Nadeau Every Body Counts
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-446-28378-7
Verlag: hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gier und der Handel mit Menschen
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Reihe: hanserblau
ISBN: 978-3-446-28378-7
Verlag: hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
»Migranten sind profitabler als Drogen«, sagte ein Mafiaboss kurz vor seiner Verhaftung. Kein milliardenschweres transnationales Verbrechen ist schwerer durchschaubar als der Menschenhandel. Von der kriminellen Unterwelt bis zu Regierungen, Banken, glamourösen Modehäusern und sogar der katholischen Kirche folgt diese bahnbrechende Recherche dem Geld, um eine Industrie zu enthüllen, in der ein Menschenleben nichts zählt - und doch unschätzbar wertvoll ist.
Fundiert, zugänglich und aufrüttelnd: »Every Body Counts« klagt ein menschenverachtendes, kriminelles Netzwerk an, das viel mehr Berührungspunkte mit unserem Alltag hat, als wir ahnen.
Barbie Latza Nadeau ist eine amerikanische Journalistin, die seit 1996 in Rom lebt. Sie arbeitet als Korrespondentin für CNN und war zuvor als Büroleiterin für Newsweek Magazine und The Daily Beast tätig. Sie ist die Urenkelin einer Afghanin, die als junge Frau in die Schweiz verschleppt wurde.
Weitere Infos & Material
1
Sex und Geld
Eine kurze Geschichte des Menschenhandels
Opfer von Menschenhandel sind nicht immer leicht zu erkennen, selbst für diejenigen, die versuchen, ihnen zu helfen. Sie geben sich potenziellen Rettern gegenüber nur selten zu erkennen, nicht zuletzt, weil Menschenhändler ihre Opfer glauben machen, dass vermeintliche Helfer ihnen nur noch Schlimmeres antun würden. Eine Nigerianerin, die von Menschenhändlern sexuell ausgebeutet wurde, erzählte mir einmal, dass ihre Peiniger ihr Zeitungsausschnitte über Priester und sogar Nonnen, die Kinder vergewaltigt hatten, gezeigt hätten, um sie davon abzuhalten, Personen aus dem klerikalen Umfeld zu vertrauen, die ihr Hilfe anbieten könnten. Als Nonnen schließlich auf sie zukamen, war sie anfangs tief verängstigt, wenngleich sie ihre Hilfe später annahm. Das Dilemma ist leicht zu verstehen: So schlecht ein Opfer auch behandelt werden mag, seine Menschenhändler werden mit Sicherheit Taktiken anwenden, die es ihm schwer machen, anderen Fremden zu vertrauen.
Die Opfer von Menschenhandel kommen aus vielen Ländern und unterschiedlichsten Verhältnissen, doch meist folgen ihre Geschichten demselben Schema:
-
Anfangs sind sie verletzlich, kommen aus bitterer Armut, fliehen vor Gewalt, oder finden keine Arbeit.
-
Dann schöpfen sie Hoffnung, glauben oftmals, dass der Menschenhändler tatsächlich ihr Retter ist, der ihnen eine Aufstiegschance bietet.
-
Am Ende sitzen sie in der Falle, weil sie ihre Freiheit an Menschenhändler verloren haben, deren Eigentum sie nun de facto sind.
Doch es wäre falsch zu glauben, dass alle Opfer tief verzweifelt oder leicht zu täuschen wären — raffinierte Menschenhändler sind imstande, ihre Opfer aus allen Gesellschaftsschichten zu rekrutieren. Eine der beeindruckendsten Frauen, die mir je begegnet sind, ist die Nigerianerin Blessing Okoedion, eine Überlebende des Sexhandels, die ich in einem Frauenhaus in Caserta, Italien, kennenlernte. Dort half sie einer Nonne namens Schwester Rita, Mädchen, die ein ähnliches Schicksal wie sie erlitten hatten, von der Straße zu holen.
Blessing war studierte Programmiererin und hatte auf die Stellenanzeige eines spanischen Computergeschäfts geantwortet. Die angebliche Firma besorgte ihr einen Flug nach Madrid und schleuste sie durch die spanischen Einreisekontrollen. Dort angekommen, nahmen ihre vermeintlichen Arbeitgeber ihr den Pass ab und ließen sie wissen, dass sie nach Italien versetzt würde. Gegen ihren Willen brachte man sie nach Castel Volturno an der Via Domiziana in Kampanien. Sie wurde geschlagen, vergewaltigt und zur Straßenprostitution gezwungen. Doch Blessing widersetzte sich ihren Entführern und verlangte von ihren Freiern, sie zur Polizei zu bringen. Einer von ihnen tat es schließlich, und sie wurde gerettet, sagte gegen ihre Menschenhändler aus und gründete ihre eigene NGO.
In ihrer Heimat war Blessing durchaus klar gewesen, dass man Frauen aus ihrem Land in Europa häufig zur Prostitution zwingt. Und doch fiel sie den kriminellen Machenschaften zum Opfer, da sie schlichtweg glaubte, jemand habe sie auf reguläre Weise eingestellt. Heute spricht Blessing regelmäßig auf Informationsveranstaltungen, leistet Aufklärungsarbeit in Nigeria und reist auch in andere Länder, aus denen junge Frauen — und zunehmend auch junge Männer — von Menschenhändlern verschleppt werden.
Eines der effektivsten Instrumente, das Menschenhändler anwenden, besteht in der Entmenschlichung ihrer Opfer. Wenn sie sie glauben machen können, dass sie die Misshandlung verdienen, ist es einfacher, sie zu kontrollieren, und es fällt den Opfern schwerer, Hilfe zu suchen oder anzunehmen. Ich habe Frauen kennengelernt, die sich so minderwertig fühlten, dass sie nicht einmal glaubten, sie hätten es verdient, aus den Fängen ihrer Sexhändler gerettet zu werden. Sie wurden unerbittlich vergewaltigt und geschlagen, mussten aber dennoch die Kraft aufbringen, Freier anzuwerben. Wenn das nicht gelang, wurden sie anschließend bestraft, oft mit psychischer Misshandlung und weiteren Gruppenvergewaltigungen.
Selbstverständlich gibt es Frauen — und auch Männer —, die sich aus freien Stücken für die Sexarbeit entscheiden, die sich regelmäßig ärztlich untersuchen lassen, jenseits ihrer Arbeit ein normales Leben führen und ihren gesamten Verdienst behalten können. Die Opfer von Sexhandel jedoch sind jeglicher Freiheit beraubt worden. Sie leben außerhalb des Gesetzes, ihre Gesundheit und Sicherheit ist ständig in Gefahr, und sie sehen so gut wie nie etwas von dem Geld, das sie verdienen.
Ganz gleich, wie bettelarm das Opfer ist — jede Person, die zur Prostitution gezwungen wird, bringt dem Menschenhändler, dem sie ›gehört‹, Zehntausende Dollar ein. Menschenhandel ist ein hochprofitables Geschäft. Im Sommer 2023 deckten US-Strafverfolger, die ursprünglich wegen Geldwäsche ermittelten, einen lukrativen Sexhandelsring auf, der zwischen Boston und dem Norden von Virginia operierte. Zwei koreanischstämmige US-Bürger, die 41-jährige Han Lee und der 30-jährige Junmyung Lee, sowie der 68-jährige US-Amerikaner James Lee — die nicht miteinander verwandt sind — wurden festgenommen, weil sie ein exklusives Bordell betrieben hatten, in dem nach Angaben des Justizministeriums Politiker, Führungskräfte aus der Tech- und Pharmabranche sowie Anwälte, Professoren und Militäroffiziere ein und aus gingen.
Die Geschäftsstrukturen waren komplex und die Gewinne beträchtlich. Etwa 250 meist asiatische Frauen wurden in Wohnungen in Cambridge und Watertown, Massachusetts, sowie in Fairfax und Tysons, Virginia, zur Prostitution gezwungen. Drahtzieherin soll Han Lee gewesen sein. Der gebürtigen Südkoreanerin, die in Kalifornien eingebürgert wurde, wird vorgeworfen, über ihre Verbindungen nach Asien Frauen unter falschen Versprechungen in die USA geschleust zu haben. In ihrer Wohnung in Cambridge fanden die Ermittler Louis-Vuitton-Schuhe im Wert von 1360 Dollar, dazu Luxushandtaschen von Yves Saint Laurent, Givenchy, Christian Louboutin und Jimmy Choo, hinzu kamen Belege von Geldanweisungen im Wert von über einer Million Dollar sowie ein »tadelloses« Kontenbuch mit der Buchführung des Bordellrings.
Junmyung Lee hatte sich von seinen Gewinnen eine 2018er Corvette gekauft. In seiner Wohnung fand die Polizei zudem Quittungen für teure Kleidung und Reisen. Der dritte im Bunde, James Lee, wurde in Kalifornien verhaftet und angeklagt, da er alle als Bordelle genutzten Wohnungen unter seinem echten sowie einigen falschen Namen angemietet haben soll. Wie es scheint, flog er von Kalifornien nach Massachusetts und Virginia, um die Mietverträge zu unterzeichnen und einen Anteil an den damit erzielten Profiten einzustreichen. »Als Gegenleistung dafür, dass er die Mietverträge unter seinem echten Namen oder einer falschen Identität abschloss, erhielt James für jeden Bordellstandort, der in Betrieb war, monatlich 1000 Dollar«, heißt es in der eidesstattlichen Erklärung. »Eine Prüfung der Finanzunterlagen seiner Mitverschwörerin Han ergab, dass er mindestens 64.000 Dollar von ihr erhalten hatte, womöglich als Entlohnung dafür, dass er die Mietverträge der Bordelle auf seinen Namen oder eines seiner Pseudonyme laufen ließ.« Der Älteste der drei steht außerdem wegen betrügerischer Aktivitäten im Zusammenhang mit staatlicher Corona-Unterstützung vor Gericht, die er mutmaßlich im Namen seiner fingierten Unternehmen beantragt hatte.
Den drei Festgenommenen wird vorgeworfen, in großen Wohnkomplexen teure Apartments für über 3600 Dollar pro Monat angemietet zu haben. Die Verabredungen wurden per Textnachricht getroffen, worauf die Freier eine Bestätigung samt Wegbeschreibung erhielten. Die Zuhälter boten ihren Kunden zudem in einer Art »Menü« sämtliche Dinge an, die sie mit den Frauen tun durften, einschließlich einer Mindestgarantie von einer Stunde. Um die Wohnung betreten zu dürfen, musste im Voraus bar bezahlt werden.
Die Beschuldigten zahlten den gesamten Gewinn auf ihre privaten Bankkonten ein, wobei sie häufig Geldtransferdienste benutzten, um mit hohen Bareinzahlungen keinen Verdacht zu erregen. Die Miete für die Wohnungen wurde ebenfalls per...




