Neuhaus | Armut - Auswanderung - Aufruhr | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 292 Seiten

Neuhaus Armut - Auswanderung - Aufruhr

Studien zur Sozialgeschichte des Sauerlandes in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
2. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7504-4452-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Studien zur Sozialgeschichte des Sauerlandes in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

E-Book, Deutsch, 292 Seiten

ISBN: 978-3-7504-4452-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Auch im Sauerland ist die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts für weite Teile der rasch wachsenden Bevölkerung durch Not und Entbehrung gekennzeichnet. In den 1840er Jahren spitzt sich die soziale Lage der Unterschichten dramatisch zu (Missernten, Krisen im Landhandwerk und Montangewerbe). Es kommt zu einer ersten Auswanderungswelle. Als dann im Frühjahr 1848 schwarz-rot-goldene Revolutionsfahnen auch von den Rathäusern im Sauerland wehen, glauben viele Tagelöhner, Arbeiter und Handwerker, sie könnten ihre Forderungen nach billigem Pachtland, alten Weiderechten und besserer Holzversorgung durchsetzen. Werner Neuhaus zeigt mit diesem Buch: Die Revolution auf dem Land war nicht überall ein Aufstand für demokratische Verfassung, Parlamentarismus und nationale Einheit. Im Mittelpunkt stand oft das Eintreten für die Wiederherstellung althergebrachter wirtschaftlicher Rechte.

Werner Neuhaus: geb. 1947 in Wickede (Ruhr), Studium der Anglistik und Geschichte in Münster und Sheffield, von 1976 bis 2009 Lehrer am Städtischen Gymnasium Sundern. - Mitherausgeber der dreibändigen Chronik "700 Jahre Sundern - Freiheit und Kirche" (2010-2012). In Veröffentlichungen zur Sozial- und Kulturgeschichte des Sauerlandes im 19. und 20. Jahrhundert untersucht er u.a. die Revolution von 1848, die nationalistische Aufladung des katholischen Milieus nach 1900, die sogenannte Heimatfront und das Los der Kriegsgefangenen im Sauerland während des 1. Weltkrieges sowie regionale Erscheinungen der völkischen Bewegung zur Zeit der Weimarer Republik.
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II.
Zur Einleitung

Die ländlichen Unruhen von 1848/49
im kölnischen Sauerland


Vor fast genau fünfzig Jahren kam es im Herbst 1969 zum ersten „Machtwechsel“ in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland: Sozialdemokraten und Liberale lösten unter dem Motto „Mehr Demokratie wagen“ die Große Koalition unter christdemokratischer Führung ab. Kurze Zeit vor dieser Zäsur hatte die Wahl des Sozialdemokraten Gustav Heinemann zum Nachfolger des katholisch-konservativen Bundespräsidenten Heinrich Lübke (CDU) bereits signalisiert, dass Ende der 1960er Jahre die zweite formative Phase der bundesrepublikanischen Geschichte angebrochen war. Dies galt nicht nur für die neue Ost- und Deutschlandpolitik, sondern auch für viele andere Bereiche in Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur.

Gerade in der Geschichtspolitik wollte Heinemann neue Zeichen setzen2: In mehreren Reden hob er hervor, auch die deutsche Geschichte habe einen „ungehobenen Schatz“ demokratischer Bewegungen und Ereignisse, den es zu heben gelte. Gerade die Revolution von 1948/49 dürfe nicht der SED-hörigen DDR-Historiografie überlassen bleiben, die das sozial progressive und demokratische Erbe dieser Revolution für sich und ihren „Arbeiter- und Bauern-Staat“ beanspruche. Ob beim Bauernkrieg von 1524/25 oder den ländlichen Unruhen von 1848/49: Für den neuen Bundespräsidenten galt, dass es „einer demokratischen Gesellschaft […] schlecht zu Gesicht [stehe], wenn sie in Revolutionären nichts anderes als meuternde Rotten sehen“ wolle. Sowohl der Bundespräsident als auch führende Vertreter der sozialliberalen Koalition sahen in der 48er Revolution „eine Symbiose von rechtsstaatlichem Liberalismus und sozialradikaler Demokratie“.

Allerdings kam die bundesrepublikanische Geschichtsschreibung im Vierteljahrhundert nach dem Bonner Machtwechsel der Forderung Heinemanns nicht nach, die sozial fortschrittlichen und liberaldemokratischen Aspekte der Revolutionszeit von 1848/49 grundlegend zu untersuchen. Erst aus Anlass der 150. Wiederkehr der Revolution von wurde 1998 eine Flut von Ausstellungen, Symposien, Aufsatzsammlungen und Büchern veranstaltet bzw. veröffentlicht. Die damals publizierten Texte haben unser Verständnis der Vorgeschichte, des Verlaufs und der Ergebnisse der Revolutionszeit bedeutend verbessert. Dies gilt besonders für lokal- und regionalgeschichtliche Studien, welche die wirtschaftlichen, sozialen, politischen und kulturellen Ursachen der Revolution sowie deren jeweilige Verlaufsmuster in „dichten Beschreibungen“ und kleinschrittigen Tiefenbohrungen aufarbeiteten und so ein buntes Mosaik der historischen Landkarte der deutschen Staaten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwarfen.

Leider galt das nur begrenzt für das kölnische Sauerland, das – etwa im Vergleich zum Münsterland, zu Lippe oder zu Minden-Ravensberg – recht stiefmütterlich behandelt wurde.3 Lediglich in dem Begleitbuch zur Ausstellung „Für Freiheit und Recht. Westfalen und Lippe in der Revolution 1848/49“, die 1999 in mehreren westfälischen Städten gezeigt wurde, werden in einem vorzüglichen Aufsatz der Verlauf der Revolution auch im kölnischen Sauerland knapp, aber übersichtlich auf der Grundlage der Akten sauerländer Amtmänner und Landräte im damaligen Staatsarchiv Münster dargestellt und auch die Reaktionen des Regierungspräsidenten in Arnsberg und des Oberpräsidenten in Münster mit einbezogen.4 Dagegen befasste sich ein langer Aufsatz von Hans-Joachim Behr über ländliche Unruhen 1848/49 aus dem Jahre 2000 intensiv mit den sozialen Problemen im Oldenburger Münsterland, Osnabrücker Land, südlichen Niedersachsen und Ostwestfalen, jedoch kaum mit dem Sauerland.5 Erst die Bochumer Dissertation von Jens Hahnwald über im kölnischen Sauerland brachte eine auf der Höhe der gesellschaftsgeschichtlichen Ansprüchen stehende grundlegende Untersuchung, die regionale Quellen und verstreute lokale Sekundärliteratur zu einem überzeugenden Bild auch des Vormärz und der Revolutionszeit im Sauerland zusammenfügte.6 Diese Untersuchung ist jedoch nicht veröffentlicht worden, und der Aufsatz Hahnwalds in einem Teilband des von Harm Klueting und Jens Foken herausgegebenen großen Werkes über die Geschichte des Herzogtums Westfalen behandelt die ländliche Gesellschaft des Vormärz nur ganz kurz.7 Im gleichen Werk werden dagegen von Hans-Joachim Behr auf der Grundlage der Akten der preußischen Mittelbehörden (Bezirksregierung in Arnsberg und Oberpräsidium in Münster) u.a. Vorgeschichte und Verlauf der Revolution im Sauerland ausführlich geschildert,8 auch wenn natürlich im Rahmen eines Aufsatzes die Unterlagen der zahlreichen lokalen Archive nicht ausgewertet werden konnten.

Neben diesen Spezialuntersuchungen von Vormärz und Revolutionszeit gibt es eine ganze Reihe von Veröffentlichungen, die sich zwar nicht ausschließlich mit dieser Thematik befassen, aber dennoch wertvolles lokal- und regionalgeschichtliches Material aufbereiten und zu Teilaspekten der Geschichte des kölnischen Sauerlandes in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wertvolle Beiträge liefern oder überregional wirksame Entwicklungen herausarbeiten.9 So bietet z.B. die 10., völlig neu bearbeitete Auflage des „Gebhardt. Handbuch der deutschen Geschichte“, Bd. 14, eine zuverlässige Zusammenfassung der bis dahin erschienenen Fachliteratur zu allen relevanten Aspekten der Reform-, Restaurations- und Revolutionszeit vor 1848/49 in Deutschland.10 Jürgen Kocka hat seinen grundlegenden Studien über die Herausbildung einer Arbeiterklasse in Deutschland einen weiteren Band folgen lassen, der die Lebens- und Arbeitsverhältnisse der Unterschichten im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts eindrucksvoll zusammenfasst,11 und über Ursachen, Verlauf und Ergebnisse sozialer Unruhen im Hinblick auf die Entstehung politischer Bewegungen, Vereine und Verbände um die Mitte des 19. Jahrhunderts gibt die Studie von Jürgen Schmidt einen vorzüglichen Überblick.12

Die bisher gemachten Ausführungen und die Auswahl der bisher genannten Fachliteratur legen den zutreffenden Schluss nahe, dass ich in sozioökonomischen Prozessen des Vormärz die Hauptursache für den Ausbruch der Basisrevolution im Frühjahr 1848 auf dem platten Lande sehe. Dabei kommt der Mehrheit der dort lebenden Bevölkerung, den klein- und unterbäuerlichen Schichten, Landhandwerkern und Gesellen, Tagelöhnern, Beiliegern und Köttern, Bergleuten und Eisenhüttenarbeitern, ein besonderes Augenmerk zu. Zwar gab es häufig von Ort zu Ort unterschiedliche Auslöser und Schwerpunkte der proletarischen Proteste, aber den kleinen Ackerbürgerstädten und Dörfern des kölnischen Sauerlandes gemeinsam waren strukturelle demografische und wirtschaftliche Probleme. Sie stehen bei den folgenden Aufsätzen zumeist am Anfang der jeweiligen Untersuchung, denn sie bildeten den sozialgeschichtlichen Hintergrund, ohne den sich die Fundamentalrevolution vom März und April 1848 nicht erklären lässt.

Der hier vorgestellte Erklärungsansatz für den jähen Ausbruch der teilweise gewalttätigen ländlichen Unruhen im März und April 1848, deren kurze Dauer und relativ geringfügige langfristige Folgen, beruht auf einer Kombination verschiedener sozialwissenschaftlicher Erklärungsmöglichkeiten für die Entstehung sozialer Bewegungen.13 Der plötzliche Ausbruch der Unruhen und Aufstände in Ackerbürgerstädten und vor ländlichen Adelsresidenzen des Sauerlandes, der alle lokalen und regionalen Verwaltungsbeamten überraschte, lässt sich, erstens, mit Modellen gesellschaftlichen Wandels erklären. Die Februarrevolution in Frankreich und die anschließenden Erfolge der Erhebungen in Süddeutschland und Berlin schienen angesichts der momentanen Schwäche der alten Eliten in Politik, Verwaltung und Militär eine günstige Gelegenheit zu bieten, seit längerer Zeit bestehende Forderungen und unbefriedigte Erwartungen zu erfüllen.

Gerade der zuletzt genannte Aspekt nicht erfüllter Hoffnungen liegt einem zweiten Erklärungsmodell zu Grunde: Der Ansatz der „relativen Depravation“ geht davon aus, dass nicht Armut, Arbeitslosigkeit und Hunger , die ja im Frühjahr 1848 nicht mehr so bedrohlich waren wie in den Krisen- und Hungerjahren von 1845-47, sondern die „empfundene Diskrepanz zwischen eigenen Erwartungen und den realen Verhältnissen“14 in offene Rebellion umschlug, als sich eine Erfolgschance zu bieten schien. So hielt z.B. der Gerichtsschreiber beim Prozess gegen die „Tumultuanten“ von Suttrop und Körtlinghausen deren Argumentation fest:



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