E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Neff An derselben Stelle des Flusses
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-0852-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erzählungen
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-6951-0852-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Klaus Neff, zweimaliger Preisträger des Marburg-Awards, hat Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien veröffentlicht. Außerdem sind folgende Erzählbände von Klaus Neff erhältlich: * Schuldner der Zeit * Der Auserwählte * Eindringlinge
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„Deutschland gegen den Rest der Welt”, rief er plötzlich und warf den Basketball, den er zuvor unruhig in seinen Händen liebkost hatte, Patrick zu. Breitbeinig stand er da, die Trillerpfeife um den Hals, mit einem abfälligen Blick für uns. Sein Adidas-Trainingsanzug stammte noch aus den Siebzigern. Hoher Kragen und Schlaghosen, an manchen Stellen aufgerissen. Er wusste natürlich nicht, welch eine Rarität er trug und wir wagten keine Anspielung zu machen, dass er hip gekleidet war.
„Deutschland nach rechts. Hat Anspiel.”
Er wusste gar nicht, dass er schrie. Anfangs waren wir noch zusammengezuckt. Dieser Anfall von Autorität war unbekannt für uns. Und dann dieser Blick, mit dem er uns, „den Rest der Welt”, maß und der einem sofort Schuldgefühle einflößte. Weshalb? Keine Ahnung. Der Blick genügte, das heisere Schreien, ein Brüllen fast, wie wir es nur von unseren Eltern und aus Filmen kannten, und schließlich der Pfiff aus seiner Pfeife, nach der wir alle zu tanzen hatten.
Patrick war sein Liebling. War es nur die äußere Ähnlichkeit? Wir scherzten, unbemerkt, dass er sein verlorener Sohn war, Produkt einer geheimgehaltenen Verbindung, früher, in den Siebzigern, als er, vielleicht in eben diesem Adidas-Trainingsanzug, irgendeinem Rock gefolgt war. Aber das stimmte alles nicht, und selbst wenn, dann nur in unserer Fantasie, und diese Fantasie war nur ein kümmerlicher Rest, so wie wir alle nur Brotkrumen waren, die um den großen Tisch Deutschland lagen.
Das Spiel verlief immer nach demselben Muster. Deutschland gewann. Ich kannte es gar nicht anders. Anfangs hatten wir uns benachteiligt gefühlt. Er war parteiisch. Uns pfiff er fast jeden Angriff ab. Jeder Zweikampf, besonders wenn wir Patrick attackierten, gab sofort Freiwurf für Deutschland. Er, Patrick, war noch nicht einmal ein guter Basketballspieler. Träge, eigensinnig. Aber er war Sportlehrer Völkers Liebling. Und so nahm alles seinen Verlauf, vorbestimmt durch den trillernden Regisseur, der sich auf einer Bank niedergelassen hatte und lächelnd das Spiel verfolgte. Alle fügten sich. Patrick nahm die Rolle des Meisterspielers gern an. Auch seine Mitspieler, so dumm manche waren, merkten, dass er der Star zu sein hatte und so versorgten sie ihn mit Pässen, ließen ihm den Vortritt bei Freiwürfen und befreiten ihn von jeglicher Defensivarbeit. Alle fügten sich. Auch wir. Wir, das waren - soweit ich mich erinnere - Bülent, Kemal, Darko, Massimo und ich, und, beinahe hätte ich es vergessen, Karl und Georg, Aussiedlerkinder aus irgendeinem russischen Dorf. Aber die zählten nicht. Wenn von Deutschland einer oder zwei krank waren, dann wurden sie von Völker auf die andere Seite, nach Deutschland, beordert. Überläufer haben wir sie genannt, und sie gehörten weder richtig zu uns noch zu den anderen. Natürlich wollten sie immer bei Deutschland spielen und deshalb waren sie uns so verhasst. Aber sie waren da wie dort Außenseiter, waren zu nachgiebig und zu still, um sich für irgendwas entscheiden zu können, doch sie hatten sich ja nicht zu entscheiden, Völker entschied. Und so waren sie einmal deutsch und einmal nur Rest.
Wir fügten uns. Dennoch war immer einer dabei, der gegen die Ungerechtigkeit rebellierte. Meist war es Darko. Er kämpfte, rannte und feuerte uns an. Wir lachten nur still. Für Darko ließen wir uns nicht zum Idioten machen. Völker schien Spaß daran zu haben. Die Pfeife war in seinem Grinsen festgewachsen und er brauchte nur scharf auszuatmen und schon ertönte ein Pfiff, der Darko ein Foul oder einen Schrittfehler anlastete. Darko war aufbrausend, und einmal kam es zu einem Gerangel zwischen ihm und Patrick. Auch hier gewann Deutschland. Als Völker die beiden Streithähne trennte, hielt er Darko fest und Patrick konnte ihm noch ein paar zielgerichtete Schläge und Tritte versetzen. Uns amüsierte das auch. Darko war nicht beliebt, und es war besser, er war der Sündenbock als Bülent, Kemal oder ich.
Frau Wagenbach mochte mich. Wenn wir uns auf dem Gang zufällig begegneten, grüßte sie mich strahlend. Auch in der Klasse war sie wohlwollend zu mir. Ich weiß nicht, warum. Vielleicht weil ich ein Vorzeigeausländer war. Integriert (nach ihrer Meinung). Hier geboren und wohl auch dazu bestimmt, hier zu sterben.
Frau Wagenbach mochte den ganzen Rest der Welt. Ihre Unterrichtsfächer, Gemeinschaftskunde und Geschichte, nutzte sie für Predigten besonderer Art. Angeblich war sie die Frau eines Pfarrers und das legte ihr die gesamte Klasse negativ aus. Sie verlor an Ansehen, aber sie merkte das nicht. Wir machten uns über sie lustig, sie missverstand es und freute sich daran, dass sie anscheinend mit uns vertraut war. Sie war in Malaysia gewesen, Gott weiß, wo das liegt. Mit ihrem Mann hatte sie irgendetwas Idealistisches gemacht, vielleicht Brunnen gegraben oder Kinder vearztet. Das hat sie „geprägt”, wie sie immer wieder betonte. Überhaupt schien sie um die ganze Welt gekommen zu sein. Vor allem hatten es ihr die Entwicklungsländer angetan. Je ärmer die anderen waren, desto mehr blühte sie auf. Manchmal schien es mir, wenn plötzlich der Reichtum ausbräche in Togo und der Mongolei und auf den Philippinen, dass dann Frau Wagenbach ein ziemlich trauriges und nutzloses Dasein führen müsste. Aber dazu kam es zum Glück nicht.
Ein Lieblingswort von ihr war „multikulturell”, und jedesmal wenn sie diesen Begriff wohlbetont und gedehnt, die Stimme dabei hebend, aussprach, ergoss sich ein Kübel Glückseligkeit aus ihren Augen. Wie wir alle doch friedlich und freundschaftlich hier in einer Klasse versammelt wären. Dass das keine Selbstverständlichkeit sei, noch vor soundsoviel Jahren war das ganz anders hier (und dabei blickte sie Bülent und Kemal und mich leidvoll an, als seien wir vor soundsoviel Jahren auch hier gewesen und hätten erfahren, was hier so ganz anders war). Aber das sei vergangen, nun näherten wir uns einer „multikulturellen” Gesellschaft, und das sei auch nur ein Übergang, eine Zwischenstufe, zu einer ganz neuen Ordnung, die sie uns dann mit großen Augen darzulegen begann. Die Wagenbachsche Sozialutopie der „transkulturellen Gesellschaft” füllte einen Großteil des Unterrichts. Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, aber es muss etwas Großartiges und Schönes gewesen sein, denn wenn eine so friedliebende Frau wie Frau Wagenbach dafür war, dann konnte es nichts Schlechtes sein, und wir waren wohl zu dumm, um es zu verstehen. Oder wir waren in Gedanken schon beim Sportunterricht (denn immer nach Gemeinschaftskunde hatten wir Sport) und das Gesicht von Völker stand vor meinen Augen, das heißt, nicht sein Gesicht, sondern seine Gestalt, seine Trillerpfeife und sein Adidas-Trainingsanzug aus den Siebzigern.
Sie war braungebrannt, hatte dunkle Augen und saß in der Reihe vor mir. Ich kannte daher fast nur ihre Rückenansicht, die Schultern, das lange Haar, die Art, wie sie es sich aus der Stirn strich, das Lachen, das manches Mal auch den Weg zu mir fand, das Geflüster, das sie mit ihrer Tischnachbarin austauschte. Eine lange Zeit verging auf diese Weise und ich wurde mehr und mehr der perfekte, unsichtbare Bewunderer ihres Rückens, ihrer Schultern, ihrer Haare, ihres versteckten Lachens. Dann ergab es sich, dass wir einmal ins Gespräch kamen und ich wurde befangen, denn ich kannte sie ja nicht von Angesicht zu Angesicht. (Höchstens scheue Blicke aus den Augenwinkeln hatte ich mir erlaubt, unverfänglich, unaufdringlich.) Ich will nicht behaupten, dass ich ihr Freund war (das war ich nicht und, soweit ich weiß, konnte sich auch kein anderer rühmen, es zu sein, wenn es auch viele gab, die Unsinn redeten, denn sie war hübsch, alle sahen es, aber nur ich kannte auch ihren Rücken, ihre Schultern, ihre Haare und ihr verstecktes Lachen). Ich redete auf andere Art mit ihr als mit Bülent oder Kemal oder meiner älteren Schwester. Es lag auch nicht daran, dass sie zu Deutschland gehörte und ich zu dem Rest, denn auch mit Thorsten und Daniel redete ich anders (wiederum anders als mit Bülent oder Kemal, aber redet denn nicht jeder mit jedem anderen auf unterschiedliche Weise?). So hätte es denn auch weitergehen können, ich, glücklich, ihren Rücken, ihr Haar und das exotische Parfüm atmen zu können und mit ihr gelegentlich zu reden, einander zu sehen, zufällig, aber gern. Dann habe ich es aber mitanhören müssen, zufällig, schockiert, als sie mit ihrer Tischnachbarin (die ich nie leiden konnte) und einigen anderen im Gang stand und sie jenen lustigen Satz sagte, lustig für die Tischnachbarin und für die anderen, nicht aber für mich, diesen lustigen, schnell dahingeworfenen Satz, den sie sagen musste, da die anderen, vor allem ihre Tischnachbarin, sie gestichelt und gehänselt hatten. Es blieb ihr keine Wahl, sie musste einstimmen in den Spott, und ich habe ihr keinen Vorwurf gemacht, habe gar nichts gemacht, nichts gesagt und seither auch nichts mehr gesehen, weder ihren Rücken, noch ihr Haar. Ich war blind und ich fühlte mich besser dabei. An diesem Tag aber war ich es (und nicht Darko), der beim Basektballspiel kämpfte und rannte und die anderen anschrie für ihre...




