ein breiter junger Mann mit gelber Weste, der im Mittelgang stehengeblieben war, mit einem düsteren Lächeln.

Warum fragen Sie so etwas? wollte Iris wissen.

Das frage ich alle.

Und wenn es uns nicht gutgeht, was dann?

Dann kommt Hilfe.

In diesem Augenblick schwebte ein Hubschrauber mit Geknatter ein und ließ sich auf der nahen Wiese nieder. Die Rotoren ließen vorjähriges Laub gegen die Fenster stieben, und als der Lärm verstummt war, hörte man die Stimme des jungen Mannes schon aus dem nächsten Wagen: Geht es Ihnen gut?

Es ist ein schwieriges Gedicht, sagte Schneider. John Donne, siebzehntes Jahrhundert.

Sie sah ihn groß an. – . – Was dann?

Das Paar versucht, sich von seinem Körper zu verabschieden.

Und was dann?

Offenbar wollen sie mal Ruhe, aber dann kehren sie doch in ihre Körper zurück. Jedenfalls für das Auge des Betrachters.

Ein Voyeur? fragte sie. – Wo kommt der her?

Den hat Donne dazugedichtet, damit jemand sehen kann, was Mann und Frau nicht mehr sehen.

Sie las den Schluß des Gedichts, akzentfrei und

sind Leichen, sagte sie halblaut.

Auch lebendige Körper. Das Ganze ist ein Paradox. .

Man...


Adolf Muschg, geboren 1934 in Zürich, war u.a. von 1970-1999 Professor für deutsche Sprache und Literatur an der ETH in Zürich und von 2003-2006 Präsident der Akademie der Künste Berlin. Sein umfangreiches Werk, darunter die Romane 'Im Sommer des Hasen' (1965), 'Albissers Grund' (1977), 'Das Licht und der Schlüssel' (1984), 'Der Rote Ritter'(1993), 'Sutters Glück' (2004), 'Eikan, du bist spät' (2005) und 'Kinderhochzeit' (2008) wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Hermann-Hesse-Preis, der Georg-Büchner-Preis, der Grimmelshausen-Preis und zuletzt der zum ersten Mal vergebene 'Grand Prix de Littérature' der Schweiz. Unter dem Titel 'Wenn es ein Glück ist' erschienen 2008 gesammelte Erzählungen Muschgs. Seine essayistischen Werke beschäftigen sich u.a. mit 'Literatur als Therapie?', Gottfried Keller, Goethe und Japan. Im Verlag C.H.Beck erschienen Muschgs Reden 'Was ist europäisch?' (2005), die Romane 'Sax' (2010) und 'Löwenstern' (2012) sowie die Essays und Reden 'Im Erlebensfall' (2014).



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