Neill Chicagoland Vampires - Ein Biss zu viel
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8025-9045-0
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 05, 450 Seiten
Reihe: Chicagoland-Vampires-Reihe
ISBN: 978-3-8025-9045-0
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Die Gegner der Vampire gewinnen in Chicago immer mehr an Einfluss. Nun droht auch noch der Staat ein vampirfeindliches Gesetz zu erlassen. Als ein merkwürdiges magisches Phänomen die Einwohner Chicagos in Unruhe versetzt, fürchtet die Vampirin Merit, dass eine Panik ausbrechen könnte. Sie muss alle Hebel in Bewegung setzen, um herauszufinden, wer hinter der magischen Attacke steckt.
Chloe Neill ist im Süden der USA aufgewachsen. Mit der Chicagoland-Vampires-Serie gibt sie ihr Debüt als Autorin.
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KAPITEL ZWEI
BITTERSÜßE TRÄUME
Ich stand in meinen modern geschnittenen schwarzen Lederklamotten auf einer Hochebene. Ein eiskalter Wind zerrte an meinen Haaren und ließ den Nebel umherwabern, der sich um meine Füße gelegt hatte.
Die Kleidung war vielleicht modern, aber die Umgebung war uralt. Eine trostlose und öde Landschaft erstreckte sich vor meinen Augen, und die Luft roch nach Schwefel und Feuchtigkeit.
Ich spürte die Schritte, bevor ich sie hörte, denn der Boden zitterte leicht unter meinen Füßen.
Und dann tauchte er auf.
Wie ein Krieger, der aus einer Schlacht zurückkehrte, trat Ethan aus dem Nebel hervor. Sein Erscheinungsbild passte nicht zum Chicago des einundzwanzigsten Jahrhunderts: kniehohe Lederstiefel, Hosen aus einem groben Stoff und ein langer Lederwaffenrock, der an der Hüfte von einem Gürtel zusammengehalten wurde. In der Mitte seines Brustkorbs leuchtete ein rostroter, tiefer Schnitt auf. Er hatte lange, gewellte goldblonde Haare, und seine Augen funkelten grün.
Ich ging auf ihn zu, während die Angst in mir hochkroch, sich wie eine Schraubzwinge um meinen Hals legte und mir die Luft abdrückte, bis ich kaum noch atmen konnte. Ich war froh, ihn zu sehen, lebendig – aber ich wusste, dass er nur ein Vorbote des Todes war.
Als ich ihn erreichte, legte er mir seine Hände auf die Arme, beugte sich vor und küsste mich zärtlich auf die Stirn. Eine schlichte Geste, doch von großer Bedeutung. Ein süßer Schmerz drohte mein Herz zu zersprengen. Ich schloss die Augen und genoss den vergänglichen Augenblick, als Donner über der Ebene zu hören war und den Boden zu unseren Füßen erneut erzittern ließ.
Plötzlich hob Ethan den Kopf und sah sich argwöhnisch um. Als er wieder mich anblickte, sagte er etwas in einem singenden Tonfall zu mir, in einer Sprache, die aus einer längst vergangenen Zeit und von einem längst vergessenen Ort zu stammen schien.
Ich schüttelte den Kopf. »Ich verstehe dich nicht.«
Eine Sorgenfalte bildete sich auf seiner Stirn, er wirkte angespannt, als er immer schneller mit mir redete, um sich mir verständlich zu machen. Aber schneller zu sprechen half nicht.
»Ethan, ich verstehe nicht, was du sagst. Kannst du nicht Englisch sprechen?«
Panisch sah er über die Schulter zurück, packte mich am Arm und deutete dann hinter sich. Eine mächtige, niedrige Gewitterfront wälzte sich auf uns zu. Der Wind blies immer stärker, und die Temperatur war merklich gefallen.
»Ich sehe das Unwetter«, sagte ich laut, um den aufkommenden Wind zu übertönen. »Aber ich kann es nicht aufhalten.«
Ethan schrie etwas, aber in dem heulenden Wind waren seine Worte nicht zu verstehen. Er ging auf die Gewitterwolken zu und zerrte an meinem Arm, offensichtlich, um mich mit sich zu ziehen.
Doch ich widerstand seinem Versuch und ließ mich nicht fortbewegen. »Das ist die falsche Richtung. Wir dürfen nicht in das Unwetter gehen!«
Er blieb hartnäckig, doch das war ich auch. Da ich davon überzeugt war, dass wir von dieser Hochebene ins Meer gefegt werden würden, wenn wir uns nicht einen schützenden Unterschlupf suchten, floh ich vor der herannahenden Wolkenwand … und vor ihm. Doch ich konnte mich nicht daran hindern, ein letztes Mal zurückzusehen. Dort stand er wie erstarrt auf der Ebene, und seine Haare wurden vom Wind zerzaust.
Bevor ich versuchen konnte, ihn doch noch zu erreichen, brach das Unwetter über uns herein. Der Wind schleuderte mich zu Boden und quetschte die Luft aus meinen Lungen. Der Regen prasselte auf mich herab, als meine Knie hart aufschlugen, und verwandelte die Landschaft in ein wässriges Grau. Der Wind heulte in meinen Ohren und trieb die Regentropfen fast waagerecht herunter. Ethan verschwand unter diesem brachialen Angriff der Natur; nur ein Echo seiner Stimme war durch den Wind zu hören.
»Merit!«
Mit einem Ruck setzte ich mich im Bett auf. Schweißgebadet schnappte ich nach Luft, den Klang seiner Stimme noch in den Ohren.
Tränen liefen mir die Wangen hinunter, als ich mir meinen schweißnassen Pony aus der Stirn strich und mit den Händen über mein Gesicht rieb. Verzweifelt versuchte ich, mein rasendes Herz zu beruhigen.
Mein erster Traum von Ethan war wunderbar gewesen. Wir hatten gemeinsam ein Sonnenbad genommen – ein Tabu für Vampire. Diese letzte Erinnerung an ihn hatte ich sehr genossen.
Aber das hier war der sechste Albtraum in zwei Monaten – in den zwei Monaten, die er nun schon fort war. Jeder war lauter und heftiger als der vorherige, und jedes Mal war das Aufwachen wie die panikartige Flucht aus einem Tunnel, und mein Herz fühlte sich an wie in einer Schraubzwinge. In jedem Albtraum gerieten wir in eine Krise, und das Ende war immer dasselbe – er wurde von mir fortgerissen. Jedes Mal, wenn ich erwachte, klang seine Stimme in meinen Ohren, die panisch meinen Namen schrie.
Ich legte meine Stirn auf die Knie. Meine Trauer zerrte an meinem Herzen, dass es zu zerreißen drohte. Die Hilflosigkeit, die sein Verlust hervorgerufen hatte, war kurz davor, mich zu überwältigen. Aber es war nicht nur diese Hilflosigkeit, sondern auch die Frustration, die Erschöpfung, die ein Geist in mir hervorrief, der mich immer häufiger aufsuchte und nicht gehen lassen konnte. Ich ließ den Tränen freien Lauf und wünschte mir, dass ich mit ihnen meinen Schmerz fortspülen könnte.
Ich vermisste seine Stimme. Ich vermisste es, ihn zu sehen. Ich vermisste seinen Duft.
Und genau deswegen steckte ich vermutlich in diesem Kreislauf fest, der mich von Ethan träumen ließ – nur um ihn in jedem Traum sterben zu sehen. Meine Trauer hatte sich in ein tiefes Loch verwandelt, aus dem ich nicht mehr herauskam.
Als mein Herz schließlich langsamer schlug, richtete ich mich wieder auf und wischte mir die Tränen mit dem Ärmel meines Shirts weg. Ich nahm das Telefon vom Nachttisch und wählte die Nummer der einzigen Person, die mich beruhigen konnte.
»So ein Mist!«, sagte Mallory, während im Hintergrund der tiefe Bass einer männlichen Stimme zu hören war. »Ich habe eine Lernpause – Catcher ist nackt, und wir haben Barry White aufgelegt. Weißt du, wie selten ich eine Lernpause habe?«
Mallory war erst vor Kurzem als Hexenmeister identifiziert worden und befand sich jetzt in der Ausbildung. Ihr Lehrer war ein ziemlich süßer Kerl namens Simon, Typ netter Nachbarsjunge, der sie schon seit Wochen auf die »Abschlussprüfungen« vorbereitete. In den fünf kurzen Minuten, in denen ich ihn erlebt hatte, hatte er einen vernünftigen Eindruck gemacht, aber Catcher war kein großer Freund von ihm. Das hatte vermutlich etwas damit zu tun, dass Simon Mitglied des Verbandes Vereinigter Hexenmeister und Hexer war (beschönigend auch als »der Orden« bezeichnet), einer Organisation, die Catcher hinausgeworfen hatte.
Mallory klang gereizt, und ich wusste, dass diese Woche der Stress besonders groß gewesen war, aber ich brauchte sie und redete einfach weiter. »Ich hatte schon wieder einen Traum.«
Es folgte ein Augenblick des Schweigens, bevor sie brüllte: »Fünf Minuten, Catcher.«
Ich hörte ein Knurren, und dann wurde die Musik ausgedreht.
»Wie viele sind es jetzt?«, fragte sie.
»Sechs. Allein zwei in dieser Woche.«
»Woran kannst du dich erinnern?«
Mallory fragte mich jedes Mal aus nach solch einem Traum – dann trafen ihre morbide Neugier und ihr Hang zum Okkulten aufeinander. Ich tat ihr den Gefallen und nannte ihr die Details.
»Hauptsächlich an das Ende, wie immer. Ethan war wie ein Krieger aus der Vergangenheit gekleidet. Ein Unwetter kam auf uns zu, und er versuchte mich zu warnen, aber ich glaube, er hat Schwedisch gesprochen.«
»Schwedisch? Warum in aller Welt sollte er Schwedisch sprechen? Und woher willst du wissen, wie Schwedisch klingt?«
»Er stammte aus Schweden. Ursprünglich, meine ich. Und ich habe keine Ahnung. Aus dem Internet wahrscheinlich. Wie auch immer, er versuchte mich in das Unwetter zu führen. Ich habe versucht, mich vor ihm in Sicherheit zu bringen.«
»Hört sich nach dem einzig sinnvollen Verhalten an. Was ist dann passiert?«
»Das Unwetter ist über uns hereingebrochen. Ich verlor ihn aus den Augen und wachte auf, als er nach mir rief.«
»Nun, die Symbolik ist ziemlich klar«, sagte sie. »Du bist bei Ethan, und dann werdet ihr durch irgendeine Katastrophe getrennt. Eine Geschichte wie aus dem wahren Leben.«
Ich grunzte meine Zustimmung und setzte mich auf meine Beine. »So ist es wohl.«
»Natürlich ist es so. Andererseits sind Träume nicht einfach nur Träume. Da gibt es immer noch etwas. Dein Geist begibt sich auf Wanderung. Deine Seele lässt sich auf Eskapaden ein. Ich habe es schon früher gesagt, und ich wiederhole mich gerne: Du und Ethan, ihr hattet eine besondere Verbindung. Keine wirklich gesunde, aber dennoch eine Verbindung.«
»Und das heißt, dass ich seinen Geist in meinen Träumen aufsuche?«
Sie lachte freudlos. »Hältst du Darth Vader nicht für fähig, auch nach seinem Tod noch in deinem Kopf herumzuspuken? Er hält vermutlich gerade eine Personalbesprechung im Jenseits ab. Führt Mitarbeiterbewertungen durch. Erlässt Vorschriften.«
»Diese Sachen hat er geliebt.«
Mallory schwieg für einen Moment. »Hör zu«, sagte sie. »Vielleicht gehen wir an die Sache falsch heran. Ich meine, wir reden darüber, was es bedeutet und wie oft es passiert. Aber du hast mich jetzt schon wie oft...




