E-Book, Deutsch, 190 Seiten
Neely DER ALPTRAUM AUS PLASTIK
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7554-0966-3
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der Thriller-Klassiker!
E-Book, Deutsch, 190 Seiten
ISBN: 978-3-7554-0966-3
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Dan Marriott kann sich an nichts mehr erinnern, was sich vor seinem Verkehrsunfall ereignete. Die hübsche Frau, die behauptet, mit ihm verheiratet zu sein - es ist ihm, als sehe er sie zum ersten Mal. Aber dann tauchen Zeugen der Vergangenheit auf - Zeugen, die behaupten, seine Frau wollte ihn ermorden. Ein Toter bestärkt Marriotts Verdacht... Richard Neely war ein US-amerikanischer Autor von Kriminalromanen. Sein bekanntestes Werk ist Tod im Spiegel, verfilmt im Jahr 1991 von Wolfgang Petersen (unter dem Titel Zersplittert ebenfalls als Roman im Apex-Verlag erhältlich). Der Roman Der Alptraum aus Plastik erschien erstmals im Jahr 1969; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte 1971 (unter dem Titel Du bist Marriott ). Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.
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Erstes Kapitel
Das Geräusch der aufgehenden Tür gab den Anstoß zu meiner Befreiung aus einem Alptraum und ließ mich durch Rauch, Flammen und Erdbrocken fliegen, während Metall auf Holz krachte. Ich kam in gewohnter Lage wieder zu Bewusstsein: auf dem Rücken, die rechte Faust gegen das weiße Kopfteil des Krankenbetts gestemmt, die linke Hand schweißnass auf der Brust liegend, in der mein Herz wie ein ängstlicher Vogel gegen einen Käfig aus Rippen pochte. Ich holte tief Luft, atmete langsam aus und spürte dabei, wie sich die Mullbinden bewegten, die mein Gesicht verbargen. Ich starrte die blassgrüne Zimmerdecke an und hatte unerklärliche Angst. Die Tür zum Bad wurde geöffnet und wieder geschlossen, dann raschelte gestärktes Leinen, und Schritte näherten sich dem Fenster. Diese Geräusche hörte ich seit sieben Monaten jeden Morgen. Die Wirklichkeit verdrängte die Erinnerung an meinen Alptraum. »Wie spät ist es?«, fragte ich, weil ich die Anstrengung scheute, mich nach dem tickenden Wecker auf meinem Nachttisch umzudrehen. Meine Schulter war morgens noch immer steif, obwohl der Gipsverband schon vor Wochen abgenommen worden war. »Oh!«, sagte Miss Dewar überrascht. »Ich dachte, Sie schliefen noch. Es ist Viertel nach sieben.« Sie kam heran und blieb am Fußende des Betts stehen. »Heute ist der große Tag, Mr. Marriott«, erklärte sie mir mütterlich lächelnd,. Der Name klang noch immer fremd. Marriott. Ich hatte ihn monatelang gehört - von meiner Frau Judith, von Dr. Stryker, von Miss Dewar, von Dr. Ragensburg, dem Psychiater -, aber ich konnte mich nicht damit identifizieren. Ich hatte ihn schon stundenlang wiederholt und ihm dabei Dutzende von verschiedenen Betonungen gegeben, weil ich verzweifelt hoffte, eine von ihnen werde mir plötzlich den Mann vor Augen führen, der ich gewesen war. Aber der Name blieb eine Silbenkombination, auf die ich automatisch reagierte. Marriott - Daniel Marriott. Oh, ja, das bin ich. Hier! »Ja«, sagte ich zu Miss Dewar, »der große Tag.« Die Banalität ihrer Redewendung war aufreizend, aber dann schämte ich mich. Sie war gut zu mir gewesen, freundlich und geduldig. War der frühere Daniel Marriott ein Zyniker gewesen? Miss Dewar lächelte noch breiter, während sie mein Bett richtete und aufzuräumen begann. In einer Viertelstunde würde ich ein leichtes Frühstück bekommen: Tee und trockenen Toast. Der Grund dafür war auch ohne Erklärung verständlich. Um acht Uhr sollte der Verband abgenommen werden. Vielleicht würde ich mich übergeben, wenn ich dann mein Gesicht sah. Ich erinnerte mich noch lebhaft an meine Reaktion, als der erste Gips abgenommen worden war. Obwohl Dr. Stryker nicht damit einverstanden gewesen war, hatte ich darauf bestanden, mich in einem Handspiegel zu betrachten. Das Spiegelbild hatte keine Ähnlichkeit mit einem Gesicht gehabt; es war eine grotesk entstellte purpurrote Fleischmasse mit deutlichen Narben gewesen. Ich war ohnmächtig geworden. Ich zitterte bei dem Gedanken daran. Aber dann wurde ich wieder ruhiger, als ich an Dr. Strykers Gesichtsausdruck dachte, mit dem er mir am Vortag dieses Ereignis angekündigt hatte. Er hatte so stolz gelächelt, als sei er ein Bildhauer, der ein Meisterwerk zu enthüllen habe. War sein Stolz gerechtfertigt? Ich drehte mich um (das linke Bein, das unter dem Knie gebrochen gewesen war, reagierte darauf mit einem Stechen) und betrachtete die beiden Fotos auf meinem Nachttisch. Ich sah Judith nur kurz an, stellte wieder fest, dass der intensive Blick ihrer dunklen Augen nicht recht zu ihrem heiteren Lächeln passte, und konzentrierte mich auf den Mann, der ich gewesen war. Ein gutaussehendes Gesicht mit hervortretenden Backenknochen, kurzer gerader Nase, klaren Augen und dichtem schwarzen Haar, das damals noch keine grauen Strähnen aufgewiesen hatte. Das Bild war vor acht Jahren aufgenommen worden; damals war ich dreißig gewesen. Dieses Gesicht war mir so fremd wie eines im Schaufenster eines Fotografen - aber ich würde mich bestimmt daran gewöhnen können. Was war jedoch, falls alle ärztlichen Bemühungen und ein monatelanges Krankenlager nur zu einem monströsen Ergebnis geführt hatten? Nun, dann würde ich eben als Ungeheuer leben müssen. Ich spürte, dass ich in meinem früheren Leben anpassungsfähig gewesen war, vielleicht auch eitel, weil ich mir Judiths Anwesenheit bei der Enthüllung meines neuen Gesichts verbeten hatte. Oder war ich nur rücksichtsvoll darauf bedacht, ihr einen Schock zu ersparen? Das wusste ich nicht, weil ich mich an nichts erinnerte, das solche Rückschlüsse auf meinen Charakter zugelassen hätte. Ich sah auf die Uhr. Halb acht. Etwa 300 Meilen nördlich von hier würde Judith jetzt unser Haus in Kentwood verlassen, um über die Golden Gate Bridge zum Flughafen San Francisco zu fahren. Sie würde dort frühstücken und um neun nach Santa Barbara fliegen, dort ein Auto mieten und durch die Hügel zur Klinik fahren. Um Viertel nach zehn würde sie dann hereinkommen, sich besorgt um mich kümmern und sich heiter geben, obwohl ihr nicht danach zumute war. An dieser Routine hatte sich in den sieben Monaten meines Klinikaufenthalts nichts geändert. Judith kam dreimal wöchentlich vormittags, blieb zum Mittagessen und ging am Spätnachmittag. Aber heute stand eine erregende Neuerung bevor - wenn Judith die Klinik verließ, würde ich sie begleiten. Falls mein Gesicht noch zu entstellt war, würde ich es mir vorher wieder verbinden lassen. Aber ich würde unter allen Umständen mitfahren. Ich wollte hier heraus! Miss Dewar zog die Jalousie des großen Fensters mir gegenüber hoch und ließ die Julisonne ins Zimmer. Dann ging sie und wurde von einem Krankenpfleger abgelöst, der mein Frühstück brachte. Ich aß nur wenig Toast, trank aber den Tee aus, weil ich einen rauen Hals hatte. Beim Schlucken hatte ich noch leichte Schmerzen an der Stelle, wo meine Luftröhre verletzt worden war. Judith hatte mir erklärt, meine Stimme klinge dadurch weich und etwas heiser. »Sehr ungewöhnlich«, hatte sie lächelnd gesagt, »und wirklich angenehm.« Ich hatte eher den Eindruck, Kiesel über ein Blech rollen zu hören. Solche gutgemeinten Feststellungen unterstrichen eigentlich, dass wir uns fremd waren. Oder vielleicht nicht völlig fremd. Das herzförmige Gesicht und die schulterlangen schwarzen Haare erweckten in mir bestimmte Assoziationen. Judith war eine hübsche, fast schöne Frau in meinem Alter (aus irgendeinem Grund scheute ich mich, danach zu fragen), und je weiter meine Genesung fortschritt, desto mehr begehrte ich sie. Vor einigen Wochen hatte Judith diese unausgesprochene Sehnsucht zum ersten Mal gespürt; sie hatte mich zum Abschied geküsst und dann geflüstert: »Bald, Dan, bald.« Seitdem gehörte dieses Versprechen zu jedem Abschied, und ich stellte mir oft vor, wie wir uns früher leidenschaftlich geliebt haben mochten. Aber ich sprach nie davon. Dafür hatten wir Zeit in dem Haus, das Judith südlich von Los Angeles am Strand gemietet hatte. Wir wollten dort ein paar Wochen bleiben. Das Haus sollte eine Station auf meinem Rückweg nach Kentwood sein; ich sollte mich dort auf eine Rückkehr zu dem Ort vorbereiten, an dem ich meine körperliche und geistige Identität eingebüßt hatte. Dr. Ragensburg, der Psychiater, hatte Judith aufgefordert, mir die Ereignisse jener schrecklichen Nacht wiederholt zu schildern. Der Unfall war um halb drei am Neujahrsmorgen passiert, als wir von einer Silvesterparty bei Ginny und Jeb Scott, unseren besten Freunden, nach Hause fuhren. Es war neblig trüb und regnerisch, als ich die Bergstraße mit ihren bekannten Aussichtspunkten hinauffuhr. In dreihundert Meter Höhe, als wir weniger als eine Meile von unserem Haus entfernt waren, kam der Wagen auf einem Ölfleck ins Schleudern. Ich konnte das Lenkrad nicht festhalten. Das Auto schleuderte über den Straßenrand. Judith fiel aus dem Wagen und kam mit Hautabschürfungen davon. Ich war vom Aufprall gegen das Lenkrad bewusstlos, als der Wagen sich mehrmals überschlagend hundertfünfzig Meter weit den Berg hinunterstürzte und erst von einer dicken Eiche aufgehalten wurde, die er halb aus dem Boden riss. Judith hatte es irgendwie geschafft, zu mir hinunterzuklettern und mich aus dem Wagen zu ziehen. Sie hatte ihren Unterrock in Streifen gerissen, um mich notdürftig zu verbinden. Wir waren völlig allein; unser leeres Haus war das einzige in weitem Umkreis, und auf der Straße herrschte selbst tagsüber nur wenig Verkehr. Judith hatte getan, was sie tun musste: Sie hatte mich zurückgelassen, war mühsam zur Straße hinaufgeklettert und hatte von unserem Haus aus die Polizei benachrichtigt. Ich war halbtot geborgen worden: Das Nasenbein und der Unterkiefer waren gebrochen, acht Zähne fehlten, die Luftröhre war schwer verletzt, Schulter, Arm und Hand rechts waren gebrochen, vier Rippen und das linke Bein wiesen ebenfalls Brüche auf, und die Milz war gerissen. Dass ich noch lebte, grenzte an ein Wunder. Nach zwei Wochen in der Intensivpflegestation des Kentwood Hospitals, wo ich stumm, unbeweglich und ohne Erinnerung an den Unfall gelegen hatte, wurde ich mit einem Krankenwagen dreihundert Meilen weit nach Süden gefahren. Dieser Transport nach Santa Barbara war nötig, damit Dr. Vincent Stryker, eine Kapazität auf dem Gebiet der plastischen Chirurgie für Unfallverletzte, mich in seiner Klinik operieren konnte. In den folgenden Monaten machte ich eine Erfahrung: Ich konnte auch über längere Zeit hinweg erstaunlich viel Schmerzen ertragen. Ich musste eine Operation nach der anderen über mich ergehen lassen, mit denen Dr. Stryker meine schweren Gesichtsverletzungen zu reparieren versuchte. Dann lag ich schließlich in Gips, hatte...




