E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Neumann Wie Sie mit Picasso & Co. ein Vermögen aufbauen
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96092-658-0
Verlag: FinanzBuch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
... und warum am Ende mit Kunst (nicht) jeder reich werden kann
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-96092-658-0
Verlag: FinanzBuch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dr. Franziska Ida Neumann hat Rechtswissenschaften, BWL, Kunstgeschichte und Germanistik in Deutschland und an der Pariser Sorbonne sowie am Louvre studiert. Ihren Doktortitel erwarb sie am Caspar-David-Friedrich-Institut in Greifswald. Seit 2018 ist sie geschäftsführende Gesellschafterin von I date art. Art Consulting & Lecturing und berät bei Fragen in Bezug auf den Kunstmarkt und Kunst-Investments.
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ST. MORITZ
ERST DIE KUNST, DANN DIE RENDITE
Originale Kunst ist ein Prestigeobjekt. Der reine Kunstgenuss ist für viele Menschen aufgrund zahlreicher Museen und öffentlicher Sammlungen erschwinglich. Der Kunstbesitz allerdings bleibt einem kleinen Kreis vorbehalten. Das Eigentum an preisintensiver Kunst verkleinert ebendiesen Kreis. Der Kunsthistoriker und Kunstkenner Max J. Friedländer (1867–1958)17 – nicht nur für seine Verdienste um die Kunst, sondern vor allen Dingen auch für eines seiner treffendsten Zitate bekannt – formulierte wie folgt:
»Kunstbesitz ist so ziemlich die einzige anständige und von gutem Geschmack erlaubte Art, Reichtum zu präsentieren.«18
Dass diese Aussage auch in der heutigen Zeit nicht an Bedeutung verloren hat, wird deutlich, wenn der bekannte Verleger, Kunsthändler und Buchautor Florian Illies19, der mit seiner Arbeit Teile des kulturellen Lebens in der Bundesrepublik beeinflusst, in einem Deutschlandfunk-Interview aus dem Jahre 2018 sagt:
»Wenn viel Geld für ein Kunstwerk ausgegeben wird, habe ich eigentlich immer gute Gefühle dabei. Ich finde, man kann viel Geld für sehr viel unvernünftigere Dinge ausgeben.«20
Kunst und Geld bedingen einander. Aber bleibt der Besitz somit einem elitären Zirkel aus erfolgreichen Unternehmern und Erben vorbehalten? Nein. Kunst ist (eigentlich) für alle da. Aber die Hürde für den Kauf eines ersten eigenen, originalen Kunstwerks ist für viele Menschen hoch und wird zeitlebens unüberwindbar bleiben. Geld für Kunst auszugeben gehört für die meisten Menschen nicht zur eigenen Lebenswirklichkeit und bleibt für andere sogar ein Leben lang unvorstellbar. Doch woran liegt das?
Geld für Kunst auszugeben, gehört für die meisten Menschen nicht zur eigenen Lebenswirklichkeit und bleibt für andere sogar ein Leben lang unvorstellbar.
Der Kunstbesitz ist so alt wie die Menschheit selbst. Pharaonen, Römer, das internationale Großbürgertum, deutsche Kaiser und Könige: Sie kauften und sammelten Kunstwerke, gaben diese in Auftrag und begründeten damit das auch heute noch übliche Mäzenatentum, also die Förderung von Kunst und Künstlern. Damit ist Kunst geschichtsbedingt direkt mit den Begriffen Geld und Macht verknüpft. Auch wenn Künstler das für gewöhnlich anders sehen und ihre Kunst idealisieren, indem sie die Gesellschaft in ihren Werken spiegeln und Kunst um der Kunst willen erschaffen.
Es gibt zwei Arten von Menschen auf der Welt: Diejenigen, die Geld für Kunst ausgeben, und diejenigen, die es nicht tun. Es ist die Denkweise, die die einen von den anderen unterscheidet. Während die klassischen Genres der Gemälde, Skulpturen und Grafiken für die einen Wert- und Anlageobjekte, begehrte Sammlerstücke und schützenswertes Kulturgut sind, verstehen die anderen nicht, warum für eine Leinwand mit undefinierbarem Farbauftrag mehrere Millionen Euro gefordert werden. Die Frage lautet: Was gibt mir Kunst zurück? In einem Haus kann man wohnen, mit einem Auto kann man fahren, Lebensmittel kann man essen. Das ist für viele Menschen greifbar. Beim Thema Kunst wird es abstrakter. Welchen Mehrwert hat die Kunst? Und welchen Mehrwert hat ein einziges Gemälde, das den Gegenwert mehrerer Häuser und Autos darstellt?
Es gibt eine Klientel, die diese Frage schnell und sicher beantworten kann: Kunstsammler und Investoren. Erstere stellen den Wert der Kunst für gewöhnlich auf das Erleben von Kunst ab und zweitere sehen den Mehrwert ganz einfach im Bereich »mehr Wert«. Kunst ist ein Anlageobjekt. Oldtimer, Aktien, Juwelen, Uhren versprechen seit Jahrzehnten gute Renditen und sind allgemein als Wertanlage akzeptiert. Die wenigsten wissen jedoch, dass sich auch mit Kunst Geld verdienen lässt. In Zeiten von Niedrig- oder Negativzinsen sind viele Family Offices und Anlageberater nunmehr bereit, diese alternativen Anlageformen in Betracht zu ziehen. Die Kunstwelt ist eine große Party. Doch bei Weitem nicht jeder steht auf der Gästeliste. Anlageberater, Banker und Glücksritter wollen ein Stück vom Kuchen und verstehen doch nicht, wie der Markt funktioniert. Der Wert von Kunst und die damit einhergehende Wertsteigerung lässt sich nicht durch bloße Tabellenkalkulation in ein Portfolio pressen. Banker schauen zuerst auf eine mögliche Rendite, Kunstmarktinsider immer erst auf die Kunst und dann auf die Rendite. Aktuelle Informationen über den Werdegang von Künstlern, Marktentwicklungen, der Zusammenhang von Preisentwicklungen durch den Galerienwechsel eines Künstlers, Retrospektivausstellungen in renommierten Museen und aktuelle Verkaufsabschlüsse auf internationalen Kunstmessen, die am nächsten Tag schon wieder ein alter Hut sind, passen in keine Tabellenkalkulation. Ebenso wenig das Wissen um künstliche Verknappung oder Wartelisten auf dem Kunstmarkt. Sie möchten ein atelierfrisches Gemälde des Leipziger Künstlers Neo Rauch erwerben? Gern. Sie haben den Kaufwunsch geäußert, alles Weitere liegt leider nicht in Ihrer Hand. Der Galerist entscheidet, wann Sie das Bild bekommen. Vielleicht in drei bis fünf Jahren. Aber auch nur dann, wenn Sie zwei weitere Werke von (noch) unbekannten Künstlern der Galerie dazukaufen. Die Kunstwelt ist kein Selbstbedienungsladen. Jedenfalls nicht ab dem sechsstelligen High-End-Segment.
Die Kunstwelt ist kein Selbstbedienungsladen. Jedenfalls nicht ab dem sechsstelligen High-End-Segment.
Ein Blick auf die Department-Listen der großen Auktionshäuser zeigt, dass vor dem Investieren in Kunst die Qual der Wahl steht: Wer Kunst kaufen möchte, muss sich zwischen präkolumbianischer Kunst, Miniaturporträts, Fotografien, chinesischen Gemälden, europäischen Altmeister-Zeichnungen, russischer, schweizerischer oder koreanischer Kunst und Werken aus Afrika, Arabien, Australien entscheiden. Was also sammeln? Was kaufen? Worin investieren? Zeitgenössische Gemälde und Skulpturen versprechen aktuell die größten Gewinnmargen. Der Markt für den Umschlag von Nachkriegs- und Gegenwartskunst ist in den vergangenen zwei bis drei Jahrzehnten stark gewachsen und hat die einstigen Spitzenreiter der Alten Meister und modernen Kunst hinter sich gelassen.
Quellen: Arts Economics (2018); Credit Suisse; Freepik.com; Statista / F.A.Z21
Warum ist das so? Zeitgenössische Kunst ist hip, teuer und spiegelt damit das Lebensgefühl vieler (junger) Menschen wider, die durch den anhaltenden Internet- und Digitalisierungsboom reich geworden sind. In Firmenzentralen und Vorstandsbüros erfolgreicher Start-ups hängen im Gegensatz zu den holzgetäfelten Versammlungsräumen traditionsreicher Banken keine Altmeister-Gemälde, sondern Neoninstallationen und farbintensive, großformatige Leinwände, die den Glas-Stahl-Beton-Chic der Fabrikgebäude und Lofts unterstreichen, in denen die Millenialfirmen ansässig sind. Die digitale Avantgarde verhalf der künstlerischen Avantgarde zum Aufstieg. Traditionsunternehmen mit dem Wunsch nach einer Imageverjüngung ziehen nach, unterstützen Kunstprojekte oder begründen eine unternehmenseigene Kunstsammlung (Corporate Art Collection). Die Daimler AG, die Deutsche Bank AG und sogar der Deutsche Bundestag haben eigene Kunstsammlungen und setzen schwerpunktmäßig auf zeitgenössische Kunst.
Bei der Suche nach Antworten auf die Frage, warum (zeitgenössische) Kunst mit derart exorbitanten Preisen und Gewinnmargen aufwartet, kann ein Blick auf die Gesellschaft nicht ausbleiben. In Zeiten höchster Individualität und persönlicher Abgrenzung sind der Genuss sowie der Besitz von Kunst zu einem Extra geworden, von dessen Extravaganz sich ein Großteil der Vermögenden neben einer interessanten Wertanlage ein Alleinstellungsmerkmal oder doch wenigstens das gute Gefühl versprechen, sich mittels geistiger Kulturerhöhung vom Gros der Masse abzusetzen.
Luxusmarken wie Louis Vuitton arbeiten mit der Kunstindustrie zusammen und machen Kunst auch außerhalb von Galerien und Auktionshäusern zu begehrten Produkten im Luxussegment, indem sie Bildmotive von Vincent van Gogh, Claude Monet oder Leonardo da Vinci auf Handtaschen drucken und damit den unmittelbaren Bezug zwischen Kunst und Prestige herstellen. Auch Grandhotels haben den Zeitgeist erkannt und statten ihre Häuser mit hochwertigen Kunstwerken der Premiumklasse aus. Wer im »Ritz-Carlton Millenia« in Singapur logiert, wird auf dem Weg zum Pool zwei großformatige Frank-Stella-Installationen passieren und morgens an der Rezeption des Fitnessstudios von einer Zeichnung des britischen Topkünstlers David Hockney begrüßt. Ganz selbstverständlich, ohne unangenehmes Museumsgedränge und Aufsichtspersonal. Auch die Empfangshalle des Ritz-Carlton wird von einer überdimensional großen, schwebenden Skulptur Stellas dominiert. Wert? Mehrere Millionen Euro. Was als kultureller Gewinn für die Hotelgäste angeboten...




