E-Book, Deutsch, Band 1, 256 Seiten
Mylius Die Toten vom Magdalen College
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-940258-42-7
Verlag: Dryas Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Oxford-Krimi
E-Book, Deutsch, Band 1, 256 Seiten
Reihe: Britcrime: Ein Oxford-Krimi mit Green und Collins
ISBN: 978-3-940258-42-7
Verlag: Dryas Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Katharina M. Mylius wurde 1981 in Landau in der Pfalz geboren. Ihre Ausbildung absolvierte sie teilweise in den USA und Italien. Nach Abschluss ihres Studiums in Köln arbeitete sie in China und England, dort unter anderem in Oxford, wo die Idee für ihren Krimi entstand. Privat ist sie eine leidenschaftliche Sängerin und Saxophonistin.
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ZWEI
Sonntag, 18. Mai
Mit Schwung bog Heidi mit ihrem Mini in die kiesbedeckte Einfahrt ein, die zum Anwesen der McCanns führte. Frederick hatte sich wieder auf den Beifahrersitz gezwängt und war damit beschäftigt, den Kopf so zu halten, dass er ihn sich nicht ständig an der niedrigen Decke des kleinen Wagens stieß. Auf der Rückbank des Minis, zwischen zwei Kindersitze gezwängt, saß Sergeant Simmons.
Er hatte Heidi am Morgen angerufen und sie kleinlaut darum gebeten, ihn vom Polizeipräsidium abzuholen. Erst hatte sie gedacht, dass sich einer ihrer Kollegen als Simmons ausgegeben und sich einen Scherz mit ihr erlaubt hatte, doch dann hatte sie aus dem Fenster gesehen: Es schüttete wie aus Kübeln und der Himmel war mit dunklen Wolken verhangen. Es würde noch über Stunden weiter heftig regnen, denn Oxford lag in einem Tal, und wenn es regnete, dann richtig.
„Das ist ja eine Riesenhütte!“, rief Sergeant Simmons aufgeregt, als sie auf das Haus zufuhren.
Der große viktorianische Altbau schien erst kürzlich umfassend renoviert worden zu sein. Das saubere Weiß der Wände strahlte trotz des trüben Wetters und setzte sich von den frisch lackierten dunklen Holzbalken ab. Vor dem Haus standen zwei Fahrzeuge: ein silberner Audi TT und eine roter BMW. Heidi parkte den Mini daneben, und da keiner von ihnen einen Schirm dabeihatte, liefen sie durch den Regen hinüber zum Eingang des Hauses. Dort drängten sie sich zu dritt unter das kleine Vordach.
Heidi schob sich nach vorne und drückte auf den Klingelknopf. Wenig später wurde die Haustür geöffnet. Vor ihnen stand eine junge Frau in einem pinkfarbenen Samtjogginganzug, die Hosenbeine steckten in hellen Lammfellschuhen. Ihre schwarz gefärbten Haare hatte sie locker zu einem Knoten gebunden, einzelne Strähnen fielen ihr in das schmale Gesicht. Die Haut wirkte orange.
Die Bräune ist mit Sicherheit aufgesprüht, dachte Heidi, dann fragte sie: „Sind Sie Helena McCann?“
Die junge Frau nickte wortlos. Sie war wesentlich jünger, als Heidi es erwartet hatte, vielleicht achtundzwanzig Jahre alt. Ihre Augen waren rot unterlaufen, sie hatte ganz offensichtlich geweint.
„Mein Beileid, Mrs McCann. Ich bin Inspector Green und das sind Inspector Collins und Sergeant Simmons. Wir sind hier, weil wir mit Ihnen über den Tod Ihres Mannes sprechen müssen. Dürfen wir reinkommen?“
Helena McCann trat in den Flur zurück und antwortete: „Ja, bitte sehr.“ Sie führte sie in ein großzügiges Wohnzimmer, das mit teuren Designermöbeln eingerichtet war, und deutete auf ein breites Ledersofa und zwei Sessel. „Bitte setzen Sie sich doch.“
„Wäre es in Ordnung für Sie, wenn sich Sergeant Simmons etwas im Haus umschaut, während wir uns mit Ihnen unterhalten?“, erkundigte sich Heidi.
Das war es nicht, wie sie im Gesicht von Helena McCann lesen konnte, doch die junge Frau antwortete mit gespielter Freundlichkeit: „Selbstverständlich.“ Dann rief sie laut: „Vivienne!“
Sergeant Simmons, der gerade damit beschäftigt war, die Wassertropfen von seiner Regenjacke zu wischen, zuckte zusammen.
„Ja?“ Ein blonder Lockenkopf lehnte sich wenige Augenblicke später zur Wohnzimmertür hinein.
„Bitte zeig diesem Gentleman kurz, wo es in den ersten Stock geht, damit er sich etwas umschauen kann. Und danach bring uns einen Tee!“
„Natürlich. Kommen Sie bitte mit mir, Sir, ich zeige Ihnen alles.“ Vivienne lächelte Sergeant Simmons freundlich an, woraufhin ihm die Röte ins Gesicht stieg.
Heidi bemerkte auch, wie seine Augen zu leuchten begannen. „Ist Vivienne eine Freundin von Ihnen, Mrs McCann?“, fragte sie, nachdem die beiden den Raum verlassen hatten.
„Oh nein, sie ist meine Angestellte. Sie hilft mir ein wenig im Haushalt“, antwortete Helena McCann und ließ sich schwerfällig in einen der dunklen Ledersessel sinken.
Heidi und Frederick setzten sich auf das Sofa.
„Wie lange ist sie schon bei Ihnen?“, fragte Heidi.
„Jules hat sie angestellt, als ich schwanger wurde, vor etwas weniger als neun Monaten. Sie gehört inzwischen fast zur Familie. Zum Glück war sie auch gestern bei mir, als ich erfahren habe, was mit meinem Mann passiert ist. Ohne sie hätte ich nicht gewusst, wie ich die Nachricht von seinem Tod hätte verkraften sollen. Ich kann immer noch nicht glauben, dass er ermordet worden sein soll! Wer tut denn sowas? Und warum? Ausgerechnet in einer Stadt wie Oxford! Ich kam mir immer so sicher vor hier. Vivienne meint, Sie werden den Mörder sicherlich bald finden. Oxford ist ja eine kleine Stadt, nicht so wie London, da könnte ein Mörder einfach untertauchen. Hier kann er ja nicht weit kommen.“ Sie legte ihre Hände beschützend auf ihren Bauch.
„Wann ist es denn so weit?“, fragte Heidi.
„In zwei Wochen.“
„Wird es ein Junge oder ein Mädchen?“
„Wir wollten uns überraschen lassen.“
Bloß keine Tränen, ermahnte sich Heidi, doch diesmal war es Helena McCann, die ihre Tränen nicht zurückhalten konnte. Glücklicherweise trat in diesem Moment Vivienne ins Wohnzimmer. Sie trug ein Tablett, auf dem eine Kanne Tee, ein Kännchen Milch, eine Dose mit Zucker und vier Tassen aufgereiht waren. Während sie es auf dem kleinen Glastisch vor dem Sofa abstellte, hatte Helena McCann etwas Zeit, um sich wieder zu sammeln.
„Können Sie mir sagen, ob Ihnen in letzter Zeit irgendetwas an Ihrem Mann aufgefallen ist, Mrs McCann? War er anders als sonst?“, fragte Heidi nach einer Weile.
„Nein“, erwiderte Helena McCann, ohne zu zögern. „Er war so wie immer.“
In diesem Moment rutschte Vivienne eine Tasse aus der Hand, die sie vor Frederick hatte auf den Tisch stellen wollen. Sie landete mit einem lauten Klirren auf der Glasplatte.
„Entschuldigung“, sagte Vivienne leise.
Doch Helena McCann beachtete sie gar nicht und sprach einfach weiter: „Mein Mann war in den letzten Monaten viel unterwegs, um für sich zu werben. Er wollte doch unbedingt zum Lord Mayor gewählt werden. Deshalb kam er oft spät nach Hause, und dann war er sehr müde. Aber er hat das ja alles für uns getan.“ Sie streichelte über ihren Bauch. „Er wollte nur das Beste für mich und das Baby, und wenn er erst einmal Lord Mayor geworden wäre, hätte er uns jeden Wunsch erfüllen können.“
„Und gestern?“
„Ob er müde war gestern?“
„Nein, was hat er gestern gemacht, Mrs McCann?“
„Soweit ich weiß, hat er den ganzen Tag über in der Town Hall gearbeitet, so wie jeden Tag. Er war sehr fleißig, wissen Sie. Wenn er sich etwas vorgenommen hatte, dann hat er es immer erreicht.“
„Er hat an einem Samstag gearbeitet?“
„Oh ja, die Town Hall ist auch samstags geöffnet, zumindest bis zur Mittagszeit. Jules ist aber immer länger geblieben, er hatte einen Generalschlüssel. Er hat da ein großes Büro ganz für sich. Als Politiker hatte er es weit gebracht, wissen Sie, ich war sehr stolz auf ihn.“
„Das verstehe ich“, sagte Heidi. „Ist er denn gestern direkt von der Town Hall zum Alumni-Dinner gefahren?“
„Nein. Später ist er noch einmal hierhergekommen. Allerdings war er nur kurz zu Hause, hat sich gleich ein Taxi gerufen. Er hatte nur wenig Zeit, gerade genug, um zu duschen und sich für das Alumni-Dinner umzuziehen. Ich musste ihm mit den Manschettenknöpfen helfen. Er wollte unbedingt diese besonderen Manschettenknöpfe tragen, die mit dem Wappen vom Magdalen College drauf. Er war sehr stolz, dass er dort seinen Abschluss gemacht hatte“, erklärte Helena McCann und dicke Tränen liefen ihr über die Wangen.
„Er ist also mit dem Taxi zum College gefahren?“
„Ja.“ Helena McCann schniefte.
„Warum nicht mit seinem eigenen Wagen?“
„Bei diesen Alumni-Dinnern wird es meist sehr spät und es wird viel getrunken. Jules wollte danach nicht mehr Auto fahren. Er hat es mit dem Gesetz immer sehr genau genommen. Stellen Sie sich doch nur mal vor, er wäre betrunken Auto gefahren und erwischt worden. Ein betrunkener Politiker, das sehen die Leute gerne, dann fühlen sie sich, als ob er einer von ihnen wäre. Aber einer, der betrunken Auto fährt, das geht natürlich nicht.“
„Wann hat Ihr Mann das Haus verlassen?“
„Gegen 17.30 Uhr, würde ich sagen.“
„Wissen Sie, mit welchem Taxiunternehmen er gefahren ist?“, fragte Frederick.
„Das kann ich Ihnen leider nicht sagen. Ist das denn wichtig?“
„Alles könnte wichtig sein.“
Helena McCann überlegte.
„Ich glaube, es war eines dieser schwarzen London Taxis mit der gelben Schrift“, mischte sich Vivienne ein, bevor sie mit dem leeren Tablett den Raum verließ.
„Oxford Cab?“, fragte Heidi und griff nach ihrer Tasse.
„Ja, ich denke, es könnte Oxford Cab gewesen sein.“ Helena McCann nickte zustimmend.
„Mrs McCann, Sie sagten, Ihr Mann war beruflich sehr eingespannt?“
„Ja, die Wahl zum Lord Mayor steht nächste Woche an. Seit ich Jules kennengelernt habe, hat er davon gesprochen, dass er eines Tages Lord Mayor von Oxford werden würde. Das war sein größter Traum. Er hat gesagt, wenn er das geschafft hat, fahren wir zusammen irgendwohin in ein Luxushotel, ganz weit weg, nur wir beide und das Baby.“
„Wann haben Sie Ihren Mann eigentlich kennengelernt?“, fragte Heidi.
„Das war vor sechs Jahren.“
„Hier in Oxford?“
„Nein, ich komme ursprünglich aus Sussex. Wir haben uns über gemeinsame...




