Neely | DIE UNSCHULD DER SCHLANGE | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 222 Seiten

Neely DIE UNSCHULD DER SCHLANGE

Ein Psycho-Thriller
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7438-9913-1
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Ein Psycho-Thriller

E-Book, Deutsch, 222 Seiten

ISBN: 978-3-7438-9913-1
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Der Schauplatz: Kalifornien. Nichts zählte mehr für Gloria Worthington als die Stunden mit Gregg Flanders, ihrem Liebhaber. Zu lange hatte ihr alternder Mann sie bereits vergessen lassen, dass sie eine junge, schöne und begehrenswerte Frau war. Doch für Gregg zählten noch ein paar andere Dinge - zum Beispiel Lloyd Worthingtons Vermögen... Der klassische Psycho-Thriller Die Unschuld der Schlange von Richard Neely - erstmals im Jahr 1971 veröffentlicht - wurde 1975 von Claude Chabrol unter dem Titel Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen (Les innocents aux mains sales) meisterhaft verfilmt - in den Hauptrollen: Romy Schneider, Rod Steiger, François Maistre, Hans Christian Blech und Jean Rochefort.

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  Erstes Kapitel
    An jenem strahlenden Freitagnachmittag Ende Oktober strömten die Wochenendtouristen über den South Coast Highway von Kalifornien in Richtung Laguna, die meisten, um dort in der Gegend zu bleiben, andere fuhren weiter nach Süden bis Tijuana oder Ensenada. Sie kamen daher in ihren staubigen Kabrioletts, die Rücksitze mit Bade- und Strand-Utensilien vollgepackt, in klapprigen Limousinen mit Booten auf den Dächern, in Kombiwagen, deren Ladeflächen von Wasserskiern oder Brettern fürs Wellenreiten belegt waren. Die Hitze und die Auspuffgase flimmerten über den Straßen und den Gehsteigen, deren Pflaster auch noch von unten her wie ein Backofen die gespeicherte Wärme ausstrahlte. Fette Weiber, in bunte Strandtücher gewickelt, glatzköpfige Männer in Bermudashorts - sie alle trotteten über die Gehsteige dahin, sie alle hatten nur ein Ziel: den Strand. Gloria Worthington stand im Schatten eines Supermarktes und betrachtete angeekelt die Masse Mensch mit oder ohne Blechumhüllung, während sie darauf wartete, dass die Fußgängerampel auf Grün sprang. Sie schüttelte missbilligend den Kopf und warf ihr lockeres, schulterlanges blondes Haar hoch, damit der leichte Windzug ihren Nacken kühlte. Die vollen, von Natur aus klar gezeichneten Lippen murmelten eine leise Verwünschung darüber, dass es ihr nicht eingefallen war, früher am Tag zum Einkäufen zu gehen, bevor die Hitze und die vielen Menschen diese Aufgabe fast unerträglich machten. Dann leuchtete das grüne Licht auf, und Gloria überquerte die Straße, schützte sich mit den Ellenbogen gegen die in entgegengesetzter Richtung andrängende Menge. Als sie die andere Seite des Gehsteigs erreicht hatte, spürte sie wieder die Hitze des Pflasters, die durch die Sohle ihrer dünnen, goldenen Sandalen drang. Die zwanzig Meter beschleunigte sie ihre Schritte, dass es fast einem Pflasterhüpfen gleichkam. Dann bog sie in die Einfahrt zu ihrem Haus ein und ging rasch hinüber auf den Fußweg, der an der Seite der asphaltierten Fahrbahn entlanglief. Augenblicklich hatte sie die Illusion, sich in einem kühlen, tropischen Wald zu befinden. Palmen, Riesenfarne und Aralien begrenzten den Fußweg und warfen dunkle Schatten auf den dichten Rasen. Schon nach ein paar Schritten verebbte der Verkehrslärm und verstummte vollends, als sie knapp zehn Meter weitergekommen war, wo sich der Pfad zum Meer hinuntersenkte und die Auffahrt in einer Wendeschleife vor der doppeltürigen Garage endete, die zur Zeit nur von Glorias altem Austin-Healy in Anspruch genommen wurde. Vor ihr, umrahmt von miteinander verwachsenen Gruppen niedriger- Korkeichen und Eukalyptusbäumen, stand das Haus, ein langgestrecktes, zweigeschossiges Gebäude aus California-Holz, über dessen Seiten das schwere Giebeldach hinausragte und ringsum Schatten verbreitete. Sie ging am Haupteingang vorbei zur Küchentür und hinein in den L-förmigen Anbau. Vom Meer herauf vernahm sie das Rauschen der Brandung, ein Geräusch, das sie mit Ruhe erfüllte. In der Küche mit den vielen Fenstern stellte sie ihre Tragtasche mit den Einkäufen vorsichtig neben die Spüle und atmete tief und vernehmlich auf. Dann räumte sie das Brot und den Salat an die dafür vorgesehenen Plätze und holte vorsichtig die vier Flaschen Whisky aus der Papiertüte, stellte sie in den Hängeschrank über der gelblackierten Anrichte, warf ihnen noch einen sonderbaren Blick zu, halb ängstlich, halb erwartungsfroh, schloss die Tür des Hängeschranks, ging zur Spüle und ließ sich das kalte Wasser über die Hände und die Pulse am Handgelenk laufen. Dann warf sie einen Blick hinaus in den kleinen Vorhof des Küchenanbaus, wo die Mülltonnen standen. Neben den Tonnen entdeckte sie den Karton mit den beiden leeren Whiskyflaschen. Es war vielleicht besser, wenn sie die Flaschen nachher in eine der Tonnen warf. Mit ein paar Schritten gelangte sie in den an die Küche anstoßenden, großen Wohnraum, schob die gläserne Terrassentür weit auf, ging hinaus und blieb im Schatten des Sonnenschirms stehen, den ein schmiedeeiserner, weißlackierter Tisch umgab. Der hinreißende Blick auf den Pazifischen Ozean erinnerte sie an eine Bemerkung, die Lloyd, ihr Mann, erst vor kurzem einmal angesichts der tiefblauen Wellen und der weißgischtigen Brandung gemacht hatte. Lachend hatte er gesät: »Manchmal glaube ich, man kann von hier aus hinüberschauen bis nach Hawaii.« Gloria fröstelte trotz der Hitze. Sie schlenderte zu der Steinmauer, die sich am Rand des steilen Felsufers erhob, stützte ihre Hände auf die raue Oberfläche und lehnte sich darüber, sah hinunter auf ihren eigenen schmalen, weißen Sandstrand. Auf den ersten Blick erkannte sie die Motorjacht ihres Mannes, die etwa eineinhalb Kilometer weiter draußen auf den Wellen lag und langsam größer wurde, je mehr sie sich dem Strand näherte. Gloria schaute auf die Uhr. Gleich halb drei Uhr nachmittags. Lloyd war pünktlich, wie immer. Sie ging zurück in die Küche, goss sich eine Cola ein und kam wieder auf die Terrasse heraus, um auf ihn zu warten. Sie setzte sich in einen Liegestuhl mit Segeltuchbespannung, lehnte sich mit dem blonden Schopf gegen die schmiedeeiserne Brüstung der Terrasse und ließ ihre Blicke aus den großen, blauen Augen über die Wellen und den Strand schweifen. Im Norden, in der Höhe von Newport Beach, war der saphirne Horizont bunt getupft mit geblähten Spinnaker-Segeln. Im Süden schob sich die lange, weiße Lagune hinaus ins Meer, auf deren Mittelpunkt sich das alte, rosafarbene Hotel erhob. Die kleinen Punkte am Hotelstrand wurden immer zahlreicher, je näher das Wochenende rückte. Gloria wandte den Blick nach rechts, über die Anlegestelle hinaus auf den Ozean, als spare sie sich das Beste für zuletzt auf. Dort, etwa dreihundert Meter vor der Brandung, warteten die Wellenreiter auf die eine, die unwahrscheinliche Welle, die sie kilometerweit den Strand entlangtrug und von der sie bis zum kommenden, langen Sommer sprechen würden. Es mussten etwa dreißig oder vierzig Männer sein, die rittlings auf ihren Brettern saßen, die Köpfe hinausgewandt auf den Ozean, und warteten. Vor ihnen erhob sich eine gewaltige Woge, veränderte die Horizontlinie, und in fast kongruenten Bewegungen - wie in einem alten Hollywood-Musical, dachte Gloria - stellten sich die Wellenreiter auf ihre Bretter. Von hier sahen sie alle gleich aus: schlank, muskulös, braungebrannt und mit von der Sonne gebleichtem Haar. Als die Schaumkrone der Welle sichtbar wurde, stand Gloria auf und heftete ihren Blick auf eine Gestalt, die ein wenig abseits von den anderen das Spiel mit der Welle versuchte. Das fahlblonde Haar, der athletische Körper waren nicht zu verkennen. Gregg Flanders. Er ritt gebückt und geschickt auf dem Brett über den Kamm der Welle, die Arme ausgestreckt, um das Gleichgewicht zu halten. Ein köstlicher Schauder überlief ihren Körper. Heute Abend würde Gregg wieder bei ihr sein, hier auf der Terrasse. Und danach... Lloyds Boot hatte sich dem Strand bis auf fünfhundert Meter genähert. Die Augenbrauen zusammengezogen, als könne sie einfach nicht dagegen ankämpfen, dachte sie wieder einmal daran, was sie unternehmen würde, wenn ihr Mann auf der steilen Treppe herauf vom Strand ins Wanken käme. Sie musste erschreckt wirken, wenn sie beobachtete, wie er sich im Todeskampf an die Brust fasste. Einen Entsetzensschrei ausstoßen, wenn er zu stürzen begann. Leise vor sich hin weinen, wenn er unten lag auf dem Sand, still, kalt und mit weißem Gesicht. So lange musste sie dieses Theater spielen, bis sie eindeutig wusste, dass er tot war. Es würde ihr nicht allzu schwerfallen, die Reaktionen einer liebenden Gattin zu heucheln. Vor einem Jahr hatte sie eines Sonntagnachmittags innerhalb von Sekunden eine erschreckende Generalprobe über sich ergehen lassen müssen. Lloyd, der vom Fischen kam, war plötzlich im Gesicht kalkweiß geworden und auf der Couch zusammengebrochen. Sie erinnerte sich noch genau an den Schock, an ihre Hilflosigkeit, und wie sie am Telefon einen Arzt herbeizurufen versuchte. Die langen Stunden des Wartens, während er im Krankenhaus untersucht wurde. Eine Herzattacke, vielleicht ein Infarkt, hatte ihr Lloyd danach berichtet. Seine Augen konnten die Angst nicht verhehlen, wenn er auch versuchte, mit gefasster Stimme zu ihr zu sprechen. Die Ärzte waren der Meinung, wenn er sich einigermaßen hielt, konnte er wieder völlig genesen. Damals war das Haus in Laguna nur ein Wochenend-Aufenthalt gewesen. Sie hatte darauf bestanden, dass er es verkaufte, denn die vielen Treppen hinunter zum Strand waren jetzt Gift für ihn. Aber Lloyd wollte davon nichts wissen. Stattdessen beschloss er, sich aus dem Geschäftsleben zurückzuziehen. Er war neunundfünfzig und hatte genug auf die hohe Kante gelegt, um mit Gloria den Rest seines Lebens damit mehr als reichlich auszukommen. Er ließ das Haus mit dem Komfort eines ständigen Wohnsitzes versehen und kaufte sich eine zehn Meter lange Motorjacht, anstatt sich täglich ein Boot zum Fischen zu mieten, wie er es zuvor getan hatte. Sechs Monate nach dem Herzanfall kehrte er wieder in sein Schlafzimmer im ersten Stock zurück, das er zuvor der Treppen wegen vermieden hatte - aber er teilte es nicht mehr mit seiner Frau. Er brauchte Ruhe, sagte er, und es kam ihm gar nicht zum Bewusstsein, dass er ihr dadurch etwas vorenthielt, worauf sie einen Anspruch zu haben glaubte. Er war vielmehr der Ansicht, dass sie mit ihren achtunddreißig Jahren eine ablehnende Haltung gegenüber sexuellen Dingen eingenommen habe. Er ahnte nicht, dachte sie jetzt und schnitt eine Grimasse, wie sehr er sich getäuscht hatte. Aber im Grunde hatte sie bis...



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