Myers | Mord im Rampenlicht | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2, 247 Seiten

Reihe: Didier & Rose ermitteln

Myers Mord im Rampenlicht

Kriminalroman
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-8412-1238-2
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, Band 2, 247 Seiten

Reihe: Didier & Rose ermitteln

ISBN: 978-3-8412-1238-2
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eines Nachts im Jahre 1894 bergen Polizisten eine Leiche aus der Themse: ein Chor-Girl aus dem berühmten 'Galaxy-Theater'. Der Mörder hat ihr die Arme gekreuzt und über der Brust zusammengebunden. Kurz darauf werden zwei weitere Chormädchen auf die selbe Art ermordet. Im 'Galaxy' breitet sich Angst aus. Verunsichert ein neuer Ripper London? Gehört er zur Theatergruppe? Oder ist er einer der reichen Herren, welche die auffallend hübschen Galaxy-Mädchen galant umwerben? Auguste Didier, der charmante französische Meisterkoch, der seit einiger Zeit die Gäste des Theaterrestaurants mit seiner Kunst verwöhnt, unterstützt Inspektor Rose von Scotland Yard wieder tatkräftig bei seinen Ermittlungen und zeigt viel Herz für die Damen vom Theater ...



AMY MYERS wurde 1938 in Kent geboren. Sie studierte an der Reading University englische Literatur, arbeitete als Verlagslektorin und war bis 1988 Direktorin eines Londoner Verlages. Seit 1989 ist sie freischaffende Schriftstellerin. Sie ist mit einem Amerikaner verheiratet und wohnt in Kent. Amy Myers schreibt auch unter dem Namen Harriet Hudson und Laura Daniels.In ihren ersten Ehejahren arbeitete ihr Mann in Paris, und sie pendelte zwischen London und der französischen Hauptstadt hin und her. Neben vielen anderen Dingen mußte sie nun lernen, sich auf französischen Märkten und den Speisekarten französischer Restaurants zurechtzufinden. Dabei kam ihr die Idee, einen französischen Meisterkoch zum Helden eines klassischen englischen Krimis zu machen: Auguste Didier war geboren. Alle Kriminalromane von Amy Myers erscheinen im Aufbau Taschenbuch Verlag.

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1. Kapitel


»Es ist ein Unglück. Es ist eine Tragödie«, rief Robert Archibald verzweifelt mit dröhnender Stimme. »Das ist unser Ruin. Kümmert das denn niemanden?« ächzte er.

Oben in den Soffitten zitterte der Gasmann. Unter der Bühne im Keller hielten die Arbeiter inne; hoch oben auf dem Schnürboden ließ der Zimmermann den Hammer sinken. Der Bühnenmeister verschwand erschrocken in den Seitenkulissen, und Props verzog sich ganz. In ihrer Garderobe lächelte Florence Lytton vor sich hin. Das hatte sie schon einmal gehört. Sie alle hatten es schon einmal gehört. Robert Archibald war bekannt für seine Nervosität vor den Vorstellungen. Bei der Durchlaufprobe gestern hatte er sich genauso aufgeführt; morgen, bei der Premiere von »Miss Penelopes Heiratsantrag«, würde es noch schlimmer sein. Das nahm keiner ernst. Das Stück würde ein Erfolg werden, auch wenn »Miss Penelope« im Genre des musikalischen Lustspiels nur zweite Garnitur war.

Einzig Auguste Didier reagierte auf den Ruf. Nicht weil er wirklich glaubte, daß ein Unglück geschehen sei, sondern weil er als maître chef der einzige war, der echtes Mitgefühl aufzubringen vermochte. Nur er konnte die qualvolle Angst nachempfinden, die Robert Archibald erfüllte. War die Generalprobe eines neuen Stücks nicht so etwas ähnliches wie die letzten Vorbereitungen für ein großes Bankett, wo alles angerichtet war und man nur noch auf die Gäste wartete? War wirklich alles in Ordnung? Hatte man irgend etwas scheinbar Unwichtiges übersehen? Das Auge des Chefkochs mußte ebenso wie das des Theaterdirektors überall sein; es brauchte nur die kleinste Kleinigkeit schiefzugehen, und schon konnte man das Bankett abschreiben.

Er verharrte nur noch einen Augenblick, um die Sauce durch eine Spur Estragon so zu verfeinern, daß selbst der Chevalier d‘Albignac sich ihrer nicht geschämt hätte; dann verließ er seine Küche im Theaterrestaurant und eilte in den Zuschauerraum des »Galaxy«. Robert Archibald stand mitten im Parkett, den Blick so intensiv auf die Dekoration der spärlich beleuchteten Bühne gerichtet, daß Auguste begriff: der Meister war in seine Arbeit vertieft.

»Irgendwas stimmt nicht mit dem Bühnenbild, Didier«, sagte er, als der Küchenchef näherkam. »Etwas stimmt ganz entschieden nicht.« Er hielt inne und zog sorgenvoll an seinem langen Walroßschnurrbart. »Ich weiß nur nicht, was es ist«, setzte er verdrossen hinzu.

Die Hauptdekoration für »Miss Penelopes Heiratsantrag« war ein Spielzeugladen, eingerahmt von dem reich verzierten blau und goldenen Bogen des Proszeniums. Auguste betrachtete prüfend das Aufgebot von Puppen, Spielzeugeisenbahnen, Puppentheatern (jedes von Props mit aller Sorgfalt so angefertigt, daß es dem »Galaxy« ähnelte), Reifen und Papierdrachen – das geschulte Auge mußte einem System folgen.

»Kontrollieren Sie es von links nach rechts, Monsieur. Erinnern Sie sich daran, was Ihnen bei Ihrem großen Entwurf vorschwebte …«

Eine kurze Stille trat ein, während Robert Archibalds Blick verzweifelt über die Bühne wanderte. »Es hat keinen Zweck, Didier. Ich kann‘s nicht sehen. Ich weiß nur, irgendwas stimmt nicht. Ein Verhängnis liegt über dieser Inszenierung, ein Verhängnis!«

»Es liegt auf der Hand, daß Sie einen Imbiß brauchen, Monsieur«, sagte Auguste, praktisch wie er war.

»Einen Imbiß?« rief Robert Archibald entrüstet. »Sie reden von Imbiß, wo meine Existenz, die Existenz des Theaters, die Existenz der Schauspieler abhängt von …« Eine Hand fuhr über eine Augenbraue.

»Essen liefert die Antwort auf viele Probleme, Monsieur, behauptet Brillat-Savarin.« Auguste ließ sich nicht abschrekken.

»Etwas nicht zu Gehaltvolles, hoffe ich«, sagte Archibald und war einen Moment lang von der Bühne abgelenkt.

»Steinbuttfilet mit holländischer Sauce, obwohl ich meine, Monsieur, daß sich Francatelli irrt, wenn er …«

»Steinbutt?« schrie Archibald. »Für die ganze Truppe? Als ich so alt war wie die, war ich mit Sprotten zufrieden.« Er kam gern auf seine Jugend in Hoxton zu sprechen, wenn es seinem Geldbeutel dienlich war; doch der kleinste Hinweis darauf, daß ein Mitglied seiner geliebten Theaterkompanie Probleme hatte, genügte, und Geld war wunderbarerweise kein Thema mehr.

»Sprotten. Pah. Die sind als Rosendünger gut, aber nicht für den Gaumen, Monsieur.«

»Lassen Sie sich eins gesagt sein, Didier …« begann Robert Archibald lebhaft, hielt dann inne und drehte sich mit einer für einen so wohlbeleibten Herrn erstaunlichen Geschwindigkeit um. Seine Augen leuchteten. »Props!« rief er. »Props!« Weit entfernt hörte man eine Tür zuschlagen. »Ich hab‘s, Didier«, sagte er triumphierend. »Etwas stimmt wirklich nicht. Zwei von diesen verdammten Puppen fehlen.«

Das »Galaxy« legte Zeugnis ab für die geniale theatralische Begabung Robert Archibalds. Er war jetzt neunundfünfzig, und er leitete das Theater seit nunmehr sechsundzwanzig Jahren, seit dessen Eröffnung im Jahre 1868. Damals waren Possen in Mode, Parodien wohlbekannter Geschichten; Melodien, die in aller Munde waren, wurden neue Texte unterlegt; in ihren Hosenrollen faszinierte Daisie Wilson Männer ebenso wie Frauen. Ja, das waren Zeiten gewesen! Aber die Zeiten ändern sich.

Vor ein oder zwei Jahren hatte Mr Archibald an einem Frühlingstag im Hyde Park mit seiner Frau frische Luft geschöpft. Es war warm, und leuchtende Farben waren in Mode. Er sah zu, wie drei junge Damen die Enten fütterten. Sein Blick ruhte auf ihnen, und Mrs. Archibalds Blick folgte dem seinen. »Was für hübsche Mädchen«, bemerkte sie, »und so reizende Kleider.« Das Ergebnis waren die »Galaxy«-Girls. Das Wort »Girl« hatte etwas Magisches an sich. Sie brauchten keine Rollen zu spielen, und nur einige von ihnen mußten singen. Die übrigen mußten einfach nur der Bühne Glanz verleihen, begehrenswert, reich – und unerreichbar aussehen. Wozu ihnen auch in ihrem Privatleben mit Nachdruck geraten wurde, und infolgedessen hatten einige von ihnen bereits in den Adel hineingeheiratet, und wenige von ihnen würden im Alter Mangel leiden.

Dann sagte Daisie Wilson der Bühne ade, um sich zu verehelichen, und Mr Archibald kam eine ganz neue Idee. Wie wäre es mit neuer Musik, neuen Geschichten und Girls in noch schöneren Kleidern? Die Tage der Possen waren vorüber.

»Lady Berthas Verlöbnis« war die erste Musikkomödie, wie er seine neue Schöpfung bezeichnete. An dem Textbuch war nicht viel dran, eine Geschichte von adligen Damen, Verkleidungen, Lords und Liebe. Aber alles endete glücklich, denn die Kostüme waren von Worth, und das Publikum verließ das Theater begeistert. »Die Welt des Theaterbesuchers« hatte den Pariser Roben von Miss Florence Lytton drei Seiten gewidmet. Robert Archibald vermerkte das. Die Kostüme für »Miss Penelope« waren sogar noch schöner. Jedem nur das Beste, das war sein Prinzip. Der Chor trat nicht mehr in den griechischen Tuniken vom letzten Jahr auf. Die Menschenmenge am Bühneneingang hatte sich bei »Lady Bertha« verdoppelt. Ein »Galaxy«-Girl zum Abendessen auszuführen, wurde eine noch größere Ehre.

Vor zwei Jahren, 1892, hatte Archibald bemerkt, daß die »Galaxy«-Girls nicht nur auf der Bühne, sondern auch außerhalb des Theaters eine Institution darstellten. Im »Romano« war es immer voll. Das war schade, überlegte Archibald, denn das »Galaxy« hatte ein eigenes Restaurant … Und so überredete er Auguste Didier, den dreiunddreißigjährigen Chefkoch des Herzogs von Stockbery, Kent zu verlassen und dafür die Lichter von London einzutauschen. Das war nicht leicht gewesen, denn das »Galaxy«-Restaurant besaß nicht viel, womit es einen ehemaligen Lehrling Auguste Escoffiers hätte in Versuchung führen können. Doch Robert Archibald war Diplomat. All die reizenden Mädchen wurden erwähnt – die Erinnerung an seine heftige Zuneigung zu einer russischen Prinzessin ließ das plötzliche Leuchten in Augustes Augen jedoch wieder erlöschen. Aber dann überzeugte ihn Archibald, daß er sich durch den Aufbau eines vorzüglichen Restaurants im »Galaxy« einen Namen machen könnte. Schließlich hatte er nachgegeben.

Auguste schmeichelte sich, daß er mit Archibald umzugehen verstand. Natürlich hatte er nicht erkennen lassen wollen, daß er das Angebot nur zu gern annahm. Er war bereit für London. Er konnte seine Kunst nicht länger auf dem Lande begraben. Viele Leute hatten sich um ihn bemüht, doch dieses Angebot war verlockend. Und da waren schließlich noch diese entzückenden »Galaxy«-Damen …

Er leitete das Restaurant jetzt seit zwei Jahren, und seine Kunst hatte es von einem Ort, wohin die Leute aus den hintersten Reihen und von der Galerie eilten, um im Regen nicht weiter herumsuchen zu müssen, in eine Stätte verwandelt, in der zu dinieren sich die Theaterbesucher auf den vordersten Parkettplätzen und in den Logen zunächst gnädig herabließen und die sie in der Folge hoch zu schätzen wußten. Auf der anderen Seite des Strand, im »Romano« mit seinem fest etablierten Ruf, sah man diese Entwicklung mit Schrecken und impfte den »Galaxy«-Girls listig den Gedanken ein, daß die Ungestörtheit in den Nischen und Separées des »Romano« ihren Heiratsabsichten dienlicher wäre, als Didiers cuisses des nymphes d‘Aurore zu probieren.

Auguste machte das nichts aus. Er hatte jeden Tag viele »Galaxy«-Girls – und eins von ihnen nachts. Seine liebste Maisie. Er hatte ihr erklärt, daß er Tatjana immer treu bleiben müsse, obwohl das Schicksal es wollte, daß sie nie vereint sein würden, aber Paris...



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