E-Book, Deutsch, 312 Seiten
Neeb Die Rache der Hurenkönigin
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-757-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Historischer Roman | Im Frankfurt des 16. Jahrhunderts geraten Frauen ins Visier eines Ritualmörders
E-Book, Deutsch, 312 Seiten
ISBN: 978-3-98952-757-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Kriminalfall für die Vorsteherin der Hurengilde Frankfurt am Main, 1522: Während der Herbstmesse wird die Stadt von einem Verbrechen erschüttert, das sich schon bald zu einer beängstigenden Mordserie auswächst. Die Opfer sind stets Frauen von Lutheranhängern. Der Mörder tötet mit sieben Dolchstößen, die an die sieben Schmerzen der Mutter Jesu erinnern. Handelt es sich bei ihm um einen geisteskranken Marienverehrer? Während sich die Stadt über diese Gräueltaten immer mehr zwischen Anhängern des alten Glaubens und den Reformierten zu spalten droht, versucht Ursel, die Vorsteherin der Hurengilde, einen kühlen Kopf zu bewahren. Nicht umsonst bittet die Obrigkeit ausgerechnet sie um Hilfe ... doch der Mörder ist ihr bereits näher, als sie ahnt! Ein authentischer, fesselnder Historienroman, der das alte Frankfurt des 16. Jahrhunderts in all seiner Pracht und seinem Schrecken wiederaufleben lässt. Für Fans von Ulrike Schweikert und Astrid Fritz.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 2
Dienstag, 16. Oktober 1522
Auf dem finsteren Heuschober über dem Kuhstall war es wie immer um die Jahreszeit feuchtkalt. Die große Kälte aber mit dem strengen Frost, der einem die Glieder steif werden ließ, würde erst noch kommen. Michel Schuch, der seit nunmehr acht Jahren hier oben seine Schlafstatt hatte, wusste das nur zu gut. Da musste man schon noch ein Schafsfell um sich legen, um im Schlaf nicht zu erfrieren. Dennoch war Michel ganz froh über seine armselige Behausung – er hatte es in seinem jungen Leben weiß Gott schon schlechter getroffen. Immerhin ließ man ihn in Ruhe, hier oben war er gewissermaßen sein eigener Herr, zumindest bis die Melkmägde zu nachtschlafender Zeit in den Stall kamen, um die Kühe zu melken. Da konnte es dann zuweilen schon vorkommen, dass die Frauenzimmer ihn hänselten oder sich sonst wie über ihn lustig machten. Aber auch damit konnte sich Michel arrangieren, denn er hatte früh die Erfahrung machen müssen, dass es weitaus Schlimmeres gab, was einem widerfahren konnte, als ausgelacht zu werden.
Mit klammen Beinen kroch er von seinem Strohsack und tastete nach dem Zunder, der auf der alten, wurmstichigen Holztruhe, die sein einziges Mobiliar war und in der er seine »Schätze« und wenigen Habseligkeiten aufbewahrte, neben einem kleinen Talglicht lag. Mit geübten Handgriffen hatte das trockene Moos Feuer gefangen, und er konnte die Talgkerze daran entzünden. Hastig begann Michel seine Morgentoilette, die darin bestand, sich die dünnen, strähnigen Blondhaare aus dem Gesicht zu streichen, die grobleinene braune Kutte vom Boden neben seiner Schlafstelle aufzuklauben, sie zweimal auszuschütteln, um Strohreste, Flöhe und anderen Unrat daraus zu entfernen; immerhin handelte es sich bei dem abgetragenen Kleidungsstück mit dem verwaschenen Herz und den sieben Schwertern darin um das traditionelle Gewand der Marienpilger – und Michel war stolz, es zu tragen. Nun war er bereit für sein Morgengebet. Mit zärtlicher Inbrunst glitt sein Blick auf den vergilbten, billigen Druck, der mit einem rostigen Nagel an der Bretterwand über der Truhe befestigt war. Es war eine Darstellung der sogenannten »Schmerzhaften Mutter«, der Jungfrau Maria, deren Brust von sieben Schwertern durchbohrt war. Das Haupt der Gottesmutter war gramgebeugt, das reine, wachsbleiche Antlitz kündete von unsäglichem Leid, verzweifelt rang Maria die Hände.
Michel kniete vor der Abbildung nieder, faltete die Hände zum Gebet und sprach das Ave-Maria.
Solange er denken konnte, verband ihn mit der Heiligen Jungfrau eine tiefe, aufrichtige Liebe. Als Findelkind, das zwischen vom Magistrat bezahlten Pflegeeltern unzählige Male hin- und hergeschoben worden war, weil niemand den verkümmerten, bettnässenden Knaben, der überdies noch an der Fallsucht litt, länger bei sich haben wollte, war ihm jedwede Art menschlicher Zuneigung stets fremd geblieben. Dennoch sehnte sich Michel unsagbar nach Mutterliebe, und so hatte er früh den Weg zur Gottesmutter gefunden, die ihn in ihrer grenzenlosen Güte nicht verstoßen hatte wie seine leiblichen Eltern und die zahllosen Pflegefamilien. Mit all seinen Sorgen konnte er zu ihr kommen. Sie hörte ihn an, sprach ihm Mut zu – manchmal gab sie ihm auch einen guten Rat. Nur von der Fallsucht hatte selbst sie ihn nicht erlösen können.
»Gott prüft dich, mein Junge. Sei tapfer und fromm, hab Geduld im Herzen, und du wirst ein Kind des ewigen Lebens werden«, hatte sie auf sein Flehen geantwortet und ihm wieder Zuversicht geschenkt.
Oft träumte er nachts von der Himmelskönigin – zuweilen auch am Tag –, und dann konnte er oft nicht mehr unterscheiden, was Traum war und was Wirklichkeit. Und in letzter Zeit gab sie ihm sogar Befehle.
»Lass es nicht zu, dass diese Frevler mich entthronen ... Sei mein Rächer!« Die Worte der Heiligen Jungfrau hallten Michel noch in den Ohren wie heller, durchdringender Glockenklang.
Er schüttelte sich heftig. Er mochte dieses Dröhnen nicht. Es war ... es war, als ob er einen Anfall bekäme! In einem Anflug von Panik steckte sich Michel die Finger in die Ohren. »Nein, bitte nicht! Bitte, bitte verschone mich!«, stammelte er verzweifelt – und das Hallen ebbte allmählich ab.
Erleichtert wischte er sich den kalten Schweiß von der Stirn, als auch schon die Stalltür aufgerissen wurde und die Melkmägde mit ihren Fackeln in den Stall traten. Behende stieg er die wacklige Leiter hinunter, um sein Tagwerk zu beginnen. Mit scheuem, unterwürfigem Lächeln grüßte er die Frauen in der Hoffnung, dass es sie milde stimmen und ihre Spötteleien nicht gar so grob geraten würden. Wohl wissend, wie launisch und unberechenbar die Weibsleute sein konnten. Hatten sie ihn gestern noch unflätig verhöhnt, so war es ihm doch bisweilen widerfahren, dass ihm die eine oder andere einen Becher warme, frisch gemolkene Milch reichte, die er besonders gerne mochte.
Heute indessen waren die Frauen eher müde und wortkarg, beachteten ihn kaum und gingen schweigend ihrer Arbeit nach, während er die vollen Milcheimer einsammelte und die warme, noch dampfende Milch in große, irdene Milchkrüge goss, die auf einem Holzkarren bereitstanden, um sie später mit einem Ochsengespann an die einzelnen Haushalte auszuliefern.
Die Uhr vom fernen Römerrathaus schlug gerade die sechste Morgenstunde, als Michel mit dem vollbeladenen Wagen, auf dem außer Milchkannen auch Säcke mit Kartoffeln und Äpfeln verstaut waren, den städtischen Rahmhof verließ und den Weg zur Katharinenpforte einschlug.
Als er gleich darauf den Kornmarkt erreicht hatte, zügelte er das Ochsengespann, ergriff die Handschelle, die unter dem Kutschbock lag, und läutete vernehmlich.
Nach und nach öffneten sich die Haustüren, und verschlafen dreinblickende Mägde und Hausfrauen eilten mit Kannen und Krügen in den Händen auf den Wagen zu. Im flackernden Schein der Pechfackel, die seitlich des Kutschbocks befestigt war, füllte Michel mit Hilfe einer großen, becherförmigen Schöpfkelle frisch gemolkene Milch in die dargereichten Behältnisse, nahm die Kupfermünzen in Empfang, die er in einem Lederbeutel an seinem Gürtel verwahrte, und hielt mit der einen oder anderen Kundin einen Schwatz. Die meisten wussten um sein schweres Geschick und rechneten es ihm hoch an, dass er sich trotz allem ein sonniges Gemüt bewahrt hatte.
Es war neblig und nasskalt, so dass es die Frauen eilig hatten, wieder in ihre warmen Stuben zurückzukehren.
Michel, der wegen seines gutmütigen, freundlichen Wesens allseits beliebt war, rief den Entschwindenden ein fröhliches »Gott mit Euch!« hinterher und trieb die Ochsen mit einer Weidengerte an. Wobei er stets darauf bedacht war, nicht zu fest zuzuschlagen, um den Tieren keinen unnötigen Schmerz zuzufügen.
Als Michel das Ende des Kornmarkts erreicht hatte, brachte er an der Ecke Schüppengasse/Buchgasse erneut den Wagen zum Stehen. Er hatte schon die große Messingschelle ergriffen, als er im Fackelschein vor dem Haus zum Strauß die Konturen einer Gestalt entdeckte, die auf dem Boden zu kauern schien. Michel packte die Fackel und leuchtete in ihre Richtung. Beim genaueren Anblick entrang sich ihm unwillkürlich ein Entsetzensschrei. Das wachsbleiche Gesicht der jungen Frau, das von namenlosem Leid kündete, das weiße Tuch über ihrem Haupt, die zum frommen Gebet gefalteten Hände und die kniende Haltung, gemahnten ihn so sehr an die Schmerzensmutter, dass Michel des Glaubens war, er habe wieder eine seiner Visionen.
Panisch sprang er vom Kutschbock und hastete mit der Fackel in der Hand auf das Trugbild zu, während er mit bebender Stimme ein Gebet stammelte. Doch je näher er an das Gebilde herantrat und es in flackerndes Licht tauchte – es mochte sich einfach nicht verflüchtigen, wie dies sonst nach geraumer Zeit immer der Fall war. Fassungslos blickte Michel in das leichenblasse Antlitz mit den erstarrten, schreckensgeweiteten Augen, und mit einem Mal überkam ihn die schreckliche Gewissheit, dass er die Frau kannte. Die gleichzeitige Erkenntnis, dass sie tot war, traf ihn wie ein Blitzschlag, und Michels Schreie wurden immer lauter und verzweifelter. Bevor ihm im nächsten Augenblick ein heftiger Anfall jegliche Besinnung raubte, gewahrte er mit Entsetzen, dass die Brust der Toten einer einzigen blutigen Wunde glich.
»Sei mein Rächer!«, hallte es durch seine Sinne, ehe sich sein Körper in konvulsivischen Krämpfen auf dem Pflaster krümmte.
***
Als Christoph Fischer in der benachbarten Sandgasse das vertraute Schellengeläut des Milchmanns hörte, dachte er erleichtert, dass er nur noch ungefähr eine Stunde zu arbeiten hatte, denn um die siebte Morgenstunde würde es hell werden, und er könnte den Tag ansingen und seine Nachtwache beenden. Kurzerhand beschloss er, dem Läuten nachzugehen, um für Edelgard und sich einen Schoppen frische Milch zu holen. Damit könnten sie sich zum Frühstück einen herzhaften Haferbrei bereiten ... Ihm knurrte schon jetzt vernehmlich der Magen, denn in Anbetracht der knappen Haushaltskasse fielen die Speisen bei ihnen entsprechend karg aus, und es war gute zwölf Stunden her, dass er etwas gegessen hatte. Er tastete unter seinem Umhang nach dem inzwischen leeren Bierkrug, dessen schaler Inhalt seine einzige Stärkung während der langen Nachtschicht gewesen war. In den Krug würde er jetzt die Milch einfüllen lassen.
Während der Nachtwächter in den oberen Kornmarkt einbog, vernahm er vom Ende der Gasse plötzlich laute Schreie, die ihn in ihrer Eindringlichkeit daran gemahnten, dass etwas passiert sein musste. Angespannt umklammerte er den Schaft seiner Lanze und rannte in die Richtung des Lärms. Als er sich dem Geschehen näherte, sah er, dass sich unweit des Ochsengespanns bereits eine...




