Neill Chicagoland Vampires - Eiskalte Bisse
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8025-9193-8
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 06, 400 Seiten
Reihe: Chicagoland-Vampires-Reihe
ISBN: 978-3-8025-9193-8
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Die Vampirin Merit jagt ihre ehemalige beste Freundin Mallory, die auf der Suche nach einem uralten magischen Artefakt ist. Sie muss Mallory aufhalten, bevor diese eine gefährliche Macht entfesselt, die die ganze Welt zerstören könnte. Doch Mallory ist nicht die Einzige, die es auf das Artefakt abgesehen hat.
Chloe Neill ist im Süden der USA aufgewachsen. Mit der Chicagoland Vampires-Serie hat sie einen internationalen Erfolg gelandet.
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KAPITEL EINS
WIEDER UNTERWEGS
Ende November
Mitten in Iowa
Er erstrahlte wie ein Leuchtfeuer. Ein mehr als dreihundert Meter hoher Wolkenkratzer, und die Lichter auf seinen Antennen blinkten hell in der Dunkelheit, die die Stadt in Schatten hüllte. Der Willis Tower, eins der höchsten Gebäude der Welt, befand sich mitten in der Innenstadt von Chicago, umgeben von Glas und Stahl und dem Chicago River und dem Michigansee. Sein massiger Umriss erinnerte uns daran, woher wir kamen … und wohin wir gingen.
Wir hatten den Hyde Park hinter uns gelassen, unser Zuhause, und fuhren durch den Mittleren Westen in Richtung Nebraska und zum Maleficium, einem uralten Zauberbuch, das meine frühere (beste) Freundin Mallory offensichtlich zu stehlen versuchte.
Ich packte das Lenkrad des eleganten Mercedes-Cabrios meines Begleiters noch fester, denn meine Nerven waren zum Zerreißen gespannt.
Dieser Begleiter, Ethan Sullivan, warf mir vom Beifahrersitz ein Lächeln zu. »Schau doch nicht so mürrisch drein, Hüterin. Und starr nicht die ganze Zeit auf die Postkarte von Chicago, die du auf das Armaturenbrett geklebt hast.«
»Ich weiß«, sagte ich und setzte mich gerade hin, ohne den Blick von der Autobahn zu wenden. Wir befanden uns irgendwo zwischen den Maisfeldern Iowas, auf halbem Weg zwischen Chicago und Omaha. Es war November, der Mais längst abgeerntet, und es schien nichts außer den Windkraftanlagen zu geben, deren mächtige Rotorblätter sich in der Dunkelheit über uns drehten.
»Es ist einfach nur seltsam, Chicago zu verlassen«, sagte ich. »Ich war praktisch nicht mehr fort, seitdem ich zur Vampirin gemacht worden bin.«
»Das Leben eines Vampirs ändert sich nicht durch einen Ortswechsel. Das Einzige, was sich ändert, ist das Essen.«
»Was glaubst du, was sie in Nebraska essen? Mais?«
»Und Steak, nehme ich an. Und das meiste andere wahrscheinlich auch. Nur deine Mallocakes wirst du hier vermutlich nicht finden.«
»Deswegen habe ich mir ja auch eine Schachtel in meine Reisetasche gepackt.«
Er brach in schallendes Gelächter aus, als ob ich ihm den lustigsten Witz seines Lebens erzählt hätte, aber es war nichts als die Wahrheit. Mallocakes gehörten zu meinen Lieblingsnaschereien – Schokoladenriegel, die mit Marshmallow-Creme gefüllt waren –, aber sie waren verdammt schwer zu besorgen. Daher hatte ich mir für den Notfall etwas eingepackt.
Aber ungeachtet meiner kulinarischen Vorlieben waren wir auf dem Weg, und daher lächelte ich und versuchte mich an die Tatsache zu gewöhnen, dass Ethan, der frühere und zukünftige Meister des Hauses Cadogan in Chicago, neben mir im Auto saß. Vor nicht einmal vierundzwanzig Stunden war er noch mit absoluter und vollkommener Sicherheit tot gewesen. Und nun weilte er dank eines misslungenen Zauberspruchs wieder unter den Lebenden.
Ich war immer noch ziemlich verblüfft. Begeistert? Klar. Entsetzt? Natürlich. Aber vor allem verblüfft.
Ethan lachte leise. »Ist dir eigentlich klar, dass du die ganze Zeit zu mir hinübersiehst, als ob du Sorge hättest, ich könnte jeden Moment verschwinden?«
»Das liegt daran, dass du unwiderstehlich gut aussiehst.«
Er grinste verschmitzt. »Ich habe nichts an deinem guten Geschmack auszusetzen.«
Ich verdrehte die Augen. »Mallory hat dich aus der Asche wiederauferstehen lassen«, erinnerte ich ihn. »Wenn so etwas möglich ist, dann gibt es auf dieser Welt nicht viel, das nicht möglich ist.«
Sie hatte Ethan aus seiner Asche wiederauferstehen lassen, um ihn zu ihrem mächtigen Schutzgeist zu machen … und um ein uraltes Böses zu befreien, das in einem Zauberbuch von Hexenmeistern eingesperrt worden war, weil sie glaubten, der Welt damit einen Gefallen zu tun. Das hatten sie auch, zumindest bis Mallory zu dem Schluss kam, dass die Freisetzung dieses Bösen ihre seltsame Empfindlichkeit gegenüber der eingesperrten schwarzen Magie wieder ins Lot bringen würde.
Glücklicherweise wurde ihr Zauberspruch unterbrochen, was bedeutete, dass sie weder das Böse hatte freisetzen noch Ethan zu ihrem Schutzgeist hatte machen können. Wir gingen davon aus, dass dies der Grund für ihre Flucht und ihre Jagd auf das Maleficium war – sie wollte es noch einmal versuchen.
Ob nun Schutzgeist oder nicht, Ethan war wieder da: groß gewachsen, blond, gut aussehend, bissig.
»Wie fühlst du dich?«, fragte ich.
»Gut«, sagte er. »Entnervt, dass du mich die ganze Zeit anstarrst, und verdammt sauer, dass Mallory mir die Wiedervereinigung mit meinem Haus und meinen Vampiren vermasselt hat.« Er hielt inne und sah zu mir hinüber, seine Augen lodernd grüne Flammen. »Die Wiedervereinigung mit allen meinen Vampiren.«
Ich lief hochrot an und richtete meinen Blick umgehend wieder auf die Straße, obwohl meine Gedanken ganz woanders waren. »Ich werde das im Hinterkopf behalten.«
»Das solltest du auch.«
»Was genau werden wir eigentlich tun, wenn wir Mallory finden?«
»Falls wir sie finden«, korrigierte er mich. »Sie will das Maleficium, und das befindet sich in Nebraska. Es bestehen kaum Zweifel, dass wir uns über den Weg laufen werden. Und was genau wir tun werden … Da bin ich mir nicht ganz sicher. Glaubst du, sie ließe sich vielleicht bestechen?«
»Im Moment weiß ich nur von einer Sache, die sie will«, sagte ich. »Da sie einen Vorsprung hat, wird sie es vermutlich vor uns erreichen.«
»Vorausgesetzt, sie schafft es, dem Orden auszuweichen«, sagte Ethan. »Was sehr wahrscheinlich ist.«
Der Orden war die Gemeinschaft der Hexenmeister, die Mallory während ihrer Entziehungskur überwacht hatte und für die Sicherheit des Maleficium verantwortlich war. Bei beidem hatte der Orden einen erschreckend schlechten Job gemacht.
»Sehr witzig, Sullivan. Vor allem für jemanden, der vor weniger als vierundzwanzig Stunden in die Welt der Lebenden zurückgekehrt ist.«
»Lass dich von meinem jugendlichen guten Aussehen nicht verwirren. Ich verfüge nun über die Erfahrungen zweier Leben.«
Mein Schnauben machte ihm hoffentlich klar, dass ich mir eine weitere sarkastische Bemerkung nur mit Mühe verkneifen konnte, aber insgeheim dankte ich dem Universum für seine Rückkehr. Ich hatte sehr um ihn getrauert, und es war einfach nur fantastisch – vor allem, weil es völlig unerwartet kam –, ihn wieder zurückzuhaben.
Bedauerlicherweise wurde meine Dankbarkeit von einem nagenden Gefühl in meiner Magengegend überlagert. Er war hier, aber Mallory war da draußen, auf dem Weg, einen uralten Leviathan in unsere Welt zurückzuholen.
»Was ist los?«, fragte er.
»Ich habe Angst wegen Mallory. Ich bin sauer auf sie, wütend auf mich, weil ich zu keinem Zeitpunkt bemerkt habe, dass sie sich darangemacht hat, Chicago zu zerstören, und ich bin genervt, dass wir für eine Frau, die es eigentlich besser wissen sollte, den übernatürlichen Babysitter spielen müssen, anstatt deine Rückkehr zu feiern.«
Ich bedauerte den Tag, an dem Mallory herausfand, dass sie über Zauberkräfte verfügte. Seitdem hatten sich die Dinge für sie verschlechtert, und infolgedessen auch für ihre Freunde und ihre Familie. Sie war lange Zeit meine beste Freundin gewesen. Sie hatte mich an dem Tag, an dem wir uns kennengelernt hatten, verteidigt – ein Schläger wollte mir in der Hochbahn den Rucksack klauen –, und ich hatte mich an ihrer Schulter ausgeweint, als Ethan mich zu einer Vampirin gemacht hatte. Ich konnte sie jetzt nicht einfach im Stich lassen, egal, wie gerne ich es in diesem Augenblick auch getan hätte.
»Wir sind auf der Suche nach ihr. Ich weiß nicht, was wir sonst noch tun können. Ich stimme dir allerdings zu, dass du dich eher im Glanze meiner Pracht sonnen solltest … vor allem, weil ich mir einen Pflock durchs Herz habe rammen lassen, um dein Leben zu retten.«
Ich konnte nicht anders, ich musste einfach grinsen. »Und du hast nicht einmal vierundzwanzig Stunden gebraucht, um mich daran zu erinnern.«
»Ich bediene mich der Mittel, die mir zur Verfügung stehen, Hüterin.«
Es lag ein Funkeln in seinen Augen, aber zugleich erschien die verräterische Sorgenfalte zwischen seinen Augenbrauen.
»Hast du eine Ahnung, wo wir eigentlich hinmüssen, wenn wir in Nebraska sind? Wo ist das Silo? Nebraska ist ein ziemlich großer Staat.«
»Nein, habe ich nicht«, sagte er. »Ich hatte vorgehabt, Catcher genügend Zeit zu geben, um sich wieder zurechtzufinden, und ihn dann nach den Details zu fragen.«
Catcher war Mallorys Freund. Früher war er bei meinem Großvater angestellt gewesen, dem Ombudsmann für die Übernatürlichen Chicagos, bis Diane Kowalcyzk, die neue Bürgermeisterin, ihn seines Amtes enthoben hatte. Catcher war Hexenmeister, genau wie Mallory, nur lag er schon viel länger im Clinch mit dem Orden als sie.
Als Vorbote großer Neuigkeiten klingelte in diesem Augenblick mein Handy. Ich wusste nur nicht, ob ich mich auf gute oder schlechte Nachrichten einstellen sollte.
Ethan sah auf das Handy und legte es dann zwischen uns auf das Armaturenbrett. »Er scheint jetzt mit uns sprechen zu wollen.«
Catcher begrüßte uns mit einem schlichten »Ethan, Merit«. Seine Stimme klang heiser und noch tiefer als sonst. Gefühlsausbrüche waren nicht sein Ding, aber Mallorys Verschwinden musste auch ihm zu schaffen...




