E-Book, Deutsch, 480 Seiten
Naubert Volksmärchen der Deutschen (Kommentiert)
1. Auflage 2015
ISBN: 978-80-268-3456-4
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erweiterte Ausgabe. Erdmann und Marie, eine Legende von Rübezahl + Erlkönigs Tochter + Die hamelschen Kinder + Ottilie + Die Legende von St. Julian + Jungfernsprung und Roßtrab + Die weiße Frau
E-Book, Deutsch, 480 Seiten
ISBN: 978-80-268-3456-4
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dieses eBook: 'Volksmärchen der Deutschen' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Christiane Benedikte Naubert (1752-1819) war eine deutsche Schriftstellerin, die - überwiegend anonym - über 50 historische Romane veröffentlichte. Sie gilt als eine der Begründerinnen des historischen Romans in Deutschland. Sie ist durch ihre Sammlung der Neuen Volksmärchen der Deutschen lange vor der Sammlung der Brüder Grimm (1812-1815) wichtig geworden. Es handelt sich freilich um Kunstmärchen, literarische Gestaltungen historischer Stoffe unter Einbeziehung volkstümlicher Motive, nicht um eine Märchensammlung im späteren Sinn. Inhalt: Erdmann und Marie, eine Legende von Rübezahl Erlkönigs Tochter Die hamelschen Kinder, oder das Mährchen vom Ritter St. Georg Ottilie Die Legende von St. Julian Jungfernsprung und Roßtrab Die weiße Frau
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Erlkönigs Tochter
An der östlichen Küste von Seeland lag vor Alters eine große Stadt, welche in der Folge das Schicksal von Carthago und Persepolis erfuhr, die uns nur noch in ihren Ruinen an ihre ehemalige Herrlichkeit erinnern; ja die Zeit hat jener noch übler mitgespielt als diesen, denn ihre Stätte ist nicht mehr kenntlich, und selbst ihren Namen hat die Sage vergessen; wir wollen sie, weil doch jedes Ding seinen Namen haben muß, nach dem alten Namen des Ganzen, dessen Zierde sie war, Siölund1 nennen, und es dem Leser freistellen, nach dem, was sich aus Nebenumständen ergeben möchte, ihre Lage etwas genauer zu bestimmen.
Unser Siölund war eine gewaltige Handelsstadt, deren Kaufleute so reich und mächtig wie Fürsten waren; das Meer zollte ihnen seine Reichthümer, und die Geschäfte, die sie machten, erstreckten sich bis in die entferntesten Gegenden der Welt. Doch konnte sich keiner dieser wichtigen Männer mit Hinrich von Röschild messen, der sich seit ungefähr zwanzig Jahren hier niedergelassen hatte, und dessen Reichthum und Macht Alles übertraf, was sich nur von kaufmännischer Herrlichkeit denken läßt.
Hinrich von Röschild hatte auf einer benachbarten Insel, die noch bis auf den heutigen Tag unter dem Namen der Erleninsel bekannt ist, ein großes Waarenlager, über dessen sonderbar gewählte Stätte sich Viele verwunderten. Welch' ein Einfall, Schätze von nicht geringem Werthe einer unbewohnten Insel anzuvertrauen, wo die Seeräuber, die diese Küste nicht selten beunruhigten, bequem landen und freie Beute machen konnten! Aber die Stelle, worauf das Waarenhaus stand, war Hinrichs erkauftes Eigenthum, und Niemand hatte darein zu reden, auch landeten die Seeräuber nicht und machten freie Beute; die Kaufmannsgüter waren hingestellt unter Gottes Geleit, der Grund war heiliges Land, Niemand durfte sie antasten.
Diese Insel mußte Hiolm, der einzige Sohn Röschilds, der schon von frühester Jugend an zur Arbeit angehalten worden war, oft in Geschäften seines Vaters besuchen. Bald war es Vermehrung, bald Verminderung der dasigen Vorräthe, bald Unterhaltung der eigensinnigsten Ordnung unter denselben weshalb er dahin geschickt wurde, und daher kam es auch, daß Hiolm auf der Insel, die kaum eine Meile im Umfang hat, fast so bekannt war, wie im väterlichen Hause.
Eines Tages fuhr Hiolm wie gewöhnlich in Begleitung eines alten Dieners nach der Insel, um dort seine Geschäfte zu betreiben. Man stieg an das Land, der erste Anblick, der sich den Augen der Ankommenden darbot, war ein entseelter menschlicher Körper.
Dies erregte Verwunderung, besonders bei Hiolm. Spuren, daß menschliche Wesen hier zu Zeiten weilten, hatte er bei seinen Wanderungen wohl oft entdeckt, aber nie einen der unbekannten Bewohner oder Besucher der Erleninsel gesehen, – und nun einen Todten! – Bedauernd hing er über ihn, den er für einen Ermordeten hielt, und vergoß bittere Thränen, die seinem Herzen Ehre machten.
Doch man mußte die Todtenklage beseitigen und an die Arbeit gehen. Sie nahm den ganzen Tag in Anspruch, und als man am Abend wieder zur Rückkehr in den Kahn steigen wollte, war es wieder der entseelte Körper, der die Aufmerksamkeit des Jünglings auf sich zog.
»Es ist eine schändliche Grausamkeit,« sagte er zu seinem Begleiter, »die Ueberreste eines menschlichen Geschöpfs hier an der Sonne verwesen zu lassen; wir wollen eine Grube machen und den Leichnam einscharren.«
»Herr,« antwortete der Diener, »ich dächte, wir befaßten uns nicht mit Dingen, die uns nichts angehen; die Nacht bricht ein, und wir müssen eilen, unsern Nachen zu erreichen.« – Hiolm gehorchte dem alten Mann, aber er konnte nicht unterlassen, als sie im Glanze der untergehenden Sonne nach Hause schifften, ihn zu fragen, warum er dem Leichnam die Wohlthat der Beerdigung nicht gönnen wollte? »Eure Jugend und Unerfahrenheit,« erwiederte dieser, »macht euch bereitwilliger, Wohlthaten zu erzeigen als es rathsam ist. Ich misgönne die Hand voll Erde, die unsre letze Mitgabe ist, keinem meiner Mitgeschöpfe, aber jener Leichnam sah mir zu verdächtig aus, als daß ich mich viel mit ihm hätte abgeben mögen. Ihr sollt wissen, mitten unter uns wohnt ein Geistergeschlecht, mit eben der Hülle bekleidet, die wir tragen und nur durch wenig Abzeichen von den wirklichen Menschen zu unterscheiden; aber sie sind nur unsere Halbbrüder, mächtiger als wir, und meistens bösartig. Unter den tausend Sonderbarkeiten, die sie an sich haben, ist besonders zu bemerken, daß jene Wesen zwar dem Tode unterworfen sind wie wir, daß sie sich aber, wenn ihre entseelten Ueberreste zeitig genug, ehe sie in Verwesung übergehen, mit Erde bedeckt oder in's Wasser versenkt werden, wieder beseelen und von Neuem einen Lebenslauf beginnen, der gewöhnlich mehrere Jahrhunderte in sich begreift. Ob jener Leichnam zu dieser Klasse gehörte, weiß ich nicht, doch hätte ich euch nicht rathen wollen, Hand an ihn zu legen, es hätte euch sonst ergehen können, wie jenem Fischer.«
Hiolm fragte, wie es jenem Fischer erging, und bekam ein Mährchen zu hören, fast des Inhalts, wie die arabische Erzählung von dem Geiste, der seinem Retter aus dem Abgrunde des Meeres übel lohnte. – Hiolm hatte dasselbe entweder schon so oft gehört als unsere Leser, oder er war überhaupt kein Freund von dergleichen Sagen, genug er beachtete sie nicht, und noch weniger die daraus gezogene Moral: daß man Niemand Gutes erzeigen dürfe, den man nicht genau kenne, da man sonst oft mit Undank gelohnt würde.
War es Trieb, eine Pflicht der Menschlichkeit zu üben, war es Vorwitz, oder jugendlicher Starrsinn, der sich gerade zu dem Verbotenen hinneigt, genug, Hiolm faßte noch auf dem Heimwege den Entschluß, sobald als möglich allein nach der Insel zu schiffen, und dem Leichnam, der seine Theilnahme so stark erregt hatte, wenigstens ein Grab zu gewähren, weil er ihm keine andere Wohlthat mehr erzeigen konnte.
Es glückte ihm gleich am andern Tage. Es gab neue Geschäfte auf der Erleninsel, der gewöhnliche Begleiter war durch plötzliche Krankheit abgehalten, und Hiolm reiste allein. Um ungestört das Werk, das ihm im Sinne lag, vollbringen zu können, unternahm er es, den Nachen mit eigner Hand zu regieren. Spaten und Schaufel wurden nicht vergessen, und zu dem Todtengräbergeräth legte er noch einen Schößling von einem Rosenstrauch – damals noch eine Seltenheit für den dasigen Himmelsstrich – welcher auf das Grab gepflanzt werden sollte, weil er eine andere Art von Monument über der Asche des Entseelten zu errichten, nicht im Stande war.
Hiolm's Vorhaben beschäftigte seine junge phantasiereiche Seele ganz, obgleich er selbst nicht wußte, was ihn dafür so sehr einnahm; vielleicht war es blos das Neue und Sonderbare, verbunden mit dem Reiz, den die Abmahnungen und Erzählungen des alten Dieners bei einem neugierigen Knaben nothwendig erregen mußten.
Unter tausenderlei Gedanken stieß er sein Fahrzeug ab und schiffte an das jenseitige Ufer. Die todte Einsamkeit der Erleninsel nahm ihn auf, das was jedem Andern mit Grauen erfüllt haben würde, erregte in ihm blos eine gewisse ernste, feierliche Empfindung, die für ihn mit unnennbarem Wohlbehagen verknüpft war, – kurz Hiolm befand sich noch in jenem glücklichen Alter, wo wir Alles, was uns begegnet, in Freude verkehren und selbst unter Gräbern Blumen zu finden wissen.
Es war keine kleine Arbeit, deren sich der feurige Knabe unterzogen hatte. Er hatte vor Kurzem erst das zwölfte Jahr zurückgelegt, seine Arme waren noch schwach und besonders in dergleichen Arbeiten ungeübt; doch endlich kam das schwere Werk zu Stande. Im Schatten einer Gruppe der Bäume, von welchen die Insel den Namen hat, ruhte der Leichnam; der Rosenstrauch war zu seinem Haupte eingesenkt, und der junge Todtengräber ging mit seinem: Sit tibi terra levis! das jedes Volk seinen Begrabenen in seiner Mundart nachzurufen pflegt, davon. Dieser fromme Wunsch konnte hier dem Wortverstande nach zutreffen, denn kaum eine Elle hoch deckte die Erde den Leichnam; Hiolms Arme waren zu schwach gewesen, dem Grabe seine gehörige Tiefe zu geben.
Die anderweitigen Geschäfte auf der Insel wurden darauf eiligst besorgt, bei der Rückkehr nach dem Fahrzeuge noch einige wohlgefällige Blicke auf das Monument geworfen, Schaufel und Spaten, als nunmehr unnütze Reisegefährten in's Meer versenkt, und die Heimreise so glücklich geendet als die Ueberkunft.
Hiolm hatte jetzt gethan, was ihm entweder Gutmüthigkeit oder ein kindischer Einfall eingegeben hatte, und nun dachte er nicht mehr an die Sache. Aber in der dritten Nacht zeigte es sich, daß dieselbe von den anderweitigen Interessenten nicht so vergessen war als von ihm. Er lag und schlummerte – da dünkte ihm, eine Hand rühre ihn an und wecke ihn aus dem Schlafe. Er richtete sich auf, eine Gestalt stand vor ihm, seinen Augen nicht ganz unbekannt, doch konnte er sich nicht besinnen, wann und wo er sie gesehen. Ein augenblicklicher Schrecken überfiel ihn, der aber bald in ruhigere Empfindungen überging.
»Holder Knabe,« flüsterte die Gestalt, indem sie sich über sein Lager herabbeugte, »der mir mit einer Hand voll Erde eine Wohlthat erzeigte, die ich dir mit Königreichen nicht zu vergelten wüßte, wie soll ich dich belohnen? – Genieße, was dich jetzt ergötzen kann, und rechne in der Folge auf größere Wohlthaten. Versäume nicht in den Nächten, wo der Mond voll wird, die Erleninsel allein zu besuchen, und du wirst dann ein schöneres Schauspiel sehen, als deine Augen je erblickten.«
Hiolm war zu leichtsinnig, diesen Traum zu beachten; wahrscheinlich vergas er ihn, und würde vielleicht nie wieder an denselben...




