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E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Neuenkirchen Einsatz in Tokio

Spektakuläre Spionagefälle: Wie Richard Sorge und Richard Hughes Geschichte schrieben
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-95890-493-4
Verlag: Europa Verlage
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Spektakuläre Spionagefälle: Wie Richard Sorge und Richard Hughes Geschichte schrieben

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-95890-493-4
Verlag: Europa Verlage
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



1933 kam Richard Sorge nach Tokio. Getarnt als ein Fachjournalist und strammer Nazi, war der mehrfach verwundete Veteran des Ersten Weltkriegs tatsächlich der beste und gewagteste kommunistische Spion, den Moskau jemals ausgebildet hatte. Sein panasiatisches Agenten-Netzwerk lieferte Informationen, die die letzten Schlachten des Zweiten Weltkriegs entscheidend beeinflussten. Richard Hughes verschlug es zur gleichen Zeit aus der australischen Provinz ins japanische Feindesland. Aus dem Nachwuchsjournalisten mit einer Vorliebe für klassische Kriminalliteratur wurde einer der brillantesten Chronisten internationaler Spionagetätigkeiten. Verewigt in den Werken seiner Freunde John Le Carré und Ian Fleming, landete er aufsehenerregende Coups in Tokio, Moskau und Hongkong. Die Doppelbiografie schildert die Leben der beiden Richards, deren Werdegänge so viele Parallelen aufweisen, obwohl ihre Beweggründe unterschiedlicher nicht sein konnten: Auf der einen Seite der verbissene Ideologe Sorge, den der Glaube an die kommunistische Sache hinaus in die Welt trieb. Auf der anderen Seite der Lebemann Hughes, den die reine Abenteuerlust beflügelte. Zugleich ist es die Geschichte einer ganzen Epoche: das Zeitalter der spektakulären Spionagefälle, das Jahrhundert der Weltkriege, die Geburtsstunde des modernen Asiens.

Andreas Neuenkirchen, geboren in Bremen, arbeitet seit den frühen 90ern als Journalist, zunächst frei im Feuilleton Bremer Tageszeitungen und Stadtmagazine, später als Redakteur in München online und offline. Er ist der Autor mehrerer Sachbücher und Romane mit Japan-Bezug (darunter der Bestseller Gebrauchsanweisung für Tokio und Japan) und wirkte an zahlreichen internationalen TV- und Kinoproduktionen als Autor, Berater und Redakteur mit. Der Europa Verlag publizierte bereits sein Buch Codename: Sempo. Wie ein japanischer Diplomat Tausenden Juden das Leben rettete. Zuletzt erschien von ihm: Völlig losgelöst. Wie Karaoke die Welt eroberte (Leykam). Er lebt mit seiner japanischen Frau und der gemeinsamen Tochter in Tokio.
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RICHARD SORGE ZIEHT IN DEN KRIEG


Von der Schulbank zur Schlachtbank

Am 11. August 1914, kurz nach seiner überstürzten Heimkehr aus Schweden, hatte Richard Sorge ein dringlicheres Anliegen als die Abschlussprüfungen der Schule. Ihm stand nicht der Sinn danach, dieses dringliche Anliegen mit seiner Mutter zu besprechen, was er unter anderen Umständen und bei anderen Angelegenheiten mit Sicherheit getan hätte, so nah, wie er seiner Mutter stand. Vielleicht hätte er dieses Anliegen eher mit seinem patriotischen Vater besprochen, den er damit wahrscheinlich sogar stolz auf sich gemacht hätte, doch der alte Richard Sorge war bereits drei Jahre zuvor mit 59 Jahren verstorben. Welche Art von Verhältnis die beiden Männer hatten, ist nicht dokumentiert. Wahrscheinlich war Sorge berührt und geprägt vom patriotischen Geist seines Vaters, aber er erwähnte ihn später, wenn er freiwillig sein Leben dokumentierte oder es unfreiwillig dokumentieren musste, in keinerlei emotionalen Zusammenhängen, während er an der Liebe zu seiner Mutter nie den geringsten Zweifel ließ.

Aber an jenem 11. August sagte er seiner Mutter kein Wort, als er anstatt zur Schule schnurstracks zur nächsten Meldestelle des deutschen Heeres ging, um sich als Kriegsfreiwilliger zu melden.

Er selbst hielt sich später mit patriotischer Argumentation zurück und gab als Gründe für seine Entscheidung an, dass er schulischen Pflichten und einem allzu behüteten Leben entfliehen wollte: »Ich folgte dem unwiderstehlichen Bedürfnis nach Veränderung«, schrieb er im japanischen Gefängnis, »dem Wunsch, der Schule und einem Leben zu entfliehen, das ich für sinnlos hielt. Das Kriegsabenteuer hatte auf die Begeisterungsfähigkeit meiner achtzehn Jahre seine faszinierende Anziehungskraft ausgeübt.«

Da schien er noch nicht der idealistische und ideologische Überzeugungstäter, als der er sich schließlich in den Spionagedienst für ein anderes Land stürzen sollte. Tatsächlich waren sich der junge Richard Sorge und der junge Richard Hughes gar nicht so unähnlich in ihrer jugendlichen Abenteuerlust.

Richard Sorge absolvierte die militärische Grundausbildung, die ihn als ausgemachte Sportskanone vor keine nennenswerten Schwierigkeiten stellte und die er als »komplett inadäquat« bezeichnete. Er und die anderen Freiwilligen, die sich von der allgemeinen Kriegsbegeisterung, wie sie vor allem unter jungen Männern grassierte, hatten mitreißen lassen, wurden in einem Berliner Vorort sechs Wochen lang von ihren Ausbildern über einen Übungsplatz gejagt und dann an die Front geschickt. Im Ersatzbataillon des Infanterieregiments 91 ging es im September 1914 auf dem Fluss Yser nach Belgien, wo einheimische und britische Truppen stoisch ihre Stellungen verteidigten. Auf der Fahrt feierte Sorge seinen 19. Geburtstag.

Um ein Haar wäre es sein letzter geworden. Am 11. November bekamen Sorge und seine Kameraden innerhalb der Ersten Flandernschlacht die Order, französische und belgische Stellungen in der Region anzugreifen. Noch immer hoch motiviert, stürzten sie sich mit patriotischen Liedern auf den Lippen in diesen Auftrag, dem sie nicht gewachsen waren.

Sie sangen nicht lange. Erst wurden die Lieder übertönt vom tödlichen Knattern der feindlichen Maschinengewehre, dann fiel eine gespenstische Stille über das Schlachtfeld. Tausende junge Soldaten waren gefallen. Sorge blieb unversehrt. Dieses Mal.

Der Vorfall wurde später in Deutschland als »Kindermord« tituliert. Sorge bezeichnete die Erfahrung als einen Weg »von der Schulbank zur Schlachtbank«. Falls er jemals aus Überzeugung am Krieg teilgenommen haben sollte, so war es damit nun vorbei, und auch seine Abenteuerlust hatte einen Dämpfer erhalten. Gegen Lebensende schrieb er in sein Tagebuch:

Dieser wilde und blutige Konflikt stürzte uns, meine Kameraden und mich, in die tiefste Verwirrung, die wir jemals empfunden hatten. Nachdem unser Schlachtendurst einmal gestillt war und unsere Abenteuerlust befriedigt, begannen Monate der Betäubung und der Verwirrung bis ins Innerste.

Dennoch kam es für ihn nicht infrage, sein Bündel zu schnüren und heim zur Mutter zu ziehen. Obwohl er nun ein noch weniger überzeugter Kämpfer für Volk und Vaterland war als zuvor, so blieb er trotzdem ein überzeugter Kämpfer für seine Kameraden.

Die Politisierung des jungen Soldaten Sorge

An den Fronten des Ersten Weltkriegs kam Sorge zum ersten Mal in engeren Kontakt mit Menschen, die auf ganz andere Lebenserfahrungen und Lebensumstände zurückblicken konnten. Die meisten Soldaten, auch die der niederen Ränge, waren deutlich älter als er. Sie waren Arbeiter und Handwerker, waren in Gewerkschaften organisiert, waren mehrheitlich Sozialdemokraten. Keiner schien vom Sinn dieses Krieges – oder des Krieges überhaupt – in der gleichen Weise überzeugt wie die heißblütigen Jungsporne, die sich wie Sorge freiwillig gemeldet hatten und die langsam an ihrem militärischen Engagement für ihr Vaterland zu zweifeln begannen. Auch in Sorge wuchs der Verdacht, dass es Deutschland in diesem Krieg nicht bloß um die Verteidigung der eigenen Freiheit und der Freiheit anderer ging, sondern um gewaltsame Gebietserweiterung.

Einer der gestandenen Männer, ein alter Steinmetz aus Hamburg, hatte es ihm besonders angetan. Er war ein überzeugter Sozialist, sprach jedoch nicht gern darüber. Er und Sorge wurden Freunde. Der Jüngere hatte eine alternative Vaterfigur gefunden. Jemanden, der von seinen Idealen ähnlich überzeugt war wie der alte Richard Sorge, nur dass es sich um gänzlich andere Ideale handelte.

Angesichts des beträchtlichen Charmes des jungen Richard Sorge taute der Mann bald auf und erzählte ihm von seinem Leben in Hamburg, der Arbeitslosigkeit dort und den Anfeindungen und Verfolgungen, denen er aufgrund seiner politischen Überzeugungen ausgesetzt war. Sorge sagte später, der Steinmetz wäre der erste echte Pazifist gewesen, der ihm in seinem Leben über den Weg gelaufen sei. Ihre Freundschaft sei eine sehr enge gewesen. Es war leider auch eine sehr kurze. Anfang 1915 fiel der Pazifist an der Kriegsfront.

1915 war auch das Jahr, in dem das feindliche Feuer zum ersten Mal Richard Sorge erwischte. In einem Scharmützel mit belgischen Soldaten wurde er von den Splittern einer Schrapnell-Granate verletzt. Das bot ihm immerhin die Gelegenheit, seine Heimat wiederzusehen, denn er wurde in ein Berliner Krankenhaus eingewiesen.

Er mochte seine Heimatstadt, die er als so paradiesisch in Erinnerung hatte, nicht wiedererkennen. Das gesamte Land hatte sich gewandelt. Die durch den Krieg bedingte Warenverknappung sorgte für Wucherpreise für einfache Lebensmittel, und überall wurden Schwarzmärkte eingerichtet. Die Ärmeren, für die Sorge früher nie ein Auge gehabt hatte, die aber nun unübersehbar waren, hatten Schwierigkeiten, ihre Familien zu ernähren. Kriegswitwen verhungerten. Beamte und andere Autoritätspersonen agierten gierig und korrupt. Das war nicht das stolze, edle Deutschland, das nach dem Krieg eine tragende Rolle in Europa spielen wollte und dessen Ideal die anderen Länder nacheifern sollten. Es war ein Sumpf aus Verbrechen, Verzweiflung und Amoral. Mitten im Ersten Weltkrieg war ein innerdeutscher Krieg ausgebrochen, in dem die Parole lautete: jeder gegen jeden. Dass der große Krieg darum herum noch zu gewinnen war, glaubten inzwischen die wenigsten. Richard Sorge schon gar nicht.

Gleichwohl zog es ihn zurück an die Front, um seinen Kameraden beizustehen. Allerdings musste er sich gedulden, bis seine Wunden verheilt waren und er wieder losgeschickt werden konnte, um sich neue beibringen zu lassen. Während der Rekonvaleszenz hatte er viel Zeit, die er vor allem für ausführliche Lektüre nutzte. Er besuchte zudem einige medizinische Vorlesungen an der Berliner Universität und bereitete sich darauf vor, seinen Schulabschluss nachzuholen.

Dennoch fand er sich im selben Jahr zurück im Schützengraben. Diesmal verschlug es ihn an die Ostfront, genauer in die polnisch-ukrainische Region Galizien an der russischen Grenze, wo er für das Land seines Vaters zum ersten Mal gegen die Soldaten des Heimatlandes seiner Mutter kämpfte. Lange blieb er dort nicht, denn er wurde wieder verletzt und erneut zurück nach Berlin gebracht. Abgesehen von der Heimreise, brachte ihm seine Verletzung eine Beförderung zum Unteroffizier und das Eiserne Kreuz II. Klasse.

In Berlin stürzte er sich erneut in seine Studien. Am 16. Januar 1916 schloss er seine Schullaufbahn mit dem Notabitur ab, eine vereinfachte Prüfung für Kriegsfreiwillige. In den Fächern Deutsch, Englisch, Französisch und Religion wurden seine Leistungen als »befriedigend« beurteilt. In Geschichte, Geografie, Mathematik, Physik und Chemie erhielt er die Note »gut«. In seinem Lieblingsfach wurde er nicht benotet: Für den Sport war er zu schwer verletzt.

Aber nicht schwer genug für den Dienst an der Front. Um dem Deutschland zu entfliehen, das er nicht wiedererkennen wollte, meldete er sich freiwillig zurück zum Dienst, bevor seine offizielle Rekonvaleszenzzeit vorüber war. Er schloss auf zu seinen Kameraden, die bei Minsk die Stellung hielten. Es wurde kein freudiges Wiedersehen. Die meisten Soldaten, zu denen er eine enge Bindung aufgebaut hatte, waren inzwischen gefallen. Dazu, so erfuhr er erst jetzt, gehörten auch zwei seiner Brüder. Die übrig gebliebenen Soldaten verrichteten ihren Dienst zusehends unmotivierter. Leidenschaftlich wurden sie nur in den...


Andreas Neuenkirchen, geboren in Bremen, arbeitet seit den frühen 90ern als Journalist, zunächst frei im Feuilleton Bremer Tageszeitungen und Stadtmagazine, später als Redakteur in München online und offline. Er ist der Autor mehrerer Sachbücher und Romane mit Japan-Bezug (darunter der Bestseller Gebrauchsanweisung für Tokio und Japan) und wirkte an zahlreichen internationalen TV- und Kinoproduktionen als Autor, Berater und Redakteur mit. Der Europa Verlag publizierte bereits sein Buch Codename: Sempo. Wie ein japanischer Diplomat Tausenden Juden das Leben rettete. Zuletzt erschien von ihm: Völlig losgelöst. Wie Karaoke die Welt eroberte (Leykam). Er lebt mit seiner japanischen Frau und der gemeinsamen Tochter in Tokio.



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