E-Book, Deutsch, 242 Seiten
Neely DIE HÖLLE
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7487-9153-9
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der Thriller-Klassiker!
E-Book, Deutsch, 242 Seiten
ISBN: 978-3-7487-9153-9
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ihre erste gemeinsame Nacht war der Himmel auf Erden - doch dann begann die Hölle: Sie - ein attraktives Starlet - er, ein erfolgloser Drehbuchautor - beide in Hollywood, beide auf der Suche nach dem Schlüssel zum großen Erfolg. Doch da ist noch ein Dritter: Der Ehemann der Aktrice - psychisch krank und seit Jahren in Behandlung, aber ohne Erfolg. Sie flieht nach San Francisco - und das Verhängnis nimmt seinen Lauf... Der Thriller Die Hölle von Richard Neely erschien erstmals im Jahr 1978; eine deutsche Erstveröffentlichung folgte 1979 (unter dem Titel Flucht in die Hölle). Dieser klassische, düstere Krimi erscheint als durchgesehene Neuausgabe in der Reihe APEX CRIME.
Autoren/Hrsg.
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ERSTER TEIL
Erstes Kapitel Das erste Mal sah ich Carol Nolan am Bahnsteig der New Yorker Hochbahnstation Third Avenue, der sich in Beverly Hills in Kalifornien befand. Die Hochbahn war direkt hinter dem Kassen- und Anmeldeschalter des Filmgeländes der Twentieth Century Fox und eines von den wenigen Überbleibseln der riesigen Außenbauten für den Film Hallo, Dolly. Ich war aus beruflicher Neugier hingegangen, um mir die Bauten anzusehen - vielleicht konnte ich sie bei meinem Drehbuch verwenden, ebenso wie die nachgebauten Ziegel-Fassaden Manhattans, die ich kurz zuvor besichtigt hatte. Carol Nolan stand an den Gleisen und schaute hinaus auf das flache, smogverdüsterte Land, als nehme sie das alles gar nicht richtig wahr. Sie war ziemlich groß und mager und wie die schnellen kleinen Nutten kostümiert, die am Sunset Strip auf den Strich gehen: eine rote Bluse, die die Brüste nach oben drückte und damit besonders betonte; ein Minirock, der sich knallig um ihren Hintern spannte; und kniehohe, schwarze Lederstiefel, die einen reizvollen Kontrast bildeten zu ihren Oberschenkeln mit dem deutlichen Bronzeton des Körper-Make-ups. Ihr Gesicht sah aus wie das einer allzu stark geschminkten Hollywoodleiche: die Augen dick mit dunklem Mascara bemalt; der Mund mit Lippenstift weit über die Lippengrenze hinaus beschmiert; das pechschwarze Haar mit Zementspray behandelt, damit sich die Enden nach oben drehten. Eine Schauspielerin, dachte ich sofort - aber eine, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Neben ihr eine Frau von unbestimmbarem Alter. Die Gestalt in dem hübschen, blauen Kleid war straff, und ihre rosige Gesichtshaut spannte sich faltenlos über die Backenknochen. Doch die Augen unter dem graumelierten Haar zeigten einen klugen, wissenden Ausdruck, der die scheinbare Jugend Lügen strafte. Fünf und vierzig, auf dreißig zurechtgemacht, dachte ich, nach mindestens einer kleinen Gesichtsoperation. Sie stand am Rand des Bahnsteigs und schaute die Gleise entlang - die nach wenigen Metern endeten -, als erwarte sie im nächsten Moment das Rattern der Räder zu hören. Zweimal warf sie einen kurzen Blick auf Carol, lächelte ihr fröhlich-scherzhaft zu. Aber Carol reagierte nicht darauf. »Ich hab’ gehört, die Bahn ist in der Fourteenth Street entgleist. Wir werden zu spät zur Arbeit kommen.« Bis dahin schien keine der beiden Frauen mich auch nur bemerkt zu haben. Carol Nolan wollte mich sogar jetzt noch nicht bemerken. Aber ihre Begleiterin lächelte mich nun schuldbewusst an, als hätte ich sie bei einem Streich ertappt. »Hoffentlich ist das nicht verboten«, sagte sie. »Aber ich...« »Wenn Sie den Eintritt bezahlt haben, ist alles okay«, erwiderte ich. »Ich konnte einfach nicht widerstehen.« Also musste sie eine Touristin sein, keine Agentin oder PR-Managerin, wie ich zunächst angenommen hatte. »Ich erinnere mich noch gut, wie ich vor Jahren mit dem Taxi unter den Gleisen durchgefahren bin; in New York natürlich«, sagte sie. »Ich hab’ gefürchtet, wir würden gegen einen der Pfeiler krachen.« Auch ich erinnerte mich an die Hochbahn, weiß Gott! Die Wohnung, in der ich geboren wurde, lag keine fünfzehn Meter von dieser grässlichen Konstruktion entfernt; unsere Zimmer waren genau auf einer Ebene mit den Gleisen. Man legte die Betten damals ans Fenster zum Lüften, und meine Mutter stützte sich oft mit den Ellbogen darauf und sah den vorüberfahrenden Zügen zu. In den heißen, feuchten Nächten kletterte ich mit dem Kissen unterm Arm hinaus, um auf einem Absatz der Feuerleiter zu schlafen, und wurde dabei oft von Betrunkenen und Randalieren geweckt, die auf dem Bahnsteig herumbrüllten oder Flaschen aus dem fahrenden Zug warfen. Noch Jahre später, als wir längst nach Westen, nach Missoula in Montana, gezogen waren, wo mein Vater den Gemischtwarenladen seines Bruders übernommen hatte, hörte ich im Traum das Zischen, Rattern und Quietschen der Hochbahn, Türen, die zugeschmettert wurden, das Tuten des Signalhorns. »Das ist alles abgerissen worden, nachdem ich von New York wegging«, sagte ich. »Ach, dann kommen Sie also auch aus New York.« »Ja - aber das ist lange her. Bei Ihnen vermutlich auch.« »Ich habe nie in New York gewohnt; ich war nur ein häufiger Besucher, damals.« Sie schaute mich scharf an. »Sind Sie Schauspieler? Habe ich Sie schon mal im Film gesehen?« Die Frage war mir schon öfters gestellt worden, und seit längerer Zeit fühlte ich mich nicht mehr geschmeichelt, wenn ich sie wieder einmal hörte. Ich fand, dass ich mich durch mein dichtes schwarzes Haar, die regelmäßigen Züge und die Sonnenbräune nur etwas weniger als andere von den Burschen unterschied, die man täglich scharenweise über den Hollywood Boulevard schlendern sehen konnte. »Ich bin Schriftsteller. Ich schreibe gerade ein Drehbuch für die Fox.« »Wie interessant!« Sie hätte sich kaum beeindruckter geben können, wenn ich ihr gesagt hätte, dass ich Warren Beatty sei. Wir wurden durch einen gedämpften Schrei unterbrochen. Ich drehte mich um und sah, dass Carol Nolan an die Sperre getreten war und sich am Geländer festhielt, während sie hinunterschaute auf die tiefer liegende Straße. »Es ist Tom«, sagte sie zu ihrer Begleiterin, die blitzschnell neben sie getreten war. Ich näherte mich den beiden und beobachtete die Szene. Ein großer, schlanker Mann stand steif da und stritt mit dem Wachmann im Pförtnerhaus neben dem Tor. Aus dem Redeschwall verstand ich nur ein Bruchstück. »...anzeigen wegen Insubordination.« »Bleib hier, Carol«, sagte die ältere Frau. »Das erledige ich.« Sie ging, und wir hörten, wie ihre Schuhe die Holztreppe hinunterklapperten. Der Wachmann war aus der Pförtnerloge gekommen. Seine Rechte bewegte sich an die Hüfte und umfasste den Kolben seiner Schusswaffe. Er sagte etwas, das seinen Angreifer veranlasste, ein paar Schritte zurückzutreten und die Hände hinter dem Kopf zu verschränken wie ein Gefangener. In diesem Augenblick näherte sich ein Lincoln Continental dem Tor und wurde hindurchgewinkt. Der Fahrer war Danny Cole, mein Agent, mit dem ich später zu einem gemeinsamen Mittagessen verabredet war. Danny parkte den Wagen und schritt dann majestätisch zurück zur Pförtnerloge; dabei ragte sein Vollbart würdevoll nach vorn. Die Frau mit dem graumelierten Haar sprach mit dem Wachmann. Danny verbeugte sich höflich vor ihr, hörte eine Weile zu, redete dann ebenfalls mit dem Wachmann. Der zuckte mit den Schultern, nickte und bellte einen Befehl. Der Gefangene ließ die Arme sinken und stand noch ein paar Sekunden steif da. Dann drehte er sich ohne ein weiteres Wort auf den Absätzen um und marschierte davon. Ich wandte mich zu Carol um. Sie war verschwunden. Als ich nach unten ging, standen Danny und die andere Frau ein paar Meter von der Pförtnerloge entfernt und waren in eine Diskussion verstrickt. Er führte die Frau in Richtung auf ein Tonaufnahmestudio, während ich in mein Chevy-Coupe stieg und über die Hauptstraße fuhr, um meine Verabredung mit Joe Harvey, dem Drehbuchredakteur, einzuhalten. Kein Mensch war auf der Straße, und die niedrigen Gebäude zu beiden Seiten schienen ausgestorben zu sein. Das war typisch für das neue Hollywood, wo man die Geschäftspolitik im Hinblick auf Kinofilme - und im Gegensatz zu den Fernsehproduktionen - mit einem Wort beschreiben konnte: Kürzung. Es gab natürlich Ausnahmen. Wenn man ein wirklich heißes Paket zusammenbrachte - ein spannendes Buch, einen berühmten Regisseur und ein paar Spitzenstars -, dann hatte man immerhin eine gewisse Chance, dass sich in einem der Studios wieder etwas regte. Ich erfüllte nur die erste der genannten Bedingungen - ein Drehbuch, das zumindest mir sehr interessant vorkam. Dennoch blieb ich optimistisch. Der Produzent, der die Handlung und das Buch genehmigt hatte, war berühmt genug, um sich genau den Regisseur engagieren zu können, den er dafür haben wollte. Wie berühmt, das wurde auf luxuriöse Weise durch den Wagen symbolisiert, neben dem ich meinen Chevy parkte. Es war ein silbergrauer Rolls-Royce, den ihm der Aufsichtsrat zum Dank für den sensationellen kommerziellen Erfolg seines letzten Films geschenkt hatte. Ich stieg aus dem Chevy und achtete darauf, dass meine Tür dabei nicht den Lack des Rolls beschädigte. Vor mir erhob sich ein zweistöckiges Herrenhaus mit einer Säulenhalle und einem spanischen Schindeldach - ein Relikt aus jenen Tagen, als die Filmzaren ihr Selbstbewusstsein stärkten mit Büros, die aussahen wie vornehme Country-Clubs. Breite Steintreppen, flankiert von schmiedeeisernen Geländern, führten hinauf zur Doppeltür mit Milchglasfüllungen. Ich ging hindurch und über die breite, sandstrahlgeblasene Holztreppe hinauf in den ersten Stock - wo ich wieder vor einem Zeichen der Hochachtung des Aufsichtsrats gegenüber dem Produzenten stand - vor einer Tür, die mit Goldfolie plattiert war. Nicht mit Goldbronze bemalt - nein, belegt mit echtem Gold, wie es in den Kellern von Fort Knox zu liegen pflegte. Ich hätte mich mit all dem, was dieses Gold symbolisierte, zufrieden gegeben: mit der Prunkvilla in Beverly Hills, dem Strandhaus in Santa Monica oder Malibu, dem Swimming-Pool und den Tennisplätzen, den offiziellen Premieren, dem Tisch in Chasens Restaurant, den Banketten in New York und Europa. Unnötig, hier auch noch den Begriff Frauen hinzuzufügen -, und wenn man mit den Leuten vom Film auf gutem Fuß stand, gab es immer eine Schar heiratsfähiger Mädchen, die sich um einen drängte. Mein erster Schritt auf der...




