E-Book, Deutsch, Band 2, 400 Seiten
Reihe: Gods of Ashes
Neumeier Infinitas - Pakt aus Staub und Feuer
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-492-98850-6
Verlag: Piper Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Roman | Ein Fantasy-Liebesroman um römische Gottheiten
E-Book, Deutsch, Band 2, 400 Seiten
Reihe: Gods of Ashes
ISBN: 978-3-492-98850-6
Verlag: Piper Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Im zweiten Teil der Dilogie setzt Santo alles daran Aliqua aus Marcellus Fängen zu befreien. Aliqua erfährt die Wahrheit über ihre Herkunft. Ihr Vater ist der Totengott Pluto, der im Körper eines Menschen auf ihre Mutter, eine vestalische Priesterin, traf und anstatt wie die restlichen Götter die Erde zu verlassen, von Marcellus Besitz ergriff und so unbemerkt die Zeit während der Gefangenschaft im Vesuv überdauerte. Wieder befreit, unterstützt er Aliqua und Santo auf ihrer Suche nach einem Gegenmittel für den Fluch. Der antike Handlungsstrang erzählt, wie genau es zum Bruch mit den Göttern kam und warum Aliqua in die Gefangenschaft unter Herculaneum gelangt.
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Kapitel Eins
Santo
Von allen Göttern verfluchte, beschissene Hölle.
Meine Kehle liegt in Fetzen, während ich dem Helikopter nachstarre, der immer höher hinaufsteigt und bald zu einem winzigen Punkt zwischen den wabernden Rauch- und Aschewolken zusammenschrumpft. Ich schreie weiter ihren Namen. Immer und immer wieder, weil ich einfach nicht begreifen kann, was gerade passiert ist. Ascheflocken tanzen durch die Luft wie grauer Schnee und legen sich auf mein Gesicht. Mit jedem Atemzug inhaliere ich die ätzende Mischung aus Gasen und Schwefel, die der erwachte Vesuv ausspuckt.
Wo kam dieser Helikopter so plötzlich her? Warum habe ich wider besseres Wissen alle Ratschläge in den Wind geschlagen und zugestimmt, mich den Immortali mit Aliqua allein entgegenzustellen? Ich hätte sie mir über die Schulter werfen und weglaufen sollen, solange es noch ging.
Und jetzt ist sie fort, während um uns herum der Vulkan brodelt wie ein überkochender Teekessel. Hier fliegt uns jeden Moment alles um die Ohren, aber ich kann mich nicht bewegen. Nicht, solange ich den kleinen dunklen Punkt am Himmel noch sehen kann, der kaum mehr als Helikopter zu erkennen ist. Aliqua ist dort drinnen, zusammen mit Marcellus, und er hat unmissverständlich klargemacht, was er von ihr will. Er beansprucht sie als sein Eigentum und wird ihre besondere Gabe dazu nutzen, um die Welt ins Chaos zu stürzen. Meine Augen tränen in den Vulkandämpfen, während ich den Weg des Hubschraubers in der Ferne zu verfolgen versuche. Wohin bringen sie sie?
Ich weiß, dass es irgendwann zwecklos ist, ein Flugobjekt mit den bloßen Augen verfolgen zu wollen. Aber wenn ich es nicht versuche, dann gebe ich auf. Dann muss ich aufgeben und mir eingestehen, dass die Immortali gerade den Sieg davongetragen haben. In doppelter Sicht.
Gerade ist es ihnen gelungen, Marcellus zu befreien, nachdem er, wie Aliqua, seit dem Jahr Neunundsiebzig unter den erkalteten Vulkanmassen geruht hat. Er, der damals in der Antike die Idee hatte, die Götter um Hilfe zu bitten, als eine Seuche alles und jeden in Rom dahingerafft hat. Überraschenderweise gingen die Götter, die gemeinhin nicht für ihre gütige Natur bekannt waren, auf die Hilfegesuche unserer beiden Familien ein und boten uns etwas noch viel Besseres an als ein bloßes Heilmittel für die grassierende Krankheit: einen Trank, der Unsterblichkeit verleiht. Das erschien uns allen fast zu gut, um wahr zu sein (Spoiler: das war es auch), aber wir griffen natürlich trotzdem zu. Doch seitdem wir die Götter nachhaltig verärgert haben, sind sie von der Erde verschwunden und haben uns mit einem Leben in Unsterblichkeit allein gelassen.
An Marcellus hat seitdem kaum jemand einen Gedanken verschwendet, denn er galt seit dem Weggang der Götter als verschollen, und ehrlich gesagt bin ich davon ausgegangen, dass sie ihn vernichtet hätten. Aber damit komme ich zurück zur wahren Natur der Götter: Sie wären niemals so gnädig gewesen, ein Aas wie Marcellus mit dem Tod zu belohnen.
Stattdessen hat er die Jahrhunderte quicklebendig unter der Erde überdauert, bereit, mir einen weiteren, vernichtenden Stoß zu versetzen, sobald er aus dem Dreck gekrochen war.
Gelblich graue Nebelschwaden bedecken inzwischen den Himmel, zu dem ich noch immer hinaufstarre, aber ich habe den dunklen Punkt am Horizont endgültig aus den Augen verloren. Marcellus könnte Aliqua überall hinbringen. Die Möglichkeiten sind schier endlos.
Am Rande nehme ich wahr, dass rund um mich herum das Chaos ausgebrochen ist. Immortali und Damnati haben aufgehört, einander an die Kehle zu gehen, seit der Helikopter abgehoben ist und der Vulkan immer deutlicher signalisiert, dass er jeden Moment ausbrechen wird. Gestalten rasen an mir vorbei, verschwimmen zu Schatten in meinem Augenwinkel, während sie panisch versuchen, ihre Haut zu retten. Was witzlos ist, denn wir sind alle unsterblich und würden sogar ein Bad in frischer Lava überstehen. Wir Damnati genauso wie die abtrünnigen Immortali.
Eine Hand, die mit voller Wucht auf meine Schulter kracht, reißt mich aus meinen Gedanken. Mein Cousin Adone ist hinter mich getreten. Seine Statur würde Herkules Konkurrenz machen, und eine schwächere Person als ich wäre unter dem Schlag seiner Pranke in die Knie gebrochen. Nur jahrhundertelanges Training verhindert, dass er mich in den Boden rammt wie einen stumpfen Pflock.
»Beweg dich hier schleunigst weg, oder du erlebst am eigenen Leib, wie es sich anfühlt, pochiert zu werden«, grunzt er. Sein Gesicht ist gerötet, und Schweiß läuft ihm über die Stirn.
Ich reagiere nicht. Der Gedanke, einfach hier zu bleiben und mich dem Vesuv auszuliefern, fühlt sich genau nach der richtigen Art von Buße an. Fast kommt es mir vor wie ein Zeichen des Schicksals. Aliqua wurde im Jahr Neunundsiebzig während des großen Ausbruchs unter den Vulkanmassen begraben. Sie hat sich in Herculaneum aufgehalten, einer der Städte, die damals zerstört wurden, und das war zum größten Teil meine Schuld. Und auch knapp zweitausend Jahre später bin ich nun wieder daran beteiligt, dass ihr Gewalt angetan wurde. Ich konnte sie nicht beschützen – nicht vor den Immortali und nicht vor sich selbst. Aber am allerwenigsten vor mir.
»Santo!« Adones Gebrüll dröhnt in meinen Ohren. »Beweg jetzt endlich deinen Arsch zu den Autos, oder ich werfe dich über meine Schulter wie ein Kleinkind. Such es dir aus.«
Ich blinzle durch die ätzenden Dämpfe, die jeden einzelnen Atemzug zur Qual machen. Ein Erdstoß lässt die Knochen in meinem Leib erzittern, und brodelnde Hitze steigt aus dem Untergrund auf. Die Hölle, die in mir tobt, bricht auch um mich herum aus. Ich heiße sie willkommen.
Jeden Moment … jeden Moment.
Adone flucht laut, dann – schneller, als ich reagieren kann – geht er in die Knie und hebt mich hoch. Er schnauft vor Anstrengung, als er mich wie angedroht über seine Schulter wirft und mit seiner Beute in Richtung der Autos stapft, die mit laufendem Motor auf uns warten. Seine massige Schulter gräbt sich in meinen Magen, und mein komplettes Blut scheint mir in den Kopf zu schießen, als ich rücklings über seinem breiten Rücken hänge.
Das ist … aber ich bin viel zu apathisch, um zu registrieren, wie entwürdigend das gerade ist.
»Lass mich hierbleiben«, verlange ich gepresst.
Er kichert nur böse. »Träum weiter, Kleiner. Meinst du ernsthaft, wir lassen dich hier seelenruhig verschmoren und ersparen es dir, mit uns die Karre aus dem Dreck zu ziehen?«
Stimmen werden um uns laut, und im nächsten Moment lande ich unsanft auf der Rückbank eines Wagens. Alles dreht sich, mein Magen zieht sich zuckend zusammen. Trotzdem rapple ich mich auf, Adone springt neben mich auf den Sitz und schlägt die Tür hinter sich zu.
»Wir sind da. Gib Gas!«
Meine Augen sind noch immer gereizt und tränen, doch ich kann Giulia hinter dem Steuer des Jeeps erkennen. Ihre dunkelrote Lockenmähne ist unverwechselbar. Auf dem Platz neben mir sitzt Scuro, mein anderer Cousin, der sich wie so oft in Schweigen hüllt, und ich habe keine Ahnung, wer sich vorne auf dem Beifahrersitz befindet.
Kalte, klimatisierte Luft wirbelt durch den Innenraum des Jeeps, und allmählich klärt sich meine Wahrnehmung. Was dazu führt, dass ich registriere, wie viele Stellen meines Körpers schmerzen. Vorhin, beim Kampf gegen Marcellus’ Entourage, habe ich einiges abbekommen und eine Reihe heftiger Schläge einstecken müssen. Besonders mein Kopf dröhnt, Blut verstopft meine Nase und füllt noch immer meinen Mund. Wahrscheinlich versaue ich die Ledersitze, bis wir in Rom sind.
Der Wagen rast zusammen mit zwei anderen den steilen Weg zum Fuß des Vulkans hinunter, so schnell wie möglich über klaffende Risse und bebenden Untergrund hinweg. Die Stoßdämpfer leisten Höchstarbeit, trotzdem fühlt sich jeder Ruck so an, als würde jemand in aller Ruhe meinen Schädel mit einer...




