E-Book, Deutsch, Band 2, 210 Seiten
Reihe: Liebeszeiten
Neumeier Liebeszeiten
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-96215-424-0
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Frühlingsflimmern
E-Book, Deutsch, Band 2, 210 Seiten
Reihe: Liebeszeiten
ISBN: 978-3-96215-424-0
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Romantische Tage über Silvester und nebenbei einen Film drehen - Claudia könnte nicht besserer Dinge sein. Auf Adrians Landsitz trägt sich jedoch allerlei Rätselhaftes zu, und Claudia muss zunächst auf ihn verzichten. Ein charmanter Schauspielkollege wirbelt ihre Gefühle ordentlich durcheinander. Aber irgendjemand ist dem Film nicht wohlgesonnen und bringt sie zunehmend in Gefahr. Und auch Adrian hütet Geheimnisse vor ihr.
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Kapitel 1
Die Scheibenwischer mühten sich vergeblich gegen die neuen Schneefälle. Von Minute zu Minute wurde die Sicht schlechter, nicht zuletzt, weil sich allmählich auch der Abend ankündigte. Als eine heftige Windböe Claudias Wagen beinahe von der Straße fegte, traf sie eine Entscheidung. Sie fuhr rechts ran und zückte ihr Smartphone.
„Adrian? Was für ein Glück, dass ich dich erreiche. Kannst du mir entgegenfahren? Adrian? Hallo? Hörst du mich?“
Kaum noch Netzempfang, doch Adrian war von seinem Hausanschluss zu verstehen. Ein paar Kilometer weiter wäre es damit vorbei, wie Claudia aus Erfahrung wusste. Funknetze machten auch bei besserem Wetter einen großen Bogen um seinen Landsitz.
„Bei dem Schnee würde ich ungern weiterfahren, wenn die Straße nicht geräumt ist!“, rief sie ins Smartphone. „Und schon gar nicht mit der Kiste, die ich gerade fahre. Kannst du mich abholen? Im Gasthaus des Dorfes vor dem Wald? Hallo? Adrian? Bist du noch da?“
Auch wenn sie ihn jetzt nur abgehackt hörte, gewann Claudia den Eindruck, dass er ihre Bitte verstanden hatte. Ja, es war alles in Ordnung, beteuerte sie. Ja, sie befand sich im letzten Hort der Zivilisation vor seinen Ländereien, dem einzigen Dorf im Umkreis von vielen Kilometern. Und ja, sie würde hier auf ihn warten. Claudia beendete die Verbindung und ließ ihren Wagen in den leeren Parkplatz vor dem Wirtshaus rollen. Die Fahrt hatte sie zunehmend angestrengt, und nun einfach bequem abzuwarten, bis Adrian sie mit seinem Geländewagen oder Unimog abholen käme, war eine verlockende Aussicht. Dreißig Minuten später, während sie in der muffigen Schankstube allein an einem Tisch ihren zweiten Tee trank, kam Adrian in Anorak und schweren Stiefeln schließlich zur Tür herein. Er schlug die Kapuze zurück und strahlte sie sehnsüchtig an.
Das schulterlange schwarze Haar steckte im Anorakkragen, seinen einstigen Bart hatte er sich nicht nachwachsen lassen. Vor dem alten Wirt und der Handvoll Gäste – garantiert Einheimische, denn Touristen verirrten sich bestimmt nicht hierher – wollte Claudia keine große Szene machen und sah deshalb davon ab, ihm um den Hals zu fallen. Adrian grüßte die anwesende Schar und wurde ihrerseits flüchtig begrüßt, dann verließen er und Claudia die Schankstube. Den Begrüßungskuss holten sie kurz darauf im Fond seines eindrucksvollen Unimogs nach.
„Bitte bleib nie wieder so lange fort, hörst du?“, flüsterte Adrian zärtlich, als sich ihre Lippen voneinander lösten.
Claudia schmunzelte. „Adrian, es waren gerade einmal sechs Wochen.“
„Es waren sechs Wochen zu viel“, erwiderte er und schickte noch einen Kuss hinterher.
Auch Claudia hatte ihn wahnsinnig vermisst, doch waren diese sechs Wochen für sie trotzdem wie im Flug vergangen. Sie war gut beschäftigt gewesen, hatte Gastrollen in unterschiedlichen Vorabendserien absolviert und zum ersten Mal der Uraufführung eines Films beiwohnen dürfen, in dem sie mitgewirkt hatte. Sechs Wochen waren nicht viel. Dass sie es sich so schnell wieder hatte einrichten können, Adrian zu besuchen, war im Grunde genommen eine kleine Sensation. Eine gezielt herbeigeführte Sensation, um genau zu sein, von der ihr Agent alles andere als begeistert gewesen war.
Adrian strich ihr durchs Haar. „Ich hatte schon Befürchtungen, du hättest es dir wegen des Wetters vielleicht doch anders überlegt. Ich wollte dich gerade anrufen, als es geklingelt hat und du dran warst. Anfang März noch mal ordentlich Schnee ist ja nicht selten, aber so viel innerhalb so kurzer Zeit ist schon eine Hausnummer. Ich habe mir Sorgen gemacht, ob du es bis zum Abend schaffen würdest.“
„Hätte ich wahrscheinlich nicht“, antwortete Claudia und blickte nach draußen. Schon jetzt zog eine sternenlose Dunkelheit herauf. Das letzte Grau des Himmels ging in Schwarz über. Die Schneefälle hatten nur unmerklich nachgelassen.
Adrian startete den Motor. „Wir nehmen nicht die Straße. Da sie nicht geräumt ist, würden wir sehr lange brauchen. Wir nehmen eine Abkürzung durch den Wald.“
„Bei dem Schnee durch den Wald?“, horchte Claudia skeptisch nach. „Ist das nicht … nun ja …“ Leichtsinnig? Gefährlich? Sie sprach beides nicht aus.
„Keine Sorge“, sagte Adrian und furchte auf Schneeketten vom Parkplatz des Gasthauses auf die ebenso weiß beflockte Straße hinaus. „Der Weg ist breit und verläuft ziemlich gerade. Man braucht nur ein geländegängiges Fahrzeug wie dieses hier. Und falls wir stecken bleiben und dann hier drin überwintern müssen, ist es auch nicht schlimm, ich habe nämlich eine Thermoskanne mit heißem Tee dabei, die noch mindestens halb voll ist.“
„Ah, wie beruhigend.“
Adrian fuhr nur ein kurzes Stück weit in die Ausläufer des umfassenden Waldgebiets ein, dann bog er von der schmalen Straße auf einen Forstpfad ab, den Claudia wahrscheinlich nicht einmal bemerkt hätte. Sie hatte keine ernsthaften Bedenken, was diese Abkürzung anbelangte. Adrian wusste, was er tat. Er kannte diese Wälder wie sein eigenes Haus. Mühelos pflügten die Reifen durch die dicke Schneedecke, und die Scheinwerfer erleuchteten einen befahrbaren Korridor zwischen den Baumgrüppchen und Buschreihen zu beiden Seiten. Der Boden neigte sich bald ein wenig abwärts, und die Büsche und Bäume standen dichter. Claudia zog in Erwägung, dass sie mit diesem Waldpfad sogar besser als mit der Straße beraten waren, denn Letztere beschrieb ein paar gefährliche Kurven, die auch bei besserer Witterung nicht ohne waren.
„Was tut sich denn im Haus dieser Tage so?“, fragte sie Adrian.
„Oh, vor ein paar Wochen, als das Wetter schon nach Frühling roch, habe ich einen Innenarchitekten kommen lassen“, erklärte Adrian. „Ich will die Schüttkeller ein für alle Mal nach außen versiegeln und etwas Neues daraus machen.“
Das ließ Claudia hellhörig werden. „Das finde ich eine hervorragende Idee. Du hast also schon konkrete Ideen und Vorstellungen, was da entstehen soll?“
Adrian verneinte. „Nein, noch nicht. Ich habe mir erst mal Optionen aufzeigen lassen. Was hältst du von einem Heimkino?“
Claudia runzelte die Stirn. „Wofür brauchst du denn ein Heimkino? Du willst doch nicht einmal einen Fernseher in deinem Haus haben.“
Adrian zögerte ein wenig mit seiner Antwort. „Nun, ja, ich dachte mir, dir könnte das vielleicht gefallen.“
Claudia hatte es befürchtet. Adrian wollte, dass sie bei ihm einzog. So gern sie das täte, es ging nicht. Sie musste dort sein, wo das Filmbusiness war, die Studios, die Vorsprechtermine, die Agenten, die Kollegen und die Engagements. „Wenn ich dich besuchen komme, brauchen wir kein Heimkino“, stellte sie klar.
Adrian nickte einsichtig. „Gut, dann nicht. Wie wäre es stattdessen mit einer Sauna und einem Entspannungsbereich?“
Claudia überlegte. Sie kannte diesen Teil des westlichen Souterrains nur flüchtig, doch einen oder zwei Schüttkeller zu einer Sauna- und Wellnessoase umzufunktionieren, konnte sie sich durchaus vorstellen. Das Geld dafür hatte Adrian ja offensichtlich. „Fände ich toll. Darüber würden sich bestimmt auch deine künftigen Seminargäste freuen.“
„Ach, hör mir bloß mit denen auf.“ Trotz der schwachen Lichtverhältnisse im Fahrzeug sah Claudia, wie sich Adrians Züge verhärteten. „Ich bereue es schon wieder, dass ich mich darauf eingelassen habe. Schon ein paar Mal habe ich mich fragen müssen, ob ich noch Herr im eigenen Haus bin. Es scheint so, als hätte ich Aglaia unterschätzt.“
Adrians Schwägerin Aglaia war Verlegerin, und Adrian hatte ihrem Wunsch entsprochen, sein geräumiges Anwesen für Workshops und Seminare zur Verfügung zu stellen. Vor zwei Wochen hatte sie mit einem Rudel ihrer Stammautoren die Gästezimmer im Westflügel bezogen.
„Ah, also schwierige Leute?“ Claudia verkniff sich ein Schmunzeln.
„Hm. Schwierig ist nicht das Wort, das mir dazu einfällt“, antwortete Adrian verdrießlich. „Eher seltsame bis hirnrissige Leute. Und Langfinger. Erst gestern habe ich bemerkt, dass sich jemand im Weinkeller an den alten Weinbränden bedient hat. Ich wette, es war dieser selbstgefällige Pavian im grünen Zimmer. Der schleicht ständig im Souterrain herum. Na, wie auch immer. Stell dir vor, einer von ihnen benutzt einen vollkommen dämlichen Künstlernamen. Er nennt sich Vlad Draken. Natürlich in Anlehnung an den Vampirfürsten Vlad Dracul, du weißt schon, Dracula. Ein totaler Spinner, sage ich dir. Also, der Autor natürlich, nicht der Vampirfürst.“
Claudia prustete und lachte schließlich laut auf. Dass Adrian, der die Klassiker der Weltliteratur über alles liebte, sich derzeit mit lebensechten Autoren herumschlagen musste, war allzu köstlich.
Zum Glück lachte auch Adrian. „Der Typ ist echt eine Show. Er hat so rein gar nichts von der Anmut eines Vampirs. Ein fiebriges Nervenbündel, das immer heimlich an seinem Zimmerfenster raucht und meint, ich merke es nicht. Und weißt du, was das Beste ist? Ich hatte ihm das schwarze Zimmer zugeteilt, aber das hat er nicht haben wollen. Nein, er hat aus Inspirationsgründen auf das rote Zimmer bestanden. Du weißt schon, rot wie Blut.“
Claudia prustete noch einmal.
„Gunther und Aglaia schlafen im gelben Zimmer“, fuhr Adrian fort. „Auch das grüne hatte ich für ein Pärchen vorgesehen, aber die beiden haben Einzelzimmer verlangt. Ebenfalls aus Inspirationsgründen. Jetzt schläft sie gegenüber im Purpurzimmer. Dafür musste ich die Jüngste der Truppe im Souterrain unterbringen.“ Adrian grummelte vor sich hin. „Ich hätte sie allesamt in die Schüttkeller einquartieren sollen.“
Die sechs Gästezimmer im...




