Nebl | Die Goldspinnerinnen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 226 Seiten

Nebl Die Goldspinnerinnen

und weitere schöne Märchen aus dem Baltikum
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7693-3650-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

und weitere schöne Märchen aus dem Baltikum

E-Book, Deutsch, 226 Seiten

ISBN: 978-3-7693-3650-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Gold zu spinnen früh und spat, eine Hexe Mädchen gezwungen hat. Lauskis, der den Frost gemacht, hat ein braves Mädchen mit Gold bedacht. Hexen kommen weit herum, sie zu belauschen, ist nicht dumm! Ein Fischerbursche soll Prinz wohl sein, doch er passt nicht in diese Welt hinein. Die seltsame Stimme aus einem Stein leitet einige Befreiungen ein. Der Kindertausch, ganz unbedacht, hat Unglück in die Welt gebracht! Aber alle diese schönen Geschichten, am Ende von Lieb und Treu berichten ...!

Der Autor Theodor Nebl hat in seiner beruflichen Tätigkeit eine Reihe wissenschaftlicher Lehrbücher verfasst. Zur Freude seiner Kinder, Enkel und aller an Märchen interessierten Leser wechselte er vor einiger Zeit das Genre. Nun widmet er sich den Märchen aus aller Welt. Er erzählt die Märchen neu und setzt sie in Reime. So entstand frei nach den Gebrüdern Grimm unter anderem die zehnbändige Reihe »Gereimte Märchen« und zuletzt der Titel »Geschichten aus der Bibel«.
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Das goldene Beil


Auf einem Bauernhof saß täglich

eine junge Magd bei Kienspanlicht und spann.

Ihr Arbeitstag mit dem ersten Sonnenlicht begann

und endete um Mitternacht.

Ob ihr das gefiel, hat niemand sie gefragt,

weil ihre Herrschaft nur an sich gedacht!

Der Bauer war schon lange tot.

Die Bequemlichkeit der Bäuerin und ihrer Tochter,

die gern die großen Damen spielten,

und sich für etwas Besseres hielten,

brachten den Bauernhof noch mehr in Not!

Alle häusliche Arbeit wurde

auf die eine einzige Magd geladen.

Nicht zu deren Freude,

viel eher zu deren Schaden.

Sie war fleißig und stets dienstbereit

und das über die ganze tägliche Arbeitszeit.

Doch was sie auch an Arbeit geschafft,

mit eines Mädchens Kraft,

reichte nie zu der Bäuerin Zufriedenheit.

Alles, was ihr gut gelang,

brachte weder Lob noch Dank!

Doch hatte etwas einmal nicht geklappt,

die Bäuerin sich eine Rute oder auch die Peitsche schnappt!

Gerne hat sie zugeschlagen!

Klaglos musste dies die Magd ertragen!

Denn sie war elternlos und arm.

An die Arbeit musste sie sich binden.

Wie denn sonst könnte sie ihren Unterhalt wohl finden?

Sie konnte leider nicht, wenn es ihr nicht passt, verschwinden!

Doch das war auch aus einem

zweiten Grund nicht leicht.

Des Nachbarbauern Sohn

war längst in Ilse, so hieß die Magd,

seit einiger Zeit verliebt wohl schon!

Gerne hätte der schmucke Bursche,

den sie auch so gern gemocht,

um die schöne Ilse gefreit.

Doch seine Eltern waren dazu nicht bereit!

In deren Augen schickte es sich nicht,

wenn ein Bauernsohn eine alte Tradition wohl bricht!

Eine arme Magd durfte

der Erbe eines Hofes niemals frein!

Um zu heiraten, müsste es schon

die Erbin eines anderen Hofes sein!

Und diese war wohl auch schon gefunden.

Keine andere, als die Tochter

von Ilses Herrin,

ward als Braut schon auserwählt.

Was die Ilse so sehr quält!

In drei Tagen nur war alles abgemacht

und ins Reine auch gebracht!

Hochzeit sollt’ zu Ostern sein.

Die junge Braut hat vor Glück gelacht,

denn etwas Besseres fiel ihr nicht ein!

Für Ans, den Bauernsohn,

war sie gewiss die zweite Wahl:

»Geld zu Geld! So heiratet man!«

Dieser Spruch kam bei den Verliebten

furchtbar schlecht wohl an!

Wieder ward das arme Kind gekniffen,

doch sie hat nicht darauf gepfiffen!

Liebte Ans von ganzem Herzen,

aber ihr Gefühl verschloss sie vor der Welt

und deckte es zu mit ihren Schmerzen!

Wer fragte schon nach ihrem Wohl und Wehe?

Glaube nicht daran, dass das dem armen Kind jemals geschehe!

So hat sie in stummem Brüten am Spinnrad gesessen

und konnte ihren Liebsten nicht vergessen!

Indessen brauste der Nordwind um das Haus.

Finster und frostig war die Nacht.

Die Wolken hatten Schnee gebracht.

Weiß sahen Feld und Wald nun aus.

Ilses Tränen flössen auf den Flachs herab.

Schwere Seufzer stieß sie aus und nicht zu knapp!

Zu der rauchgeschwärzten Bohlendecke sind diese aufgestiegen.

Nur mit einem Klagelied konnte sie, ihr großes Weh besiegen:

Eiltest fort du goldene Sonne.

Ließest mich im Schatten stehn.

Auch mein armes Mütterlein

musste früh schon von mir gehn!

Wer nur führt mich in das Licht zurück?

Verlor gerade mein Liebesglück!

Wenn du doch weiterziehen musst,

so sende doch von mir,

dem toten Mütterlein

und dem verlorenen Liebsten einen Gruß.

Im Dunkeln bin ich so allein,

werde niemals wieder fröhlich sein!

Wann leuchten je mir wieder

Sonne, Mond und Stern?

Das Mütterlein und der Liebste

sind so unendlich fern!

Wie ich auch rufe in der Nacht,

kein Gruß von ihnen wird gebracht!

Ilse hat bei ihrem Singen nicht daran gedacht,

dass von ihrem Lied die Bäuerin mit ihrer Tochter

werden im Schlaf gestört, sie sind darum auch gleich aufgewacht.

Da grollte schon aus dem Nebenzimmer

die heisere Stimme der Bäuerin heraus:

»Zum Teufel mit deinem Singsang,

dem fürchterlichen Gewimmer!

Das stört, mach es endlich aus!

Dein Gekrächze lässt die Toten aus der Grube springen!

Pass nur auf, dass sie dir nicht eines ihrer Liedchen singen!«

Ihre Tochter stimmte ein:

»Wenn du plärren willst, du dummes Ding,

geh auf den Hof hinaus

und mit dem Nordwind um die Wette sing!

Dein Gesang wird kein Ende schaffen, deinem Leid!

Spring in den Fluss, dann ist es vorbei, für alle Zeit!«

Die letzte Kerze war abgebrannt.

Ganz taub vom Spinnen war Ilses Hand.

Finster war es in der Stube

und auch in dem ganzen Land.

Nur der Wind sang seine Melodie.

Er schüttelte Baum und Haus so sehr, wie wohl noch nie!

Es mochte sechs Uhr in der Frühe sein.

Jemand klopfte an das Fenster von Ilses Kämmerlein.

Aus erholsamem Schlummer wurde sie davon geweckt.

Sie ging vor die Tür, um nachzuschauen,

wer wohl hinter dem Klopfen steckt?

Die zitternde Stimme eines alten Bettlers sprach sie an:

»Erbarme dich Mädchen mein!

Ich habe mich verirrt, bin fast verhungert und erfroren!

So schlecht kann doch kein Schicksal sein!

Ich benötige Wärme, Wasser

und ein Stückchen Brot.

Kannst du mir das nicht geben,

dann bin ich in wenigen Minuten tot!«

Ilse hat nachgedacht.

Mit Bettlern hatte sie schon Erfahrung gemacht.

Ihre Bäuerin ließ noch nie einen ins Haus!

In Kälte und Regen stieß sie sie hinaus!

Keinen Krümel Brot hatte sie je verschenkt!

Ich hoffe, dass der Herrgott das weiß,

wenn er ihre letzten Schritte lenkt!

Dann war ihr plötzlich klar,

dass es beinahe Nacht noch war.

Die Herrin und ihre Tochter schliefen an jedem Morgen aus.

Vor zehn Uhr kommen sie nur selten aus ihren Betten heraus!

Sie sprach: »Komm mit, in den Kuhstall, alter Mann.

Dort biete ich dir Milch zum Trinken an.

Warm ist es dort, der Tiere wegen.

Kannst dich auf das Stroh zur Ruhe legen.

Brot werde ich dir aus der Küche holen.

Für dich hätte ich es auch gestohlen!«

Auf einem umgestürzten Kübel

ließ sie den Bettler sitzen.

Molk die Kuh in ein Trinkgefäß,

das mag für den Durst wohl nützen.

Sie holte aus dem Hause ein Stückchen hartes Brot,

das sie am Abend hatte liegengelassen.

Der Alte aß und trank, und wärmte sich auf.

Vor wenigen Minuten noch, war das für ihn wohl kaum zu fassen!

Mit voller, wohlklingender Stimme sprach er dann:

»Deine Güte, liebes Mädchen, rechne ich dir sehr hoch an!

Ich bin nicht der, für den man mich halten kann.

Doch wer ich bin, das bleibt verborgen. Vielleicht errätst du es,

heute oder morgen. Nur so viel sei gesagt«, dabei hob er seine Hand,

»ich kenne dich und alles, was du denkst, ist mir wohlbekannt!

Ich werde dafür Sorge tragen,

dass du dich nie mehr im Leben musst beklagen!

Glücklich sollst du immer sein!

Das fällt mir zum Abschied ein.

Behalte meine Worte wohl.

Begreifst es dann, wenn du bemerkst,

was sich für dich bald ändern soll!

Hast du noch nie etwas von Lauskis

und seinem goldenen Beil gehört?«

Dann hat er ihr Folgendes erzählt:

»Lauskis ist der Geist der Kälte.

Herrscht starker Frost im Land,

dann ist er dafür bekannt,

dass er mit seinem goldenen Beil die Erde zu spalten pflegt!

Hoffentlich habe ich dich damit nicht aufgeregt!

Wenn nun ein junges, unschuldiges Mädchen um Mitternacht,

zwischen dem ersten und zwölften

Schlag der Uhr, einen Lauf dreimal um das Haus gemacht,

so wird Lauskis sein goldenes Beil verlieren.

Was dann zu tun ist, musst du nicht lang’ studieren!

Wer das Beil findet, darf es behalten.

Das stört den Lauskis nicht, den Alten!

Viele Tausend Rubel ist es wert.

Wer es besitzt und es verkauft,

sich nie mehr über Armut dann beschwert!«

Ilse hatte gespannt gelauscht

und war von des Alten Worten

irgendwie total berauscht.

Sie sah sich nach ihm um

und sprach ihn dabei an.

Sogleich begriff sie, dass er fort war,

und sie ihn nie mehr finden kann!

Der Kübel, auf dem er saß, war verlassen.

Sie konnte es kaum fassen!

Ein Schauder lief über ihren Rücken und ihre Brust.

Dass sie das erleben musst!

Unwillkürlich sprach sie ein...



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