E-Book, Deutsch, 128 Seiten
Nassehi / Felixberger Kursbuch 207
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96196-224-2
Verlag: Kursbuch Kulturstiftung gGmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Falsch wählen
E-Book, Deutsch, 128 Seiten
ISBN: 978-3-96196-224-2
Verlag: Kursbuch Kulturstiftung gGmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
ARMIN NASSEHI (*1960) ist Soziologieprofessor an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, Herausgeber des Kursbuchs und einer der wichtigsten Public Intellectuals in diesem Land. Im Murmann Verlag veröffentlichte er unter anderem 'Mit dem Taxi durch die Gesellschaft', in der kursbuch.edition erschien zuletzt 'Das große Nein. Eigendynamik und Tragik gesellschaftlichen Protests'. PETER FELIXBERGER (*1960) ist Herausgeber des Kursbuchs und Programmgeschäftsführer der Murmann Publishers. Als Buch- und Medienentwickler ist er immer dort zur Stelle, wo ein Argument ans helle Licht der Aufklärung will. Seine Bücher erschienen bei Hanser, Campus, Passagen und Murmann. Dort auch sein letztes: 'Wie gerecht ist die Gerechtigkeit?'
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Ernst Mohr
Yes to this, No to that!
Ein Gespräch mit Peter Felixberger und Armin Nasseh
Kursbuch: Menschen schaffen heute über den Konsum soziale Nähe und Distanz. Coolness ist verbunden mit der einen richtigen oder falschen Entscheidung. Alles gipfelt in der Unterscheidung: Yes to this, No to that! Wie aber können Konsumenten oder Style-Follower der Kränkung entgehen, dass sie womöglich das Falsche gewählt haben?
Mohr: Nehmen wir für das Falschwählen ein Wettspiel im Fußball. In der Regel sind Spiele eine Kombination aus unserer Erfahrungswelt und etwas völlig Fiktionalem. Bei der letzten Fußball-EM bin ich in einer solchen Tippgruppe Letzter geworden, habe also übermäßig oft nach landläufiger Meinung falsch gewählt. Ich würde allerdings sagen, wenn ich auf den Ersten blicke: Wir haben eigentlich nur sehr unterschiedlich gewählt und damit beide richtig. Wenn nämlich alle gleich getippt hätten, wären alle nur Erster oder Letzter, uns alle hätte die ganze Sache angeödet und wir hätten deshalb allesamt das Falsche gemacht. Der Unterschied zwischen diesem Wettspiel und typischen Konsumentscheidungen besteht allerdings darin, dass der Unterschied im Wettspiel erst nach dem rien ne va plus sichtbar wurde und das Gleiche und damit Falsche zu wählen deshalb nicht mehr korrigierbar war. Dies war das Fiktionale im Spiel im Unterschied zum Konsumieren. Das Typische einer Konsumentscheidung besteht hingegen in der Möglichkeit von kollektiven Korrekturschlaufen, bevor abgerechnet wird. Yes to this, No to that! – kollektiv zu Ende koordiniert. Das Konsumglück oder wie die Ökonomen sagen: Der Konsumnutzen entsteht dabei nicht aus dem Konsum positiver Mengen (je mehr, desto besser), sondern dadurch dass wir unterschiedliche Qualitäten konsumierend zeigen und damit das Soziale produzieren. Zur Illustration passt der Kultfilm Die Ferien des Monsieur Hulot von Jacques Tati. Da gibt es eine wunderbare Szene, in der sich eine In-Group, die sich jedes Jahr zur selben Zeit in einem Hotel am Atlantik trifft, zu einem Ausflug verabredet. In einem Zimmergang im Hotel treten im selben Augenblick zwei Damen aus ihren Zimmern. Im identisch gepunkteten Petticoatkleid. Sie mustern sich, sprechen kein Wort und verschwinden wieder in ihren Hotelzimmern. Schnitt: Die Gruppe trifft sich unten vor dem Hotel. Keine Frau trägt mehr ein Petticoatkleid. Die beiden Damen haben zuerst falsch gewählt, weil sie im selben Augenblick dasselbe gewählt haben. Die falsche Konsumwahl ist somit kollektiv getroffen worden. Zum Glück sind beide wieder ins Zimmer zurückgekehrt und haben sich umgekleidet – und vom Kollektiven her gedacht, auch ohne Schaden umkleiden können. Zurück zum Fußballwettspiel. Was mir dort das Glück verschafft, ist nicht, das Richtige zu tippen, wenn alle anderen auch das Richtige tippen, sondern die Dynamik der unterschiedlichen Entscheidungen.
Kursbuch: Unterschiedlich zu entscheiden bedeutet aber auch, überraschend zu entscheiden. Nicht konform, nicht erwartbar. Welcher Wähltyp sind Sie? Tippen Sie eher für den Favoriten oder für den Underdog?
Mohr: Das ist eigentlich egal. Das Wettspiel bringt alle Entscheidungen in eine fiktionale hierarchische Ordnung. Im Konsum hingegen geht es nicht primär ums Hierarchisieren, sondern in der In-Group oder Wahlverwandtschaft die eigene Individualität zu kuratieren sowie Distanz zu Out-Groups aufzubauen. Mit ein und demselben Stil wird sowohl soziale Nähe als auch soziale Distanz aufgebaut. Das geht nur mit Unterschieden, die vom unterschiedlichen Wählen herrühren.
Kursbuch: Auf der richtigen Seite stehen bedeutet demzufolge, auch falsch wählen zu dürfen.
Mohr: Wenn wir unser Konsumglück aus dem Konsum von sichtbaren Unterschieden ziehen, gibt es kein individuelles, sondern nur ein kollektives Richtig oder Falsch. Zunächst kollektiv falsch lagen die beiden Damen im Tati-Film mit ihrer Kleiderwahl. Kollektiv richtig war es, sich anschließend umzuziehen. Oder anders ausgedrückt: Weg von einer normativen hierarchischen Strukturierung hin zu einer horizontalen Kuratierung von Unterschieden. Wobei natürlich das Humoreske in der Szene im für die Herstellung des angestrebten Unterschieds überflüssigen Kleiderwechsel beider Damen lag.
Kursbuch: Im Fußball gibt es aber auch die Weisheit: Wer richtig tippt, hat von Fußball keine Ahnung. Was macht eine Wahl zur richtigen oder falschen Wahl?
Mohr: Zum Vergleich und im Unterschied zum richtig Konsumieren: Unmittelbar vor politischen Wahlen sind offizielle Prognosen nicht mehr erlaubt, weil wir Wähler im entscheidenden Augenblick gerne auf der Siegerseite stehen. Beim Konsumieren sind aber im Gegensatz zur Politik am Ende tatsächlich alle Sieger, wenn es kollektiv gelingt, Unterschiede zu zeigen. Konsumieren ist deshalb stressfreier als Politisieren.
Kursbuch: Es ist sehr sympathisch, wenn Sie sagen, dass wir unterschiedlich wählen können. Inklusive der Freiheit, selbst wenn die Alternativen vorgegeben sind. Wir müssen allerdings bisweilen auch wählen, weil es keine eindeutigen Kriterien für das richtige Wählen gibt. Zum Beispiel beim Kaufen und Verkaufen von Produkten?
Mohr: Die Musik im Wirtschaftsspiel wird durch unterschiedliche Erwartungen erzeugt. Die Marktlogik läuft darauf hinaus, dass nach Transaktionen beide – Käufer und Verkäufer – mit ihrer Entscheidung zufrieden sind. Das Glück beider hängt hier genauso von unterschiedlichen Entscheidungen ab: Kauf und Verkauf.
Kursbuch: In der Mode herrscht aber einerseits das Diktat des vorgegebenen Angebots. Gleichzeitig werden Trends und Styles sehr genau in individuellen Testräumen erforscht und erprobt. Der Markt sucht Konformität mit dem richtigen Angebot. Gleichzeitig lässt er sich von der Nonkonformität von Konsumenten überraschen.
Mohr: Es geht in der Identitätsindustrie um die Industrialisierung eines Innovationsprozesses, der indes nicht aus dem Mainstream, sondern von den Rändern der Gesellschaft kommt. Genau dort liegen nämlich die stilistischen Hotspots für stilistische Innovationen. Deshalb tummeln sich dort die Trendscouts der Moderiesen und saugen neue Ideen auf. Der stilistische Unterschied zwischen Mainstream und diesem Rand der Gesellschaft ist jedoch zu groß, als dass die dortigen Innovationen vom Mainstream direkt übernommen würden. Denn das Was und das Wie der randständigen und Mainstreamstile haben keinerlei Gemeinsamkeit. Das Was bedeutet, ob der Stil eher soziale Distanz oder Individualität betont? Am Rand der Punkökonomie, wie ich sie bezeichne, geht es um die Bekräftigung der Distanz, während im Mainstream das Individuelle betont wird. Sie unterscheiden sich aber auch im Wie des Stils. Im Mainstream wird der Stil mit kleinen Elementen des Überdurchschnittlichen kuratiert. Ein bisschen Unterscheidung darf und muss ja sein. Am Rand hingegen legt man Wert auf das Extreme, um möglichst große Distanz zum Mainstream zu erzeugen. Deshalb braucht es einen stilistischen Transformationsprozess vom Rand in den Mainstream. Das Extreme vom Rand wird am Ende des Prozesses das Überdurchschnittliche im Mainstream und das ursprünglich Distanzierte das Individuelle. Auf diese Weise ist etwa das Tattoo im Mainstream gelandet. Das Geheimnis der Identitätsindustrie ist es, diesen stilistischen Transformationsprozess wie geschmiert zum Laufen zu bringen.
Kursbuch: Welche Strategien wählen Hipster, Punks und andere, um sich vom Mainstream zu unterscheiden?
Mohr: Es gibt zwei komplementäre Stilformationen, die je ein stilistisches Element mit dem Rand und dem Mainstream teilen und so im Transformationsprozess von Innovation vermittelnd wirken. Die Hipster etwa gehen in ihrer urbanen Narration wie der innovative gesellschaftliche Rand auf Distanz zu den drögen Durchschnittsstädtern, dafür setzen sie aber wie der Mainstream keine extremen stilistischen Mittel ein. Die Bärte sind etwas länger, die Haare kürzer. Das provoziert den Mainstream nicht. Es gibt aber auch stilistische Formationen, die mit dem Rand die Mittel des Extremen teilen, aber wie der Mainstream mit dem Ziel der Individualisierung. Dazu gehört der Pop oder die Kultfigur der Dragqueen, die zwar mit Mitteln des Extremen operiert, damit aber eine ganz bestimmte Individualität erzeugt. Auf dem Umweg über solch vermittelnde Stilformationen ist der industrielle Innovationsprozess mit den unterschiedlichen Marken und Firmen vom Rand zum Mainstream organisiert. Am Ende locken die Innovationen den Mainstream mit einer Coolness, die verkäuflich, schick und goutierbar ist.
Kursbuch: Nehmen wir als Beispiel die Konzerne Nike oder Adidas. Agieren diese Firmen in Ihrem Sinne eher als Transformationsagenturen des Business zwischen Rand und Mainstream oder als Massenmarktanbieter und -distributor?
Mohr: Beides. Adidas, Nike und Co. inszenieren sich als coole Marken, durch Zusammenarbeit etwa mit bekannten Hip-Hop-Größen und anderen Influencern. Sie bedienen sich damit eines sich ständig verändernden Ökosystems, das sowohl den kapitalistischen Randbedingungen des Massenmarktes als auch den kulturell distanzierten Stilen des Randes Rechnung tragen muss. Hinzu kommt eine krasse Zunahme der Geschwindigkeit, in der diese Prozesse ablaufen. Mit der Folge, dass die Modezyklen immer kürzer werden. Einführung, Testung und Massenausstoß laufen revolvierend parallel.
Kursbuch: Hängt...




