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E-Book

E-Book, Deutsch, 260 Seiten

Neumeier Keltenmond

Im Schatten des Nachtwanderers
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-944893-28-0
Verlag: Pandämonium
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Im Schatten des Nachtwanderers

E-Book, Deutsch, 260 Seiten

ISBN: 978-3-944893-28-0
Verlag: Pandämonium
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Nach dem bestialischen Mord an seiner Verlobten ist der dänische Polizeibeamte Brandur Christensen davon besessen, den Täter zur Strecke zu bringen. Durch einen befreundeten Kollegen erhält er Aktenauszüge eines nahezu identischen Falls, der sich vor wenigen Jahren in Süddeutschland zugetragen hat. Brandur reist nach Ostbayern und kommt den Umtrieben einer heidnischen Gemeinschaft auf die Spur. Tatkräftige Unterstützung bei seinen Ermittlungen erhält er von der auf Esoterik und Okkultismus spezialisierten Religionswissenschaftlerin Anja Kahrmann. Das ungleiche Duo hegt bald den Verdacht, dass der Mörder kein Mensch ist, sondern eine grauenvolle Kreatur, die den ältesten Mythen und Sagen entsprungen zu sein scheint.

Thomas Neumeier lebt im Naturpark Altmühltal in Bayern. Er schreibt seit Kindestagen und hat das Schriftstellerhandwerk nach seiner Berufsausbildung in einem Abendstudium erlernt und verfeinert. Bei seinen bislang veröffentlichten Büchern handelt es sich mehrheitlich um Krimis und Romantic-Suspense-Literatur. Sein Faible für okkulte und heidnische Themen gebiert jedoch zuweilen auch Romane wie »Keltenmond - Im Schatten des Nachtwanderers« (Pandämonium Verlag) oder »Teufelstreiben am Tegernsee« (Westflügel Verlag). Thomas ist verheiratet und Familienvater. Neben dem Schreiben widmet er sich in seiner Freizeit gern dem Winzern von Fruchtweinen.
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Prolog


Ein Schwarm Sattelrobben glitt durch den Nordatlantik. In Grüppchen zu sechs, sieben oder mehr Tieren schossen sie aus dem Eismeer und landeten auf einem vereisten Ausläufer an der Ostküste Grönlands. Unter klageähnlichen Unk-Lauten schlurften sie emsig landeinwärts, um den nachfolgenden Artgenossen Platz zu machen. Ihre genässten, grauschwarzen Felle glänzten in der Mittagssonne, die, von nur wenigen Wolkenfragmenten umrandet, hoch am Himmel stand und der weiten See den Anstrich eines glitzernden Edelsteins verpasste. Eines der fidelen Tiere unterschied sich kaum merklich von den anderen. Es trug ein enganliegendes Band um den kurzen Hals.

„Da! Ich kann ihn sehen! Da ist er!“

Eiserne Trittstufen mit einem Geländer zu beiden Seiten führten von der steilen Gletscherwand eines Fjords ins Wasser hinab. Wenige Meter davon entfernt ragte ein Periskop aus dem Eismeer. Am unteren Ende des Linsensystems stand eine blonde Frau, die ihre obere Gesichtshälfte in der Ummantelung der Augenlinse vergraben hatte. Ihr schmaler Mund lächelte.

„Möchten Sie auch sehen, Professor?“, fragte sie den bebrillten und deutlich älteren Mann an ihrer Seite. Er war gertenschlank, was seine ergrauten Wuschelhaare noch überproportionierter wirken ließ.

Mit einem aufgeräumten Schmunzeln schüttelte er den Kopf. „Lassen Sie nur, meine Liebe. Ich habe unseren Freund schon einige Male in natura bestaunen können.“

Die Frau lächelte noch etwas breiter und spähte weiter hinaus auf die inzwischen von Hunderten von Tieren bevölkerte Eislandschaft. „Das ist faszinierend. Sie scheinen auch an Land miteinander zu kommunizieren.“

„Selbstverständlich tun sie das.“ Der zufriedene Ausdruck des Professors dauerte fort, als er sich einer dampfenden Tasse Kaffee annahm.

Der überschaubare Raum, in dem sich die beiden aufhielten, war fensterlos und vollgestopft mit Mobiliar und Gerätschaften. Zwei Notebooks, ein Stapel Mappen, zwei Tassen und eine Kanne beanspruchten einen Schreibtisch in der Ecke. Ein blinkendes Radarsystem dominierte nebst Funkanlage und einem mit durchsichtigen Behältnissen bestücktem Regal eine der Längswände. Gegenüber stand ein kleiner Kühlschrank mit Kaffeemaschine und Zubehör. Eine schmale Metalltür zwischen den umzingelnden Instrumenten und Apparaturen war der einzige Ausgang.

„Professor, da stimmt etwas nicht“, sagte die Blonde am Panoramafernrohr.

Der Professor horchte auf und stellte seine Tasse ab. „Was meinen Sie?“

„Sie flüchten ins Wasser. Etwas scheint sie zu erschrecken.“

„Lassen Sie mich sehen!“

Die junge Frau gab den Platz an der Augenlinse frei, der Professor nahm ihn ein. Er bekam nur noch wenige Tiere zu Gesicht, bevor auch diese ins Wasser flüchteten. Zwei Exemplare jedoch blieben reglos auf der Eisscholle liegen.

„Das kann doch nicht …“ Er unterbrach sich und nahm einige Justierungen an dem Gerät vor. Das obere Ablenkprisma veränderte sein Sichtfeld zur gegenüberliegenden Seite des Fjords. Auf der Gletscherkante rückten zwei Gestalten ins Bild, Gewehre in ihren Händen. Hinter ihnen zeichneten sich zwei motorisierte Schneeschlitten ab.

„Donner noch eins, ich wusste, dass die früher oder später Ärger machen“, knirschte der Professor.

„Wovon sprechen Sie?“, fragte die junge Frau besorgt.

„Sehen Sie selbst“, raunte der Professor und gestattete ihr wieder die Sicht.

„Meine Güte. Wer sind die?“

„Amateurjäger aus der Pentagrammhütte, nehme ich an.“

Die Frau schaute ihn verständnislos an. „Pentagrammhütte?“

Der Professor nickte grimmig. „Ein alter Walfängerstützpunkt aus dem achtzehnten Jahrhundert. Während des Zweiten Weltkrieges haben ihn die Nazis zu einer Wetterstation umrüsten wollen, was ihnen aber bis Kriegsende nicht mehr gelungen ist. Der Trakt stand leer, bis ihn vor anderthalb Jahren ein spleeniger Engländer erworben hat. Seitdem ist er ein Anlaufpunkt für gelangweilte Abenteurer.“

„Ich verstehe noch immer nicht“, sagte die Frau.

„Ach, meine liebe Famke, ich verstehe Ihre Generation doch noch viel weniger“, seufzte der Professor gequält. „Ich weiß nicht, was diese Leute dort tun und was sie dazu antreibt. Es scheint eine Art Spiel zu sein. Es gibt auch eine Internetseite, auf der man sie bei ihrem Treiben beobachten kann.“

„Und warum nennt man diesen Trakt Pentagrammhütte?“

„Wegen der fünfeckigen Grundfläche“, erläuterte der Professor. „An allen fünf Seiten gibt es einen formgleichen Anbau. Es sieht daher von oben aus wie ein Stern.“

„Wie ein Pentagramm.“

„Exakt. Aber ich werde dafür sorgen, dass das aufhört. Diesen Freizeitschlächtern werde ich das Handwerk legen. Dieses Mal sind sie zu weit gegangen. Sehen Sie nach, was sie tun. Nehmen sie die getöteten Tiere mit?“

Famke spähte wieder durch das Periskop. „Ich kann niemanden mehr sehen. Vielleicht umgehen sie den Steilhang zur Eisplatte hinunter.“

„Wir holen sofort die Kadaver rein. Sie sind Beweismaterial.“

In Luftlinie gemessen mehr als zweitausend Meilen südöstlich, über Island und die Färöer-Inseln hinweg, hatte ein großes Aufgebot der dänischen Polizei einen Teil des Hafens von Esbjerg abgeriegelt. Unter einem grauen Himmel, der baldigen Regen verhieß, hielten uniformierte Beamte Schaulustige hinter Absperrbändern zurück. Eine weitere Schar, darunter Mitarbeiter des Kriminallabors in blauen Ganzkörperanzügen, hatte sich unweit entfernt in der Durchfahrt zwischen zwei Lagerhallen versammelt. Der Teerweg endete an einer Mole und war vom Unrat mehrerer umgeworfener Müllcontainer übersät. Die bleichen, fassungslosen Gesichter der Polizisten rührten von dem, was inmitten der Zerstörungswut gefunden worden war.

„Was für ein Mensch ist zu so etwas fähig“, murmelte ein hochgewachsener Blonder in Zivil, wankte verstört aus der vermüllten Zone und übergab sich geräuschvoll.

„Er wird gleich da sein“, flüsterte ein herangeeilter Uniformierter einem kleinen Mann mit Halbglatze zu.

Der Mann um die Fünfzig mit leicht ergrautem Oberlippenbart und gleichfarbigem Haarkranz atmete schwer durch ein Taschentuch. „Danke, ich werde ihn abfangen.“ Er setzte sich eilig in Bewegung.

Im Bereich der Absperrungen fuhr ein Wagen vor. Ein drahtiger Mann Mitte dreißig und dunkelhaarig sprang in Jeans und Weste heraus, schob sich durch die neugierige Menge von Schiffern und Hafenarbeitern und hielt einem der wachenden Polizisten seinen Dienstausweis unter die Nase. „Lassen Sie mich durch“, verlangte er brüsk.

Der Uniformierte nickte und ließ ihn gewähren.

Der Mann eilte weiter. Der Ältere mit der Halbglatze kam ihm entgegen.

„Brandur! Jetzt mal langsam!“

„Jorgensen hat mich angerufen“, erwiderte der Neuhinzugekommene. „Er hat etwas von einer verstümmelten Leiche gebrabbelt. Und ich soll sofort kommen. Was ist denn los?“

Der Ältere versperrte ihm in den Weg und hob beide Hände an.

„Bleib stehen, Brandur“, gebot er. „Lass es mich dir erklären.“

„Oliver, was ist hier los?“, erwiderte Brandur und versuchte, an seinem Kollegen vorbeizukommen.

Der aber hielt ihn unerbittlich fest. „Brandur, bitte bleib jetzt stehen!“

Verwirrt riss sich Brandur von ihm los und starrte ihn an. „Oliver, sag mir, was das soll!“

„Brandur, es … es tut mir leid.“

Von einer grauenhaften Vorahnung erfasst, spielte sich Blässe in Brandurs Miene. Er taumelte einen Schritt rückwärts. „Wer ist es?“, kam wispernd über seine Lippen.

„Es ist Emma“, sagte der andere. „Es tut mir so … hey, warte!“

Brandur marschierte zielstrebig weiter. Oliver holte ihn schon nach wenigen Schritten ein.

„Brandur, so warte doch.“

„Lass mich in Ruhe!“, brüllte Brandur, schlug Olivers Hand zornig beiseite und setzte seinen Weg fort.

„Bitte, du musst dich darauf vorbereiten“, beschwor ihn Oliver und stellte sich ihm erneut in den Weg. „Brandur! Der Anblick ist … nun … du musst dich darauf vorbereiten. Jetzt versteh doch.“

Brandurs Gesicht war wie in Stein gemeißelt. „Was willst du mir sagen, Oliver?“

„Sie wurde … nun … regelrecht zerfetzt“, erklärte der Ältere nach Worten suchend. „Es ist entsetzlich. Es fehlen ganze Körperpartien.“

Brandur schluckte mit bebenden Lippen. „Woher willst du dann wissen, dass sie es ist?“

„Wir haben ihren Ausweis gefun-“

„Das muss nichts bedeuten“, unterbrach ihn Brandur und eilte weiter.

Oliver hielt ihn abermals...



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