E-Book, Deutsch, 380 Seiten
Neumeier Liebeszeiten
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-96215-423-3
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Herbstküsse & Winterknistern
E-Book, Deutsch, 380 Seiten
ISBN: 978-3-96215-423-3
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Wochenende lang die Gattin eines wohlhabenden Gutsherren spielen - ein Job, der Schauspielerin Claudia zu gefallen weiß. Vor allem weil sich ihr Auftraggeber Adrian als ein überaus attraktiver Zeitgenosse entpuppt. Doch spürt sie auch, dass sie in seinem Landsitz von Geheimnissen umgeben ist. Die familiären Intrigen seiner Wochenendgäste bringen ihn und Claudia in höchste Gefahr.
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1. Kapitel
Ein monströses Schlagloch rumpelte die Limousine ordentlich durch. Claudia stieß mit ihrem Kopf an die Seitenscheibe. Genervt klopfte sie an das innere Sichtfenster des Fonds. „Sagen Sie mal, wie weit ist es denn noch?“
Ihr Fahrer ließ sich zu einem Seitenblick herab. „Sind gleich da“, antwortete er geduldig und formte unter seinem grauen Wuschelbart ein gruseliges Grinsen.
Claudia lehnte sich zurück und schaute hinaus. Kahle Bäume zogen vorbei, unaufhörlich, immerfort. Seit bestimmt zwanzig Minuten hatte sie nichts anderes mehr gesehen. Eine eigenartige Erfahrung für jemanden, der sein ganzes Leben fast ausschließlich in Städten verbracht hatte. Wiesen und Wälder kannte sie nur von Wanderurlauben und gelegentlichen Ausflügen mit ihrer Qigong-Gruppe, und bei solchen hatte dann üblicherweise die Sonne gelacht.
Hier und heute war es grau und trüb. Es ging auf den Dezember zu, und der späte Herbst hatte der Natur nur wenig Schönes gelassen. Manche Bäume, ihre Wurzeln von welkendem Laub bedeckt und vom Sonnenschein sträflich vernachlässigt, hatten Zweige und Auswüchse wie Klauen und Krallen gebildet. Zuweilen bewegten sich diese Glieder ganz deutlich, so als wollten sie nach jemandem greifen. Doch das war nur der Wind, wenn er streng und unvermittelt ins Gehölz fuhr.
Irgendwann lichtete sich der Wald, und die schmale Straße lotste das Fahrzeug an ein stattliches Herrenhaus aus dunkelrotem Backstein. Es bediente das barocke Vorbild eines Dreiflügelbaus. Claudia war beeindruckt. Die auf den Hof ausgerichtete Schaufassade schmückte eine prächtige Eingangspforte im Mittelhaus. Die zwei identischen Außenflügel stachen ein wenig hervor. Bedeckt von einem dunklen Satteldach verfügte das Anwesen über zwei Vollgeschosse und ein Souterrain, wie ihr die Fensterreihen verrieten. Inmitten dieser herbstlich düsteren Landschaft unter einem milchig weißen Himmel wirkte das Gebäude wie ein Sonnenaufgang.
Auf dem geschotterten Vorplatz hielt der Wagen an, und der riesenhafte Chauffeur machte Claudia die Tür auf. Sie kam der unausgesprochenen Aufforderung nach und stieg aus. Ein kühler Windstoß, der Nuancen von Moos und Harz mit sich trug, nahm sie in Empfang. Sie schaute sich um. Ringsherum war Wald. Eine Grundstücksumzäunung gab es nicht; ohne Nachbarn wohl nicht nötig.
„Das ist hier das einzige Haus weit und breit, oder wie?“
Der in eine Felljacke gezwängte Koloss antwortete nicht. Er furchte über den groben Schotter zum Kofferraum und nahm sich ihres Gepäcks an. Mit den beiden Reisetaschen verfuhr er so mühelos, als enthielten sie nur Watte. Ein paar Schritte neben der Karosserie stellte er sie ab und wuchtete sich dann wieder auf den Fahrersitz des Autos. Seine mächtige Gestalt schien den halben Fond auszufüllen.
„Ähm, Moment“, wandte Claudia ein. „Wo wollen Sie hin?“
„Den Wagen parken“, brummte er zur Antwort.
„Ah, okay. Soll ich hier auf Sie warten?“
„Wozu? Gehen Sie rein. Man wartet auf Sie.“
„Und mein Gepäck?“
„Ich bin Herrn Prewetts Diener, nicht Ihrer.“ Er startete den Motor und lenkte die schwarze Limousine um den linken Hausflügel herum, womit er sich Claudias Sichtfeld entzog.
Sie blieb mit ihren beiden Reisetaschen etwas ratlos im Hof zurück. Ein Blick zurück auf die marode Straße nährte noch einmal das in ihr schwelende Gefühl ungekannter Einsamkeit. Überall war Wald. Kahler, rauer Wald, durch den ein beißender Wind strich, der ihren Schal und ihr langes schwarzes Haar mit sich forttragen wollte.
Eine Stimme ließ Claudia herumfahren.
„Sie müssen Frau Reiff sein. Wie schön, dass Sie endlich da sind. Bitte treten Sie ein.“
Leichtfüßig tänzelte ein Mann aus der nun offenen Hauspforte die Stufen herab in den Hof. Er mochte Anfang dreißig sein, hatte schulterlanges schwarzes Haar und einen etwas vernachlässigten Flaum Bart um die Mund- und Kieferpartie. Anders als der Fahrer trug er maßgeschneiderte Kleidung: Einen schwarzen Anzug auf weißem Hemd, dem er keine Krawatte zumutete. „Ich helfe Ihnen mit dem Gepäck. Die Reise war hoffentlich nicht allzu beschwerlich – oder langweilig.“ Noch bevor Claudia zu Wort kam, nahm er ihre beiden Taschen hoch und trug sie die großzügigen Treppenstufen hinauf. „Na los, kommen Sie“, forderte er Claudia auf. „Es ist kalt hier draußen.“
Dieser Einladung kam Claudia mit Vergnügen nach. Nichts erschien ihr gerade verlockender als eine geheizte Stube und nachher ein Entspannungsbad.
„Wenn Sie bitte die Tür hinter sich schließen möchten“, regte der Gepäckträger an.
Die Hauspforte führte in eine imposante Eingangshalle. In die hölzern vertäfelten Wandfragmente waren Gemälde mit Jagdmotiven eingearbeitet, geschwungene Messinghalter trugen Laternen, ausladende rote Vorhänge flankierten die Fenster neben der Pforte. Der Boden bestand aus grauweißem Marmor. Es roch nach antikem Holz und etwas wie Petroleum. Mittig hing ein Lüster von der mit roten Fresken verzierten Decke, den Claudia mit ausgestreckter Hand zu erreichen glaubte, wollte sie es versuchen.
„Sind Sie Herrn Prewetts Kammerdiener?“, fragte sie den Mann, der sich nun andiente, ihr aus ihrem Mantel zu helfen.
„Fast richtig“, antwortete er hinter ihr. „Gestatten, Adrian Prewett. Ich habe Sie engagiert.“
„Oh, verzeihen Sie. Ich dachte-“
„Schon gut.“
Claudia ließ sich ihren Mantel abnehmen und reichte ihm dann förmlich die Hand. Adrian Prewett griff zu. Ein starker, fordernder Händedruck. Dabei lächelte er amüsiert, was Claudia über ihren kleinen Fauxpas hinweghalf. Ein durchaus gut aussehender Mann stand da vor ihr, diagnostizierte sie. Die graublauen Augen, der unstete Bart, das schulterlange Haar, in Harnisch und Waldläuferklamotten hätte er Viggo Mortensen in Herr der Ringe sein können.
„Ich bin Claudia Reiff“, stellte sie sich ihrem Auftraggeber vor. „Wie Sie ja bereits erraten haben.“
Prewett quittierte ihre Worte mit einem vornehmen Nicken, dann hängte er ihren Mantel an den einzigen freien Haken einer umfänglich bestückten Wandgarderobe. Claudia sah mehrere Windjacken. Ein Harnisch und eine Waldläuferkutte waren nicht dabei. Beinahe schade.
„Ich darf Sie bitten, im Gebäude Hausschuhe zu tragen“, sagte er und öffnete eine Kommode. „Hier, bedienen Sie sich. Die arme Edwina wird an diesem Wochenende genug zu tun haben. Wir wollen es ihr nicht unnötig schwer machen. Und sie ist ja auch nicht mehr die Jüngste.“
Claudia fügte sich. Alles andere wäre ein Affront gewesen. Aus der üppigen Auswahl an Pantoffeln und Pantoletten entschied sie sich für ein Paar weißer Haflinger, das sie nun gegen ihre Stiefel tauschte. Adrian Prewett musterte sie zufrieden. Nicht aufdringlich, aber aufmerksam. Was in ihm vorging, war schwer zu deuten. Er hatte ein sympathisches Lächeln, doch das wirkte auf Claudia nur bedingt echt. Die Augen waren das Fenster zur Seele, hieß es, und die lächelten nur bedingt.
„Nun, Claudia, jetzt folgen Sie mir bitte.“
Mit wehendem Haar fuhr er herum, nahm erneut ihr Gepäck auf und strebte eine hölzerne Stiege an, die sich an die Wand schmiegte und ins Obergeschoss führte. Sie knarzte empfindlich, als er die ersten Stufen hinter sich brachte.
Oben mündete die Stiege in einen langen Korridor, der die drei Hausflügel miteinander verband. Claudia schaute sich um. Der Boden sah aus wie quer gelegte Schiffsdielen, hier und da von meterlangen Rollteppichen bedeckt. Licht spendeten Wandlaternen, die ähnlich wie in der Eingangshalle auf Messinghaltern hockten. An den fernen Korridorenden befand sich je ein Fenster, die Claudia beiderseitig den flüchtigen Eindruck eines endlosen Meeres von Baumkronen vermittelten. Die Türen und Türstöcke waren aus dunklem Holz.
„Das ist ein sehr altes Gebäude, was?“, teilte sich Claudia dem Hausherren mit, der ihre Taschen zügig in den rechtsseitigen Ostflügel trug.
„Durchaus“, antwortete er. „Es wurde im achtzehnten Jahrhundert von einem Adelsgeschlecht errichtet. Meine Familie hat es 1790 im Tausch gegen ein Stück Land jenseits der Oder in der damaligen Königlichen Republik Polen-Litauen erworben.“
„Demnach entstammen Sie einer Adelsdynastie, Herr Prewett?“
„Einer Kaufmannsdynastie, würde ich sagen. So, wir sind da.“
Adrian Prewett stellte eine der Taschen ab und öffnete die Tür in ein einladendes Schlafzimmer. Entgegen des antiken Gewands, in dem sich der Herrensitz bislang präsentiert hatte, war es sehr modern eingerichtet und hätte sich auch gut in der Luxussuite eines Hotels gemacht. Wände in mediterranem Ocker, versteckte Rundleuchten an jeder Raumseite, meeresblaue Vorhänge an den beiden Fenstern und ein heller Boden aus Kork vermittelten eine Gemütlichkeit, die Claudia in diesen alten Mauern nicht erwartet hätte und ihr wie ein – wenngleich willkommener – Stilbruch vorkam.
„Nicht jedes Zimmer ist Jahrhunderte alt“, erklärte Prewett schmunzelnd. „Ich lasse hier und dort immer wieder mal etwas renovieren. Falls die Handwerker hierher finden.“
„Nett“, kommentierte Claudia lakonisch.
Prewett durchmaß den Raum und passierte ein beinahe märchenhaft anmutendes Himmelbett mit weißen Gardinen. Zwei unaufdringliche Türgriffe beiderseits des Bettes ließen auf einen angeschlossenen Ankleideraum schließen.
„Das hier ist mein Schlafzimmer, wie Sie wahrscheinlich erahnen. Für Sie habe ich nebenan ein Bett aufstellen lassen. Ich hoffe, es sagt Ihnen zu.“
Ein weiterer Raum, der nur durch das Schlafzimmer des Hausherrn zu betreten war, konnte Claudias vormals geschürte Erwartungen nicht erfüllen, doch...




