E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Musso Eine himmlische Begegnung
14001. Auflage 2014
ISBN: 978-3-492-96617-7
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-492-96617-7
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Guillaume Musso wurde 1974 in Antibes geboren und kam bereits im Alter von zehn Jahren mit der Literatur in Berührung, als er einen guten Teil der Ferien in der von seiner Mutter geleiteten Stadtbibliothek verbrachte. Da die USA ihn von klein auf faszinierten, verbrachte er mit 19 Jahren mehrere Monate in New York und New Jersey. Er jobbte als Eisverkäufer und lebte in Wohngemeinschaften mit Menschen aus den verschiedensten Ländern. Mit vielen neuen Romanideen kehrte er nach Frankreich zurück. Er studierte Wirtschaftswissenschaften, wurde als Lehrer in den Staatsdienst übernommen und unterrichtete mit großer Leidenschaft. Ein schwerer Autounfall brachte ihn letztendlich zum Schreiben. In »Ein Engel im Winter« verarbeitet er eine Nahtoderfahrung - und wird über Nacht zum Bestsellerautor. Seine Romane, eine intensive Mischung aus Thriller und Liebesgeschichte, haben ihn weltweit zum Publikumsliebling gemacht. Seit zehn Jahren ist er der meistgelesene Autor in Frankreich. Weltweit wurden mehr als 22 Millionen Bücher des Autors verkauft, er wurde in über 40 Sprachen übersetzt.
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Leseprobe Musso, Eine himmlische Begegnung An einem Januarmorgen, in der Hafeneinfahrt von New York, zu der Stunde, da der Tag die Nacht vertreibt ... Hoch oben am Himmel überfliegen wir mit den Wolken, die nach Norden ziehen Ellis Island und die Freiheitsstatue. Es ist kalt. Die ganze Stadt erstarrt im Schnee und im Sturm. Plötzlich taucht ein Vogel mit silbernem Gefieder aus den Wolken auf und fliegt schnell wie ein Pfeil auf die Wolkenkratzer zu. Er beachtet die Schneeflocken nicht, sondern lässt sich von einer geheimnisvollen Kraft leiten, die ihn in den Norden Manhattans führt. Er stößt kurze aufgeregte Laute aus, während er mit erstaunlicher Geschwindigkeit über Greenwich Village, Times Square und die Upper West Side fliegt und sich schließlich auf dem Eingangstor zu einem öffentlichen Park niederlässt. Wir befinden uns am Ende des Morningside Parks, ganz in der Nähe der Columbia University. In knapp einer Minute wird im obersten Stockwerk eines kleinen Wohnhauses in diesem Viertel ein Licht angehen. Juliette Beaumont, eine junge Französin, kostet soeben die letzten drei Sekunden Schaf aus. 6:59:57 :58 :59 7:00:00 Als der Radiowecker klingelte, langte Juliette mit ausgestrecktem Arm nach dem Nachttisch und warf auf diese Weise den Wecker zu Boden, womit das grässliche Summen aufhörte. Sie schob ihr Federbett zur Seite, rieb sich die Augen, stellte einen Fuß vorsichtig auf das glänzende Parkett, ging ein paar Schritte vorwärts und verfing sich dann im Teppich, der auf dem gebohnerten Holz wegrutschte. Verärgert rappelte sie sich wieder hoch und griff nach ihrer Brille, die sie hasste, aber unbedingt tragen musste, weil sie kurzsichtig war und keine Kontaktlinsen vertrug. An der Wand neben der Treppe zeigten ihr kleine, bunt zusammengewürfelte Spiegel, die sie auf diversen Trödelmärkten erworben hatte, das Bild einer jungen Frau von achtundzwanzig Jahren mit mittellangem Haar und Schalk im Blick. Sie machte ihrem Spiegelbild einen Schmollmund und versuchte, etwas Ordnung in ihre Frisur zu bringen, indem sie auf die Schnelle ein paar goldene Strähnen glatt strich, die ihr vom Kopf abstanden. Ihr ausgeschnittenes T-Shirt und ihr knapper Seidenslip ließen sie sexy und aufreizend aussehen. Doch dieses angenehme Bild verschwand schnell wieder: Juliette hüllte sich in eine dicke rotkarierte Wolldecke. In diesem Apartment, das sie seit drei Jahren mit ihrer Mitbewohnerin Colleen teilte, war die Heizung schon immer der Schwachpunkt gewesen. Wenn man bedenkt, dass wir zweitausend Dollar Miete zahlen, seufzte sie. Fest eingemummt stieg sie mit vorsichtigen Trippelschritten die Treppenstufen hinunter und stieß mit einer sanften die öffentlichen Gebäude geschlossen. Ein dicker getigerter Kater, der sie seit einigen Minuten beobachtete, sprang ihr auf den Arm und setzte sich auf ihre Schulter, wobei immer die Gefahr bestand, dass er mit seinen Krallen ihren Hals aufkratzte. »Schluss damit, Jean-Camille!«, rief sie und packte den Kater, um ihn auf den Boden zu setzen. Der Kater miaute missbilligend und rollte sich dann doch in seinem Korb zusammen. Inzwischen stellte Juliette einen Wasserkessel auf den Herd und schaltete das Radio ein: ... der heftige Schneesturm, der seit achtundvierzig Stunden über Washington und Philadelphia hinwegfegt, breitet sich über den ganzen Nordosten des Landes aus und wütet jetzt in New York und Boston. Heute Morgen liegt eine dichte Schneedecke über Manhattan, die den Verkehr zum Erliegen bringt und die Stadt zur Langsamkeit zwingt. Das Unwetter wirkt sich auch auf den Flugverkehr aus: alle Flüge ab JFK und La Guardia wurden annulliert oder verschoben. Der Straßenzustand ist bedrohlich, und der Bürgermeister empfiehlt, wenn irgend möglich, das Auto zu Hause zu lassen. Die U-Bahn müsste fahren, aber der Busverkehr ist stark beeinträchtigt. Amtrack verkündet einen eingeschränkten Bahnverkehr, und zum ersten Mal seit sieben Jahren bleiben die Museen, der Zoo und die öffentlichen Gebäude geschlossen. Dieser Sturm, der auf ein Zusammentreffen feuchtwarmer Luftmassen vom Golf von Mexiko mit einer Kaltluftfront aus Kanada zurückzuführen ist, bewegt sich im Laufe des Tages in Richtung Neuengland. Wir raten Ihnen zu äußerster Vorsicht. Sie haben Manhattan 101,4, Ihren Sender, eingeschaltet. Manhattan 101,4. Sie schenken uns zehn Minuten, und wir schenken Ihnen die Welt ... Juliette fröstelte, als sie die Nachrichten hörte. Sie brauchte etwas zum Aufwärmen und schaute in den Küchenschrank: kein Instant-Kaffee, kein Tee. Auch wenn sie sich ein wenig schämte, blieb ihr nichts anderes übrig, als Colleens Teebeutel vom Vortag aus dem Spülbecken zu nehmen. Verschlafen stellte sie sich ans Fenster, um die Stadt zu betrachten, die einen weißen Mantel trug. Die junge Französin spürte eine große Wehmut, denn sie wusste, sie würde Ende der Woche Manhattan verlassen. Die Entscheidung war ihr nicht leicht gefallen, doch sie musste die Tatsache akzeptieren: Juliette liebte New York, doch New York liebte Juliette nicht. Diese Stadt hatte keine ihrer Hoffnungen und keinen ihrer Träume erfüllt. Nach dem Abitur hatte sie eine Vorbereitungsklasse für Literatur besucht und an der Sorbonne ihren Magister gemacht, während sie in den Theaterklubs der Universität auftrat. Dann war sie in die Schauspielschule Florent aufgenommen worden und galt als eine besonders viel versprechende Schülerin. Sie hatte an Castings teilgenommen, zwei oder drei Werbespots gedreht und Nebenrollen in einigen Fernsehfilmen ergattert. Doch alle weiteren Anstrengungen waren vergebens gewesen, und so musste sie nach und nach ihre Ambitionen herunterschrauben, trat in Supermärkten, vor Aufsichtsräten, in Theaterstücken für Geburtstagsfeiern auf und spielte in Euro Disney den Bär Winnie. Ihre Aussichten waren nicht rosig gewesen, doch sie hatte sich nicht entmutigen lassen, hatte den Stier bei den Hörnern gepackt und den großen Sprung über den Atlantik gewagt. Mit Träumen vom Broadway war sie voller Hoffnung als Au-pair-Mädchen nach Big Apple gekommen. Hieß es nicht, wer in New York Erfolg hat, würde überall Erfolg haben? Im ersten Jahr hatte sie neben dem Kinderhüten noch Zeit gefunden, ihr Englisch zu verbessern, sich ihren Akzent abzugewöhnen und Schauspielunterricht zu nehmen. Aber kein Vorsprechen hatte ihr mehr eingebracht als kleine Rollen in experimentellen oder avantgardistischen Stücken, die in winzigen Theatern, in Gemeindesälen oder alten Scheunen aufgeführt wurden. Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, hatte sie schließlich kleine Jobs angenommen: Halbtagskassiererin in einem Supermarkt, Zugehfrau in einem schäbigen Hotel in der Amsterdam Avenue, Kellnerin in einem Coffeeshop ... Vor einem Monat hatte sie beschlossen, nach Frankreich zurückzukehren. Colleen wollte mit ihrem Freund zusammenziehen und sie hatte weder Mut noch Lust, sich eine andere Mitbewohnerin zu suchen. Es war an der Zeit, sich das Scheitern einzugestehen. Juliette hatte ein riskantes Spiel gespielt und verloren. Lange Zeit hatte sie geglaubt sie sei schlauer als die anderen, weil sie den Fallen der Routine und der Zwänge aus dem Weg ging. Doch inzwischen fühlte sie sich völlig verloren, ohne Orientierung, ohne Struktur. Im Übrigen war ihr Erspartes aufgebraucht und ihr Visum als Au-pair-Mädchen längst abgelaufen, womit sie als illegale Einwanderin galt. Ihr Rückflug nach Paris war für übermorgen vorgesehen, wenn das Wetter es zuließ. Nun, Mädchen, hör auf, dein Schicksal zu beklagen! Sie riss sich vom Fenster los und ging langsam ins Bad. Dort ließ sie die Decke fallen, zog ihre Unterwäsche aus und stellte sich unter die Dusche. »Aaaahhhh«, kreischte sie, als sie den eiskalten Wasserstrahl auf der Haut fühlte. Colleen war als Erste unter die Dusche gegangen, und so war kein einziger Tropfen heißen Wassers übrig geblieben. Nicht gerade...




