E-Book, Deutsch, 350 Seiten
Neuman Hadeskinder
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-95771-213-4
Verlag: Größenwahn Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Korfu-Krimi
E-Book, Deutsch, 350 Seiten
ISBN: 978-3-95771-213-4
Verlag: Größenwahn Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ronnith Neuman, 1948 in Haifa/Israel geboren, kam sie 1958 mit ihren Eltern nach Deutschland. Nach ihrem Abitur in Frankfurt am Main absolvierte sie eine Ausbildung zur Fotografin. Sie arbeitete u.a. beim Hessischen und Norddeutschen Rundfunk. Sie hat zahlreiche Veröffentlichungen vorzuweisen und erhielt viele Preise, u.a. 1986 den >Hamburger Literaturpreis< für Kurzprosa und 1995 den >Herforder Kulturpreis<. Sie ist mit Günter Hagedorn verheiratet und lebt als freiberufliche Fotografin und Autorin auf Korfu.
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1
Korfu, September 2012
Stefania Stefanidou stülpte die Überzieher über ihre Schuhe, schlüpfte in ihre kühlen Nitrilhandschuhe und betrat hinter Stelios Angelis die Ruine von Angelokastro. Sie musste unwillkürlich den Atem anhalten, und auch jetzt, nachdem sie das Geschehen grob erfasst hatte, entwich die Luft nur sehr langsam aus ihren Lungen. In dem jahrhundertealten verwitterten Gemäuer an der Nordwestspitze der Insel wirkten sie beide wie riesige Schatten, die sich über die kleine Gestalt beugten, die rücklings langgetreckt, mit ausgebreiteten Armen und Beinen auf dem lehmigen Steinboden lag.
Durch ein hohes schmales Seitenfenster brach auf einmal morgendlich frühe Septembersonne. In dem scharfen Lichtstrahl tanzten Staubpartikel und verstärkten auf vielleicht barmherzige Weise das Unwirkliche der Szenerie. Stefania machte einen unachtsamen Schritt nach vorn und prallte gegen Stelios, der im selben Moment zurückwich. Stelios fuhr erschrocken zusammen, Stefania drückte ihre Hand sanft gegen sein Schulterblatt. Die Zeit schien still zu stehen, während sie schweigend auf das hinunter starrten, was da vor ihnen am Boden lag.
»Mein Gott, was für ein Alptraum …«, flüsterte Stelios.
Ich wollte, es wäre einer, dachte Stefania. Nur ein Alptraum. Ich wollte, ich könnte hinaus spazieren, ins Meer springen, mich auf Wellenkämmen davontragen lassen und mich danach zuhause auf meiner Veranda einer Selbstgedrehten und einem süffigen, schweren Wein hingeben, der dieses Bild in meinem Hirn auslöscht. Doch das Bild verspottete ihre Gedanken. Es hinterließ in Stefania ein Echo, das sie verstummen ließ.
Wie alt mochte der Junge sein? Zwölf, dreizehn? Höchstens vierzehn. Nicht älter. In keinem Fall älter.
»Er ist doch noch ein Kind … Warum ein Kind?«
Warum ein Kind … Stelios‘ Flüstern hallte in ihrem Innern wider. Es war eine Frage, auf die es keine Antwort gab. Niemals geben würde.
Und so schwieg Stefania.
Sie beneidete den Polizeifotografen, der mit seiner Digitalkamera langsam um den Leichnam herumging. Das kühle, glatte Gehäuse gab ihm Schutz, wenngleich einen zweifelhaften Schutz. Sachlichkeit der Technik als Schutzwall vor dem unfassbaren Grauen. Von Kriegsberichterstattern wusste Stefania, dass nicht wenige Fotografen ihren Zorn und ihre Ohnmacht angesichts der unnennbaren Grausamkeiten, die sie für die ahnungslose Außenwelt festhalten mussten, hinter dem kalten, gefühllosen Kameraauge versteckten.
Darauf bedacht, die Arbeit des Gerichtsmediziners und des Polizeifotografen nicht zu stören, schritt sie langsam um den toten Jungen herum. Es war nur eine vage Erinnerung. Erinnerungsfetzen, die nicht weichen wollten. Dabei war es nicht nur der von oben einfallende Lichtstrahl, der den Raum zerschnitt. Nein, da war noch etwas anderes. Etwas, das das Bild zerriss, ihm zugleich transparente Einheit verlieh.
Stefania zog den Kopf ein und trat durch den niedrigen Ausgang der Ruine ins Freie. Sie kniff die Augenlider zusammen und spähte hinüber zur anderen Seite. Vielleicht stand er dort drüben. Hinter den Büschen. Jenseits der Mauerreste. Das Ungeheuer, dem sie das Schreckensszenario, diesen Alptraum da drinnen verdankten. Vielleicht stand er hinter der polizeilichen Absperrung, zwischen den Gaffern, die in den frühen Morgenstunden nach ihrem Aufstieg zur Ruine von Angelokastro anstelle der erwarteten Aussicht etwas völlig anderes geboten bekamen.
Vielleicht steht dieses Ungeheuer dort drüben.
Schaut zu uns herüber. Beobachtet uns …
*
Ich habe mich zu den Gaffern gesellt. Ein wenig abseits, zwischen die Büsche, hinter ein paar großgewachsene Jugendliche in Sportkleidung, die eifrig über das spekulieren, was sie in der Ruine vermuten. Zu dieser frühen Stunde gibt es nicht viele Gaffer, dennoch genug, um sich vor den Augen der Polizisten zu verstecken. Ich genieße diese Perspektive. Das Verborgene. Verbotene. Es bietet sich mir nicht jeden Tag. Oh ja, ich habe ein Recht darauf, es zu genießen. Nur für wenige Augenblicke, bevor ich …
Doch das kann warten. Hat noch ein wenig Zeit. Alles hat Zeit. Jetzt. Ich lasse mir diese Zeit. Ich kann es mir leisten. Ich darf das.
Zeit …
Dieser unsinnige Begriff! Diese Leerformel! Manche Wissenschaftler behaupten, es gäbe sie gar nicht. Sie existiere einfach nicht - die Zeit. Betrachten wir zum Beispiel die Tiere. Sie kennen keine Zeit. Hunde besitzen keinerlei Vorstellung von Zeit. Sie spüren nicht, ob eine Minute vergeht oder eine Stunde. Sie leben im Glückszustand des Augenblicks.
Verstehen Sie, was ich meine?
Ich jedenfalls habe Zeit.
Wie immer danach habe ich unendlich viel Zeit.
Erstaunlich, wie einfach es wieder war. Wie üblich hatte ich den Jungen zuvor beobachtet. Ich hatte seine Gewohnheiten studiert, seine Vorlieben, alles, was das sichtbare Leben eines Menschen ausmacht. Währenddessen hatte ich dreimal meine Verkleidungen gewechselt.
Oh ja, ich bin ein Meister der Verkleidung!
Bei der Auswahl der Verkleidungen lege ich Wert darauf, dass ein Detail ins Auge springt. Eine hässliche Narbe, ein besonders geformter Bart, eine Mütze oder ein Hut, eine auffallende Brille. Etwaige Zeugen werden sich später immer nur an dieses eine Detail erinnern. Alles andere wird in ihrer Erinnerung verblassen. Sie werden lediglich diese eine, ins Auge springende Beobachtung beschreiben können. Die Feinheiten einer Person werden dabei untergehen.
Aber zurück zu dem Jungen.
Er hatte genau die richtige Größe. Das ist mir besonders wichtig. Die richtige Körpergröße. Auch sonst stimmte alles. Ich hatte ihn sorgfältig ausgewählt. Ihn, ebenso wie die anderen, erwählt.
Das bin ich ihnen und mir schuldig.
Ich vergewisserte mich, dass keiner uns beobachtete. Trotz sorgsamster Verkleidung, Fensterglasbrille und auffallendem Bart, ist es immer noch am besten, wenn es gar keine Zeugen gibt. Ich folgte dem Jungen, bis ich ihn schließlich auf einem verlassenen Teil der Hafenmole von Paleokastritsa ansprach. Das Übliche, banale Freundlichkeiten über das Wetter, die vergangene Hitzeperiode, den milden Septemberabend, wie man das gemeinhin macht, ein alltäglicher Smalltalk. Wir schlenderten eine Weile wie zwei gute alte Bekannte nebeneinander her, plauderten und scherzten.
Es war offensichtlich: Der Junge genoss es. Er besaß keine Freunde. Auch hatte ich ihn nie in Begleitung eines Mädchens gesehen. Er war immer allein. Vielleicht mied er andere Menschen, genau wie ich. Vielleicht mieden sie ihn. Keiner erwartete ihn. Oder hielt nach ihm Ausschau. Weder Freunde noch Geschwister oder Eltern. Der Junge schien einsam. Nicht zufällig oder gewollt allein. Nein, er war einsam. Wirklich einsam! Es war, als hätte er auf mich gewartet. Als wären wir beide füreinander bestimmt.
Zwei einsame Wölfe.
Zwei verwandte Seelen.
Der Junge folgte mir bis zum Wagen. Ohne Aufforderung, ohne Absprache, keine Fragen. Als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, einem Fremden zu dessen Wagen zu folgen. Während ich ihm half, sich auf dem Beifahrersitz anzuschnallen, fragte er mich nach meinem Namen. Ich ignorierte die Frage. Tat, als hätte ich sie nicht gehört und startete den Motor. In der einsetzenden Abenddämmerung fuhren wir Richtung Angelokastro.
Den Namen des Jungen kannte ich nicht. Wollte ihn nicht kennen.
Die Vertrautheit eines Namens zerstört alles.
Solange sie namenlos sind, sind sie anonym. Gesichtslos. Auch dann noch, wenn man das Gesicht kennt, die Sprache der Gebärden. Solange ein Mensch keinen Namen besitzt, der ihm den Stempel einer bestimmten, unverwechselbaren Persönlichkeit aufdrückt, ist er konturlos. Ein verschwommenes Etwas, ein Ding, weit entfernt von einem spezifischen Ich.
Nähe zerstört alles!
Oh nein, ich erwarte nicht, dass Sie meinen Gedanken folgen können. Eigentlich erwarte ich gar nichts von Ihnen. Ganz sicher nicht irgendeine Art von Verständnis. Aber Sie scheinen mir recht neugierig. Sonst würden Sie sich doch spätestens an dieser Stelle von mir abwenden. Mir vielleicht sogar irgendeine obszöne Geste zeigen, oder? Aber Neugier zeugt bekanntlich von Intelligenz. Und nichts anderes erwarte ich von Ihnen.
Der Parkplatz war gähnend leer. Weit und breit keine Menschenseele. So war es ein Leichtes, den Wagen ein wenig abseits abzustellen. Das Meer leckte in sanften Wellen den kiesigen Uferstreifen unterhalb der betonierten Fläche, und die Augen des Jungen funkelten mit dem Plankton um die Wette, als ich ihm meinen Plan unterbreitete. Also öffnete ich den Kofferraum und schnappte mir meinen Rucksack, den ich seit dem Morgen für diesen Zweck bereithielt. Wie erwartet, fragte der Junge nach einer Taschenlampe. Ich tat erschrocken, schüttelte bedauernd den Kopf. Der Junge kniff die Augen zusammen, schaute sich unentschlossen um. Ich gab ihm einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter, der Junge lächelte verlegen. Ich schnallte mir schwungvoll den Rucksack auf den Rücken und drückte auf die Zentralverriegelung des Wagens.
Der steinige Pfad hinauf zur Ruine schlummerte in nächtlicher Unschuld. Stille umgab uns, nur das Zirpen und Zischeln der Grillen und Insekten, die entfernten Rufe der Nachtvögel. Unheilvolle Stimmen der Finsternis. Die Einsamkeit war körperlich spürbar. Wie sich langsam erhebende Dämonen wuchsen aus dem Hügel über uns die Umrisse von Angelokastro, geisterhaft beleuchtet von der aufgehenden Mondsichel. In einem Seitenfach meines Rucksacks lag meine kleine Halogenlampe. Für den Notfall. Ich hoffte, es würde keinen Notfall geben. Wenn alles glatt verlief, würde ich keine Lampe...




