Nassehi Mit dem Taxi durch die Gesellschaft
1. eBook Auflage 2010
ISBN: 978-3-86774-101-9
Verlag: Murmann Publishers
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Soziologische Storys
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-86774-101-9
Verlag: Murmann Publishers
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
ARMIN NASSEHI , geboren 1960, ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Er arbeitet an einem Konzept 'Gesellschaft der Gegenwarten'.
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Perspektiven
Warum wir dieselbe Welt so unterschiedlich sehen
»Patient sind Sie aber nicht, oder?«, fragte mich der Taxifahrer, der mich vom Hauptbahnhof in die Klinik fahren sollte. Ich war in Eile, da mein Zug aus München mehr als eine Stunde Verspätung hatte. Der Fahrer wartete meine Antwort gar nicht erst ab, sondern begann gleich zu erzählen. Seine Frau habe lange in dem Klinikum gelegen, sie sei schwer krank – eine unheilbare Krebserkrankung. Inzwischen sei sie zu Hause und werde dort versorgt, es sei ein Graus, und er sei jeden Abend froh, wenn sie einigermaßen über den Tag gekommen seien. Es gebe so viel zu bedenken – Medikamente müssten genommen, Ausscheidungen kontrolliert, Werte gemessen und die Schmerztherapie abgestimmt werden. Lange könne es so nicht mehr weitergehen. Für ihn, meinen Fahrer, sei das schon schwer, ihn überfordere das alles, manchmal wisse er wirklich nicht weiter. Und was solle man sagen, wenn man nach über dreißig Ehejahren gesagt bekomme, dass sie froh wäre, wenn es endlich vorbei wäre?
Der Taxifahrer, ein vielleicht 65-jähriger beleibter Mann, hatte sich richtig in Rage geredet – auch wenn er die Geschichte mit seiner Frau, die medizinischen Details wie seine Ratlosigkeit, sicher nicht zum ersten Mal erzählte. Ich bekam das Gefühl, dass er mich fast vergessen hatte. Jedenfalls erschrak er ein wenig, als er sich wieder an meine Gegenwart zu erinnern schien. Wenn ich schon kein Patient war und auch nicht aussah wie ein Geschäftsreisender, lag nur eines nahe: »Was für ein Arzt sind Sie denn?« Ich betonte, kein Mediziner zu sein, und irgendwie war der Fahrer erleichtert: »Oh, ich dachte schon …«
Ich fragte nach. Und wieder folgte eine ausführliche, sehr emotionale Schilderung. Niemand habe Zeit für ihn gehabt, kein Mensch sich wirklich für ihn und seine Frau interessiert, von jedem seien immer nur Teilantworten gekommen. Der behandelnde Arzt habe immer wieder auf den Oberarzt verwiesen, der sei immer nur für wenige Minuten greifbar gewesen, man werde aber alle nötigen Infos an den Hausarzt weitergeben. Die Stationsschwester habe irgendwie überlastet gewirkt. Die Einzige, die mal ein wenig Zeit gehabt habe, sei die evangelische Krankenhauspfarrerin gewesen, aber mit der Kirche hätten er und seine Frau es nicht so.
Aus allem, was der Mann sagte, klang eine tiefe Enttäuschung darüber, dass es keine verbindlichen Gesprächspartner gab, dass niemand ihm sagen konnte, wie es weiterging und was getan werden müsse. Niemand sei so recht zuständig gewesen, manchmal hätten sich die Aussagen sogar widersprochen. »Es ist, glaube ich, besser, kurz und schnell zu sterben, am besten, man kriegt nix davon mit – und Andere auch nicht.« Und dann sagte er einen Satz, der mich nachhaltig berührt hat: »Machtloser als in so einem Krankenhaus sind Sie auch nicht, wenn Sie tot sind.« Der Satz hatte eine philosophische Schwere – und wir sind beide ein bisschen darüber erschrocken –, der Taxifahrer lachte, wohl um die Beklommenheit ein wenig aufzulockern …
Als ich ihm eröffnete, dass ich ein Soziologe sei, der das Ethik-Komitee der Klinik besuchen wollte, nahm der Mann das als Aufforderung zu einer erneuten, sehr engagierten Rede über die Zustände in Krankenhäusern. Er habe ja das Gefühl, dass dort die rechte Hand nicht weiß, was die linke tut. »Versuchen Sie einmal, einen Arzt auf das festzunageln, was ein anderer Arzt gesagt hat, da werden Sie verrückt! Diese Doktoren, die sehen doch nur sich selbst, die sehen gar nicht, wie es um die Leute wirklich steht. Wenn's darum ging, dass meine Frau diese oder jene Pille bekommt, waren sie auf Zack, aber wenn es darum ging, wie es weitergehen soll und wie das alles zu Hause funktionieren soll, da wusste keiner Bescheid. Da hat doch keiner 'ne Ahnung vom Anderen.«
Wie in einem Brennglas hat der Taxifahrer formuliert, wofür ich mich als Soziologe interessiere. Krankenhäuser sind für mich nicht nur Anstalten zur Krankenbehandlung, sondern auch eine Parabel darauf, wie das moderne Leben funktioniert: schnell und multiperspektivisch, kaum steuerbar und doch permanent unter Regulierungsdruck, befasst mit lebenswichtigen Entscheidungen und doch irgendwie ohne ein Zentrum, von dem her sich das Ganze erschließt. Ich hatte freilich nicht viel Zeit, diesem Gedanken nachzuhängen, denn wir waren am Klinikum angekommen, und ich musste das Taxi bezahlen. Der Fahrer fragte mich, ob ich anschließend zum Bahnhof zurückwolle, und wir machten einen Zeitpunkt aus, an dem er mich wieder abholen sollte.
Wegen meiner Verspätung wurde ich an der Pforte schon erwartet. Ich war zu einer Sitzung des Klinischen Ethik-Komitees eingeladen, da ich in einem langjährigen Forschungsvorhaben über die Arbeitsweise solcher Gremien geforscht habe. An diesem Tag sollte es darum gehen, wie das Krankenhaus mit suizidären Patienten umgeht. Eine Mitarbeiterin brachte mich zum Konferenzraum, wo die Sitzung bereits in vollem Gange war. Jedenfalls machten die Leute, die um einen ovalen Tisch herum saßen, den Eindruck, dass sie durch meinen Auftritt unterbrochen wurden. Man spürte geradezu die Spannung, gegen die auch der Vorsitzende des Gremiums, ein Anästhesist im Ruhestand, den ich bereits von einem früheren Treffen her kannte, nichts ausrichten konnte. Allein der Takt, den die Situation erforderte, hinderte die Beteiligten offensichtlich daran, weiter zu debattieren – zumindest erschien es mir so.
Der Vorsitzende begrüßte mich, und es folgte eine kurze Vorstellungsrunde. An der Sitzung nahmen der Verwaltungsleiter der Klinik teil, Seelsorger, mehrere Ärztinnen und Ärzte, darunter auch ein Palliativmediziner und ein Psychiater, ein Jurist, zwei Vertreterinnen des Pflegepersonals und eine Patientenfürsprecherin. Bereits in der Vorstellungsrunde kam es zu kleinen Spitzen der Anwesenden gegeneinander. Vor allem zwischen dem Psychiater und dem Juristen waren die Spannungen unübersehbar.
Schon die Vorstellungsrunde machte deutlich, dass die Versammelten hier durchaus ein gemeinsames Interesse zusammenführte, dass die Gemeinsamkeit aber aus sehr unterschiedlichen Perspektiven gespeist wurde. So stellte sich der Verwaltungsleiter selbstironisch als derjenige vor, »der stets nur die glatte und kalte Perspektive des Geldes vertritt, also der unethische Part in diesem Ethik-Komitee«. Was mir als Außenstehendem wie ein gut einstudierter Scherz erschien, sorgte bei den anderen Beteiligten für genervte Gesichter. Ein Hinweis darauf, dass die Bemerkung eine längere gemeinsame Geschichte hatte.
Es folgten ein Oberarzt der Inneren Medizin, der sich nur sachlich mit Namen und Funktion vorstellte, eine leitende Krankenschwester ebenso, wie auch der Psychiater, der sich dafür bedankte, dass mal jemand von außen der ganzen Sache »auf die Finger schaut«. Die beiden Seelsorger, ein etwas älterer katholischer Priester und eine junge, dynamische evangelische Pastorin, kamen aus ganz unterschiedlichen Welten – stellten sich aber beide als Partner aller Seiten vor. Sie seien »für die Menschen« da, auch für die, die im Krankenhaus »Dienst tun«, »Dienst am Menschen« nämlich.
Es folgte ein junger Assistenzarzt, dessen ganzer Tonfall zweierlei demonstrierte: Er war einerseits sehr engagiert und interessiert, andererseits im Habitus eher gehemmt und vorsichtig. An seiner Haltung materialisierte sich irgendwie die strenge Hierarchie eines Klinikums mit ihren klaren Oben-unten-Strukturen und Weisungsbefugnissen. Auch wenn solche Institutionen Teil von Universitäten sind, herrscht in ihnen eine völlig andere Kultur als in anderen Fakultäten.
»Sie sollten nicht so bescheiden sein«, sagte darauf der neben ihm platzierte Herr, der schon die ganze Zeit eher unruhig auf seinem Stuhl saß. »Sie dürfen ruhig erwähnen, dass Sie auch Philosophie studiert haben und ein echter Ethik-Experte sind.« Fast wurde der junge Mann rot, doch die Aufmerksamkeit wechselte nun auf jenen Herrn, der sich als Professor der Jurisprudenz, Strafrecht, vorstellte und kurz bemerkte: »In normativen Fragen reicht die Philosophie dann doch nicht.«
Der Letzte in der Reihe war der Chefarzt der palliativmedizinischen Station des Krankenhauses, die zehn eigene Betten zur Verfügung hat und ansonsten konsiliarisch für andere Abteilungen des Hauses zuständig ist. Das Ganze hat vielleicht gute fünf Minuten gedauert – die Spannung vom Anfang war immer noch zu spüren. Ich habe dann selbst nach bravem Dank für die Einladung einige kurze Bemerkungen dazu gemacht, dass ich mich als Soziologe für solche Gremien interessiere, mich aber sehr kurz gehalten, mit der Bemerkung, dass die Sitzung ja bereits in vollem Gange gewesen sei und ich das Gefühl hätte, eine engagierte Diskussion unterbrochen zu haben.
Der Vorsitzende des Gremiums wiegelte ab: »Nein, nein, wir sollten nun tatsächlich dazu kommen, dass wir ein wenig über unsere Arbeit berichten …« »Nein, unser Gast hat schon recht, wir haben bereits über einen schwierigen Fall diskutiert, und ich muss gestehen, dass ich immer noch ganz erschrocken darüber bin, wie das gelaufen ist«, traute sich der junge Assistenzarzt und Philosoph aus der Deckung und forderte damit offenbar den Juristen heraus.
Der Vorsitzende nahm die Sache in die Hand. »Sie müssen wissen, dass es in unserem Haus vor einigen Wochen einen dramatischen Suizid eines Patienten gegeben hat, was uns seitdem nicht mehr loslässt, weil wir nicht wissen, ob wir Fehler gemacht haben, denn es hat durchaus Warnsignale gegeben, die wir hätten ernst nehmen müssen. Doch darüber, wie man sich hätte richtig verhalten sollen, ist nur schwer Einigkeit zu erzielen. Wir haben vor Ihrer Ankunft über...




