E-Book, Deutsch, 114 Seiten
Ndoye Islamisches Finanzwesen in Europa
1. Auflage 2019
ISBN: 978-1-5439-6761-6
Verlag: BookBaby
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Bestandsaufnahme Der Produkte Und Dienstleistungen
E-Book, Deutsch, 114 Seiten
ISBN: 978-1-5439-6761-6
Verlag: BookBaby
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Die Subprime-Krise wie auch die Staatsschuldenkrise in Europa hätten uns erspart bleiben können; und die verschärfte Volatilität auf den Finanzmärkten, bei Rohstoffen und Lebensmitteln wäre wesentlich geringerausgefallen, wenn sich der Westen etwas vom Geist des islamischen Finanzwesen inspirieren lassen hätte. Der erste Teil dieses Buches erinnert an die unterschiedlichen Interessen des islamischen Finanzwesens für die europäischen Staaten im Kontext der globalen Nachfinanzkrise. Ein zweiter Teil wird im Anschluss an eine chronologische Studie versuchen, eine Bestandsaufnahme des islamischen Finanzwesens in Europa durch die Untersuchung verschiedenerführender Länder zu diesem Thema zu erstellen: die Fälle von Großbritannien, der Türkei, Deutschland und Frankreich werden besonders betrachtet, ohne jedoch die anderen Länder der Europäischen Union zu vergessen. Der dritte Teil konzentriert sich schließlich auf die Bereitstellung von Produkten und Dienstleistungen in einem Markt, dessen Wachstumspotenzial noch sehr ungenutzt ist.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Erster Teil:
„Islamisches Finanzwesen: Definition, Fragestellungen und Geschichte“
1. Islamisches Finanzwesen: Definition, Fragestellungen und Geschichte
1.1. Definition des islamischen Finanzwesens
1.1.1. Was ist islamisches Finanzwesen ?
Wenn wir die Wirtschaftsphilosophie des Islam von der Frage der Existenz eines Wirtschaftssystems trennen, dann deshalb, weil diese beiden Konzepte aus theoretischer Sicht aus zwei verschiedenen Ansätzen stammen. Der erste erkennt den autonomen Status der Wirtschaft nicht an: sie ist vielmehr Teil des sozialen Lebens als Ganzes. Die Wirtschaft ist in soziale Beziehungen eingebettet. So erscheint in der Arbeit von Imam Chomeini, Towzih ol Masalel („Die Erklärung der Probleme“), der Begriff Ökonomie nicht; das Kapitel „Verkaufen und Kaufen“ folgt dem Kapitel über die Wallfahrt und stellt ökonomische Sachverhalte als unspezifische Einzelakte dar, die einer Moral entsprechen müssen. Der zweite Ansatz, der die Idee der Existenz einer spezifischen islamischen Wirtschaft verteidigt, basiert auf der Konstruktion einer zeitgenössischen theoretischen Analyse, die – auf Basis einer vom Koran und der Sunna definierten Ethik – die Entwicklung eines islamischen Wirtschaftssystems emöglicht. Max Weber vertrat die Hypothese der Korrelation zwischen der Entstehung einer bestimmten Art von Kapitalismus auf der Grundlage der Akkumulation von Investition begünstigendem Kapital und der Ethik bestimmter calvinistischer Kreise, die sowohl Arbeit als auch Askese predigten. Genauso könnten die ethischen islamischen Prinzipien zu einem eigenen, ursprünglichen Wirtschaftssystem führen. Wie in calvinistischen Kreisen, ist die Ökonomie ein Mittel, um den eigenen Glauben zu beweisen und die Gnade Gottes durch ein Verhalten gemäß den religiösen Vorschriften zu erlangen – und kein Selbstzweck. Der einzige Zweck ist die Rettung des Menschen und die Suche danach erfolgt im Islam durch Verhaltensweisen, die den Wohlstand der muslimischen Gemeinschaft ermöglichen.
Islamisches Finanzwesen basiert somit auf drei grundlegenden Prinzipien:
- Dem Zinsverbot: Das islamische Finanzwesen scheint im Hinblick auf seine Ziele und Instrumente im Einklang mit einer islamischen Wirtschaftsethik zu stehen. Es ist bei weitem keine Alternative zum gegenwärtigen Finanzkapitalismus, sondern entspricht eher dem Wunsch der Banken nach einer Moralisierung des Kapitalismus und einer Antwort der konventionellen Banken, muslimische Ersparnisse sowohl auf nationaler Ebene – es gibt etwa 6 Millionen Muslime in Frankreich – zu mobilisieren als auch staatliche Vermögensfonds aus Ölüberschüssen in den Golfstaaten anzuziehen. Die Notwendigkeit, in Krisensituationen zusätzliche Liquidität auf die westlichen Finanzmärkte zu bringen, zwingt westliche Banken, innovative und differenzierte Finanzprodukte unter dem Deckmantel des Respekts für Ethik innerhalb „islamischer“ Tochtergesellschaften oder Zentren anzubieten.
- Dem Verbot von Unsicherheit, Spekulation und dem Einsatz von Techniken zur Risikostreuung zwischen Sparern und Anlegern durch ein Gewinn-und-Verlust-System scheint eine Garantie gegen die Instabilität der traditionellen Finanzmärkte zu sein.
- Dem Verbot der Finanzierung von Aktivitäten, die nach islamischem Recht als illegal gelten, wie zum Beispiel Glücksspiel, Waffenproduktion oder Alkoholherstellung.
Abbildung 1: Grundlagen des islamischen Finanzwesens
Das zeitgenössische islamische Finanzwesen kann auf zwei Arten definiert werden. Subjektiv integriert sich „jede Institution, die sich als solche definiert“, in das islamische Finanzwesen. Objektiv ist es die Beachtung bestimmter Klassifizierungskriterien, die islamische Banken von anderen Banken unterscheiden, wie zum Beispiel Betriebsziele oder -prinzipien. In den Kundenbroschüren einer türkisch-islamischen Bank wurden folgende Grundsätze festgehalten: „Islamische Banken gehorchen dem Islam; sie betrachten Geld nicht als Ware, sondern als ein Handelsinstrument; sie ersetzten die Zinsen durch einen geteilten Gewinn; sie versuchen, durch produktive Investitionen Profit zu machen; die wirtschaftliche Entwicklung hängt für sie von der sozialen Entwicklung ab.“1
Diese Idealvorstellung des islamischen Finanzwesens spiegelt sich in der Beschreibung der Faysal-Gruppe wider: „Ein neues Finanzsystem wurde entwickelt, um Menschen aus ihren wirtschaftlichen Schwierigkeiten und ihrer Einsamkeit zu befreien, um eine Wirtschaftsethik in Übereinstimmung mit materiellen und geistlichen Werten zu etablieren und um Ersparnisse in den produktiven Sektor zu lenken. Die Grundlage dieses Systems ist, dass Zinsen vollständig ausgeschlossen und durch ein System der Gewinn- und Verlustbeteiligung ersetzt werden.“2 Islamisches Finanzwesen wird definiert durch das Fehlen von Zinsen (und nicht nur durch das im Koran erwähnte ribâ), durch den Wunsch, die Bindungen innerhalb der muslimischen Gemeinschaft zu stärken, und aus wirtschaftlicher Sicht, indem produktive Investitionen priorisiert werden. Dieses letzte Argument zielt auch darauf ab, näher an die vom Koran befürworteten Werte zu kommen, wie Arbeit, und die Verurteilung von Bereicherung durch Spekulation, was über die Zeit mit Glücksspiel verglichen wird.
1.1.2. Stellung des Finanzwesens im islamischen Wirtschafts- und Sozialsystem
Das islamische Finanzwesen ist eine komplexe Disziplin, die nicht direkt und ausschließlich in ihren technischen Dimensionen untersucht werden kann. Lachemi Siagh (2001) beschreibt das besondere Umfeld islamischer Banken als eine „Umgebungen intensiver Kultur“. Eine Organisation befindet sich in einer intensiven Kulturumgebung, wenn sie „im Kontext mit zwei Arten von Umfeld steht und interagiert, die durch unterschiedliche Dimensionen gekennzeichnet sind: das strukturelle Umfeld und das immaterielle Umfeld“. Das strukturelle Umfeld ist das, auf das wir uns gewöhnlich beziehen.3 Es ist eine Quelle von Chancen und Risiken, die Einschränkungen erzeugen, auf die wir reagieren können. Das immaterielle Umfeld ist eines, „dessen Hauptdimensionen dem Bereich der Ideen angehören. […] Das gesamte ideologische, religiöse und dogmatische System, das rechtliche, kulturelle und soziale System.“ Es enthält Komponenten, auf die man nicht reagieren kann. Dies ist der Fall für Organisationen in islamischen Ländern, da die muslimische Religion die gesamte menschliche Aktivität beeinflusst.
1.1.3. Die Prinzipien des islamischen Finanzwesens
1.1.3.1. Wirtschaft und Religion
Wenn wir uns auf die drei großen monotheistischen Religionen Christentum, Islam und Judentum beziehen, so haben sie am Anfang gemeinsame Merkmale: Sie beziehen sich auf menschliche Beziehungen im Kontext des gesellschaftlichen Lebens. Im Laufe der Zeit haben sich diese Religionen jedoch in mancher Hinsicht anders entwickelt, insbesondere im Hinblick auf die Geschäftsbeziehungen. Der Islam greift direkt in die Verwaltung materieller Güter ein. Im Gegensatz zu anderen Religionen gibt es keine Dissoziation zwischen Religion und Wirtschaft.
Einige Autoren wie Rodinson (1966) und Austruy (2006) haben sogar die Möglichkeit infrage gestellt, dass sich die muslimische Welt gemäß den auf Kapitalismus oder Marxismus basierenden Wachstumsmustern entwickeln könnte. In seinem Buch „Islam face au développement” zeigt Austruy die Hindernisse auf, aufgrund derer man behaupten kann, dass die islamische Mentalität wenig mit dem kapitalistischen Modell gemeinsam hat:
- Psychologische Hindernisse, bei denen der Einzelne Kräften ausgesetzt wird, denen er nicht gewachsen ist (Gott, die Gemeinschaft ...)
- Soziologische Hindernisse, nach denen der Mensch sein Schicksal nicht ändern kann
- Institutionelle Hindernisse wie das Verbot verzinslicher Darlehen
Ein Vergleich der kulturellen Werte verschiedener Religionen ermöglicht ein besseres Verständnis der islamischen Wirtschaftstheorie. Die Studie von Pras und Vaudou-Lagrâce (2007) über die Beziehungen zwischen Marketing und Islam inspiriert hierbei.
Diese Autoren verorten die moralischen Positionen von Individuen durch den konzeptionellen Rahmen von Forsyth (1980). Sie werden nach zwei Faktoren untersucht: Relativismus und Idealismus. Der Relativismus führt zur Ablehnung universeller moralischer Regeln und berücksichtigt in seiner Beurteilung situationsbedingte Variablen und lokale Kulturen. Idealismus ist das Merkmal von Menschen, die meinen, dass die Wahl einer guten Handlung immer zu positiven Konsequenzen führt.
Im Vergleich zur katholischen Religion sind Muslime idealistischer und respektieren daher eher die Regeln. Es ist also wichtig zu unterscheiden, was halal4 ist. Was den Grad des Relativismus betrifft, so ist er hinsichtlich der wesentlichen Prinzipien schwach. „Der...




