Namdar | Liebe statt Furcht | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Namdar Liebe statt Furcht

Muslimin. Atheistin. Pastorin. Mein langer Weg in die Freiheit.
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-96122-241-4
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Muslimin. Atheistin. Pastorin. Mein langer Weg in die Freiheit.

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-96122-241-4
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Flor Namdar verbringt eine unbeschwerte, privilegierte Kindheit in ihrer Heimat Iran. Doch als junges Mädchen gerät sie in die Wirren der Islamischen Revolution. Sie verliert ihre gesellschaftliche Stellung, ihre Freiheit und schließlich ihren muslimischen Glauben. Um einer lebensgefährlichen Situation zu entkommen, flüchtet sie sich in eine unglückliche Ehe. In tiefer Verzweiflung beschließt sie, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Doch Gott hat andere Pläne. Am Tiefpunkt ihres Lebens begegnet Flor Jesus. Und diese Begegnung verändert alles.

Flor Namdar stammt aus dem Iran. Als Missionarin / Übersetzerin gelangt sie nach Deutschland, studiert Theologie und gründet als evangelische Pastorin eine persischsprachige Gemeinde. Der wahre Name der Autorin muss ungenannt bleiben, denn andernfalls wäre sie selbst, ihre Familie und Mitglieder ihrer Gemeinde in Gefahr.
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Ein zerrissenes Land

An einem eisigen Novembertag im Jahr 1964 kam ich in Kermanschah im Westen des Iran in einem Militärkrankenhaus zur Welt. Mein Vater erfuhr erst später davon. Er war, wie so oft, als Offizier unterwegs.

Die Armee war direkt dem Schah unterstellt und sein wichtigstes Instrument, um seine großen politischen Ambitionen zu verfolgen. Modern und schlagkräftig sollte sie sein. Nachdem mein Vater die Offizierslaufbahn eingeschlagen hatte, wurde er zum Studium nach Amerika geschickt. Er sprach perfekt Englisch und war ein vielseitig gebildeter Mann. Zurück in der Heimat wurde er selbst Ausbilder und reiste ständig im Land umher. Alle zwei Jahre zog er mit unserer gesamten Familie an einen anderen Militärstützpunkt. Auf diese Weise sah ich viel von meinem Heimatland und lernte die unterschiedlichsten Orte kennen. Allerdings hatte dieses Nomadendasein auch einen entscheidenden Nachteil: Es gab keinen Ort, an dem ich mich wirklich zu Hause fühlen konnte, und ein Teil von mir blieb stets heimatlos. Als dann die Islamische Revolution alles, was mir bis dahin vertraut gewesen war, auf den Kopf stellte, sollte ich vollends den Boden unter den Füßen verlieren.

Der Iran ist ein großes Land, größer als Spanien, Frankreich, Deutschland und England zusammen, und er ist ein Vielvölkerstaat. Nur die Hälfte seiner Einwohner sind Perser, 20 Prozent der Einwohner sind Aseris (Aserbaidschaner), den drittgrößten Bevölkerungsanteil stellen die Kurden mit etwa 10 Prozent. Darüber hinaus gibt es aber auch Araber, Turkmenen, Afghanen, Armenier und Assyrer.

Während der Zeit des Kalten Krieges versuchte dieses zerrissene Land, seine nationale Identität zu finden und sich äußerer Einflüsse zu erwehren.

Als ich geboren wurde, war Schah Mohammad Reza Pahlavi bereits seit 23 Jahren das Staatsoberhaupt des Iran. Die Verfassung sah eine konstitutionelle Monarchie vor, doch sein politischer Ehrgeiz ging weit darüber hinaus. Das führte zu einem seltsamen Widerspruch: Auf der einen Seite zeigte er sich sehr modern und westlich orientiert. Auf der anderen Seite sah er sich selbst in der Tradition der alten persischen Kaiser.

Als Kind hatte ich ein glorifiziertes Bild des Schahs. Seine dunkle Seite kannte ich nicht. Der Herrscher auf dem Pfauenthron war in meiner kindlichen Wahrnehmung ein guter Mann. Er sorgte dafür, dass es meinem Vater und meiner Familie gut ging. Er wollte Wohlstand und Bildung für sein Land. Auch im westlichen Ausland war er sehr beliebt. Während seiner Ehe mit der schönen Soraya war das persische Kaiserpaar ein bevorzugtes Thema in der deutschen Boulevardpresse. Nicht ganz unschuldig daran war wohl die Herkunft der jungen Kaiserin, die mütterlicherseits deutschstämmig war. Der verschwenderisch-exotische Hofstaat des Kaisers faszinierte die Menschen, brachte ihm allerdings später auch zunehmend Kritik ein. Da die Ehe kinderlos blieb, wurde sie Ende der Fünfzigerjahre geschieden.

Der Schah war stets bemüht, möglichst gefügigen Ministerpräsidenten zur Regierung zu verhelfen. Auf diese Weise konnte er dem Parlament seine Vorstellungen mehr oder weniger diktieren. Außenpolitisch suchte er offen den Schulterschluss mit Großbritannien und den USA. Dafür nahm er auch in Kauf, dass die britische Ölgesellschaft AIOC die Ölquellen des Landes weithin ausbeutete. Die radikale Verstaatlichung der iranischen Ölindustrie, die der äußerst beliebte Ministerpräsident Mohammed Mossadegh durchgesetzt hatte, machte er in Teilen wieder rückgängig. Das kostete ihn viele Sympathien im Volk.

Der Schah bestimmte zunehmend diktatorisch die Geschicke des Landes. Die Aufrüstung der Armee verschlang Unsummen, während gleichzeitig in vielen Gebieten des Iran noch immer bittere Armut herrschte. Aber am meisten zerstörten wohl die Gräueltaten des SAVAK1 das Vertrauen der Bevölkerung in ihren Kaiser. Diese Geheimpolizei war ursprünglich von Ministerpräsident Mossadegh eingerichtet worden, um illegale Streiks und politische Unruhen zu verhindern. Ausgerechnet die CIA und der Mossad waren maßgeblich am Aufbau des neuen Geheimdienstes beteiligt. Vielleicht ist dies auch eine der Quellen des fanatischen und irrationalen Hasses mancher islamischer Revolutionäre auf die USA und Israel.

Im Laufe der Zeit entwickelte sich der Geheimdienst zunehmend zu einem brutalen Werkzeug der Unterdrückung. Regimekritiker wurden verhaftet, verhört und grausam gefoltert. Viele wurden von Militärtribunalen zum Tode verurteilt. Die Menschenrechte wurden hier mit Füßen getreten.

Offiziell war der SAVAK dem Ministerpräsidenten unterstellt. Aber in Wahrheit erhielt dieser nur wenige ausgewählte Informationen. Dem Schah hingegen wurde durch den Direktor des SAVAK zweimal wöchentlich persönlich Bericht erstattet.

Das war die dunkle Seite des Herrschers auf dem Pfauenthron. Doch damals, als ich noch ein kleines Mädchen war, ahnte ich davon nichts.

Ich hatte eine in vielerlei Hinsicht behütete und von vielen schönen Erlebnissen geprägte Kindheit. Ich erinnere mich noch an wunderbare Kinobesuche und Ausflüge. Wir fuhren jedes Jahr in den Urlaub. Diese Zeiten waren immer wunderschön. Mein Vater war die ganze Zeit bei uns und meine Mutter organisierte alles. Wir machten Wanderungen, gingen im Meer baden und aßen die köstlichsten Sandwiches. Ab und zu gingen meine Eltern mit uns essen. Für mich war das selbstverständlich. In Wahrheit war es jedoch etwas Besonderes und zeugte davon, dass meine Eltern wohlhabend waren.

Aber nicht nur materiell ging es uns gut. Wir Kinder erfuhren auch Unterstützung und Wertschätzung. Wenn ich als kleines Mädchen meinen Eltern verkündete, dass ich Anwältin werden wolle, wurde dies weder abgetan noch belächelt. Im Gegenteil, ich wurde unterstützt und bestätigt. „Natürlich, Flor. Wenn du das wirklich willst, kannst du das auch schaffen.“

Meine Mutter war Kurdin und Sunnitin, mein Vater Perser und Schiit. Die politische, ethnische und religiöse Zerrissenheit meiner Heimat hätte sich auch in meiner Familie widerspiegeln können. Aber ich erlebte dies nicht so. Meine Eltern liebten und respektierten sich, vielleicht auch deshalb, weil sie sich in ihrer großen Unterschiedlichkeit so gut ergänzten.

Meine Mutter hatte, wie es damals oft üblich war, nur bis zur fünften Klasse die Schule besucht. Danach wurde sie verheiratet. Sie war sehr intelligent und sprach fließend Farsi2, Kurdisch und Türkisch. Meine Mutter genoss in der Familie und der Nachbarschaft großen Respekt. Sie war eine sehr selbstbewusste, weltoffene Frau. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie besonderen Wert auf religiöse Handlungen legte. Aber sie hatte ein großes Herz und war immer zur Stelle, wenn Menschen Hilfe brauchten. Nie waren wir vor der Großzügigkeit meiner Mutter sicher. Ein harmloser Arztbesuch konnte dazu führen, dass ein wildfremder Mann abends an unserem Tisch saß, ein altes Hemd meines Vaters trug und uns mit schiefen Zähnen verschämt anlächelte, während er sich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder richtig satt aß.

In der Grundschulzeit war ich ein sehr schüchternes, stilles Kind und vor allem von dem Wunsch beseelt, dazuzugehören und „normal“ zu sein. Die unkonventionelle Art meiner Mutter war mir oft unangenehm und machte mich wütend.

Im Gegensatz zu meiner Mutter hatte mein Vater eine umfassende Schulbildung genossen. Er hatte im Ausland studiert und einen hohen gesellschaftlichen Rang. Als tiefreligiöser Schiit las er jedes Jahr im Fastenmonat Ramadan einmal den gesamten Koran durch. Darauf war er sehr stolz. Oftmals lud er die örtlichen Mullahs zu uns nach Hause ein. Ich habe noch sehr genau in Erinnerung, wie er mit diesen bärtigen weisen Männern in unserem Wohnzimmer saß. Ehrfürchtig und nicht selten unter Tränen lasen sie dann gemeinsam den Koran.

Mein Vater war sehr fromm und gesellschaftlich hoch anerkannt. Ich wollte sein wie er.

Sowohl mein Vater als auch meine Mutter waren zuvor schon einmal verheiratet gewesen. Mein Vater war Witwer und die erste Ehe meiner Mutter war geschieden worden. Sie brachte drei Kinder mit in die Ehe, während mein Vater schon einen älteren Sohn hatte, der jedoch nicht mehr bei uns lebte. Gemeinsam bekamen sie noch fünf eigene Kinder. Von diesen Kindern war ich das zweitälteste.

Ich glaube, ich war diejenige von uns allen, die am meisten an unserem Vater hing. Viel später sollte ich allerdings das einzige Kind sein, das mein Vater aus der Familie verstieß.

Als kleines Mädchen trug ich stets ein Kuscheltuch bei mir, was damals im Iran alles andere als üblich war. Das Tuch war aus dem gleichen weichen Stoff, aus dem auch die Hemden meines Vaters geschneidert waren.

Bis ich zwei oder drei Jahre alt war, durfte ich manchmal im Bett meiner Eltern übernachten. Dann kuschelte ich mich fest an ihn, und die weiche Wäsche, die er trug, vermittelte mir Geborgenheit.

Mein Vater war aufgrund seiner militärischen Aufgaben oft unterwegs. Dann vermisste ich ihn sehr. Jedes Mal, wenn ich vom Spielen zurück ins Haus kam, rief ich nach meinem Vater und war erst beruhigt, wenn ich wusste: Ja, er ist da.

Allerdings rief ich ihn nicht „Vater“ oder „Baba“, wie es die kleinen persischen Kinder normalerweise tun. Ich nannte ihn auch nicht bei seinem Vornamen. Nein, wenn ich die Stufen in unser Haus hinauftappte, lautete mein Ruf: „Sarhang da?“

Und meine Mutter antworte: „Ja, Flor. Sarhang ist da!“

Mir erschien das ganz normal. Dass dies aber keineswegs der...


Flor Namdar stammt aus dem Iran. Als Missionarin / Übersetzerin gelangt sie nach Deutschland, studiert Theologie und gründet als evangelische Pastorin eine persischsprachige Gemeinde. Der wahre Name der Autorin muss ungenannt bleiben, denn andernfalls wäre sie selbst, ihre Familie und Mitglieder ihrer Gemeinde in Gefahr.



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