Neely | DER MÖRDER UND SEIN SCHATTEN | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 274 Seiten

Neely DER MÖRDER UND SEIN SCHATTEN

Ein Psycho-Thriller
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7438-9670-3
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Ein Psycho-Thriller

E-Book, Deutsch, 274 Seiten

ISBN: 978-3-7438-9670-3
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Lambert Post, der kleine, unscheinbare Anzeigenwerber aus New York, findet einen Freund: den großen, den unvergleichlichen Charles Walter. Charles steht zu ihm, ergreift Partei für ihn und rächt ihn vor allem an den Frauen, die ihn zurückgewiesen haben...   Der Mörder und sein Schatten - ein brutales und düsteres Psycho-Thriller-Meisterwerk aus der Feder von Richard Neely!

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  CHARLES WALTER
      6.     Lambert Posts besseres Ich zu werden, war mir wahrscheinlich von dem Tage an bestimmt, als ich mich an meinen Schreibtisch setzte und erklärte, ich sei Charles Walter. Er brauchte mich so, wie ein streunender Straßenköter die feste Hand eines Herrn braucht. Genau das bekam er auch. Ich war der einzige Mensch in Lambert Posts elendem Leben, der jemals echtes Mitleid mit ihm empfand, der ein offenes Ohr für seine Sorgen hatte und etwas unternahm, um sie zu lindern. Dafür brachte er mir sklavische Bewunderung entgegen und stärkte damit mein Selbstbewusstsein. In einer Welt, die zur Entlarvung des Bösen ein Herz braucht und eine Faust, um dieses Böse zu zerschmettern, bildeten wir das ideale Gespann: Lambert war die empörte Stimme der Gequälten, ich das Werkzeug der Vergeltung. In Anbetracht meiner Fehlkalkulation bei Jennifer Hartwick und Diane Summers hätte man glauben sollen, dass Lambert mich verachtete und nicht anbetete. Aber dabei würde man außer Acht lassen, dass Lambert ja meine wahren Absichten kannte: ihre skrupellose Habgier zu entlarven und sie anschließend zu demütigen. Beide hatten meine schlimmsten Erwartungen noch übertroffen - Jennifer mit ihrer Schandschnauze, Diane mit ihrer unmenschlichen Grausamkeit. Darum beschloss ich, ihre Bestrafung müsse weit härter ausfallen, als ich zunächst vorhatte. Ich wollte mit Jennifer Hartwick, der ersten Sünderin, beginnen. Drei Tage später war mein Plan fix und fertig. Ich hatte inzwischen mehrere Hefte der Zeitschrift Variety gelesen, die Wirtschaftsnachrichten in der Times durchgesehen, ein Hotel an der West Side angerufen und etwa hundert Münzen in einen grauen Wollsocken gepackt. Dann rief ich Jennifer Hartwick an, verstellte meine Stimme und gab ihr einen weichen englischen Akzent. Ich stellte mich als Winston Robey, Direktionsassistent des bekannten Theaterproduzenten Langley, vor. »Vielleicht haben Sie schon davon gehört, Miss Hartwick, dass Mr. Langley zurzeit Darsteller für ein neues Stück sucht, das im Spätherbst Premiere haben soll.« »Hm - ja, Mr. Robey. Ich habe in Theaterzeitungen davon gelesen.« »Dann wissen Sie vielleicht auch, dass die Hauptrolle noch nicht besetzt ist.« »Nun... Nein, aber...« »Mr. Langley hat Sie in mehreren Rollen gesehen, Miss Hartwick. Besonders beeindruckt haben Sie ihn in einem Stück, in dem Sie zusammen mit Katherine Cornell auftraten. Ich soll Sie in seinem Auftrag fragen, ob Sie bereit wären, einmal vorzusprechen.« »Wie schmeichelhaft für mich, Mr. Robey. Ich wäre...« »Vielleicht wollen Sie es sich noch durch den Kopf gehen lassen?« »Nein, nein. Normalerweise würde ich Sie bitten, sich an meinen Agenten zu wenden. Aber der ist leider kürzlich gestorben. Deshalb muss ich meine Entscheidung allein treffen. Sie steht fest - ja, ich mache es gern.« »Sehr schön. Da wäre noch etwas, das Ihnen vielleicht nicht bekannt ist: Trotz all seiner Erfolge fällt es Mr. Langley nicht leicht, das erforderliche Kapital für die Produktion aufzubringen. Das Stück erfordert viele Mitwirkende und ein teures Bühnenbild. Es ist mir wirklich peinlich, dieses Ansinnen an Sie stellen zu müssen - aber es wäre erforderlich, dass Sie vor einigen potentiellen Geldgebern vorsprechen.« »Ach ja, die Schutzengel des Theaters. Nun, das kommt nicht gerade selten vor.« »Bei einem Mann von Mr. Langleys Ruf schon. Aber, wie gesagt, handelt es sich diesmal um eine ungewöhnlich kostspielige Produktion.« Dann verabredete ich mich als Winston Robey mit Jennifer Hartwick am gleichen Abend um neun im Park-Central-Hotel. Ich bedauerte den späten Termin, aber es sei der einzige Zeitpunkt, zu dem alle beteiligten Herren verfügbar seien. Ich schlug vor, mich in der Halle mit ihr zu treffen, da noch nicht endgültig entschieden sei, in welcher Suite das Vorsprechen erfolgen sollte. Woran könnte ich sie erkennen - abgesehen von der Tatsache, dass sie bestimmt eine sehr schöne Frau sei? Sie lachte geschmeichelt, erwähnte ihre hellblonden Ponyfransen und fügte nach kurzem Überlegen hinzu, dass sie einen grünen Seidenumhang mit einer passenden runden Kappe tragen werde. Fein, ausgezeichnet. An diesem Abend betrat ich kurz vor sechs Uhr das Park-Central-Hotel und ging sofort hinunter zum Tanzsaal im Souterrain. Er war überfüllt mit Angehörigen des Verbandes amerikanischer Konfektionäre, die in dem Hotel ihre dreitägige Jahrestagung abhielten. Vor dem Gespräch mit Jennifer Hartwick hatte ich nämlich den Veranstaltungsleiter angerufen und erfahren, dass die erste Sitzung pünktlich um sechs Uhr beendet sein werde. Sie dauerte dann doch eine Viertelstunde länger, aber inzwischen hatte ich die Nummern von fünf verschiedenen Suiten aufgeschnappt, in denen nachher noch ein gemütliches Beisammensein stattfinden sollte. Eingekeilt in müde, durstige Kongressteilnehmer, ging ich noch ein Stockwerk tiefer in die Bar. Ich hielt mich bis sieben an einem einzigen Drink fest und fuhr dann mit dem Lift nach oben, um mir die Räume näher anzusehen, in denen die Cocktailpartys steigen sollten. In allen fünf Suiten drängten sich schon jetzt ziemlich ausgelassene Männer, die mich bereitwillig als Berufskollegen akzeptierten, der ein wenig Zeitvertreib sucht. Ich verschaffte mir ein Bild davon, bei welcher der fünf Gruppen es am fröhlichsten zuging und wo es somit auch wohl am längsten dauern würde. Vom Flur der Suite 617 gelangte man in einen riesigen Salon mit zwei transportablen Hausbars. Zu beiden Seiten führten kurze Gänge in die Schlafzimmer. Gleich das erste Zimmer auf der linken Seite sah ich mir genauer an. Es hatte die Nummer 615. Ich drehte am Türknopf - es war nicht abgeschlossen. Das Zimmer war leer, die Lampen brannten. Ich fand den Schalter an der Wand und tauchte das Zimmer in tiefe Finsternis. Dann schaltete ich die Beleuchtung wieder ein und ging. Das Glück war mir hold. Wenige Minuten vor neun Uhr stand ich unten in der Hotelhalle, an eine Seitenwand gelehnt, das Gesicht halb hinter der World-Telegramm versteckt. Da wirbelte Jennifer Hartwick durch die Drehtür herein. Sie blieb für einen Augenblick stehen, zog den grünen Seidenumhang zurecht, rückte ihre runde Kappe ein wenig kesser und fuhr sich mit den Fingern durch die Stirnfransen. Dann suchte sie sich einen Ledersessel aus, der dem Eingang genau gegenüberstand, ließ sich nieder und schlug die Beine übereinander. Ich durchquerte hinter ihrem Rücken die belebte Halle, verzog mich in eine Telefonzelle, wählte die Nummer des Park- Central-Hotel und bat, Miss Hartwick ausrufen zu lassen. Ich sah den Boy mit der Tafel herumgehen, auf der ihr Name stand. Als sie ihn entdeckte, sprang sie auf und folgte dem Jungen. Gleich darauf hörte ich ihre atemlose Stimme: »Ja, bitte?« »Ach, Miss Hartwick! Hier Winston Robey. Ich muss mich vielmals entschuldigen, aber ich wurde leider aufgehalten. In spätestens zwanzig Minuten bin ich bei Ihnen.« »Das macht wirklich nichts, Mr. Robey. Ich warte gern.« »Sehr freundlich von Ihnen. Aber Sie sollten nicht in der überfüllten Hotelhalle warten. Miss Hartwick. Ich kann mir lebhaft vorstellen, welches Gedränge dort herrscht.« »Ja, es ist schon ziemlich voll. Aber...« »Sie könnten doch schon nach oben in die Suite gehen. Die Nummer steht jetzt fest. Augenblick bitte - ja, da hab ich sie: Zimmer 615. Sie werden es vermutlich leer vorfinden, aber es liegt unmittelbar neben dem großen Salon, in dem Sie vorsprechen sollen. Die Herren, an denen wir interessiert sind und die sich hoffentlich auch für uns interessieren werden, müssten eigentlich schon anwesend sein. Mr. Langley hat dafür gesorgt, dass sie mit Erfrischungen in die richtige Laune versetzt werden.« Ich lachte leise. Jennifer Hartwick lachte verständnisvoll mit. »Vielleicht brauche ich selbst ein oder zwei Drinks. Ich muss zugeben, dass ich ein wenig Lampenfieber habe. Ich vergaß zu fragen, was ich vorsprechen soll. Handelt es sich um eine Szene aus dem neuen Stück? Ich hätte mich gern etwas besser vorbereitet...« »Ich bringe den Rollenauszug des Stückes mit. Sie können nach Belieben eine Szene daraus vorsprechen oder auch etwas anderes - ganz wie Sie wollen. Für die betreffenden Herren kommt es nur darauf an, Sie kennenzulernen und sich von dem Charme einfangen zu lassen, den Sie nach Mr. Langleys Überzeugung ausstrahlen. Doch darüber können wir uns noch unterhalten, bevor ich Sie den Herren vorstelle.« »Fein, Mr. Robey. Ich denke, ich gehe wirklich lieber nach oben. Zimmer 615. Ach, ich habe ja keinen Schlüssel!« »Wie dumm von mir. Warten Sie noch einen Augenblick, bevor Sie hinauffahren. Ich werde einen der Herren anrufen, die sich schon im Salon nebenan aufhalten, und dafür sorgen, dass die Tür zum Zimmer 615 offen ist.« Ich blieb in der Telefonzelle, bis ich Jennifer Hartwick quer durch die Halle in Richtung Hotelbar gehen sah. Ich konnte mir gut vorstellen, dass sie sich jetzt einen harten Drink bestellen würde. Umso besser. Wenn sie ein wenig nach Alkohol roch, würde die Situation umso echter wirken. Ich lief zum Aufzug hinüber und fuhr nach oben. Ich muss zugeben, dass ich dabei vor Angst einen kalten Klumpen im Magen spürte. Aber ich wurde bald wieder ruhig, als ich daran dachte, wieviel Gift diese Jennifer Hartwick auf ihrer Saufparty gegen Lambert Post verspritzt hatte. Als ich vor der Tür mit der Nummer 6x5 stand, war ich gelassen und eiskalt. Ich öffnete die Tür, trat ein und schloss sie leise. Dann ging ich rasch zu dem kurzen Flur auf der rechten Seite, schob den Riegel an der Verbindungstür vor und lauschte dabei...



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