E-Book, Deutsch, 291 Seiten
Neumeier Die Toten von Oberbayern - oder: Tatzelwurm
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-858-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 291 Seiten
ISBN: 978-3-98952-858-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Thomas Neumeier, geboren 1979 in Neumarkt, ist gelernter Bürokaufmann, Verwaltungswirt und Hobbywinzer. Die Schriftstellerei begleitet ihn seit seiner Kindheit. Ein Abendstudium hat ihn 2007 auf den Literaturbetrieb losgelassen. Die bevorzugten Genres des Autors sind gefühlsbetonte Spannungsromane und Krimis. Thomas Neumeier ist verheiratet und Familienvater. Bei dotbooks veröffentlichte der Autor seine Regiokrimis »Die Toten von Oberbayern« und »Mord im Altmühltal«.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Mittwoch
Eduard Lachermeier hasste seinen Wecker. An jedem Morgen fragte er sich, nachdem er ihn zum Schweigen gebracht hatte, einige Sekunden lang, warum er ein derart nervtötendes Gerät auf seinem Nachttisch stehen hatte. Nur zögerlich reifte dann stets die Erkenntnis in ihm, dass es einen Grund gab, weshalb er dem Ding tagtäglich erlaubte, ihn so unsanft aus dem Reich der Träume zu holen.
Seine Hand glitt zu Trudis Bettseite hinüber. Der weiche Bettüberzug und das sommerdünne Laken waren noch warm, doch Trudis Hintern war unauffindbar. Lachermeier schlug die Augen auf. Sonnengeschwängertes Morgenlicht fiel durch die Ritzen des nicht vollständig heruntergelassenen Rollos.
Irn nächsten Augenblick wurde die Schlafzimmertür aufgestoßen.
»Alles Gute zum Geburtstag, Papi!«, stieß Michaela aus und blies zum Sturmangriff auf das elterliche Ehebett.
Lachermeier grunzte und nahm seine Jüngste in Empfang, die ihm beide Wangen und dann seine übergroße Nase abschmatzte.
»Oh, wie ich dich lieb hab, Spätzchen«, brummte er in ihr Ohr und drückte sie an sich.
»Ich habe dich auch lieb, Papi«, erwiderte Michaela.
Mittlerweile waren auch Trudi und Martha im Zimmer, wie sich Lachermeier vergegenwärtigte. Martha beugte sich zu ihrem Vater hinab und küsste ihm die Stirn – die einzige noch freie Stelle, die nicht von den Haaren ihrer kleinen Schwester bedeckt war.
»Happy Birthday, Papa.«
»Danke, Schätzchen«, entgegnete Lachermeier und befreite seinen linken Arm aus Michaelas Umklammerung, um auch seine nicht immer pflegeleichte Teenagertochter zu sich zu holen.
Nun kam Trudi zu Wort: »Na, wie fühlst du dich, alter Mann?«
Michaela fuhr zu ihrer Mami herum, wobei sie Lachermeiers Nase mit ihrem Hinterkopf attackierte. »Papi ist doch nicht alt, Mami«, wies sie sie vorwurfsvoll zurecht.
»Da hast du absolut recht, Süße«, bestätigte Lachermeier.
»Mami hat einfach keine Ahnung von solchen Dingen.«
Ihr kleiner Nachzügler schmiegte sich daraufhin glücklich an seine Brust.
»Na, der Papi wird’s schon wissen«, meinte Trudi und holte die angebrachte Herzlichkeit nach, indem sie ihm die Glückwünsche zärtlich ins Ohr wisperte.
Lachermeier drückte seine drei Mädchen an sich und vergaß dabei sogar seinen inbrünstigen Hass auf den Wecker.
Nach der morgendlichen Rasur sah sich Lachermeier nach Jahren erstmals wieder veranlasst, sein Gesicht im Badezimmerspiegel nach Alterserscheinungen zu überprüfen. Vage Andeutungen von Krähenfußen, beidseitig ausgeprägte Lachfalten und geringfügige Ansätze von Grau in seinen dunklen Haaren, mehr war da noch nicht. Nun ja, fünfzig ist ja auch noch kein Alter, redete er sich beruhigend ins Gewissen.
Er legte seinen Nassrasierer beiseite, ließ seinen Bizeps spielen und kam zu dem Schluss, dass er sich vor keinem Fünfunddreißigjährigen zu verstecken brauchte. Aus Gründen, die er nicht näher hinterfragte, dachte er in dem Moment an die junge Staatsanwältin Großrausch, die ihm vergangenen Sonntag am Badestrand des Hödenauer Sees über den Weg gelaufen war.
An seinem Stammplatz am Esstisch in der Küche warteten eine Tasse duftender Kaffee und ein opulentes Stück Tiramisu auf ihn. Lachermeier war über den Anblick hocherfreut. Üblicherweise gab es neben Kaffee nur eine Schüssel Vollkornmüsli – Trudis täglicher Beitrag, ihn fit zu halten.
»Tiramisu am Morgen«, bemerkte er skeptisch. »Verstößt das nicht ziemlich grob gegen meinen Ernährungsplan?«
»Heute wollen wir mal darüber hinwegsehen«, meinte Trudi und gestikulierte ihn vornehm zu Tisch.
»Weil du heute Geburtstag hast, Papi«, klärte ihn Michaela auf, die wie jeden Morgen mit Begeisterung ihre gesüßten Cornflakes löffelte. Im Gegensatz zu ihm würde sie mit dem Frühaufstehen keinerlei Probleme haben, wenn sie zum Herbstbeginn in die Schule kam.
Martha war bereits auf dem Weg nach draußen. Jeden Moment müsste ihre Freundin Johanna aufkreuzen, mit der sie üblicherweise zur Arbeit fuhr. Die beiden hatten gemeinsam die Realschulbänke gedrückt und nun auch denselben Arbeitgeber.
Lachermeier hatte sich gerade einen köstlichen Bissen Tiramisu einverleibt, als das Telefon klingelte.
»Menschenskind, um diese Uhrzeit schon«, entfuhr es Trudi missbilligend. »Es hätte auch sein können, dass du heute freihast und wir den Vormittag im Bett verbringen.«
Sie machte sich zum Hausanschluss auf, Michaela kicherte wegen der Bettbemerkung, und Lachermeier schob sich ein weiteres Stück Tiramisu in den Mund, wohl wissend, dass er wahrscheinlich gleich ans Telefon beordert werden würde, um verwandtschaftliche Geburtstagsgrüße entgegenzunehmen.
Tatsächlich kam Trudi mit dem Mobilteil des Haustelefons in die Küche zurück und reichte es ihm weiter.
»Es ist Wankel«, raunte sie.
Diese Meldung erstaunte Lachermeier. Warum rief ihn Wankel zu Hause an? Konnte er es nicht erwarten, ihm in zwanzig Minuten im Büro zu gratulieren? Lachermeier schluckte hinunter und nahm das Telefon an seine Ohrmuschel.
»Hier Lachermeier, was gibt’s?«
»Morgen, Edi«, sagte Wankel knapp. »Wie schaut’s aus, bist du diensttauglich?«
»Ich fahre bald los. Was soll die Frage?«
»Die Fahrt kannst du dir sparen. Ich hole dich ab. Wir haben eine Leiche, droben am Tatzelwurm.«
»Im Hotel?«
»Nein, irgendwo beim Fall, hat es geheißen.«
»Wieder ein besoffener Amateurkraxler?«
»Ich weiß noch gar nix. Ein junger Kerl soll es sein. Mach dich fertig, ich hole dich ab.«
»Ja, ist recht«, entgegnete Lachermeier und beendete das Telefonat.
»Stress?«, fragte Trudi am Toaster.
»Könnte sein.«
Lachermeier ging aus Rücksicht auf seine kleine Tochter nicht näher auf den Sachverhalt ein. Langweilig wurde es in der Polizeiinspektion Kiefersfelden nie, aber Stress ließ sich gewöhnlich fernhalten. Der Höhepunkt seiner bisherigen Karriere als Dienststellenleiter war eine Fahndung nach einem entflohenen Gewaltverbrecher in Zusammenarbeit mit den Kufstein er Kollegen gewesen. Vorher hatte er dem »Kommissariat Grenze« der Kripo Rosenheim angehört, das in der Kiefersfeldener Inspektion untergebracht war und sich hier am oberbayerischen Tor zum Süden überwiegend mit Autoschiebern, Schleusern und Urkundendelikten befasste.
»Der Erich steht jeden Moment vor der Tür. Bis dahin kriege ich den heißen Kaffee wahrscheinlich nicht runter.«
»Dann lass ihn draußen warten, bis du ausgetrunken hast«, schlug Trudi vor.
»Nein, besser nicht. Scheint wichtig zu sein.«
»Du bist der Inspektionsleiter. Sollte er seine Probleme nicht langsam allein auf die Reihe kriegen?«
»Das tut er schon, aber bei solchen Angelegenheiten will ich dabei sein.«
Er begegnete Trudis Blick, die daraus schließen musste, dass der Sachverhalt wohl etwas ernster war als sonst.
»Musst du einen Räuber fangen, Papi?«, fragte Michaela.
»Könnte schon sein, Spätzchen. Das wird mir der Erich nachher gleich sagen. Du kennst den Erich doch noch, oder?«
»Ja«, kiekste sie amüsiert. »Er ist der Brummelmann.«
»Was? Warum denn der Brummelmann?«
»Marni hat gesagt, er ist der Brummelmann.«
»Soso, und was bringt dir die Marni sonst noch bei, wenn ich nicht da bin?«
Lachermeier schob sich den Rest Tiramisu in den Mund und erhob sich, um sich arbeitsfertig anzuziehen. Er griff auf Zivilkleidung zurück, in der sich etwaige Vor-Ort-Befragungen unkomplizierter gestalteten.
Tatsächlich ließ Wankel nicht lange auf sich warten. Er hupte zweimal und wiederholte den Vorgang keine zehn Sekunden später. Die Zeit, sich von Trudi und seiner Tochter angemessen zu verabschieden, nahm Lachermeier sich trotzdem.
Oberkommissar Erich Wankel war mit seinem Privatwagen und ebenfalls in Zivil gekommen. »Ist das ein Scheißtag«, erklärte er, als Lachermeier auf dem Beifahrersitz Platz nahm.
Wankel war ein notorischer Fatalist, daher hinterfragte Lachermeier seinen Ausspruch nicht weiter. Bei Wankel war jeder Tag ein Scheißtag.
»Wer hat den Toten gemeldet?«, fragte er stattdessen. »Ist von einem Verbrechen auszugehen?«
»Wohl schon«, brummelte der Brummelmann. »Laut Kollege Glaubrecht hat jemand vom Hotel was von einem Gewaltopfer palavert. Der wusste aber selbst nichts Genaues. Und irgendwer wird vermisst.«
»Vermisst wird auch noch wer?«
»Hat der jedenfalls behauptet.«
»Ist der Erkennungsdienst informiert?«
»Hat Glaubrecht erledigt.«
Wankel war so wortfaul wie immer am frühen Morgen. Lachermeier wusste, dass er ähnliche Probleme mit seinem Wecker hatte wie er selbst.
In Oberaudorf nahm Wankel die Abkürzung über die Bad-Trißl-Straße auf die Tatzelwurmstraße und folgte ihrem Verlauf westwärts aus dem Ort hinaus. Entlang sattgrüner Waldstücke und Weiden, vereinzelter Weiler und Berggasthöfe brachten sie zahlreiche Höhenmeter hinter sich. Die Sonne versteckte sich hinter Wolken, doch es versprach, ein warmer Hochsommertag zu werden.
Die Fahrt von Oberaudorf zum hoch gelegenen Weiler Tatzelwurm, der im Grunde nur aus dem Wellnesshotel und seinen Nebengebäuden bestand, dauerte etwa zehn Minuten.
Vor der Pforte des Hauptgebäudes parkte ein Streifenwagen. Eine Handvoll Leute hatte sich um die zwei Beamten geschart.
Wankel stoppte sein Fahrzeug wenige Meter neben ihnen. »Arbeitet deine Tochter nicht auch hier?«, fragte er.
»Tut sie«, antwortete Lachermeier und stieg aus.
Einer der beiden Uniformierten trat ihm entgegen. »Morgen, Hauptkommissar.« Der andere debattierte mit einem der...




