E-Book, Deutsch, Band 2, 428 Seiten
Reihe: Herz über Kopf-Trilogie
Neumeier Leonis - Herz über Kopf durch die Zeit
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-492-98729-5
Verlag: between pages by Piper
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman | Ein romantischer Zeitreise-Roman, der in die italienische Renaissance entführt
E-Book, Deutsch, Band 2, 428 Seiten
Reihe: Herz über Kopf-Trilogie
ISBN: 978-3-492-98729-5
Verlag: between pages by Piper
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Marina Neumeier, 1995 in Erding geboren, studiert Kunstgeschichte in München und arbeitet in einem Auktionshaus. Sie ist eine begeisterte Leseratte, liebt es zu verreisen und nutzt jede freie Minute, um an neuen Ideen zu arbeiten.
Autoren/Hrsg.
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1. München, 17. November
Warum starrt er mich immer noch an?
Professor Kippings Blick durchbohrt mich und er scheint kraft seiner Gedanken in meinen Kopf spähen zu wollen. Ich kann einfach nicht wegsehen, obwohl ich mich mit jeder Sekunde unbehaglicher fühle.
Fünf Minuten sind vergangen, seit Viktor in die Bibliothek hereinplatzte und mitteilte, dass sich die Tabula Rubina in Luft aufgelöst habe. Fünf Minuten, in denen Professor Kipping verkündete, er habe einen Verdacht, wer dafür verantwortlich sei. Und nun starrt er mich an. Unverwandt, ohne zu blinzeln.
Ich starre zurück, völlig entgeistert und den Kopf voller Fragen. Soll das heißen, seiner Meinung nach habe ich etwas mit dem Verschwinden der Tabula Rubina zu tun? Oder ist es doch nur ein klassisches Starren nach dem Motto Ich bin völlig in Gedanken versunken und sehe dich überhaupt nicht? Meint er mich vielleicht gar nicht?
Dicht neben mir steht Leo, mein Zeitreisepartner, der sich keinen Millimeter bewegt hat. Ich spüre die Anspannung in jeder Faser seines Körpers, und er wirkt wie versteinert. Schockiert ihn das Verschwinden der Rubintafel so sehr, oder liegt es an Professor Kippings vielsagendem Blick in meine Richtung? Ich weiß es nicht.
Innerlich stoße ich einen tiefen Seufzer aus. Ein Drama wie dieses kann ich im Augenblick wirklich nicht gebrauchen. Gerade eben sind Leo und ich von einem knapp vierwöchigen Trip in die Vergangenheit zurückgekehrt. Fünfhundert Jahre ins Florenz der Renaissance zurückversetzt, wo wir es schaffen mussten, einen Mordanschlag auf Lorenzo de’Medici zu verhindern, damit sich der Gang der Geschichte nicht von Grund auf verändert. Ich bin erschöpft, habe eine Verletzung am Arm und wünsche mir nichts sehnlicher als eine heiße Dusche. Und vielleicht eine Tasse Kaffee. Oh ja, das würde mich an diesem Morgen richtig glücklich machen.
Stattdessen stehe ich noch immer hier, im Hauptquartier des Rubinerordens, der so etwas wie die Schirmherrschaft über Zeitreisende wie Leo und mich innehat, und frage mich, was Professor Kipping denkt. Er ist der Großmeister des Ordens in München (oder Präzeptor, wenn man die sperrige Amtsbezeichnung verwenden will) und gleichzeitig einer meiner Professoren an der Uni. Wenn ich nicht gerade mehr oder weniger freiwillig Zeit in der Vergangenheit verbringe, studiere ich Kunstgeschichte. Bis vor Kurzem hatte ich nicht die leiseste Ahnung von der Fähigkeit, die in mir schlummert. Nun ja, bis ich Leo begegnete, der die Zeitreisefähigkeit in mir wachrief. Jetzt befindet sich an meinem rechten Handgelenk gut sichtbar ein bläulich schimmerndes Mal, der Zodiakus, das Symbol meines neuen Talents.
Wie schon so oft zuvor pocht das Mal gerade unter meiner Haut wie ein zweiter Pulsschlag, und das erfüllt mich mit Unruhe. Bisher verhieß es nichts Gutes, wenn mein Mal so pochte.
Als ich eine sanfte Berührung an den Fingerknöcheln spüre, linse ich auf meine Hand. Leo fährt mit den Fingerspitzen kaum merklich über meine Knöchel, und ich erhasche einen Blick auf seinen rötlichen Zodiakus, von dem ein schwaches Glühen ausgeht. Also spürt er es auch.
Die stumme Anspannung im Raum löst sich jäh auf, als draußen auf dem Flur Stimmen laut werden. Professor Kipping wendet endlich den Blick von mir und mustert seinen Assistenten Viktor fragend. Der wirkt allerdings ratlos.
Schon bevor die Tür zur Bibliothek aufgestoßen wird, dringt eine erregte Stimme aus dem Flur herein.
»Wo ist sie? Wo ist meine Schwester?«
Die Tür fliegt auf und mein Bruder Paul stürmt herein. Ihm folgen zwei Männer, die nach Atem ringend an der Tür stehen bleiben und ihn mit vorwurfsvollen Blicken bedenken.
Mein Herz hüpft vor Freude, als ich Paul sehe. Das blonde Haar steht ihm wild vom Kopf ab, und Entschlossenheit glüht in seinen Augen, während er sich umschaut. Als er mich entdeckt und sieht, wie dicht ich neben Leo stehe, verdüstert sich seine Miene unheilvoll.
Offenbar setzt er seine unheimlichen Großer-Bruder-Fähigkeiten ein und erkennt sofort, dass sich das Verhältnis zwischen Leo und mir verändert hat. Und das scheint ihm überhaupt nicht zu gefallen.
»Du!«, grollt er und deutet mit dem Finger auf Leo, während er mit großen Schritten auf uns zukommt. »Nimm die Pfoten von meiner Schwester!«
Erst jetzt wird mir bewusst, dass Leo meine Hand genommen hat und sie hastig loslässt, als Paul mit großen Schritten auf uns zukommt. Mein Bruder umarmt mich so heftig, dass meine Rippen protestierend ächzen. Aber das kümmert mich nicht, denn nach genau dieser Umarmung habe ich mich wochenlang gesehnt. Erleichtert vergrabe ich das Gesicht an Pauls Schulter, und für einen Moment verblasst ringsum alles. Ich bin einfach nur froh, ihn zu sehen. Schließlich wussten wir lange nicht, ob wir es schaffen, in unsere Zeit zurückzukehren. Paul ist meine Familie, mein bester Freund und Vertrauter, und ich habe ihn mehr vermisst als alles andere. Tränen brennen mir in den Augen, als er sich von mir löst und mich eindringlich mustert.
»Ich habe mir solche Sorgen gemacht«, raunt er und wischt mir mit dem Daumen eine Träne von der Wange. »Nachdem das Portal kollabiert ist …« Über meine Schulter hinweg wirft er einen Blick auf das Gemälde La Primavera, das in unveränderter Schönheit auf der Staffelei steht. Er atmet tief durch und seufzt.
»Und jetzt auch noch die Tabula!« Er lässt mich los und wendet sich zu Professor Kipping und Viktor um. »Ich war im Planetensaal, als das Verschwinden der Tabula Rubina gemeldet wurde. Als Olbrich hereinkam und zu Viktor sagte, dass Rosalie und Leopoldo zurückgekehrt sind, konnte ich es kaum glauben.«
»Ja«, stimmt Professor Kipping zu. »Ein außergewöhnlich glücklicher Zufall, dass die beiden es geschafft haben. Das Zeitfenster war denkbar klein.«
Während ich der Unterhaltung der beiden folge, bildet sich in meinem Kopf ein immer größeres Fragezeichen. Was genau hat das zu bedeuten? Mir ist bewusst, dass ich noch viel zu wenig über die Hintergründe des Zeitreisens, den Orden und die Tabula weiß. Aber offenbar gibt es einen Zusammenhang zwischen den Portalen und der Tafel. Alle Anwesenden scheinen es zumindest sehr ernst zu nehmen.
»Wir müssen sofort aktiv werden«, verkündet Professor Kipping energisch. »Je schneller wir dieser mysteriösen Sache auf den Grund gehen, desto besser. Ansonsten besteht die Gefahr, dass uns alles entgleitet.«
Viktor und die beiden Männer, die mit Paul hereingekommen sind, nicken zustimmend. Mein Bruder allerdings geht auf Professor Kipping zu.
»Verzeihung, Professor, ich möchte meine Schwester jetzt nach Hause bringen«, sagt er. »Mir ist klar, dass Sie sie angesichts der neuesten Ereignisse hier behalten wollen, aber sie ist vollkommen erschöpft. Sie war wochenlang nicht mehr zu Hause und hat sich einen Tag Pause verdient, finden Sie nicht auch?«
Professor Kipping mustert uns zunächst schweigend. Als er mich ansieht, muss ich an das kurze silbrige Aufflackern in seinen Augen denken. Ich schaudere, weil ich das bisher nur einmal gesehen habe, und zwar bei Lucian Morell. Und das hat mich gelehrt, silberne Augen zu fürchten.
Professor Kipping seufzt. »Es wäre mir tatsächlich lieber, wenn Rosalie hierbliebe, aber ich muss mir zunächst einen Überblick über die Lage verschaffen. Kann ich mich darauf verlassen, dass sie morgen wiederkommt, wenn wir sie brauchen?«
»Ja, Professor«, beteuert Paul.
Zwar geht es mir ziemlich gegen den Strich, wie hier über meinen Kopf hinweg Entscheidungen getroffen werden, aber ich bin schlichtweg zu erledigt, um Einwände zu erheben. Und im Grunde will ich ja auch nichts anderes, als endlich wieder nach Hause zu kommen und ein wenig Ruhe zu haben, bevor der Wahnsinn weitergeht.
Professor Kipping wirkt zwar nicht glücklich, aber er nickt und hebt die Hand zum Abschied. Im nächsten Moment hat er sich schon zu Viktor umgedreht und die beiden stecken die Köpfe zusammen.
Fürsorglich legt mir Paul einen Arm um die Schultern und zieht mich mit sanftem Nachdruck mit sich. Durch den voluminösen Rock des historischen Kleids, in dem ich immer noch stecke, halte ich nur mühsam mit ihm Schritt. Mehr stolpernd als aufrecht gehend eile ich neben ihm die Flure des Hauptquartiers entlang, bis wir in dem runden Foyer ankommen, das ich schon kenne. An der Wand hängt die beeindruckende astronomische Uhr und erfüllt den Raum mit leisem Ticken und Surren.
»Rosalie!«
Ich wende den Kopf, als jemand hinter mir meinen Namen ruft. Leo kommt im Laufschritt durch den Flur und kommt schlitternd auf dem blanken Marmorboden des Foyers zum Stehen.
»He, warte mal!«, keucht er. »Kann ich dich kurz sprechen? Allein.« Er wirft Paul einen vielsagenden Blick zu.
Mein Bruder grummelt etwas Unverständliches, lässt aber den Arm von meinen Schultern gleiten und geht auf das Portal zu. »Ich warte draußen am Wagen. Beeil dich, ja?«
Es passt ihm ganz offenkundig nicht, mich mit Leo allein zu lassen. Ich muss ihm nachher in Ruhe erklären, dass sich in der Zwischenzeit einiges geändert hat und Leo nicht mehr ausschließlich das unerträgliche Ekelpaket ist, als das wir ihn beide kennengelernt haben.
Leo kommt einige Schritte auf mich zu, bis er dicht vor mir steht. Als ich den Kopf hebe und ihm in die Augen blicke, verpuffen sofort alle Gedanken an meinen überfürsorglichen Bruder. Leo ist blass, kein Wunder nach den Strapazen der letzten Tage. Das Meergrün seiner Iris schillert jedoch in ungebrochener Klarheit.
»Wolltest du wirklich gehen, ohne dich zu verabschieden?«, murmelt Leo. Der Klang seiner gedämpften Stimme mit...




