E-Book, Deutsch, 544 Seiten
Neilson Auroboros - Die Windungen der Schlange - Unter der Sonne
Neuauflage 2023
ISBN: 978-3-7367-9816-8
Verlag: Panini
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 544 Seiten
Reihe: Auroboros - Die Windungen der Schlange
ISBN: 978-3-7367-9816-8
Verlag: Panini
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
MICKY NEILSON wurde mit seinen beiden Graphic Novels World of Warcraft - Aschenbringer und World of Warcraft - Die Perle von Pandaria zum New York Times-Bestsellerautor. Er verfügt über mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung in der Gaming-Industrie und arbeitet derzeit an weiteren Graphic Novels und mehreren Filmprojekten. Mit The Tuning wagte er sich zuletzt auch in das Horror-Genre vor und steuerte mit dem vorliegenden Band Unter der Sonne den offiziellen Roman zu Chris Metzens 5E-Kampagnenbuch Auroboros - Die Windungen der Schlange bei.
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Die trauernde Witwe
Kurz vor Mittag trafen sich die drei Abenteurer vor dem Haupteingang des Ruhelosen Ponys, Herddahls billigstem und am wenigsten frequentierten Gasthauses. Torin hatte seine Waffe, eine gut gearbeitete einschneidige Streitaxt, auf den Rücken geschnallt. Xamus trug ein fremdländisches, elegantes Langschwert an der einen Hüfte, einen Dolch an der anderen.
Oldavei lehnte mit einem Krummsäbel an der linken Seite an einem Anbindepfosten. Auf dem Rücken trugen sie ihr Gepäck, an dem Schlafsäcke festgezurrt waren – alle außer Torin.
»Keine Ausrüstung?«, fragte Xamus den Zwerg.
Torin winkte ab. »Pah! Unnötiger Ballast. Ich reise mit leichtem Gepäck.«
»Na schön«, sagte Xamus. »Tja, ich schätze, wir sollten uns nach Reittieren umsehen.«
»Reittiere?«, platzte Torin heraus und kniff ein Auge zu.
»Ja«, entgegnete Xamus. »Du weißt schon, Pferde.«
»Ah, bloß nicht!«, erwiderte der Zwerg. »Pferde sind Kreaturen aus der Hölle.« Er schien zu erschaudern. »Vor denen habe ich echt Bammel.«
Xamus überlegte, ob sein neuer Gefährte scherzte. Als ihm klar wurde, dass der Zwerg es ernst meinte, sah er Oldavei an.
Der Ma’ii zuckte die Achseln. »Ich kann nicht mal reiten.«
Der Elf nickte. »Gut, so viel zum Thema Reittiere.« Er spähte die schmale Seitenstraße entlang und weiter zu den dunstverhangenen Grenzgipfeln. »Anderthalb Tage zu Fuß, würde ich schätzen.«
»Dann lasst uns keine Zeit verlieren«, drängte Torin und übernahm die Führung, als sie sich zu dritt auf den Weg machten. Sie schoben sich durch die überfüllten gepflasterten Straßen Herddahls, vorbei an Fuhrwerken und Vieh, Bettlern und Arbeitern, bis sie erst die steinernen Gebäude der Stadt und dann die hölzernen Bauten der äußeren Stadtgrenze hinter sich gelassen hatten. Stumm und in leichtem Tempo schritten sie weiter durch das weitläufige Ackerland der Region. Hier flankierten majestätische Felder ihren Weg. Auf der einen Seite pflügte ein schwitzender, haariger Hügelriese in Latzhose tiefe Furchen entlang eines flachen Abhangs, während eine kniende Riesin Saatgut ausstreute. Weiter hinten, wo sich die Ebene nach beiden Seiten bis zum Horizont erstreckte, streuten menschliche Arbeiter aus Jutesäcken Getreidesamen hinter von Ochsengespannen gezogenen Pflügen aus.
»Ich wette, sie säen Gerste«, sagte Torin. Feixend wandte er sich zu Xamus um. »Daraus lässt sich vortreffliches Bier brauen!«
Hier wurde recht intensive Landwirtschaft betrieben, dachte der Elf. Ein Gewerbe, das bis vor Kurzem ausschließlich die Alten Familien ausgeübt hatten. Die Präsenz von Hügelriesen hatte zugenommen, was sich die Ernterzunft zunutze machte. In dem Bestreben, die Alten Familien als Konkurrenten auszustechen, heuerten die Zunfthöfe Riesen an. Sie konnten an einem Tag verrichten, wofür einfache menschliche Arbeiter fünf Tage gebraucht hätten. Das schlussendliche Ziel der Zunft war es, die alteingesessenen Bauern vollständig zu verdrängen und Herddahl als genossenschaftlich organisierte Handelsstadt zu etablieren – eine Stadt, die zweifellos fest unter ihrer Kontrolle stehen würde. Wo und wie Magistrat Raldon in das Ganze hineinpasste, wusste Xamus noch nicht.
Oldavei zog das Tempo an und übernahm die Führung, wobei er mit seltsam hinkendem Schritt dahinstapfte. Ab und zu blieb der Ma’ii stehen und hob den Kopf, um zu wittern und all die verschiedenen einzigartigen Gerüche aufzunehmen, die das Land zu bieten hatte. Unter freiem Himmel, auf Abenteuer ausziehend, war er ganz in seinem Element. Für ihn schienen die Stunden und ihre Reise wie im Flug zu vergehen, so sehr war er in der Schönheit der Umgebung versunken.
Schließlich ließen sie jegliche Besiedlung hinter sich, während die nördlichen Gebirgsausläufer immer näher kamen und die wolkenverhangenen Grenzgipfel dahinter auftauchten. Der Himmel hatte eine mattgoldene Farbe angenommen, als sich das Trio in einem breiten, flachen Tal wiederfand.
Seine Wände hielten die Strahlen der tief stehenden Sonne fern und die Luft kühlte merklich ab. Im Osten mündete ein Nebenfluss der Talisande in einen gurgelnden Bach, der nahe der Straße in einer lang gezogenen Biegung nach Süden abzweigte.
Die drei machten am Bach Rast, um zu trinken und ihre Wasserflaschen aufzufüllen, als überraschend ein Schrei die Stille durchbrach. Es war ein durchdringender, trauriger Klagelaut, der einige lange Sekunden anhielt, bevor er verstummte.
Torin sah Xamus fragend an. Der Elf ließ schweigend seinen Blick über das hohe Gehölz schweifen. Oldavei, der mit einem Wasserschlauch in der Hand am Bach kauerte, seufzte tief. Torin wandte sich an den Ma’ii, der sich kopfschüttelnd erhob.
»Was ist das?«, fragte der Zwerg.
Oldavei zögerte mit seiner Antwort einen Moment, als überlege er, ob es klug wäre, sein Wissen kundzutun. Schließlich sah er die anderen an und erklärte düster: »Die trauernde Witwe.«
»Die was?«, wollte Torin wissen.
Der Ma’ii sah in den Wald. »Es heißt, ein frisch verheiratetes Ehepaar sei vor langer Zeit auf dieser Straße unterwegs gewesen. Eine Räuberbande griff es an, aber anstatt die Ehre seiner Frau zu verteidigen, nahm der Ehemann Reißaus und lief davon. Sie streckten ihn vor den Augen seiner weinenden Frau mit Pfeilen nieder. Sie bewies mehr Mut als ihr Mann, nahm ein Messer und griff den Anführer an, aber ihr Dolch war seinem Schwert nicht gewachsen. Er hat sie niedergemacht und die Räuber überließen ihren Leichnam und den ihres Mannes den Bussarden. Die Legende besagt, dass sie in diesen Wäldern spukt, eine Wiedergängerin – gequält vom feigen Verrat ihres Mannes –, deren grässliche Gestalt von Wut entstellt ist. Ein Blick auf ihr abscheuliches Antlitz, und selbst die mutigsten Krieger sollen vor Angst davonlaufen, aber …« Oldavei band den Wasserschlauch an seinen Gürtel, während die anderen warteten. »Es heißt, wenn ein Mann sie ansieht und die Tapferkeit zeigt, die ihrem Gatten fehlte, wird das die Schönheit der Witwe wiederherstellen und ihren Geist befreien.«
Torin stand stumm da, den Mund leicht geöffnet.
Neben ihm sagte Xamus: »Hm.«
Oldavei ging in Richtung Straße. »Das sind aber sicher nur Geschichten. Ammenmärchen. Wir sollten weitergehen.«
Torin hob eine Braue und warf Xamus einen Blick von der Seite zu. »Klingt für mich nach völliger Pferdescheiße!«, sagte er, ehe er sich in Bewegung setzte.
Xamus folgte ihm stumm.
In den nächsten Stunden hielt Torin ein flottes Tempo und blieb Oldavei dicht auf den Fersen, während er die herannahenden Schatten wachsam beobachtete. Die drei hatten das Ende des Tals noch nicht erreicht, als die Dunkelheit hereinbrach, und sie hielten an, um ihr Nachtlager aufzuschlagen.
Nach einem leichten Abendessen aus Pökelfleisch und Brot saßen sie rauchend um ein knisterndes Feuer, das schwankende Schatten auf die nahen Bäume warf. Xamus zog gerade seine Stiefel und seinen Hut aus, nachdem sie mit dem Rauchen fertig waren, da rief Torin »Ho!« und warf ihm einen Flachmann zu. Der Elf fing ihn auf und wollte gerade trinken, als er den Zwerg fluchen hörte: »Ich will verdammt sein!« Xamus ließ den Flachmann sinken und sah, dass der Zwerg auf seine entblößten Ohren deutete. »Du bist ein Elf!«
Xamus erwiderte den Blick des Zwerges und schaute dann zu Oldavei, der mit einem Stück halb zerkauter Wurst im offenen Mund im Schneidersitz dasaß. »So ist es«, antwortete er.
Torin deutete immer noch auf ihn. »Wie das? Ihr seid doch ausgestorben! Jedenfalls sagt man das.«
»Nicht alle«, widersprach Xamus. »Einige von uns existieren noch, versteckt an geheimen Orten.«
Torin hatte den Finger gesenkt, starrte Xamus aber immer noch ungläubig an. »Aber du siehst so verdammt … menschlich aus. Das hat mich ganz schön genarrt.« Der Zwerg, der sich einer scharfen Beobachtungsgabe rühmte, vor allem in Bezug auf andere, war leicht verwirrt.
»Ich habe nicht versucht, jemanden zu täuschen«, beteuerte Xamus.
Oldavei erlangte die Sprache wieder und sagte: »Ein Elf, der mit dem einfachen Volk herumzieht … das würde großes Aufsehen erregen. Es ist klug von dir, es zu verbergen!«
»Ich will nicht …«, begann Xamus, aber Torin unterbrach ihn: »Magie! Ich habe gehört, die Elfen beherrschen mächtige Magie!«
»Nun ja, ich …«
»Warum bist du weggegangen?«, unterbrach Oldavei ihn. »Wenn dein Volk sich versteckt … Warum bist du hier unterwegs?«
»Ja, genau!«, fügte Torin hinzu.
Nach einer kurzen Pause antwortete Xamus: »Ich sehe die Dinge einfach anders als die anderen.«
»Freunde und Familie zurückzulassen, ist nichts, was man leichthin tut«, konstatierte Oldavei. Die Art, wie er es sagte, machte deutlich, dass er aus Erfahrung sprach.
»Richtig«, stimmte Xamus ihm zu. »Aber hier draußen, auf solchen Abenteuern, bei denen ich etwas über die Welt lernen und mit Abschaum wie euch trinken kann …« Er warf Torin den Flachmann wieder zu. »Genau hier gehöre ich hin.«
»Hm«, brummte Torin und beäugte Xamus etwas misstrauisch, als dieser sich auf den Rücken legte.
Die drei hatten es sich gemütlich gemacht und waren gerade am Einschlafen, als ein langes, durchdringendes Stöhnen die Nachtluft zerteilte. Torin fuhr hoch. Oldavei und Xamus bewegten sich im Halbschlaf.
»Sie ist es«, flüsterte Oldavei. »Die trauernde Witwe.«
»Pferdescheiße!«, entgegnete Torin....




